Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 47 Der Israelit 17. November 1932 furt gebe, so fei es darum!" In diesem Augenblicke merkte man, wie die Krisis überwunden war. Der Kranke erholte sich zusehends und ging rasch der vollen Genesung entgegen. Die Frankfurter waren aber inzwischen enttäuscht a b g e e e i ft, man wußte nicht wohin. Ls waren acht Tage vergangen und man durfte kaum noch hoffen, sie anzutreffen. Ls geschah aber, daß sie in einem nahen Dorfe einen Verkehrsunfall hatten und ihrer einer den Arm gebrochen hatte. Dort hielten sie sich noch auf, bis der Arm des verunglückten heilte. Kaum hatte man es erfahren, holte man die Frankfurter wieder her, und der Kinderlehrer, wieder vollkommen hergestellt, ging mit ihnen nach Frankfurt. Cs war Rabbi Ioffef Schmuel Krakauer, der weltberühmte Oberrabbincr von Frankfurt und- Verfasser großer talmudischer Werke, mein Großvater, der Urgroßvater meines heute in Abrahams Bund eingeführten Sohnes, dem er gleichen möge." „Die Geschichte hat doch aber eine Fortsetzung," drängten einige Gäste. „Wie war der Linzug in Frankfurt und was ereignete sich dort ln feinen ersten Amlstagen?" Sie kannten alle wohl auch diese Pointe, wollten es aber aus dem Wunde des Gastgebers noch einmal hören, weil es keiner so wie Rabbi Schmuel erzählen konnte, und weil'es eben altüblich war, mit frommen Crzählungen von den großen Ahnen Geist und Seele des Neugeborenen schon am Tage der Beschneidung auf die gleiche Linie festzulegen. (Fortsetzung folgt.) Die Stellung der jüdischen Weltanschauung zu Krankheit, Arzt und Medizin. Bon Dr. med. Willy Hofmann in Frankfurt a. 2tt. (Schluß.) Cs sei in diesem Zusammenhänge eine historische Reminiszenz gebracht. Sie ist deshalb interessant, weil sie sich gerade auf Frankfurt bezieht und in charakteristischer Weise zeigt, wie sich die eben erläuterten Vorschriften in praktischer Hinsicht in der alten jüdischen Gemeinde unserer Vaterstadt ausgewirkt haben. Im Jahre 165!, also in einer Zeit der äußeren Nöte und kriegswirren, war die Gemeinde-Verwaltung dennoch bestrebt, den inneren Ausbau des Gemeinwesens auf der Höhe zu halten. Damals wurde von Gemeinde wegen die Anstellung eines Arztes beschlossen mit der ausdrücklichen Verpflichtung, Arme und Bedürftige unentgeltlich zu behandeln. Das Anstellungsdekret, das im protokollbuch der alten Gemeinde zu finden ist, beginnt mit folgenden Sätzen: „Da die heilige Lehre schreibt: „und er soll ihn heilen lasten," so ist errrFsen, daß dem Arzt gestattet ist, seine Kunst auszüüben. Dazu kommt, daß unsere Weisen sagen, es sei dem Menschen verboten, in einer Stadt zu wohnen, in der es keinen Arzt gibt. Darum haben wir für jedes Leid, das von uns fernbleiben möge, den in seiner Kunst bewährten Arzt, den Gelehrten Josef den Clia, aus 5 Jahre unter folgenden Bedingungen angestellt ..." Zu diesen Bedingungen gehörten u. a. die unentgeltliche Behandlung von Armen, ferner im Benehmen und Art der Behandlung keinen Unterschied zwischen arm und reich zu machen, von den Bemittelten durfte nicht mehr genommen werden, als die feste Gebühr, die für den 1. Besuch einen halben Gulden betrug. Im Jahre 1656 finden wir dann eine ganze Instruktion für Acrzte nebst einer Gebührenordnung. Cinige ihrer wichtigsten Bestimmungen seien hier mitgeteilt (vergl. auch M. Horovitz, Frankfurter Rabbinen): Kein Arzt darf ohne Crlaubnis zweier Vorsteher verreisen. Jeder Arzt ist verpflichtet, zu jedem auch in der Behandlung eines anderen Arztes befindlichen Kranken zu gehen, wenn nach ihm verlangt wird. In diesem Falle soll er nicht das Bestreben haben, den Anordnungen seines Kollegen zu widersprechen, sondern nur im Namen G'ttes zu urteilen. In diesem Punkte hat sich allerdings die heutige ärztliche Standesauffassung vollkommen