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Der Israelit · 1932-10-27 · Heft 44 (27.10.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 44 (27.10.1932)
Date
1932-10-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 44 Der Israelit 27. Oktober 1932 Angarn. Goemboes schließt Frieden mit einem „Teil der Jubcn“. Budapest, 20. Oktober. Der neue ungarische Ministerpräsident Julius G ö m - bös, der ehemalige Raffenschützler und Antisemit, kam während seiner zweistündigen Rede im ungarischen Abgeordnetenhaus, in der er sein politisches Programm darlegte, auch auf seine gegenwärtige Beziehung zu den Juden zu sprechen. Er habe, führte Gömbös aus, feine Ansichten in Bezug aus die Judenfrage revidiert. In der inneren Politik sind die Pfeiler, auf die man sich stützen müsse, der Reichsverweser, der Reichstag, eine gute Berwaltung, tiefes religiöses Leben und der konfessionelle Frieden. Diesen Frieden wünsche er auch mit den Juden. Jenen Teil der Juden, die eine Schicksalsgemeinschaft mit der ungarischen Nation emp- . fänden, betrachte er ebenso als Brüder wie alle übrigen Ungarn. Gömbös gedachte der Heldentaten jüdischer Soldaten im Weltkriege und rühmte den Patriotismus jener Führer des ungarischen Judentums, die um das Schicksal des Landes ebenso besorgt seien, wie er selbst. Er wisse, daß diese führenden jüdischen Männer sich selbst gegen diejenigen ihrer Glaubensbrüder wenden, die sich mit der Nation nicht eins wissen. In den führenden Kreisen des ungarischen Judentums verzeichnet man die in dieser Rede zum Ausdruck gekommene Sinnesänderung Gömbös' mit Genugtuung und ist bereit, mit der neuen Regierung zum Besten Ungarns zusammenzuarbeiten. Man hält aber den Ausführungen Gömbös' entgegen, daß es abwegig sei, von der Vaterlandsliebe eines Teiles des ungarischen Judentums zu sprechen, wo doch die ungarischen Juden in ihrer übergroßen Mehrheit die Schicksalsgemeinschaft mit dem Valerlande empfinden und stets bereit sind, ihre Pflicht gegenüber Ungarn zu tun. Es ginge nicht an, den Patriotismus des einen oder des anderen Teils des ungarischen Judentums mit irgendeinem Maßstab messen zu wollen und den einen mehr, den anderen weniger Patriotismus zuzuschreiben, während solche Versuche hinsichtlich der anderen in Ungarn lebenden Glaubensgemeinschaften nicht gemacht werden. - Tschechoslowakei. Mangel an Rücksicht U\ -er AMitärbchLröc. Bratislava, 12. Okt. In der „Jüdischen Presse" Wien-Bratislava wird Klage darüber geführt, daß bei der diesjährigen Rekrutierung in Preßburg, die auf den ersten Roschhaschonotag fiel, im Gegensätze zu früheren Gepflogenheiten, die Militärbehörde den jüdischen Gestellungspflichtigen, trotz aller Interventionen nicht einmal ein paar Stunden für den Besuch des G'ttesdienstes freigab. Das Blatt schreibt: „Verfassung und Gesetz verbürgen auch dem Juden, wie jedem anderen Staatsbürger, Freiheit der Religions- Übung. Wir berufen uns nicht gerne auf dieses Grundgesetz unseres Staates, weil aller Hinweis auf Gesetze nutzlos ist, allsolange der Gedanke, der ihnen innewohnt, nicht zum kulturellen Gemeingut aller Menschen und in der Praxis nicht zum Lebenselement allr staatlichen Institutionen geworden ist. Hier handelt es sich jedoch um einen solch krassen Fall, einen so auffallenden Mangel an Entgegenkommen bei den entscheidenden Stellen, daß es einmal klar ausgesprochen werden muß: Das Judentum in der freiheitlich gesinnten schechoslowakischen Republik besteht auf seinem Recht der Freiheit zur Religionsübung und glaubt, nicht zuviel velangt zu haben, wenn es die Gewährung diees Anpsruches in Jahren einmal erwartet. Wir leben doch schließlich, G'tt sei Dank, mitten im Frieden. Die Tüchtigkeit unseres Heeres - bildet gewiß eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Sicherheit des Staates. Sie hätte aber sicherlich nicht die allergeringste Einbuße erlitten, wenn — ebenso wie aus Transportgründen für die Rekruten ganzer Landesgebiete'der Einrückungstermin bis zum 3. Oktober verschoben wurde — auch der religiösen Freiheit der jüdischen Rekruten am Tage ihres Militärdienstantrittes ein klein wenig Rechnung getragen worden wäre." Rutzland. Antireligiöse Rundgebungen im Gebäude der Moskauer Chor-Synagoge. Moskau, 