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Der Israelit · 1932-11-17 · Heft 47 (17.11.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 47 (17.11.1932)
Date
1932-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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beite 4 Nr. 47 Der Israelit 17. November 1932 Korreipondtflzeii « »sesncdre«. Deutsches Reich. Die neue antisemitische Welle nach den Wahlen. Ber l'i n, 14. Nov. Eine neue Serie von Friedhofs - und Synagoge nschänüungen mutet beinahe wie ein Racheseldzug gegen die Niederlage vom 6. November an. Neue Schändungen kamen vor auf dem jüdischen Friedhof in Aschbach in Bayern. In Fischbach (Schwaben) fand man auf dem jüdischen Friedhofe 18 Grabsteine umgeworfen und zertrümmert. Die Täter waren drei halbwüchsige Burschen. In Lenzen an der Elbe/ wo nur zwei jüdische Familien wohnen, wurde der alte jüdische Friedhof in bestialischer Weise zerstört. In Mülheim (Ruhr) erläßt der Vorstand der jüdischen Gemeinde mit Hinblick auf die Schändung des dortigen Friedhofes, einen Ausruf, in dem das Gewissen der ganzen Mitbürgersllraft, mit der die Juden bis dahin in bester Eintracht 'gelebt haben, aufgerufen wird. In Tilsit wurden, und werden immer von neuem, die Synagogenwände mit Hakenkreuzen und den unflätigsten Beschimpfungen beschmiert. Aus der Aepräsentantensitzung der Jüdischen Gemeinde. Berlin, 14. Nov. Auf eine Anfrage von liberaler Seite, versicherte der Vorstandsvertreter Rosenthal das jüdische Siedlungswerk in Groß-Gaglow der wärmsten Sympathien des Gemeindevorstandes, die sich in dem gewährten Darlehen von 125 000 Mark auswirke. Das Geld fei bestens angewendet, denn die Siedlung mache ausgezeichnete Fortschritte. Die deutsche Juüenheit müßte demnächst noch 200 000 Mark zur Neugrünüung jüdischer Siedlungen in verschiedenen Teilen des Landes aufbringen. Von allen Seiten wird die Siedlungspolitik des Vorstandes gebilligt, jedoch auch betont, daß es sich hierbei nur um eine kleine Teillösung der jüdischen Massennot in Deutschland handeln kann. Der Etat des Wohlfahrtsamtes wird einstimmig um Mk. 200 000 erhöht. Einstimmig angenommen wird eine Vorlage des Gemeindevorstandes über die Beschäftigung jüdischer Erwerbsloser für jüdische soziale Zwecke, wofür 3000 Mark bewilligt werden. Der Streit um das Alte Testament als Preisaufgabe. Breslau, 11. Nov. Die Frage, ob das Alte Testament seine Stellung in der evangelischen Kirche behalten soll, ist, nachdem sie von Professor Sellin soeben in einer eigenen Schrift b e - j a h e n d beantwortet worden ist, jetzt von der Eva ng eli sch - th eo lo g i sch e n Fakultät der Universität Breslau als Gegenstand ihrer diesjährigen Preisaufgabe gewählt worden. Die Aufgabe lautet: „Die moderne Kritik an der Stellung des Alten Testamentes in der kirchlichen Praxis ist auf ihren Sinn und ihre Berechtigung hin zu untersuchen." Gleichzeitig verlangt die Katholisch-theologische Fakultät Prüfung und Bewertung der Zinsauffassung, wie sie das durch die Studienrunde katholischer Soziologen in Wien 1932 veröffentlichte katholisch-soziale Manifest vertritt, vom moraltheologischen Standpunkt aus. Gründung einer Bezirksdarlehnskaffe für Aordbayern. " S ch w e i n f u r t, 11. Nov. In. Schweinfurt hat eine Tagung der nordbayerischen Gemeinden unter dem Vorsitz von Herrn Justizrat Dr. H om m e l stattgefunden, um eine Vezirksdarlehnskafse für Unterfranken zu gründen. Es ist beschlossen worden, die erforderlichen Vorarbeiten sofort aufzunehmen, Gemeinden und Einzelpersonen zur Anteilzeichnung für die zu gründende Bezirksdarlehnskaffe zu verpflichten. Es ist ein Ausschuß gebildet worden, dem die Herren Dr. Hommel-Schweinfurt Heinrich! Freudenberger-Würzburg, ..I, Ullmann-Kitzingen, N- Bretzfelder und Pabbiner Dr. EphrailN-^ad, Kissingen flngefjßeii. N'a^ Durchführung Leb Mnünzaktion soll die formelle' Gründung den Bezirksdaxsehuskasse Unterfranken