Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-10-27 · Heft 44 (27.10.1932) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 44 (27.10.1932)
Date
1932-10-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450746--79158-2536921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

27. Oktober 1932 ' Der Israelit Nr. 44 Seite 5 Was bisher zur Ahndung dieses Attentats auf die deutsche Oeffentlichkeit geschahist nicht viel. Vom C. V wurden Dr. Brodnitz und Dr. Reichmann bei der Direktion des Rundfunks vorstellig. Der Intendant, Dr Duske, konnte noch nicht feststellen, ob der Referent von seinem Manuskripte, das er, Duske, selbst nicht ge prüft hatte ab gewichen sei. Er wolle dafür Sorge tragen daß in Zukunft solche Entgleisungen nicht mehr vorkominen. Die Vertreter des Centralvereins nahmen die Ge legenheit wahr, auch auf sonstige ärgerliche Vorkommnis^ im Rundfunke hinzuweisen und den neuen Geist, der sich nicht immer mit der Gerechtigkeit und mit der Kunst oer trägt, zu geißeln. Darauf versicherte der Intendant, daß es der Direktion fern liege, mittels des Rundfunkes, der eine Institution des ganzen Volkes ist, einen Volksteil zu kränken. Wichtiger ist, daß, wie nunmehr berichtet wird. In n e n m i n i st e r v. G a y l einen Bericht über den Vor gang anfordern ließ und daß sowohl er wie derReichs kanzier v. Papen zu erkennen gaben, daß sie di< Verstöße auf das Entschieden st e mißbilli g e n. Der Ueberfall auf das Lager des Brith Haolim in wendershausen vor dem Reichsgericht. Leipzig, 24. Okt, In der Nacht zum 5. August wurden Teilnehmer des Jüdischen Wanderbundes „Brith Haolim" von etwa 30 bis 40 Nationalsozialisten, die zum größten Teil Schüler der staatlichen Kolonialschule zu Witzenhausen waren, überfallen. Durch die entschlossene Abwehr der Mitglieder des „Brith Haolim" wurden die Angreifer in die Flucht geschlagen. In erster Instanz (Schöffengericht) wurden 5 Angeklagte wegen Landfriedensbruchs zu vier Monaten Gefängnis, einer wegen Vergehens des Waffenmißbrauchs zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt und zwei freigesprochen. Gegen dieses Urteil legten die Angeklagten sowie der Staatsanwalt Berufung ein. Die Große Strafkammer des Landgerichts in Kassel verwarf in ihrer Verhandlung im April 1932 die Berufung der 5 Angeklagten, verurteilte die in erster Instanz freigesprochenen zwei Angeklagten zu vier Monaten Gefängnis und änderte die Strafe wegen Vergehens gegen Waffenmißbrauch von 50 Mark in drei Monate Gefängnis um. Das Reichsgericht zu Leipzig bestätigte am 12. Oktober dieses Urteil. Aufklärungsversammlung des R. j. F. in Hannover. Hannover, 25. Okt. Die Ortsgruppe Hannover des Neichsbundes jüdischer Frontsoldaten lud zu einer Vesammlung im großen Saal des Konzerthauses ein. Die überaus große Beteiligung — der Saal war mit rund 1200 Personen besetzt, und dabei waren nur Männer zugelassen — machte eine Parallelversammlung notwendig, die von rund 400 Personen besucht war. Unter den Erschienenen waren zahlreiche Offiziere. Redner waren Dr. Freund, Berlin und Dr. U r i a s, Hamburg. Ihre Ausführungen wurden oft von spontan einsetzenden Beifallskundgebungen unterbrochen. In der Aussprache ergriff ein alter, ehemaliger Offizier, Freiherr von Rodenberg, das Wort und betonte als Vorsitzender des Hannoverschen Landeskriegerverbandes, daß er und sein Verband den Antisemitismus aus nationalen und kameradschaftlichen Gründen verureilen. Andere ehemalige Offiziere erklärten gegenüber Dr. Freund, daß sie die Tendenz seiner Ausführungen unterstützen wollen. Zwei ehemalige Offiziere, Angehörige der NSDAP., erklärten, sie würden aus der Partei austreten, falls nicht der I u d e n - P a r a g r a p h im Parteiprogramm gestrichen würde. Ein führender Nationalsozialist erklärte nach der Versammlung, er bedauere lebhaft, daß diese sachlichen und tiefernsten Vorträge nicht vor noch größerem Publikum stattgefunden haben. Die Hannoversche Presse, auch die rechtsgerichtete, brachte spaltenlange, äußerst wirksame und objektive Berichte dieser Versammlung. Jüdische Rinderschutzfragen. Elberfeld, 19. Okt. Vor kurzem fand in Düsseldorf die diesjährige Vorstandssitzung der Zentralstelle für jüdiche Pflegestellenwesen und jüdische Ädoptionsvermittlung, Vertrauens- und Beratungsstelle für Mütter in Elberfeld statt. Da die Pflegesätze der jüdischen Pflegeeltern sich fast den behördlich bewilligten angepaßt haben, wurde vorgeschlagen, für die Kinder, für die keine jü- Die Woche. Berlin. Am Dienstag, den 27. d. Mts. fand in den Räumen des Zentralverbandes oft jüdischer Organisatronen die feierliche Eröffnung des vom Zentralverband gegründeten Leih- und Sparvereins „Esra" e G. m. b. H:, Berlin N 54, Rosenthalerstr. 