17. Okt. Der sogenannte Poljakow-Saal im Gebäude der Chor-Synagoge, der früher den Synagogenmitgliedern und den jüdischen Organisationen als Versammlungssaal diente, wurde schon im vergangenen Jahr verstaatlicht und den estnischen und finnischen Arbeitern als Kulturzentrum übergeben. Die „kriegerischen Atheisten" (Apikorsim) nutzten diese Sachlage aus und veranstalteten im Saale zur Zeit der G'ttesdienfte in der Synagoge am Rofch Hafchanah und Jom Kippur antireligiöse Kundgebungen ganz besonderer Art Die Außenwände der Synagoge waren mit anireligiösen Losungen beklebt. In die Andachten in der Synagoge klangen die antireligiösen Ansprachen der kommunistischen Redner hinein, die die Stimme des Vorbeters übertönten. Zwischendurch spielten Musikkapellen. Die Redner charakterisierten die Chor- Synagoge als eine „Festung des jüdischen Klerikalismus". Die Versammlung, die im Poljakow-Saale während der Kol Nidre-Andacht in der Synagoge abgehalten wurde, war von rund 1000 Peronen besucht, außerdem befand sich im Synagogenhof eine große Menschenmenge, die den Reden und Musikdarbietungen folgte. Verzweifelte Lage in Charbin. Paris, 17. Okt. Die Direktion von Hias-Jca-Emigdirekt (HJEEM) wurde durch ihr Komitee in Charbin benachrichtigt, daß die jüdische Gemeinde in Charbin, das größte Zentrilm in fernen Osten, infolge der jüngsten Ueberschwemmungen in tiefe Not geraten sind. Biele Juden sind obdachlos und arbeitslos geworden, außerdem herrschen Cholera- und Typhus-Epidemien. HJEEM ersucht alle Organisationen, die sich mit dem Schutz jüdischer Wanderer befassen, der jüdischen Gemeinde Charbin zu Hilfe zu kommen. Personen, die Verwandte in Charbin haben, werden gebeten, ihren Verwandten finanziell beizustehen. Spanien. Vollkommene Gleichheit der Konfessionen in Spanien. Madrid 17. Okt. Der Justizminister gab heute im Parlament den Gesetzentwurf über die Religionsgesellfchaften bekannt. Der Entwurf garantiert vollkommene Gewissensfreiheit und freie Ausübung der einzelnen Religionen in den G'tteshäufern sämtlicher Konfessionen. Die Religionsgesellschaften dürfen sich politisch nicht betätigen. Moskau in Palästina. Jerusalem, 14. Okt. Die Polizei hob hier die Zentrale der illegalen Kommunistischen Partei aus, die auch in den Nachbarländern eine Organisation unterhielt. Hunderte von Dokumenten wurden dabei entdeckt, darunter ein genaues Programm zum Umsturz des bestehenden Regimes. Es war dis Errichtung eines arabischen Nationalstaates geplant, für den bereits eine ins einzelne gehende Verfassung sowie ein Wahlgesetz/ Steuergesetze und Maßnahmen zur Landaufteilung unter die Fellachen vorgesehen waren. Die Staatschulden sollten nicht mehr anerkannt werden, die Oelleitungskonzession Mofsul-Haifa sollte aufgehoben werden. Frü die Bagdadbahn war die Entziehung der Betriebserlaubnis vorgesehen. Man glaubt, daß Moskau dabei eine Hand mit im Spiele hat. Weiter wird darüber geschrieben: Nach dem vollendeten Debakel der bolschewistischen Propaganda unter den Juden kam von Moskau die Weisung, die Bewegung „zu arabisieren". Die Gelegenheit schien günstig. Der Mufti von Jerusalem und seine radikalnationalen Parteigänger näherten sich Moskau aus Gründen, die mehr oder weniger allen asiatischen Nationalsozialisten eigen sind. Man sprach in diesem Zusammenhang von verschiedenen Bindungen mit Moskau, was aber nicht bewiesen wurde, und die Mopsen führten ihre Propaganda wohl gegen die Zionisten, ein wenig auch gegen England, nicht aber gegen die großen arabischen Feudalherren, welche die Partei des Muftis bilden. Mählich aber näherte sich der Mufti England und die Bolschewisten mußten sich wieder umorientieren. Sie wandten nun ihre Anstrengungen vornehmlich den „Masen der arabischen Arbeiter- und Bauernbevölkerung" zu. Handzettel, die bewußt in nationalistisch-arabischer Phraeologie gehalten sind, rufen die Fellachen und die Beduinen auf, des Jahres 1929 — das Juden und Arabern ein paar Hundert Tote gekostet hatte — zu gedenken. Diese Gewaltagitation richtet sich in erster Linie gegen den jüdischen Arbeiter, der das Land aufbaut. Sie cheuen sich nicht, zu Ueberfällen aufzurufen, und schreiben: „Ueberfallt jüdischen Boden, besetzt ihn und schneidet die reiche Ernte ab!" In