erfolgen.'Als Vertreter der Zentralstelle. für jüdische 'Darlehnskassen nahm ’Herr S. Adler-Rudel an der Gründungsversammlung teil. Das Allensteiner Urteil. Königsberg, 10. Nov. In dem Bombenattentäter-Prozeß vor dem Sondergericht in Allenstein, dessen Ausgang wir bereits gemeldet haben, beantragte Oberstaatsanwalt Dr. Brey nach Schluß der Beweisaufnahme gegen den nationalsozialistischen Sturmführer Bethke wegen Verbrechens gegen § 6 des Sprengstoffgefetzes und wegen Anstiftung zum Sprengstoffoerbrechen zehn Jahre Zuchthaus. Gegen die Nationalsozialisten Juschke und Franz Weiß wurden vom Oberstaatsanwalt wegen Verbrechens gegen das' Sprengstoffgesetz je sechs Jahre Zuchthaus, die gleiche Strafe gegen die SA-Leute Quassek und Klimmeck beantragt. Gegen die SA-Leute Dembkowski, Wilhelm Weiß, Pernack und Hellwich beantragte der Oberstaatsanwalt je fünf Jahre Zuchthaus. Gegen die übrigen angeklagten Nationalsozialisten wurde die Freisprechung beantragt. Am Dienstag Abend wurde das Urteil verkündet. Die Angeklagten Bethke, Franz Weiß, Quassek und Klimmeck wurden zu je 5 Jahren Zuchthaus, Dembkowski zu einem Jahre Gefängnis, Wilhelm Weiß zu einem Jahre Zuchthaus, Pernack zu einem Jahre drei Monaten Zuchthaus und Jufchka zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Die Untersuchungshaft wurde in Arnechnung gebracht. Alle übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Die Verurteilten hatten ein Handgranatenattentat gegen das Allensteiner Kaufhaus Abraham ausgeführ bzw. anbefohlen, durch welches ein Teil des Hauses und des Warenlagers zerstört und der Inhaber des Kaufhauses, Herr Abraham, und feine Frau in Lebensgefahr gebracht wurden. Oesterreich. Zu den ttuttuswahlen. W i e n j 11. Nov. In die von Ihrem hiesigen Korrespondenten in der letzten Nummer des „Israelit" veröffentlichte Information über den interessanten Frontwechsel der unabhängigen Orthodoxie bei den Kultuswahlen hat sich ein bedauerlicher Irrtum eingeschlichen, der sofortiger Berichtigung bedarf. Es ist richtig, daß im Gegensatz zu den Schiffschulkreisen ein Teil der Kultusgemeinde-Orthodoxie unter Führung des Herrn Jacob Halpern eine orthodoxe Liste aufgestellt haben. Völlig unrichtig aber ist die Behauptung, daß der Führer dieser Liste, Herr Jacob Halpern, M i s r a ch i st sei. Herr Halpern ist ein entschiedener Gegner des Zionismus einschließlich des Misrachismus, gehört dem Vorstände der Agudas Jisroel und allen agudistischen Instanzen an und ist allgemein bekannt wegen seiner hervorragenden orthodoxen Prinzipientreue, die er mit tatkräftiger Menschenfreundlichkeit zu verbinden versteht. Wenn der Korrespondent sich offensichtlich darüber freut, daß die Schiffschulkreise den Versuch, innerhalb der Kultusgemeinde wirken zu wollen, aufgegeben haben, so dürfte diese Freude doch nicht so weit gehen, daß man einen von den Führern der Agudas Jisroel und der' Schiffschul selbst durchaus als gleichwertig anerkannten, bewährten Gesinnungsgenossen durch eine objektiv unrichtige Parteieinschachtelung beleidigt. Es muß festgehalten werden, daß die Stellungnahme der Schiffschul nicht mit.derjenigen der Agudas Jisroel identisch ist, und daß beispielsweise eines der hervorragenden Mitglieder des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel, Großrabbiner Israel'Friedmann von Czortkow, nach wie vor durchaus für die Interessenvertretung der Orthodoxie innerhalb der Kultusgemeinde-Verwaltung eintritt. Der gleichen Ansicht werden wohl sämtliche polnischen Kreise der Wiener Orthodoxie sein, die der Agudas Jisroel angehören. Holland. Finanzielle Sorgen auch in Holland. Amsterdam, 11. Nov. Die Amsterdamer Gemeinde hatte schon für 1931 in ihrem Budget einen Fehlbetrag von fl. 120 000 auszuweisen und auch für das laufende Jahr wird ein Defizit von fl. 90 000 erwartet. Trotz aller Sparmaßnahmen sieht die Verwaltung vorläufig keinen Weg, um das Budget zu balanzierech während man Steuererhöhungen mit Rücksicht auf die dadurch bedingten Austritte für gefährlich hält. Der Vorstandchat daher einen Appell, um freiwillige Beiträge erlassen und es wird versucht, durch persönliche Propaganda diesem Aufruf praktischen Erfolg zu verschaffen. Einige philantropische Institutionen der Gemeinde sind inzwischen durch große Legate eines vor etwa Monatsfrist verstorbenen vermögenden Gemeindemitgliedes, A. Presser, angenehm überrascht worden? Er hat den verschiedenen Institutionen über fl. 30 000 vermacht.. .; > .