Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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lir. fl Licht aus dem Westen. Erzählung aus der Zelt der Ghettodämmerung. (Fortsetzung.) Joffes Trsives sang sein „Lecho öaudi". Cs war sein „Lecho daudi", eigens von ihm für' den Schuwohsabbat den Daiten seiner Seele abgerungen. Die Gemeinde summte und ging mit. Cs jubelte und tanzte in ihm, um ihn herum. Der Sabbat selbst tänzelte heran im Auf und Ab der Töne, im Wirbel des Sturmes, mit Donner und Blitz. Zuweilen schien es sogar, als würden Sturm, Donner und Regengeplätscher mit dem Sänger Takt halten. Die Gemeinde hatte nun mit dem Gesichte zur Türe im Chore das „Komme in Frieden" dem Sabbat entgegengerufen. „Cin Psalmgesang für den Sabbattag" intonierte Joffes Triwes. Die Gemeinde fiel brausend ein. Pause nach dem Kaddischgebete, durchrauscht von leisem Murmeln. Der Chasan schielte nach rechts, nach einem Zeichen des Gberrabbiners. Rabbi Abraham pflegte in dieser eingelegten Pause etwas aus einem kleinen Buche zu lesen, in das zu blicken, bisher noch keinem Menschenauge gegönnt war. wenn er das Buch schloß, war es ein Signal für den Beginn des Maariwgebetes. Rabbi Triwes wartete ohne Ungeduld. Don Zeit zu Zeit blitzte es hell durch das Fenster und krachte der Donner. Vorn Himmel herab prasselten ganze Sturzwellen. Cs vergingen lange Minuten. Geiger-Salme wurde ungeduldig. „Stockfinstere Rächt," fistelte er in seinen Bart hinein, „warum ort man nicht? Reue Moden!" Rabbi Abraham schien auch mit seinem Pensum fertig zu sein, aber er schloß das Buch nicht, er rührte sich nicht. Man konnte das monotone Klatschen des Regens zählen. Auf einmal blitzte es lichterloh in den Raum. Der Himmel über dem G'tteshause stand sekundenlang in Hellen Flammen. Dem Strahle folgte nach geraumer Pause, als müßte die Welt erst.Atem holen, ein ohrenbetäubendes Gekrache. Der Blitz mußte irgendwo ganz in der Rähe eingeschlagen haben. Als hätten die Clemente mit letzter Entladung ihre Wut ausgetobt, wurde es auf einmal ruhiger und Heller. Draußen plätscherte der Regen jetzt langsamer, tropfenweise. Cin Regenbogen legte sich mit all seinen.-buntschillernden Farben wie eine Riesenschärpe über, die dünne Wolkenhülle/ Im Westen zog die Sonne ihr rundes rotes Haupt wieder aus dem Schleier hervor, rief: „ich bin noch da" und schickte durch die sich weitenden Risse letzte Lichtgrüße in die Schul, die die Talgkerzen wieder verblassen ließen. Cin Junge kam zur Türe hineingestürzt, ohne von einem Windstoß gefolgt zu sein, denn die Luft war wieder unbewegt. Cr stürmte aus Rabbi Schmuel Sofer zu und zupfte ihn ungestüm am Aermel. Dieser sah auf, als sei ihm mit dem Donner etwas vom Himmel herüntergefallen und eilte wie getragen auf Rabbi Abraham zu. Als hätte er darauf gewartet, schloß Rabbi Abraham sofort seinen Traktat, und der Chasan, Rabbi Joffes Triwes, stimmte ein langgedehntes „Borachu" an. Kaum waren die Gebete ganz verklungen, als Rabbi Schmuel Sofer Iokew Schammes herbeiwinkte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Cs hatte sich etwas ereignet in der Gemeinde. Iokew hatte aber keine Zeit und es entsprach auch nicht seiner würde, jedem einzeln Auskunft zu geben. Cr betrat das Almemor, schlug mit der flachen Hand aufs Pult und rief laut und vernehmlich: „Reb Schmuel Sofer gehört Maseltov. Cr laßt Kol Hakahal breiten zum Sochor!" Draußen war'im'Toben der Clemente ein Tag zu Ende gegangen. Aus Donner und Blitz, Schauer und Sturm ward ein Sabbat geboren, so schön, warm und friedvoll in den samtenen Abend gebettet, als hätte es nie Wolken und Wetter gegeben. A u s d e c v ä