Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 47 Der Israelit 17. November 1932 strebt habe; jetzt schwimme sie im Strome des Zionismus und das Gleiche werde auch mit dem Weltkongreß der Fall sein. Wir können über diesen den Tatsachen geradewegs ins Gesicht schlagenden Bericht Dr. Jochelmanns nur unserem lebhaften Erstaunen Ausdruck verleihen. Daß auf der Konferenz keine Opposition zutage trat, stimmt nicht; die wenigen elf Nichtzionisten, die anwesend waren, verließen die Konferenz unter Protest. Herr Georg Kareski ist nicht „Präsident der jüdischen Gemeinde in Berlin" und er sowohl wie Dr. Alfred Klee sind fanatische Zionisten, die in keiner Weise als Sprecher der deuschen Juden aufzutreten das Recht besitzen. Herr Prof. Sobernheim vom Auswärtigen Amt ist zwar durchaus kein' Zionist, hat aber der Versammlung auch sicherlich nicht als Delegierter irgend einer Instanz beigewohnt, sondern als Privatperson, die sich über den interessanten Vorgang Informationen beschaffen wollte. Im übrigen hat keine der großen deutschen Organisationen, eben so wenig wie irgend eine andere jüdische Organisation von Bedeutung in der ganzen Welt, der Komödie der Genfer Konferenz beigewohnt, vielmehr haben alle diese großen Organisationen in U e b e r e i n st i m m u n g mit dem englischen „Board of Deputies" die ganze Genfer Vorkonferenz als einen bloßen Parteibluff betrachtet, der schon bisher lediglich Schaden gestiftet hat. Die nationalsozialistische Presse in Deutschland schlägt jetzt noch Kapital aus der Rede, die Herr Kareski zu halten für gut fand, ein kleiner Vorgeschmack von dem, was der „Weltkongreß" bringen würde. Man darf wohl erwarten, daß der Board of Deputies die englische öffentliche Meinung aufklären und die üblen Folgen der durch den Bericht Dr. Jochelmanns hervorgerufene Irreführung abzuwenden versuchen wird. Schaffung einer Jüdischen Handelsmarine-Hochschule in Tel-Awiw. London, 8. Rov. Unter dem Vorsitz von Viscounteß Erleigh, der Tochter von Lord Melchett und Schwiegertochter des Marquis of Reading, wurde in London eine Beratung abgehalten, in der ein Komitee für die Schaffung einer Handelsmarine-Hochschule in Tel-Awiw unter dem Namen „Zebulun" gebildet wurde. Zur Präsidentin des Komitees wurde Viscounteß Erleigh, zur Vorsitzenden Frau Henrietta Diamond, zum Vizevorsitzenden Leon Simon gewählt. Die Vorsitzende führte in ihrer Ansprache aus: Die „Zebulun"-Handelsmarine-Hochfchule in Tel-Awiw soll Seekunde in allen Fächern lehren und Seeleute jeden Ranges ausbilden. Unterrichtsgegenstände werden u. a. sein: Schiffahrt, Hafenarbeit, Schiffsbau und Fischerei, Heute, da den Juden überall in der Welt infolge politischer und wirtschaftlicher Faktoren so viele Berufe verschlossen sind, ist es notwendig, der jüdischen Jugend Möglichkeiten in Palästina zu eröffnen und einen Teil dieser Jugend zu Seeleuten auszubilden. Import und Export entwickeln sich immer mehr in Palästina, der Hafen in Haifa wird schon im kommenden Frühjahr eröffnet. Da ist es Zeit, einen Stand jüdisck^ Seeleute zu schaffen. Wir hoffen, daß wir in sänf Jahren^ eine solide Grundlage für die Aus^üung jüdischer junger Leute im Seemannsberuf ^'Haffen haben werden. Herr James de Rothschild M uns Boden für die Hochschule in Tantura zur m-rfügung gestellt, Persönlichkeiten wie Bialik, Ussifck^u, Herr und Frau I. M. Sieff, Sir Montague v"3 ^ndy Vurton u. a. m. fördern unser Werk. , .i ‘ ^x-Ahedive Abbas Hilmi will nicht der Urheber der Idee einer Aantonierung Palästinas fein. London, 6. Rov. Der Ex-Khedive von Aegypten, Abbas H i l m i, dessen Name im Zuammenhang mit der panarabischen Bewegung und mit gewissen Plänen betreffend die Position Palästinas viel genannt wurde — bei seinem jüngsten Besuch in Palästina traf er mit dem Großmufti, den Mitgliedern der Zionistischen Exekutive und britischen Autoritäten zusammen —, weilte in diesen Tagen in London und äußerte in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter seine Ansichten über palästinensische Fragen. Er trat entschieden dem Gerücht entgegen, als wäre er der Anreger des Planes, Palästina in arabische und jüdische Kantone nach dem Muster der Schweiz zu teilen. Er habe lange genug in der Schweiz gelebt^ um die Nachteile des Kantonal-Systems