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Der Israelit · 1932-11-17 · Heft 47 (17.11.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 47 (17.11.1932)
Date
1932-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr 47 Seite 3 17. November 1932____ Aus diese naive Frage könnte man Herrn Cli- -c6ef mit dem Hinweis auf die allbekannte Tatsache dienen, daß der Sabbat nunmehr bald zweitausend stahre Tempel und Staat überlebt hat. Aber wir wollen mit dem Wortführer der „Volks-- front" nicht in eine gelehrte Diskussion eingehen, auch nicht darüber, ob und wann und unter welchen Umständen Arbeiten im Heiligtum zu Jerusalem am Sabbat ausgeführt werden durften. Daß über die von der Thora selbst erlaubten und gebotenen tos nump hinaus kein (Opfer dargebracht und keine andere Arbeit verrichtet wurde, dürfte schließlich auch Jüngern der nationalen Schulen in Palästina bekannt sein. Und was die Hasmonäer betrifft! Dort und damals war wirklich Krieg auf Leben und Tod. Sie durften und mußten zur Verteidigung ihres Lebens und ihres Heiligtumes Gegenwehr leisten, denn der Kampf ging gegen die R e l i g i o n s f ch ä n - der, für G'tt und fein Heiligtum, für die Reinheit des Gesetzes, für den Sabbat. „Lebensgefahr verdrängt den Sabbat!", eine Konzession, die man selbst für das neugeborene Kind, dessen Lebensfähigkeit erst bewiesen werden müßte, in Anspruch nimmt, mit der Perspektive: es wird leben und gesunden und mit all den Sabatten seines Lebens den einen entweihten tausendmal wettmachen. Die Freibriefe, die sich aber eine junge Generation des neuen Palästina in Bezug auf den Sabbat selbst ausstellt, haben leider jene Perspektive nicht eröffnet. Durch ein weiteres Leben der Sabbatetrtweihung wurden die ersten spielerischen Anfänge gekrönt. Run ist man schon so weit, daß man es wagt, die Attentate gegen den Sabbat mit religiösen Argumenten, mit dem Sabbat selbst zu begründen. In einer Zeit, da die Staaten in ihren fertigen Rationalheimen die Z w a n g s r u h e am Sonntag einführen, worunter wir Juden nicht wenig zu leiden haben, wird im jüdischen Rationalheim die Zwan gsa cb eit am Sabbat proklamiert. Dy 1J2VX'müßte man eine neue Slicho anstimmen. Diese Auslassungen könnten sich, G'tt behüte, in der Tat zur Schuld des Volkes auswachscn und die vielversprechenden Anfänge in Crez Iisroel rettungslos vernichten, wenn nicht diejenigen, die sich als Führer des Volkes und der „Volksfront" im jüdischen Heime fühlen, schleunigst von diesen Gedankengängen abrücken und deutlich zu erkennen geben, daß sie nicht gesonnen seien, Sabbatschändung mit dem Mäntelchen religiöser und nationaler Rotwendigkeit zu umhängen. Der jüdische Anteil am Sozialismus. von einem jüdischen Sozialisten. Cs ist ein grundlegender Irrtum einiger jüdischer Beobachter des heutigen Sozialismus, ihn für un- D cr .3sr.aent zertrennlich von Freiheilsdestredungen auf dem geschlechtsmoralischen Gebiete zu halten. Die Freiheitlichkeit hierin ist durchaus auch im antifozialiftifchen Lager zu finden, und daraus, daß es überall, selbst in katholischer Gegend (Vitus Heller) stark religiös sozialistische Strömungen gibt, zu ersehen, daß auch die strengste religiös-moralische Bindung des Familienlebens keine völlige Verneinung des sozialistischen Gedankens bedeutet. — Cs läßt sich Nachweisen, daß weite Bereiche der Forderungen heutigen Sozialismus denen der thoragesetzlichen Staatsordnung entsprechen. — Das ist sowohl