t e r Z e i t e n. Am Freitag, es war ein Tag nach Jour Kippur, saßen schon in erster Morgenfrühe die Rabbinen und Gelehrten, noch ganz angefüllt von der weihe des verflossenen Tages und schon verklärt von der Freude des kommenden Festes, im bescheidenen p e n h a u s e des Rabbi Schmuel (man nannte es so wegen des großen Gänsekiels, der auf dem Schilde den Schreiber anzeigte) bei einem kleinen Schmause. Die Beschneidung selbst hatte im Anschluß an den an diesem Tage .schon mit dem ersten Morgengrauen begonnenen G'ttesdienste stattgefunden. Lewi Schnapper, der „Schnappermohl", hatte feines Amtes mit der ihm gegebenen meisterlichen Routine, aber mit einer Andacht und in einer feierlichen Erregung gewaltet, als hielte er zum ersten Male das kleine blitzende Messerchen in der Hand. Cr hatte die heilige Handlung mit einen! anderen, jüngeren Manne zu teilen, den die Leute trotz seiner Jugend schon.mit Rabbi, oder einfach R e b b R o s s o n zu bezeichnen pflegten. Man raunte sich über diesen jungen Rabbi allerlei zu in der Gemeinde. Cr war, obwohl in der Gasse geboren und nach Abstammung, Familie und Erziehung allen nahe, doch im Grunde jedem fre m d. Etwas wie Heiligenschein trug das Gesicht, das man nie lachen sah, und das dennoch den Menschen in Freundlichkeit zugewandt war. Cr stammte aus dem Hause mit dein Adlerschilde und zwei segnend ausgebreiteten Händen (Priesterzeichen), lernte in der Jugend hier beim großen Iosua Falk und noch mehr in Mainz bei Reb Tewele Schiff und stand eines Tages, obwohl Frankfurter Kind, wie aus einem anderen Stern gefallen, in der Gaffe, als Rabbi und als Heiliger. Nicht gerade so mitten in der Gasse; abseits, in einem stillen Winkel hatte er sein Haus, im Oberstocks des Giebel- Häuschens zwischen der Geflügelschächtstube und dem Chassunohause. Und das kleine Haus wurde bald zum Lehrhause, in dem Schüler ein- und ausgingen. Man sah etwas scheu, aber nicht ohne Chrfurcht zu dein jungen Frankfurter hinauf, den die Frankfurter nicht kannten. wie immer in solchen Fällen, sah Rabbi Rosson nach der heiligen Handlung in der Schul seine Mission als beendet an. Cs war schon auffallend genug und nicht wenig ehrenvoll,für Rabbi Schmuel, daß er denn doch noch sein Haus betrat, das Haus sozusagen beglückwünschte, mit dein Priestersegen segnete. Dann aber ging er, unbemerkt, von dannen. Die 2lnderen, auch i Rabbi Abraham, der Oberrabbiner, blieben bei dem bescheiden gedeckten Tische, dem die Stiinmung zwischen Fest und Fest eine besondere, fast stchtbarliche weihe verlieh. Aus dieser weihe wiederum ergaben sich gute Worte, wie sie zum Anlaß des Tages wohl paßten. Als Rabbi Joffes Triwes gar mit geschloffenen Augen ein „Mischeberach" für Kind und Vater, sodann für den Oberrabbiner und die prominenten Gäste sang, hatte schon die kleine Tafel wirklich die Weihestimmung eines G'ttesdienstes erreicht. „Ihr nennt euren Sohn Mosche," begann Rabbi Abraham, „so hießen aber euer Vater und Großvater nicht." Cr sagte es vielleicht nur, um ein Stichwort zu geben. „Rein, Rabbi, diese haben ihre würdigen Ramensiräger. Aber ein Bruder meines Vaters war Rabbi Mosche Frankfurter in Amsterdam, der nämliche, der die Amsterdamer Talmuddrucke leitete und auf den die Frankfurter Drucker darum, wegen der Konkurrenz, nicht gut zu sprechen waren. Cr hat in seinem heiligen Gewerbe viel zur Verbreitung der Thora beigetragen. Möge unser Mosche ihm gleichen . . „Wir möchten, Reb Schmuel, doch wieder einmal etwas von eurem Großvater, Rabbi Ioffef Schmuel Krakauer, hören. Crzählt, wie er nach Frankfurt kam," drangen einige Gäste in den Hausherrn. Rabbi Abraham nickte