Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1932)
- Date
- 1932-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 47 Der Israelit 17. November 1932 plan, die Wurzeln dieser Zusammenhänge bloßzulegen und Sozialpolitik mit Sozialethik jüdischer Provenienz zu verschwistern. Me weit bei all diesen Arbeiten Gedankenaustausch mit Bekennern anderer Religionen zu erstreben ist, das ist eine ernste Frage. Aber Bekenner müssen es sein, auch die Arbeitsgefäbrten aus jüdischen Lagern. Die Thora kann nur von Bekennern der Thora vertreten und verteidigt werden, kann nur von ihren Bekennern der Welt wredergebracht werden. Wird die Abwehr ganz auf die außersowjetische Welt verlegt, so ergibt sich daraus ein großer Vorteil. Hier ist kein Zwang, kein Aufmarsch staatlicher Machtfaktoren. Hier kämpfen Kulturen unbeeinflußt von äußeren Womenten. Der Kampfpreis ist die Seele des Wochenrundschau. Das Tief hinter den Hohen Feiertagen ... In der Gemeinde-Zeitung für Württemberg vom 1. Rovember schüttet Herr Rabbiner Dr. Schlesinger, Buchau, sein Herz aus über die Abkehr vom Judentum in den Gemeinden. Cr schreibt u. a.: „Schon seit Jahren pflegte man von Rasch Haschono und Jom Kippur als den „hohen Feiertagen" zu sprechen. Das sollte heißen: üie beiden Feste sind die „hohen", folglich die drei anderen die „niederen". Die hohen Feiertage halten wir, die niederen ignorieren wir. So geschah es. daß die jüdischen Geschäftsinhaber und wohl auch Fabrikanten, von Ausnahmen abgesehen, wenigstens am Rösch Haschono und Jom Kippur ihre Betriebe ruhen ließen. Allmählich wurde dann auch der zweite Tag Rasch Haschono preisgegeben. Zwei Tage schienen zu viel, e i n Tag mußte genügen. Das war wenig, beschämend wenig, aber immerhin noch Etwas: ein Zeichen schwachen Judentums, schwachen Judesein- Wollens, aber doch noch ein Zeichen von Judentum, von Judesein-Wollen, eine öffentliche Bekundung des Gefühls der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft. Jetzt beginnt selbst dieses schwache Zeichen zu schwinden, jetzt erlischt der letzte Funke. In diesem Jahr mehrte sich die Zahl der jüdischen Geschäftsinhaber, die nicht einmal am ersten Tag Rosch Haschono, ja vielfach nicht einmal am Jom Kippur, ihre Betriebe geschlossen hatten. Wo es hoch kam. erhielten die israelitischen Angestellten auf besonderen Wunsch frei, das Geschäft selbst blieb geöffnet. Wen klagen wir eigentlich an? Nicht nur die vollkommen Entjudeten, denen der Umsatz und Reingewinn zweier Tage im ganzen Jahr wichtiger und heiliger ist als ihr Judentum. Wir klagen ebenso an die anderen, die noch irgendwie und einigermaßen positiv jüdisch Eingestellten und,— die Rabbiner. Warum wenden sie alle sich nicht mit heller Empörung gegen die fortschreitende „Säkularisierung" des Rosch Haschono und Jom Kippur? Warum schweigen sie gleichgültig und unberührt? Wir haben eine „Toleranz" bei uns großgezogen, die bis zum Uebelwerden geht. Wir tolerieren alles und alle in unserer Mitte. Mischehen. Taufen, Austritte werden mit einem verstehenden, verzeihenden Lächeln hingenommen! — Warum sollten wir gerade die Aufhebung der „hohen" Feiertage nicht tolerieren?!" Herr Dr. Schl, kann zum Schluffe die Frage nicht unterdrücken: „Darf dieses „Judentum" denn noch weiterleben? Soll