Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-10-13 · Heft 42-43 (13.10.1932) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 42-43 (13.10.1932)
Date
1932-10-13
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450745--79150-2536896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Blätter 13. Oktober 1932: gen Lehrer erfüllte, sahen sich deshalb alle auf die Rolwcndlgkeit einer Betreuung sowohl der Schulentlassenen als der die Schule besuchenden Jugend durch die Mittel einer solchen pfadfilcherischen Organisation gewiesen. Und als Losung stellten wir das kostbare Wort des Kaubeles auf:"'/,Freue dich, Jüngling, deiner Jugend, und laß dein Herz froh sein in den Zeiten deiner schwellenden Kraft und wanöle nur in den Wegen deines Herzens und in der Sehnsucht deiner Augen, aber wisse, daß für alles dieses dich G'tt einst ins Gericht fordert." Also Iugendsreude, ssugenökraft, Iugenöcrlebcn, aber dieses alles unter dem hohen Gesichtspunkt unserer ewigen jüdischen Verantwortung, unserer hohen Bestimmung, unserer Verbundenheit mit der Zukunft Israels. Ls gestalteten sich die Besprechungen für de Schaffung einer Jugendbewegung geradezu zu freudig begeisterten Kundgebungen der Lehrerschaft für die Aufrufung der Jugend zu Gesundheit, Reinheit, G'ttesfurcht und G'tterleben. Cs kam so wie von selbst, daß sich auch unser Kurs wie eine Iugendgruppe fühlte. Wenn nicht Regentage uns zwangen, in den Räumen des polangener ProgMnastums zu unterrichten, verlegten wir den Unterricht in den Wald, zum Staunen der Kurgäste, die sich .im großen Kreise um uns lagerten, um sich der konzentrierten Aufmerksamkeit und regen Teilnahme zu freuen. Diese Ausflüge zeigten mir auch ein tiefes Sehnen nach Welt im besten Sinne, nach Ratur und Kunst, nach einer Fülle von Eindrücken, die die Lehrerschaft beseelt, weil sie in sich die Uotwendigkeit fühlten, ihren Schülern viel zu geben; und nur wer auch vielerlei an lebendigen Cnidrücken in sich trägt, kann immer wieder anregen und die Phantasie der Jugend erfüllen und befriedigen. Bei diesen Wanderungen machte sich daher viel echte Lebensfreude geltend. Die hebräischen Gesänge folgten einander in nie abreißender Kette, und die Dankbarkeit für allen Raturgenuß in Betrachtung der Erhabenheit der Schöpfung ebenso wie die Anspruchslosigkeit in allen äußeren Dingen schufen jene frohe, zufriedene Stimmung, die die richtige Grundlage ist für die Gemütsverfassung von Lehrern. So hat der Kursus, der mit einer rührenden Abfchiedsfeier sein Ende nahm, wieder den Ernst der Arbeit der Iawneh bewiesen. Der Leiter dieser Organisation, Herr Koppelowitsch, hat sich erneut dadurch ein großes Verdienst erworben, daß er die äußere Organisation des Ganzen, unterstützt von Frau Direktor Schereschewski-Lewitan, durchführte, und dem KerenHathora gebührt hoher Dank dafür, daß er der Sache feine wertvolle finanzielle und moralische Stütze lieh. „Bobowa" Bobowa :— Trzebinia sind 2 Namen kleiner galizischer Städtchen Bobowa aus der Strecke Tarnow — Sandez dem Wirkungsorte des weltberühmten Gaon und Rebbe, des Sandezer Naw Chajim Halberftam, der unter dem Namen 0”n na-r einen hervorragenden Platz unter den o^na des 19. Jahrhunderts einnimmt. Trezevinia, ein Knotenpunkt für die Linken nach 'Kongreßpolen, West- und Ö>1galizien., Bobowa — Trzebinia sind 2 Namen aber ein Begriff. Ein , Inhalt füllt beide aus und die großen Ehassidim- Massen in Westgalizien stellen sich unter diesen Namen,: die für sie „über alles erhabene Persönlichkeit des „Bobower Raw" (oder „Bobower Nebben") vor. In Anbetracht feines gewaltigen Einflusses auf die heranwachsenoe Jugend in Galizien, wie auch seiner konsequenten Art und Weise, die Jugend im Geiste des „Extrem-Traditionellen" zu erziehen, halte ich es für lohnend, den deutschen Leser mit dieser wunderbaren Gestalt unter den des Ostens wie auch seinem Wirken, etwas