auf thoragesetzlicher als auf modern sozialistischer Seite oft genug dargestellt worden. Liner regen Mitarbeit im Sozialismus wird sich daher der gesetzestreue Jude selbst dann nicht entziehen können, wenn auf der sozialistischen Seite den Grundgedanken unseres Gefetzesgebcns das Verständnis versagt bleibt. (Das halten wir für gänzlich abwegig. Red.) Denn wenn nicht wir die weiseren Friedenfuchenden sein wollen, — sollen es die Sozialisten etwa ihrerseits zuerst sein? Das würden wir ganz gewiß nicht erwarten. Trotzdem würden wir dem Sozialismus einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir auch jene anderen von ihm mitvertretenen Modeströmungen mitmachen, die auch für ihn gar nicht charakteristisch sind und vor allem dem Thoragesetze sich nicht einfügen lassen. Das ist vor allein die „Freiheit" im Geschlechtsleben der Jugend und der Che. Cs ist noch gar nicht festgestellt, daß dieser Radikalismus in den Fragen, die in unserer Ueberlieferung unter dem Worte'Zniuth entschieden sind, das einzig mögliche Ziel für den Sozialismus bedingt. Wenn schon auf der sozialistischen Seite Keuschheit und Traditionstreue geradezu als Kennzeichen oder Deckmantel ausbeuterischer Gesinnung verdächtigt werden — so wird dieses Feldgeschrei, das wir noch gut von sehr bürgerlichen Romanfabrikanten her kennen, uns nicht verhindern dürfen, daß wir im Ideal des Zaddik Gerechtigkeit gegen Menschen und Sittenreinheit vereint sehen und unsere Geschlechtlichkeit nicht durch größere „Rechte" für Mädchen und Frau, sondern durch strengere Zucht für Jüngling und Mann anstreben. Wenn nordische Freikörperkultur, die in Wirklichkeit nichts Reues und Gesundes, sondern völlig unproduktiv krankhafter Cxhibitionismus ist, in Mitteleuropa Fuß zu fassen sucht und jede Abwehrmaßnahme einer Regierung hiergegen ans Hohn trifft, so dürfen wir nicht vergessen, daß dieser Hohn dem G'tte der jüdischen Bibel gilt, dessen Wort seit der Sintflut hierin allen Roachiden heilig galt. Wirft der Sozialismus unserer Tage die Menschheit aus der Familienkultur in einen Horden- Zustand hinab, so zertrümmert er die festesten Fundamente der Selbstzucht, ohne die alle seine Gewaltmaßnahmen wirkungslos bleiben. Der Sozialismus wird uns einst Dank wissen, wenn wir uns von seinen falschen Anhängseln und Auswüchsen völlig wie von einer blinden Gegnerschaft scrnhalten. wenn die augenblickliche Weltkrankheit der Autoritätsscheu geteilt sein wird, dann wird auch der Sozialismus darauf stolz sein, nicht nur „Heidenrebellen", sondern auch G'ttgetreue zu Bekennern zu haben. Unser Thoravolkstum wird von den Sozialisten manchmal als „Stand" angesehen. Run — so wird eben, wenn die Rebel des Mißverstehens sich geteilt haben werden, die wahrhaft soziale Welt den ältesten „Stand" der Lrde in ulis ehren und gerne von den Lehren annehmen, die wir vorzulchren haben. Um aber jene Rebel zu teilen, ist es nötig, daß wir uns ein kritisches Urteil über die im Sozialismus mitlaufcnden Erscheinungen bewahren. Auf Grund der Crziehung durch unser Thoragesctz können wir viel dazu beitragen, daß die Charakterfesten, Reinsten und Cdelsten aller Völker dem Ideale sozialer Gleichheit gewonnen werden und der Anschein zügelloser Familienauflösung dem Sozialismus genommen wird. Daß die sozialen Lebensfragen einem gesetzestreuen Familienvater hundertmal ernster am Herzen liegen, als einem wanderfrohen Iugendbewegler, bedarf wohl keines Beweises. Aber Tatsache