zustimmend. Eigentlich kannten alle diese wunderliche Frankfurter Geschichte, aber sie wollten sie noch einmal hören, aus dem Munde des Sofer. Denn einmal war er ein guter, anschaulicher Erzähler, dann aber war es nach alter Ueberlieferung ein gutes Omen für das Kind, an seinem Beschneidungstage von großen Ahnen zu sprechen. ' Also erzählte Rabbi Schmuel Sofer: . „In Frankfurt war wieder einmal die Rabbinerstelle unbesetzt. Rabbi Jesajas Horowitz, der zweite, hatte, bevor er Frankfurt verließ, seinen Rachfolger sozusagen selber bestimmt, mit dunklen Worten freilich, deren Sinn man erst suchen mußte. Drei schwere Fragen (Kaschjaus) hätte sein Großvater, der heilige „Schcloh", unbeantwortet gelassen, die zu beantworten auch Rabbi Schefftel, dem Sohn, wie ihm, dem Enkel, nicht beschieden war. Darum hätten sie beide schließlich ihre Chrenstellung in Frankfurt freiwillig verlassen. Cr nannte die drei Fragen. Run sollten die Männer der Gemeinde sich in der Welt umsehen nach dein Manne, der diese Fragen zu beantworten im Stande sei. wer die Fragen lösend beantwortet, sei der von G'tt erkorene Oberrabbiner von Frankfurt. So fuhren drei Sendboten der Frankfurter Gemeinde, angesehene Männer von großem Scharfblick und reichem Thorawiffen, in die Welt hinaus, suchten alle großen Städte auf, kamen ins Gespräch mit vielen bedeutenden Rabbinen und legten ihnen von ungefähr die drei Fragen vor. Keiner wußte sie befriedigend zu beantworten. Lines Tages kamen die Gesandten nach Krakau, der alten Thorastadt, die eine große Auswahl von berühmten Gelehrten bot. Cs ergab sich gerade, daß einer der Rotabeln der Stadt ein Familienfest feierte, zu dem er auch die drei Frankfurter einlud; denn es war bekannt geworden, daß die drei angesehenen Gäste aus der deutschen Muttergcmeinde sich in wichtiger Mission, inan wußte nicht in welcher, auf eine Weltreise befanden. Lei der Tafel wurden mehrere Reden gehalten, Auch ein Sohn des Gastgebers, fast noch ein Knabe, legte Proben seines Wissens ab. wie staunten aber die Frankfurter, als der Junge auf die Rlaterie einging, die sie mit sich herumtrugen. Und sie erschauerten förmlich, als sie hörten, wie der Kleine die drei Fragen eine nach der anderen behandelte und so löste, daß nicht inehr die geringste Schwierigkeit übrig blieb. Sie drückten dem Vater ihre Bewunderung ^us und fragten ihn, woher sein Sohn diese tiefen JUortc hätte. Der Gastgeber wies auf einen einfachen Mann, der einen bescheidenen Platz in der Ecke einnahm und kaum ein Wort von sich gab. „Cs ist der Lehrer meines Sohnes,, wahrscheinlich gelehrter als er sich gibt, denn er ist ein bescheidener Mann und ernährt sich als Melamed vom Talmudunterricht. von ihm staimnen auch die hier vorgetragenen Worte." Die Frankfurter gingen an den Kinöerlchrer heran und baten ihn um eine Aussprache. Höflich, aber entschieden verwies er darauf, daß er einen Betrug an den Eltern und Kindern, an G'tt selbst, begehen würde, wollte er die kostbaren Stunden des Unterrichtes zum Empfang von Besuch verwenden. Sie kamen aber zur Nachtstunde, als der Unterricht zu Ende war, und trugen ihm gleich ihr Anliegen vor. Cr indes zeigte keine Spur von Freude. „Ich muß bei meinen Kindern bleiben," sagte er einfach und ließ sich von seinem Entschlüsse nicht abbringen. Tags darauf erkrankte der Kinöerlehrer so schwer, daß jede Hoffnung auf Genesung verloren schien. Schon standen die Männer der „Heiligen Bruderschaft" an seinem Bette. Da öffnete der kranke plötzlich die Augen, richtete sich, wie einen schweren Traum abschüttelnd, im Bette empor und sprach: „Herr der Welt, ist es also Dein fester Wille, daß ich nach Frank-