55, Tel. D 1 5514, statt. — Der Jüdische Frauenbund ersucht weibliche Arbeitslose (von 19 bis 25 Jahren), sich bei der Geschäftsstelle des Jüdischen Frauenbundes, Grunewald, Königsallee 11, Montag und Donnerstag 4.30—6.30 Uhr in Zusammenhang mit dem freiwilligen Arbeitsdienst (Winterhilfe) zu melden. — Professor Albert Einstein hat von der amerikanischen Louis Bamberger-Stiftung den Ruf erhalten, die Leitung ihres neuen Instituts für Mathematik und theoretische Physik in Princeton (New Jersey) zu übernehmen. Prof. Einstein hat die Berufung angenommen. Er wird alljährlich etwa 5 Monate an diesem Institut wirken. Der Berliner Universität bleibt er erhalten. — Der Rechtsausschuß des Landtags lehnt den nationalsozialistischen Antrag aus Einführung des Numerus Clausus für jüdische Konkursverwaft ter ab. Hamburg. Wie die ITA. berichtet, wurde der bekannte Gelehrte, Professor Isaak Marion, zur Zeit Bibliothekar der Hamburger Jüdischen Gemeinde, aus den neu errichteten jüdischen Lehrstuhl an der Univertätvon Dorpat in Lettland berufen. Jena. Die „Jenaifche Zeitung" berichtet über scharfen antijüdischen Terror m Sonnenberg. Die NSDAP, kündigt eine scharfe Kontrolle der örtlichen jüdischen Geschäfte durch SA.- und SS.-Leute an und droht mit einer Veröffentlichung aller national eingestellten Personen, die in solchen Geschäften kaufen. Wien. Die österreichische Negierung bewilligte die Einfuhr von Palästina-Produkten in dem gleichen Umfange wie im Vorjahre. Maßgebend für diese Haltung der Negierung ist die aktive-Handelsbilanz Oesterreichs gegenüber Palästina. Die Einfuhr von Orangen und anderen Südfrüchten aus Spanien und anderen Ländern wurde für dieses Jahr erheblich gekürzt. — Bei einem Prozeß, den ein jüdischer Arbeiter gegen einen nationalsozialistischen Studenten wegen Körperverletzung führte, kam es im Justizpalast zu einer schweren Schlägerei zwischen -Nationalsozialisten und Mitgliedern der Jüdischen Selbst, schuhorganisation. Es scheint, daß die N. S., die den neuen Ueberfall versucht hatten, sehr schlecht dabei weggekommen sind. Eis Nationalsozialisten und sechs Juden wurden verhaftet. Amsterdam. „Het Bolk", Organ der Sozialistischen Partei Hollands, teilt mit, daß sich im Haag unter der Leitung von Major a. D Diemer v. Witlroda ein Zweig H i t l e r' s ch e n SA. in Deutschland gebildet hat mit dem Ziel die deutschen Kolonien in Holland aus der Grundlage des Nationalsozialismus und des Antisemitismus zu organisieren. Da die SA.- Leute Waffen tragen, hat die holländische iRegienlng an sie eine Warnung ergehen lassen. Warschau, Bei Eröffnung der Universität "kam es zu antijüdischen Unruhen. Der Rektor trgs eine scharfe Teilung in der Weise, daß die christlichen Studenten die rechten und die jüdischen die linken Bänke einnehmen. Moskau. Die kommunistischen Führer S i n o w j e w und K ä - menew sind neben anderen Führern wegen Opposition gegen den Stalin-Kurs nun Endgültig aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossenworden. Sinowjew und Kamenew gehörten neben Trotzki mit zu den Führern der bolschewistischen Revolution in Rußland. In der Sowjetunion betätigen sich jetzt an führender Stelle kaum noch Juden, und nur solche, die sich in der Nachrevolutionszeit an dem Aufbau der Sowejtwirtschaft beteiligt haben. Jerusalem. Am 13. Oktober wurde der Autobus-Verkehr Jerusalem-Cairo eröffnet. Die Autobusse gehen von Jerusalem an jedem Montag und Donnerstag ab und treffen aus Cairo an jedem Sonntag und Mittwoch ein. Die ganze Route, die über die Wüste Sinai führt, nimmt 12 Reisestunden in Anspruch. — Wie der I. T. A. von fachmännischer Seite mitgeteilt wird, wird der Export von Palästina- Orangen in diesem Jahre rund 2 Millionen Kisten, gegen 750 000 Kisten im vergangenen Jahre, betragen. Die Verschiffung beginnt Anfang November. Im Hafen von Haifa werden schon jetzt alle Vorbereitungen getroffen, um