ist, daß diese Tatsache nicht beachtet, vielleicht nicht einmal gewußt wird. Damit sie beachtet werde, gibt es nur ein Rezept: Man wirke als gesetzestreuer Jude der Gegenwart zugleich für Sozialismus und für F a m i I i e n r e i n h e i t. Das ist der Akkord von Kn ny min für heute, und an dieser Synthese nrüssen wir auch im Interesse beider Komponenten mitschgffen. Die Gegenwart ist von Autoritätsfeindschaft erfüllt und durch solche zum Sozialismus gelangt. Sie ist von vaterhaß durchseucht, die, wie alles Krankhafte, unschöpferisch bleibt und sich gegen Religion und Sittlichkeit austobt. Cbenso bissig kann sich solcher Haß, der augenblicklich in eine m Lande als Rationalfozialismus den abrahamitischen Menschheitsvatcrstainm Israel verfolgt, im anderen als Bolschewismus den letzten Religionsdiener ausrotten möchte, in der nächsten oder übernächsten Generation gegen die Autorität der sozialistischen Staatsleitung konzentrieren. Cs kann dem Sozialismus auch radikalster Art nur von Rutzen sein, auf gesundere und schöpferische Art sich in Menschenherzen zu pflanzen, nämlich aufgrund freien G ' t t g e b o r s a m s derer, die den sozialen Sinn allen G'tteswortcs begriffen haben. Wenn im gesetzcstrcuen Iudentume Sozialismus gepflegt werden kann, so nicht als Welt-Vaterhaß, sondern nur als Chrfurcht vor G'tt als Vater und Gesetzgeber der Menschen. Der jüdische Sozialismus hat sich auf das unzerstörbare Fundament des Gesetzesgehorsams zu stützen. Das gibt ihm manche Beschränkung, aber um so mehr Förderung und Bestand. Und die Welt wird uns in einer ruhigeren Zeit dafür dankbar fein. | Zum Schluß sei noch auf eine Bemerkung Frank Thieß' zum Antisemitismus hingewiesen. Sein Standpunkt ist der eines Antisemiten (Seite 108). S. G. in T.-A. (Zum Nürnberger Talmudprozeß.) Rabbiner Dr. Eschelbach er bittet um Aufnahme nachstehender Erklärung: In den Urteilsgründen des Nürnberger Talmudprozesses findet sich der Satz: „Dem Zeugen Dr. Efchelbacher ist nur eine jüdische orthodoxe Mittelschule bekannt, in welcher unter besonderem Zeitaufwand auch Talmud und Schulchan aruch gelesen werden, im übrigen sind sie keine. Lehrbücher für den Religionsunterricht." Veranlaßt durch eine deshalb an mich gerichtete Anfrage stelle ich fest, daß dieser Satz meine Aussage unzutreffend wiedergibt. Ich war zunächst gefragt worden, ob Talmud und Schulchan aruch selber als Lehrbücher im Religionsunterricht gebraucht werden. Nach meiner sofort nach der Vernehmung noch im Gerichtssaal gefertigten stenographischen Niederschrift habe ich dazu erklärt: „Unmittelbar als Lehrbücher können Talmud und Schulchan aruch nur in wenigen Schulen studiert werden. Sie zu verstehen, ja auch nur zu lesen, ist so schwierig und verlangt so unablässige Uebung, daß unsere Schulen im allgemeinen die dazu nötige Zeit nicht aufbringen können. Sie werden also unmittelbar nur dort gelehrt werden können, wo sich die Schüler womöglich täglich längere Zeit damit beschäftigen können, und das sind bei dem heutigen Stande der Dinge die Schulen der Gesetzestreuen." Als Beispiel für diesen Schultypus, nicht aber als einzigen Fall, nannte ich sodann die Realschule der Israelitischen Neligionsgesellschaft in Frankfurt a. M., weil diese Gemeinde' in anderem Zusammenhang in der Verhandlung von dem Sachverständigen Dr. Bischofs genannt worden war. Im übrigen stellen die Urteilsgründe als'Quintessenz meiner Aussage fest: „Eine prinzipielle Abkehr