• Schweiz. Der Aguda-vertreter Guggenheim in Gens. Genf, 10. Nov. Herr Generalkonsul G üg g e n he i m, Mitglied der Politischen Exekutive der Agudas 'Jisroel, ist in Genf eingetroffen, um die Palästina-Petitionen der Weltorganisation „Agudas Jisroel", über die die Mandatskommission des Völkerbundes in diesen Tagen verhandeln wird, zu unterstützen. Herr Guggenheim teilte dem JTA- Vertreter mit, er sei mit einigen Mitgliedern der Mandatskommission zusammengekommen und habe ihnen notwendige Aufklärungen betreffend die Forderungen der Agudas Jisroel. erteilt. Schon vor zwei Jahren habe die Agudah dem Völkerbund eine Petition betreffend das Recht zur Gründung vollkommen autonomer Gemeinden des orthodoxen Judentums in Palästina unterbreitet. Auch die jetzt der Kommission unterbreitete Petition betreffe das Gesetz über die Knesseth Israel. Die Aguda, schloß Guggenheim, werde die Bemühungen beim Völkerbund so lange fortsetzen, bis ihre Forderungen erfüllt werden. (ITA.) Sir Arthur wauchopes Erklärungen vor der Mandatskommission. G e n f, 10. Nov. Die Mandatskommission des Völkerbundes begann am 10. November mit der Behandlung der Angelegenheiten des Palästina-Mandates. Zu Beginn der Sitzung gab — wie dem JTA-Vertreter mitgeteilt wird,— der High Commissioner für Palästina, General Sir Arthur Wauchope, in einer halbstündigen Rede einen allgemeinen Ueberblick über die Lage in Palästina und sprach von seinen Erfahrungen während seiner bisherigen Amtstätigkeit. Er betonte die günstigeWirtschaftslage Palästinas, unterstrich die Bemühungen der Regierung zur Hebung der Landwirtschaft und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Beziehungen zwischen Juden und Arabern im Lande bessern werden. Er kündigte noch für diesen. Winter die Promulgierung eines neuen Munizipalitätengesetzes an und meinte, ein normales Funktionieren der lokalen Verwaltungsorgane werde nach und nach den Boden bereiten für die Wiederaufnahme des Planes der Schaffung eines Gesetzgebenden Rates (Legislative Council). Als der High Commissioner seine Rede beendet hatte, richteten verschiedene Mitglieder der Mandatskommission an ihn Fragen betreffend die arabisch^jüdischen Beziehungen, den in Jerusalem abgehaltenen Moslem-Kongreß und die,.Position des Moslem Supreme Council (Oberster Moslemitischer Rat in Palästina). Damit war die Vormittagssitzung zu Ende. In der Nachmittagssitzung ging die Kommission auf die Besprechung der einzelnen Teile des Berichtes der Palästina-Regierung ein und erörterte insbesondere die Position des Jüdischen Nationalheims, die Fragen der Einwanderung und Auswanderung, Kolonisation, Arbeitslage, wirtschaftliche Gleichheit u. a. m. Diese Erörterungen'wurden in der Vormittagssitzung des 11. November fortgesetzt. Pole«. Schwere antisemitische Ausschreitungen in Posen und 1 in pomerellen. Posen, 11. Nov. Die nationalöemokratische Jugend der Stadt Posen veranstaltete zum Protest gegen die Auflösung des „Jbwiepol" am 9. November spät abends eine antijüdische Kundgebung, an die sich Ausschreitungen gegen jüdische Studenten anschlossen. Die Demonstranten gingen auch gegen jüdische Wohnungen vor. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß mit der Polizei, die angegriffen wurde und von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte.

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