die Verschiffungsarbeit zu bewältigen. bische Stelle verantwortlich ist, die Vertrauenspersönlichkeiten der Zentrale zu bitten, bei der Beschaffung von Sachwerten für die Pflegekinder mit behilflich zu sein, ferner wurde die Schaffung einer Kleiderzentrale > des JFB. angeregt, die von den Frauenvereinen und Ortsgruppen des JFB. gespeist werden soll. — Die Notwendigkeit, jüdische Kinder baldmöglichst nach ihrer Geburt zu erfassen, und jüdischer Pflege zu überweisen, wurde nach besonders traurigen Erfahrungen des letzten Jahres, als dringend notwendig erkannt. Der auf der Münster-Tagung anläßlich der Sitzung des Arbeitskreises für Gefährdetenfürsorge des JFB. von Frau Samuel gestellte Antrag, ein Flugblatt herauszugeben, in welchem die jüdische Gemeinschaft aufgerufen wird, zur Schaffung eines jüdischen Kinderhilfsfonds beizutragen, um das jüdische Kind dem Judentum zu erhalten, fand die ungeteilte Zustimmung der Anwesenden. — Die Zentralstelle soll ferner erneut ihre Vermittlungs- und Vertrauensstellen, vor allem in den Universitätsstädten, darauf Hinweisen, dem jüdischen unehelichen Neugeborenen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. — Im Hinblick aus die Schwangerenhilse soll die Zentralstelle den Untertitel „Vertrauens- und Beratungsstelle für Mütter" führen. — Es soll ferner ein Merkblatt für die Pflegeeltern veröffentlicht werden, um ungeeigneten Meldungen vorzubeugen. — Es erwies sich als notwendig, dieLandesjugendämter erneut darauf aufmerksam zu machen, daß für -Kinder jüdischer Mütter die Möglichkeit der Unterbringung in geeignete jüdische Pflege bezw. Adoptiosamilien besteht. Sodann wurde nochmals betont, daß bei Adoptionsvermittlungen auch strengste Diskretion in den Anstalten gewahrt und daß auch diese die Einsendung der notwendigen Unterlagen bei Meldung eines Kindes unterstützen müssen. — Da eine Verbindung mit jüdischen Aerzten und Anwälten im Interesse von Eltern und Kindern sehr wünschenswert erscheint, wurde beschlossen, jüdische Aerzte und Anwälte zur Mitarbeit zu gewinnen, aber auch die interkonfessionellen Vertrauens- und Beratungsstellen von den Aufgaben der Zentrale als Vertrauens- und Hilfsstelle, für den in seelische Not befindlichen jüdischen Menschen Kenntnis zu geben. — An Stelle der bisherigen Schatzmeisterin, Frau Jsacson, Barmen, welche sieben Jahre das Amt der Schatzmeisterin innegehabt hat, wofür ihr die Zentralstelle sehr dankbar ist, wurde Frau Solms, Düsseldorf, gewählt. — In der lebhaften Aussprache kam ganz stark, wie Herr Dr. Eschelbacher am Anfang ausführte, der „Lebenswille der jüdischen Gemeinschaft" zum Ausdruck, „dieser Lebenswille, der sich kund tut in der Arbeit am jüdischen Kind, am jungen jüdischen Menschen und der kein Glied seiner Gemeinschaft, sei es noch so klein, verloren gehen lassen will." Schächtverbot in Oldenburg. Oldenburg, 17. Okk. Die von den Nationalsozialisten beherrschte oldenburgische Staatsregierung hat, wie erst jetzt bekannt wird, unter dem 5. Oktober 1932 eine Verordnung erlassen, durch die für den Landesteil Oldenburg ein Schächtverbot eingeführt wird. Landesrabbiner Dr. de Haas hat sofort an das Staatsministerium eine Eingabe gerichtet, in der er dasselbe aus Grund der Akten über das Wesen des Schächtens aufklärt. Oesterreich. Blutiger Ueberfall auf jüdische Studenten an der Technik. Wien, 16., Okt. Die Nationalsozialisten hatten am gestrigen Sonntag einen Wevbe-Umzug durch den Wiener Arbeiterbezirk Simmering veranstaltet, wobei es zu schweren Zusammenstößen der Nationalsozialisten mit sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern vor dem sozialdemokratischen Parteiheim kam. Zwei Nationalsozialisten wurden durch Schüsse getötet, mehrere Sozialdemokraten und Nationalsozialisten schwer verletzt. Im Anschluß an diese Vorgänge kam es heute vormittag an der Technischen Hochschule Wiens zu blutigen Ausschreitungen der reaktionären Studentenschaft gegen jüdische und sozialistische Studenten. Mit dem Rufe: „Rache für Simmering!" stürzten sich die Nationalsozialisten auf die Juden und Sozialisten und hieben mit allerlei Schlagwaffen auf sie ein. Zwölf Schwerverletzte waren das Ergebnis dieses Ueberfalls. Der Rektor ordnete die Schließung der Technischen Hochschule an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.