geändert. Bekanntlich ist es keinem zweiten Arzte gestattet, ohne Zustimmung des schon behandelnden Kollegen zu einem Kranken zu gehen.) Ferner findet sich die, Bestimmung, daß kein Arzt vor Vollendung des 60! Lebensjahres ein Gemeindeamt bekleiden darf. Cr muß sich dann im allgemeinen von der Ausübung der Praxis zurückziehen und darf nur noch in Notfällen tätig sein. Die nun weiter folgende Gebührenordnung lehnt sich im wesentlichen an die in Frankfurt allgemein damals übliche an. Die Aerzte mußten diese Instruktion vor dem Rabbiner beschwören. In dein Gemeindebuch ist übrigens auch das betreffende Protokoll von vier Aerzten unterzeichnet. 'Aus dem bisher Gesagten versteht man ohne weiteres, daß das Judentum von einer g'ttlichen Sendung des'Arztes spricht. G'tt selbst ist der größte Arzt, wie es in der Schrift auch ausdrücklich heißt (Cxodus 15, 26): denn Ich, G'tt, bin Dein Arzt. Dieser Satz allein bezeugt die hohe Bewertung des Arztes und ferner Tätigkeit, der seinerseits ein 'i n’V^' Sendbote G'ttes, genannt wird. Wir begreifen aber wiederum, daß man für die Genesung des Kranken betet, besonders auch in der Öffentlichkeit und in der ganzen Gemeinde. Die ärztliche Behandlung besteht nicht nur in der des kranken Körpers, sondern auch in einer Beeinflussung des seelischen Zustandes, ganz wie in der modernen Medizin. Die alte Crfahrungstatsache, daß seelische Vorgänge einen wesentlichen Einfluß j auf die Geschehnisse im Organismus ausüben, erscheint uns heute in neuem Lichte. Auf Grund unserer modernen, äußerst feinen, -chemischen Untersuchungsmethoden sind wir imstande, diese seelischen Cinflüsse direkt zu messen und ganz exakt nachzuweisen. Wir möchten diese Verhältnisse an einem Beispiel aus dem Gebiete der neuesten Forschungsergebnisse näher erläutern. Wir wollen hierzu die Frage der Operationsgefährdung durch psychische Veränderungen wählen und deren Cinfluß auf die chemische Zusammensetzung des Blutes, mit der auch wir uns in der letzten Zeit besonders beschäftigt haben. Cs handelt sich dabei um die sogenannte Blutalkaleszenz, für die man bei normaler Zusammensetzung ganz bestimmte Werte gefunden hat. Wir können diese Tatsache auch folgendermaßen ausdrücken: Der Gehalt des Blutes an Säuren darf nur bis zu einem bestimmten Grade vorschreiten, wird diese Grenze überschritten, wird also das Blut zu sauer, so entwickelt sich ein bestimmter Krankheitszustand, die sogenannte Uebersäurung oder Acidose, die unter Umständen lebensbedrohlichen Charakter annehmen kann. Cs hat sich nun herausgestellt, daß psychische Cinflüsse, namentlich auch Stimmungswechsel, die Zusammenstellung des Blutes nach der sauren Seite hin beeinflussen können, d. h. also im Sinne der eben erwähnten Acidose. Walinski konnte dies z. B. an einer Reihe von Blutuntersuchungen bei Neurasthenikern Nachweisen. Auf chirurgischem Gebiete ließ sich zeigen, daß schon der Transport des Kranken aus feinem Zimmer in den Operationssaal und die damit verbundene psychische Crregung genügt, um die Zusammensetzung des Blutes wieder nach der sauren Seite hin zu ändern. Da dieser Vorgang eine Crhöhung der Operationsgefahr bedeutet, so verstehen wir, warum in den letzten Jahren unsere Bestrebungen besonders darauf abzielen, auch diese psychischen Gefahren auf ein Minimum herabzuörücken. Wir nehmen daher auch vor Operationen exakte Funktionsprüfungen der einzelnen Organe vor, da wir wissen, daß in einem so komplizierten Organismus, wie ihn der menschliche Körper öarstellt, eine ganze Summe von Faktoren Zusammenwirken muß, um uns diejenige Sicherheit zu gewähren, die,uns den Erfolg unseres chirurgischen Handelns und immerhin bedeutenden Cingreifens in das Getriebe dieses Organismus verbürgen soll. Trotz aller Fortschritte unserer Wissenschaft und trotz unserer