diese Iudenheit denn nicht untergeben?" Uns erschiene es richtiger, statt des „Darf" und „Soll" das dieses und diese zu unterstreichen. Dr. Schlesingers Schmerz ist gewiß sehr echt. Aber er steht an der untersten Stufe einer historischen Entwicklung, sieht die Wirkungen und Folgen, aber nicht die weiter zurückliegenden Ursachen. Cs mutet beinahe tragikomisch an, daß aus Buchau, der ersten und einzigen Gemeinde, die in der Maienzeit der Reform sich S y n a g o q e tt 310 cf e tt zulegte, dieser Schmerzens- und Weckruf in die Württembergifchen Lande hinausklingt. Wird er das Glockengeläute von einem Jahrhundert — bildlich gesprochen — übertönen? Was Herr Dr. Schl, beklagt, ist nicht auf ein» m a I gekommen. Cs ist zwangsläufige Entwicklung eines Einbruchs in die geweihten Hallen der Religion, der auf Säkularisierung, nicht allein des Iomkippur, auf Verflachung und Entgeistung der Gebete und Bräuche hinausging. Die legitimen Kinder jenes mit Glocken und (Orgelpfeifen eingeläuteten und eingesungenen Cntjudungsprozesses heißen: Abfall, Unwissenheit, Indolenz. Ein letztes noch vorhandenes Fünkchen wird von den Stürmen der Zeit erfaßt und restlos ausgelöscht — auch das Iomkippurlicht im Herzen ... Und dennoch wäre noch nicht alles verloren, wenn alle, die jenes traurige Erbe zu verwalten haben, so dächten und so sprächen — und danach handelten — wie der Rabbiner von Buckau. Man hat lange genug das Hohe Lied der Toleranz gesungen — und sieht jetzt mit Entsetzen, wie mit diesem Gesänge „Schiffer samt Kahn" von den Wellen des Abfalls verschlungen werden. Gewinnt die Jugend für das reine Judentum, nicht das „geläuterte" im Sinne von Geiger und Holdheim, das reine in seiner unberührten ninvi nwnp, für das lebendige Judentum des zwischen und Abend-Schma verlaufenden jüdischen Arbeitstages, und die Feste als Höhepunkte, der Iomkippur als Höchstpunkt werden nicht fehlen! Der „Zwang" zur Sabbat-Arbeit. Bisher spielte sich der Kampf um den Sabbat in Palästina auf der Basis des Gegensatzes zwischen Tat und Gedanken ab. Der Sabbat g e d a n k e schien in Palästina auch die junge Generation zu beherrschen, wenn auch als rein nationaler Gedanke, im Leben und in der Tat wurde gegen den Gedanken gesündigt. Zunächst spielend und spielerisch, dann aber wurde, wie wir es immer voraussagten, aus dem Spiele Ernst, denn für die Dauer war die Jugend nicht davon zu überzeugen, warum das, was auf dem Spielplatz erlaubt ist, nicht auch auf dem Arbeitsplatz — wo es nicht um Ausspannung, sondern Brot geht, — verboten sein sollte.. „Was den Muskeln recht, ist dem Magen, billig." Der Kampf verlies bis jetzt so, daß die Gesetzestreuen gegen dke Sabbatschänder anstürmten, diese aber „bedauerten", durch die gegebenen Verhältnisse weiterspielen, neuerdings auch a r b e i t e n z u m ü s s e n. Zwang der Umstände wurde mindestens vorgetäuscht. Eine grundsätzliche Rechtfertigung oder gar ideologische Begründung der Sabbatarbeit hatte man bis jetzt von der anderen Seite nicht gehört. Die Kraftmenschen im Sportkleide waren in Wahrheit die Schwächlinge, die nicht die Kraft besaßen, das Sabbatopfer zu bringen, im vergleiche zu den Alten und den asketischen Thorajüngern, die heroisch alles hergaben für den Sabbat, oft auch ihre