von den mündlichen UeberileferNNgen existiert allerdings nicht, und mittelbar wirken sie noch überall." gemacht! Hat man uns schon damals des Mammon is- »rus und Materialismus verdächtigt? Er ringt in heißem Gebete um Gnade für stocksündige Menschen, die ihm ganz fremd sind, die auch ihn nicht kennen, noch weniger beauftragt haben. Und fünfmal zeigt G'tt Gnade, geht in seiner Barmherzigkeit bis ans Aeußerste. Ein Beitrag zum Kapitel „Judentum und Menschentum", zur Behauptung vom „G'tt der Rache". Die Opferung Jsaks zeigt den jüdischen Mut, für die höchste Wahrheit das Leben willig hinzugeben. Der Selichadichter weist auf die vielen Akedas der Märtyrergeschichte hin. Böse Nachbarn schikanieren Jsak, wenn er mühsam sich Wasser verschafft. Macht man nicht heute noch uns die Brunnen streitig, die wir allenthalben in der Kulturwelt aufgegraben haben? iaaa nass? 'vxa „Gehe weg von uns; denn du bist uns zu mächtig geworden." Eine Schallplatte aus grauer Vorzeit, die schon Jsak hörte und heute noch deutlich tönt. Und Maus Legalität! Er verkauft die Erstgeburt, beschwört deutlich „wie der helle Tag" den legalen Verkauf, ißt, geht davon und verachtet das heilige Recht. Und doch will er den Segen ergattern, indem er den Vater täüfcht, ihm kein Wort von dem leichtfertigen Verzicht mitteilt. Dann soll Jakobs Kopf in den Sand rollen, natürlich „legal".^ ..Dout comme chez nous“! ' (Schluß folgt.) Uleines Feuilleton. W unsichtbare Revolution. Eine Sammlung von , Aufsätzen zu dem Thema «Wiedergeburt der Liebe.' Die unsichtbare Revolution") heraüsgegeben und eingeleitet von Frank Thieß. erklärt sden Zusammenbruch der gegenwärtigen Welt als ein; G'ttesgericht und veranlaßt zu ernstem Nachdenken. Eine j solche Selbstbesinnung hat auch 'ein Teil der orthodoxen r Judenheit nötig, nämlich der, der dem Individualismus i dient und daher mit seiner Lebenswirklichkeit im Wider- ’ fpruch zur religiösen Uebung steht. Gar manches in dem dickleibigen Buche lehnen wir natürlich ab, manches aber zeigt den Einfluß der Weltanfchaung, wie unser Judentum sie lehrt. Daher seien hier einige Proben gegeben. Oscar A. H. Schmitz: „Es ist nicht gut. daß der Mensch allein sei", dies ist die älteste psychologische Ueberlieferung unserer Kultur. Wilhelm Michel: War das nicht das Urverbrechen, das die Erzählung vom Sündenfall meint, — diese Erzählung, die man so schmählich mißdeutet, wenn man unter dem Sündenfall die Liebesvereinigung des ersten Mannes mit dem ersten Weibe versteht, ohne zu bedenken, daß sie mit einem Akte des geistigen Abfalls, nämlich des Ungehorsams gegen G'tt. unlöslich zusammengeschmiedet ist? Der Geilt springt aus der Lebensbindung heraus) sagt jene Erzählung; und wenn das sexuelle Motiv Hinzutritt (in der Schlange, in der Apfeldarreichung), so heißt das, daß der abgefallene Geist sich sogleich in seiner lebenstörenden Weise betätigt, indem er die Sinnlichkeit aus dem Lebensganzen des erwachten Menschen herausreißt und sie in blinden Triebegoismus stürzt. Hermann Broch: Der Mensch aber, einst Ebenbild. G'ttes, einst'dem obersten Werke zugekehrt, ist dem Wert verfallen, in den er zufällig geraten ist. Seine menschliche Würde hat sich zur Würde des Berufsmenschen erniedrigt, und das ethische Gebot, das auch für ihn noch inimer ungebrochen - gilt, - das Gebot der Pflicht, hat' die Formel der 100 prozentigen Pflichterfüllung im Beruf I erhalten.

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