vielfältigen Erfahrung halten wir auch heute noch nicht alle Fäden des Geschehens in der Hand. Alles ist aufs beste vorbereitet, alle Untersuchungen auf das sorgfältigste ausgeführt, nach menschlicher Berechnung sollte alles glatt verlaufen, da treten plötzlich unvorhergesehene Ereignisse eiti, und.der Verlauf nach der gut gelungenen Operation ist so ganz anders, als wir ihn erwartet haben. Man spricht dann so gern von Idiosynkrasien, von der besonderen Natur des Kranken und von allen möglichen anderen Dingen, die eben außerhalb unseres Machtbereiches liegen. Kurz und gut, auch die moderne Medizin erkennt hier ein Agens an, das üben ihr steht. Die jüdische Weltanschauung nennt dieses Agens"G'tt. Die Gebete, die für das Wohl und die Heilung des Kranken zum Himmel emporgesandt werden, erflehen die g'ttliche Hilfe für diese individuellen Faktoren, die bei jedem Menschen verschieden sind, die nicht der exakten Beeinflussung unserer ärztlichen Kunst unterstehen, und die dennoch das Schicksal des Kranken besiegeln können. Denn der Mensch ist keine Maschine, es gibt auch kein Schema in der Medizin; da jeder Mensch ein Individuum für sich ist, so trägt er auch seine Bestimmung und sein Geschick für sich. Die hier vorgetragene jüdische Auffassung von der Sendung des Arztes in der Medizin bedingt aber zugleich einen gewaltigen Optimismus, der für uns Aerzte bei unserer schweren und verantwortungsreichen Tätigkeit eine große Stütze ist. Beläßt er uns doch stets die Hoffnung auf Besserung, auf chm fußend können wir unseren Kranken stets neuen Mut und vertrauen einflößen. Selbst wenn die Erfahrung lehrt, daß Schweres oder ein unglücklicher Ausgang bevorsteht, so kann doch die g'ttliche Macht im Cinzelfalle Rettung und Hilfe bringen. Der bekannte medizinische Geschichtsforscher Paget hat einmal den schon oben erwähnten Satz aus der Schrift: „denn Ich, G'tt, bin Dein Arzt," eine metaphysische Unterströmung in der medizinischen Auffassung des Judentums genannt. Wir glauben, daß wir mit dieser metaphysischen Unterströmung, die ja wohl die höchste Anerkennung unseres Berufes bedeutet, wenn G'tt selbst sich als Arzt bezeichnet, ganz zufrieden sein können. Auch unsere heute so weit vorgeschrittene Wissenschaft kann dieser Unterströmung nicht entraten. So möge denn auch auf unserer Tätigkeit im neuen Hause der Segen des Himmels ruhen, damit es uns gelinge, unseren Kranken Linderung ihrer Not und volle Genesung von ihren Leiden zu bringen! Rmderecke. Eliefer m §edom. (Nach dem Midrasch') Lines Tages sprach Awrohom zu seinem treuen Hausverwalter: „Ls tut mir so leid, daß ich so lange nichts von meinem Neffen Lot gehört habe und nicht weiß, wie es ihm ergeht. Gerne würde ich dich zu ihm nach Sedom schicken, aber kürzlich berichtete mir ein armer, fast verhungerter Wanderer, daß man ihn in Sedom so entsetzlich mißhandelt habe. Nun wage ich es nicht, dich dorthin zu entsenden." Aber Clieser sprach: „Ich fürchte nichts, mein Herr. Der König von Sedom wird mir sicher freundlich entgegenkommen um deinetwillen, der du ihn doch aus der Gewalt der vier Könige errettet hast! Cr wird mich gewiß gut behandeln, weil ich doch auch für ihn kämpfte, vielleicht freut er sich sogar, mir Gastfreundschaft zu gewähren, weil du doch damals nicht das Geringste als Dank von ihm annahmst und er sich nun auf diese Weise dankbar zeigen kann." Aber Abraham schüttelte den Kopf und sprach: „Ich fürchte, du täuschest dich in dem Wesen der Leute von Sedom. Sie sind weder dankbar noch gastfreundlich, aber du magst recht haben, daß sie d i r wohl nichts zuleide tun werden.' So ziehe denn in G'ttes Namen hin und bringe mir Nachricht von meinem Neffen Lot!" ' ' Clieser sattelte sein Kamel und machte sich auf nach Sedom. Als er sich der Stadt näherte, kam er an