zu kennen. Jedes Kantonal- oder Zweisprächen-System sei sinnlos. In Palästina bestehe die Lösung darin, daß sich die Juden Äen Arabern assimilieren und Araber werden. Die Juden seien ein orientalisches Volk, das nach der Meinung von Gelehrten Nachfahr eines arabischen Stammes ist. Der Araber betrachtet auch den Juden aus Arabien oder Aegypten als Bruder, aber der aus Europa kommende Jude betrachtet sich als Kolonist unter Eingeborenen und macht sich die Araber unnötig zu-Feinden. Abbas Hilmi will nicht, daß die Juden etwa ihre Religion oder ihre Sprache aufgeben, obwohl letzteres wünschenswert wäre; auch ihre europäische Kultur bringe dem Lande Vorteile, sofern sie sich mit der Kultur des Orients vermischt. Er, Abbas Hilmi, habe auch nichts dagegen, daß die Juden im Laufe der Zeit die Majorität der Bevölkerung Palästinas bilden. Mögen nur so viele Juden nach Palästina und dem Nahen Osten kommen, als diese Gebiete fassen können. Die Juden können dem Orient mit ihrer Intelligenz und ihrem Reichtum nur Vorteile bringen. Aber die Juden sollten nicht den Eindruck erwecken wollen, als kämen sie als Eindringlinge in das Land; sie sollten es klarstellen, daß sie in ein Land zurückkehren, aus dem sie vor vielen Jahrhunderten vertrieben worden sind, und daß sie nicht als Fremde, sondern als Araber, in das Land zurückkehren. Die arabische Befürchtung, daß eine jüdische Mehrheit die Araber aus dem Lande treiben wird, sei ungerechtfertigt; Palästina ist von arabischen Ländern umgeben, und im gesamten Arabien werde der Jude immer nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachen. Paßt sich aber der Jude dem Araber an, so wird er von ihm ebenso als Bruder angesehen werden, wie der mohammedanische Araber, den katholischen Araber des Libanon als Bruder ansieht. Der Ex-Khedive sieht in dem Mufti von Jerusalem einen wirklichen Führer und Repräsentanten des "Arabertums, von dem nicht anzunehmen ist, daß er die arabische Bevölkerung gegen die Juden aushetzt. Gegenwärtig, sagte der Ex-Khedive, sei das englische Mandat in Palästina eine Ntowendigkeit, es müsse so lange aufrecht erhalten werden, bis genügend Wasser in den arabischen wie in den jüdischen Wein geflossen ist, daß man sie beide mischen kann. Es müsse noch mindestens ein Menschenalter in Kraft bleiben. — Der Ex-Khedive sprach noch über seine Beziehungen zum König Feisal und Emir Abdullah, sagte, er sei zu alt, um noch aktive Politik treiben zu wollen, und erklärte, das Islamitische Büro, das er in Genf zu begründen gedenkt, werde ein rein religiöses Zentrum für moslemitifche Delegierte sein. Die ganze Idee aber habe noch keine definitive Form angenommen. Nicht der Aronanwalt Elliot, sondern ein anderer ... London, 10. Nov. In Erwiderung aus Fragen von Colonel Josiah Wedgewood und Varnett Jänner im Unterhaus stellte der K o l o n > e n m i n i st e r, Sir Philip...T.u-nliffe-Li.st-c, fest, daß nicht der Kronanwalt von Palästina, L. F. Elliot, sondern ein jüngerer Staatsanwalt mit Namen M. L- E l l i o t die die Juden beleidigenden Aeußerungen vor einem palästinensischeü Gericht getan hat. M. L. Elliot sei es auch gewesen, der sich in Gegenwart des Oberstrichters Sir William Mc- Donnell vor den jüdischen Anwälten wegen seiner Aeußerung entschuldigt, bezw. sie Zurückgenommen hat. Die irrtümliche Annahme, als ob der Krön an - w a l t L. F. Elliot es war, der die judengegnerischen Aeußerungen gemacht hat, beruht auf Namensverwechslung udn auf den mangelhaften Angaben im Palästina- Adreßbuch. Die Telegramme aus Palästina lauteten dahin, daß „Regierungsanwalt L. Elliot" die fraglichen Aeußerungen getan hat. In der im Palästina-Adreßbuch enthaltenen Lifte des Rechtsdepartements der Regierung ist nur ein Elliot verzeichnet, nämlich der Kronanwalt L. F. Elliot. Daher der Irrtum. Line Krisis in der Palästina Exekutive der Iewish Agency und ihre Lösung. I e r u s a l e m, 10. Nov. Wie bereits mitgetelt, hatten H. Färb stein und Emanuel N e u m an n ihren Austritt aus der Exekutive der I. A. erklärt. Als Grund gaben sie die Kürzung des Budget um 37 000 Pfund an, auf der der Schatzmeister Dr. Werner Senator, besteht. Diese Kürzung gehe ihrer Meinung nach auf Kosten der Mittelstandse i n w a n d e r u n g. -Eine Zeitlang