Gesundheit, ihre Freiheit. So war es bisher. Run leitet in einem Blatte, das sich ovn rPin* („Volksfront") nennt, ein Herr mit dem schönen Kamen Llizedek eine neue „Epoche" ein. Lr möchte die Sabbatarbeit nicht aus Gewissensfreiheit geduldet, sondern zwangsweise e i n g e f ü h c t wissen. Heiliger als der Sabbat, orakelt er, seien unsere höchsten nationalen Güter. Habe man doch im heiligen Tempel alle Arbeiten am Sabbat zum Zwecke des G'ttdienens verrichtet. Der Ausbau des jüdischen Heimes sei ein solches G'ttdienen, dem alles, auch die Religion, auch der Sabbat, geopfert werden müsse. Das sei im gleichen Maße von Arbeitgebern, Arbeitern, und selbstverständlich auch von den Gesetzestreuen, zu verlangen. Kämen wir infolge des Sabbat um irgend sine Position im nationalen Heime, dann weg mit dem Sabbat! In der Hasmonäerzeit habe man bestimmt, auch am Sabbat zu kämpfen. In unserem gegenwärtigen Kampfe für die nationale Befreiung sei jenem Beispiele zu folgen, verbrecherisch wäre es, uns dem Sabbat zuliebe des Arbeitsanteiles in Romema zu begeben. „Lebensgefahr verdrängt den Sabbat", hier aber befinde sich die R a t i 0 n in Lebensgefahr! (Oberstes Gebot sei zur Zeit Aufbau des jüdischen Staates, dem sich alle und alles untcrorönen müssen. Gelänge es uns nicht, den Staat zu errichten, wo und von wem sollte noch der Sabbat gehalten werden? Ahnenstolz und Ahnenkugeud. Von A. Mannheimer in Dettekbach. In den jüdischen G'tteshäusern wird gegenwärtig die Geschichte unserer Ahnen verlesen, die Patriarchengeschichte. Fast ein Vierteljahr füllt dieser allsabbatliche Vortrag aus und fast das ganze Buch memia — also ein Fünftel der Thora — ist ihm gewidmet. Bedeutungsvoll genug, wenn man sich vor Augen hält, daß die min eigentlich ein „Gesetzesbuch" sein soll. In diesem Sinne wirft auch Raschi bei Beginn seines Kommentars bekanntlich die Frage auf: „Hätte die Thora nicht auch mit dem Gebot im 2. Bch. M.. Kap. 12 beginnen können, der Verordnung des Pesachopfers?" Man mag daraus ermessen, welche Bedeutung die hl. Lehre nebst dem Schöpfungsbericht gerade der Patriarchengeschichte beilegt, die sie in epischer Breite vor dem gesetzlichen Teil bringt. Jedem denkenden und fühlenden Menschen ist das Interesse an seiner Herkunft oder Abstammung wie ein Ncrtrieb eingeboren. Es ist im Grunde nichts anderes als Re gradlinige Fortsetzung der Ehrfurcht vor den Eltern. der Liebe zu Vater und Mutter. Sie greift nur weiRr zurück. zu den vorangegangenen Geschlechtern, denen man sich nicht nur blutmäßig verbunden fühlt, für die man auch geistige Beziehungen, Vererbungen und seelische Gleichheiten, mindestens aber Aehnlichkeiten stillschweigend voraussetzt. Dies trifft-für das Individuum' ebenso zu wie für die zu staatlicher und völkischer Einheit zusammengeschlossenen Stämme und Familien. Wo gäbe es eine Volksgeschichte ohne solche Rückblicke? Und fast durchgehend-, sind solche Rückblicke von dem Zug ins Heldenhafte begleitet, von der Glorifizierung hervorragender Personen und Ereignisse, denen es nachzueifern gilt. Der Ahnenstolz wird oft zum Ahnenkult. Ist doch immer der Schritt vom Ehrgefühl zum Ehrgeiz, vom Selbstbewußtsein zur Selbstüberhebung, zum dünkelhaften Stolze leicht und verlockend. Aber auch gefährlich und unheilvoll. Aus