den allerletzten Tagen wurde ein neuer Befehl ans Moskau entdeckst der ganz klare und nicht mißzuverstehende Anweisungen für den Kampf gegen den jüdischen Ausbau des Landes gibt. So heißt es besonders, daß es nun Zeit ist, „eine agressive Front mit den arabischen Arbeitern gegen den jüdischen Arbeiter zu bilden", und wenn in einem jüdischen Dorf die jüdischen Arbeiter mehr Arbeitsplätze für sich verlangen, die arabischen Arbeiter dagegen aufzuhetzen und sogar mit physischer Gewalt einzugreifen. Der Moskauer Versuch der Arabisierung der Bewegung in Palästina ist nichts anderes als dev Versuch, sich der Mehrheit anzuschließen und die Minderheit zu opfern. Die Ethik aber, welche die ewigen Rechte der Minderheit proklamierst wird als „bürgerliche Ethik" abgetan. - Zorn Kippur in Jerusalem. — Kleiner Zwischenfall an der westmauer. . Jerusalem, 11. Okt. Tausende von Juden beteten am Jom Kippur an der Klaegmauer. Es kam zu keinerlei Störung. Bei Ein'- bmch der Dunkelheit versuchte ein aus Polen stammender Revisionist mit Namen Schlojma Neiman, nach deni Ne-al-G'ttesdienst Schofar zu blasen, was einen Verstoß gegen die die .Klagemauer betreffende Verfügung der Regierung bedeutet. Neiman wurde sofort von der Polizei verhaftet, aber auf Grund einer Intervention von Rabbi Kook gegen Kaution aus freien Fuß gesetzt. Der Schosar wurde beschlagnahmt. Nach seiner Verhaftung griff eine Gruppe Revisionisten den den G'ttesdienst am Jom Kippur überwachenden Rabbi Jsaac Orenstein tätlich an, weil er angeblich die Polizei aus Neiman aufmerksam gemacht haben soll. Schon am 11. Oktober, dem Tag nach Jom Kippur sollte s.ch Neiman vor dem Gericht des Distriktskommissars verantworten. Der Prozeß wurde aber auf unbestimmte Zeit vertagt. Die Agudas Jisroel in Jerusalem veröffentlicht einen Protest gegen die Angriffe auf Rabbi Orenstein, der auch eine Verurteilung des Vergehens Neimans enthält. In einem vom Waad Leumi veröffentlichten Communiquee werden das Vergehen Neimans und der Angriff auf Rabbi Orenstein scharf verurteilt. _ * * Schlojma Neiman, der wegen Schofar-BIasens am Jom Kippur an der Klagemauer zu 21 Tagen Gefängnis verurteilt und gleich in Haft behalten wurde, ist in den Hungerstreik getreten, weil man ihn unter den kriminellen Gefangenen unterbrachte. Er erklärte, sein Platz sei unter den politischen Gefangenen. Er gab den Hungerstreik auf, als man ihn in die Abteilung für politische Gefangene übersührte. ' Verheißungsvoller Jahresbeginn in Palästina. Jerusalem, 4. Okt. Der Einzug des neuen Jahres in Palästina ist gekennzeichnet durch ein allgemeines Gefühl des Vertrauens in die Zukunft. Sämtliche hebräischen Zeitungen erschienen am Vorabend des Rosch Haschana mindestens 40 Seiten stark und enthielten eine ungeheure Zahl zuversichtlicher Neujahrswünsche. In den Leitartikeln wurde darauf hingewiesen, daß die wirtschaftliche Position der Palästina-Juden heit im abgelaufenen Jahre eine bessere war als d i e j ü dis che Position in irgend, einem ander e n L a n d e. Familiennachrichten. Varmizwoh: Erich, Sohn d. Herrn Robert Wolpert, Ffm. Martin Mayfttr. 24 rpsm-ia 's, Synagoge Friedberger Anlage. — Joseph, Sohn d. Herrn Direktor Dv. Elias, Am Tiergarten 8, Synagoge Friedberger Anlage m 's ra»- — Armin Politzer, Zögling der Israel. Waisenanstalt evtl. Besuche Augsburgerstr. 10. — Josef, Sohn d. Herrn Isidor Weißmann, Köln, Dasselstr. 81 am mvrwa nsns naw, 29. Okt.. Synagoge Adaß Jeschurun. — Karl, Sohn des Herrn H. Kaufmann, Hanau Auheimerweg 27 mvuia fiatf. — Fritz, Sohn des Herrn Simon Schatzmann, Hanau Nußallee 4 ru nav. Verlobte: Jda Rothschild, Neuhof mit Ludwig Frank, Bergen. — Lydia Hausdorff, Rotterdam Westerstraat 13 n mit Henri Birnbaum, Amsterdam Sarphatiftraat 73. Vermählte: Lehrer Siegf. Leoi und Frau Hanna geb. Blumenfeld am 30. Okt. in Hersfeld, Kaiserftr. 16.! Silberne Hochzeit: Elkan Reumann und Frau Regina geb. Gerstle, Fürth i. V., Moststr. 13 (1. Marche-! schwan). Goldene Hochzeit: Carl Koch uud Frau Hedw. geb. Oppenheimer, Kaiserftr. 71, Inhaber der seit 50 Jahren bestehenden Theatergarderobe Carl Koch, begehen in seltener Rüstigkeit am 29. Oktober das Fest der goldenen Hochzeit.

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