schien es Io, als spitzte sich der Konflikt auf die Kabinettsfrage zu: Farbstein — Neumann oder Senator? Denn es ging, wie Farbstein auf einer Sitzung .in Tel-Awiw ^erklärte, nicht allein um Budgetfragen. Sie fühlten sich auch sonst durch die einseitige Taktik der Exekutive zugunsten der Arbeiter in ihrer Arbeit für die Mittelstandsansieülung gestört. Die Misrachisten stehen geschloffen auf der Seite Farbsteins, ebenso ein Teil der Allgemeinen Zionisten. Wie vorauszusehen war, ließen die Herren wieder mit sich reden und kehrten, wenn auch nicht reuig, so doch mit einem großen Maß von Nachgiebigkeit, nach wenigen Tagen in die Exekutive zurück. Man half sich durch Bildung eines Kollegiums im Rahmen des Schatzamtes, dem Farbstein und Neumann, erster als Vorsitzender, angehören. Es werden fortan bei Verwaltung des Budgets keine Maßnahmen von Senator getroffen werden dürfen, ohne Genehmigung dieses Kollegiums^ das dabei die Interessen des Mittelstandes zu vertreten hat. Arloforoff, als Vertreter der Arbeiterschaft, wird dabei natürlich auch ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Der ganze nun notdürftig beigelegte Konflikt ist letzten Endes der lautende Konflikt zwischen Bürgertum und Arbeitern, wie er seit vielen Jahren schon in Permanenz, die Gemüter beunruhigt. Sehr oft an den Haaren herbeigezogen, nur weil es auch anderswo so ist. Natürlicher Konfliktstoff zwischen. kleinem' Mittelständler und Arbeiter, die beide sich von ihrer Hände Arbeit zu ernähren haben, wäre in Palästina an sich kaum gegeben. Jerusalemer Brief. Gemeindesteuer-Zwang. — Ein neues kommunalgeseh- Jerusalem, 1. Nov. Das Problem der finanziellen Konsolidierung der zionistischen „Kneses Israel" durch die Einführung d i r e k- 8 t e r S t e u e r n bereitet den Führern des neuen Jifchuws. noch immr schweres Kopfzerbrechen. Nachdem es der Orthodoxie durch ihren mannhaften Kampf um die Gewissensfreiheit geglückt ist, das Austrittsrecht und dasjenigeauf unbeschränkte Bildung privater Kongregationen zu erlangen, können die Machthaber es natürlich nicht leicht riskieren, die Treue der ja doch zum überwiegenden Teil religiös gesinnten Bevölkerung zur nationalen Volksgemeinde durch hohe Steuern auf eine allzu harte Probe zu stellen. Mancher, der bisher nicht den Mut hatte^ seinem relgiösen Gewissen und den Mahnungen der rabbinischen Führer folgend, den Austritt zu vollziehen und I damt all die Flut von Haß und Beschimpfung mit in den 8 Kauf zu nehmen, die damit verknüpft ist, würde doch einen neuen starken Antrieb zur Ueberwindung dieser- Furcht empfangen, wenn ihn der Austritt dazu auch noch» vonharten finanziellen Lasten befreite. Die die „Kneses- Israel" beherrschende Arbeiterpartei muh also, so gern ie den.Mittelstand und die Begüterten kräftig besteuerm möchte, in diesem Punkte .vorsichtig vorgehen. Zunächst unternimmt man nun, wie sich aus einem diese Woche versandten Rundschreiben ergibt, den -Versuch bei der Jerusalemer Lokalgemeinde dem Waad h a i rlejehude j e ru sch o l aj i m. Es wird jedem Ge- ' meindemitglieh angekündigt, daß es fortan 4 Prozent: Steuern von dem Mietwert seiner Wohnung an die Gemeindekasse zu bezahlen hat. Durch diese Steuer werden zugleich alle bisherigen Abgaben an den Waad Leumi ab gelöst. Originellerweise hat man auch den längst Ausgetretenen sowie solchen Juden, die niemals in dia Listen der Kneses Israel ausgenommen waren, Aufforderungen zur Steuerzahlung , zugeschickt in dem Glauben vielleicht, daß mancher so weltfremd sei, um darauf hneinzufallen und die Steuer zu bezahlen. Angesichts der allgemeinen Entrüstung, die das terroristische Vorgehen der Arbeiterorganisation bei den letzten Arbeitsstreitigkeiten heroorgerufen hat — ist es doch dabei sogar zu Blutvergießen gekommen — gehört ein starkes Matz von Machtbewußtsein dazu, der Jerusalemer Bevölkerung von altem Schutt und Stil zuzumuten, daß sie sich nun auch noch der Steuerhoheit dieser gleichen terroristischen Arbeiterschicht unterwirft. Stehen auf der einen Seite Haß oder Gleichgültigkeit gegen das Thorajudentums vereinigt mit den Me- 8 thoden bolschewistischen Terrors und auf der anderen | Seite die Treue zur Thora und ihren Trägern und zu » den Grundsätzen ausgleichender Gerechtigkeit im gesell- I