dieser trüben Quelle wird der Chauvinismus gespeist, der die Völker und Staaten in sich hassende Menschengruppen entzweit, auseinanderreißt und dauernd jede wahre Kultur und Zivilisation gefährdet, zum mindesten jeden Fortschritt echter Menschheitsbildung hemmt und erschwert. Israel weih sich frei von solch traurigen, höchst bedauerlichen Seelenregungen. Die Ahnengalerie, in welche uns die z. Z. laufenden Wochennmo sinführen, weist nichts anderes als Tugendhelden auf. Jdealgestalten, die uns Ehrfurcht und Bewunderung abringen, die uns durch ihre sittliche Reinheit und Größe begeistern und zur Nacheiferung anregen. Die Patriarchengeschichte ist stets erbauend und bleibt uns Lieblingslektüre. Unser Ahnenstolz bleibt die Ahnentugend. Nicht der blutige Lorbeer kriegerischer Heldentaten, nicht klirrende Waffen glanzvoller Ritterspiele in trutzigen Burgen, nicht äußerer Schein und Schimmer blenden uns, sollen uns durch eine innerlich hohle Romantik bezaubern: in nüchterner Einfachheit sehen wir die Gestalten eines Abraham, Jsak Jakob mit ihren Familien über die Bühne schreiten, schlicht und menschlich uns nahe, in ihrer stillen Größe und Wahrheit von tiefstem Eindrücke. Das ist unser Ahnenstolz, das ist unser Ahnenkult. Mit Recht sagten ein jüdischer Staatsmann Englands im vorigen Jahrhundert zu einem Minister, der sich auf seine adelige > Abstammung berief: „Sie vergessen, daß ich zum ältesten Adel der Welt zähle. Abraham, Jsak, Jakob sind meine Ahnen." Betroffen entgegnete der Minister: „Ich muß gestehen, daß ich die Sache noch nie von der Seite aus angesehen habe." Unser Ahnenstolz ist Ahnentugend! Als der Judenhaß Stöcker'fcher Prägung vor einem halben Jahrhundert sich ein modernes Mäntelchen umhängen wollte, nannte er sich Antisemitismus, Gegner der Semiten. Zweifellos eine neuartige Bezeichnung, aber ebenso zweifellos eine ominöse Deklarierung des alten Judenhasses. Was weiß die Geschichte eigentlich von Sem zu melden, unserem ältesten Urahn? Nur Weniges, aber desto Schöneres: daß er die Blöße, welche Vater Noa sich in einer schwachen Stunde gegeben, mit dem Mantel kindlicher Liebe und Ehrfurcht zugedeckt. Sonst nichts. Und darum mußte der Name des Edelfühlenden zur Stigmatisierung finstersten Hasses und mittelalterlichen Rückschritts dienen! Man sieht, mit welcher Skrupellosigkeit und Blödheit der Rassenhaß seine Schlagwörter auf die urteilslosen Massen loslassen kann. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen und in den jüngsten Jahren haben Schulbehörden sich des öfteren bereit gefunden, der „Zeitströmung Rechnung tragend", im Religionsunterricht die Patriarchengeschichte möglichst kurz zu behandeln, fast nur zu streifen. Uns solls recht sein. Wir werden um so liebevoller uns vertiefen in die Erzählungen des ersten Buches Moses. Unsere Kinder sollen erfahren, daß der erste Jude von G'tt selbst in die Ferne, unter die Menschen geschickt wurde mit der Parole rrn »3*13, „Werde zum Segen". Ein schöner Wahlspruch am jüdischen Wappen! Abraham will nach rechts, nach links ausweichen, des lieben Friedens halber. Er zieht zu Felde, ungerufen, um Unschuldige zu befreien, will aber weder Faden noch Schuhriemen von der Beute annehmen: du sollst nicht sagen, ich habe den Abraham reich