näher bekannt zu machen. Früher in Bobowa (daher der Name Bobower Raw) lebt er jetzt mit seiner Fainilie in Trzebinia, das danb der Ilebersiedlung des „Raw" dorthin einen großen wirtschaftlichen Aufschwung nahm. Schon der Vater des heutigen „Raw" erfreute sich unter den Ehassidim einergroßen Popularität, die einerseits seiner fast legendären Klugheit zuzuschreiben wäre, andererseits war dieser direkte Nachkomme des ->"n '-,2eine Talmudautorität von großem Format. Jahrelang leitete er die oa'v-> in Wischnitz, (oort war er a*i bevor er nach Bobowa kam) die zu ihren Zöglingen viele angesehene omna in Galizien zählt. Als dieser n-nanac ’in— so nannte man ihn — im Alter von kaum 53 Jahren verschied, war der heutige „Raw" noch sehr jung. Jung aber würdig trat er das große Erbe seines Vaters sowohl als Raw in Bobowa, ,wie auch als Führer und Berater seiner Ehassidim an. Mit Tränen in den Augen erzählen noch heute alte Ehassidim die Eindrücke, die sie am ersten „Freitag-Abend" beim heurigen „Raw" empfingen. Der Weltkrieg verursachte die mehrfache Ilebersiedlung des „Raw" in verschiedene Stätte, darunter auch nach LLien und Marienbad und hinderte ihn somit an der Erfüllung des hohen Zieles, das er sich gesteckt hat: Erzieh u n g einer Generation im Gei st e der Thora, Erziehung einer Generation, die bereit ist alles für ein ii' l-v irip der Tradition zu opfern, Erziehung einer stolzen, ihrer Iüdischkeit bewußten, im Herzen nia^nn tragenden chassrdischen Jugend die bereit ist allen Hindernissen trotzend Thora zu lernen und Thora zu leben. Extremste Religiosität, strengstes Festhalten an der Tradition sollen zum Lebe us st il der Heranwachsenden Jugend werden, wie vor 500 Jahren, so soll die heutige orthodox oder ch a s s i d i s ch zu nennende Jugend in ihrer Beziehung zu Judentum denken, fühlen, ja leben. Nicht einmal in der äußeren Form sollen Konzessionen gemacht werden, denn das hieße bereits auf etwas — fei es noch so wenig — verzichten. Soweit sich in diesen Zeilen das Kernstück des Programms zu zeichnen versuchte, war die Notwendigkeit, es zu verwirklichen, nach dem Weltkrieg eine dringende Forderung der Zeit geworden. In Galizien lag Alles wüst, die orthodoxe Jugend gab kaum noch Lebenszeichen von sich. Vom „sitzen und lernen" konnte kaum noch die Rede sein. Das Aufflackern der areligiösen nationalen Flamme drohte den a-’jpi' und der Orthodoxie zuzürusen: „Ihr habt abgewirtschaftet! Ihr gehört ins Museum." . . ■ Wenn jemand nicht mehr pbrnn legte — erzählt oft der an mit einem traurigen Lächeln — pflegte er zu sagen: „Ich bin 'doch kein.N'vn". , Hier setzte die Pionierarbeit des „Raw" ein. Er gründete vor allem die große na-’P’ in Bobowa, wo zeitweise 300—400 mvü sich ausschließlich dem Thorastudium widmeten, ganz abgesehen von den vielen „Stüblach", die in fast allen galizischen Städten gegründet wurden. Der Naw widmete sich ganz der Jugend, dem .einzelnen, und das war gerade etwas Neues in ch a s s i d i sch e n Kr ei s e n. Bei anderen Rebbes wird noch heute dem nna sehr wenige Aufmerksamkeit von Seiten des Rebbe geschenkt. Der „Naw" ließ aber nicht aus dem Auge den Grundsatz: prr n’-na pu nst" und verstand es eben dadurch, daß er die omarn, die hlukamcn, bevorzugte, sie an sich heranzuziehen, um dann auf sie einen Einfluß ausüben zu können. „Nach Bobowa. kommen nur hieß es ttt chassrdischen Kreisen vorwurfsvoll, ohne zu verstehen, daß es doch hauptsächlich auf die junge Generation ankommt. Es gehört in Bobowa nicht zu den Seltenheiten, daß sich der „Raw" ftunden?» lang mit einzelnen Bachurim unterhielt, mit ihnen lernte, sie zurechtwies, mit ihnen gemeinsam aß, mit ihnen also immer in persönlichem Kontakte stand. Dies brachte auch mit sich, daß eine immer größere Zahl von jungen Bachurim lieber uach „Bobowa" fuhren, weil sie wußten, daß sie dort erzogen werden, ihnen dort Aufmerksamkeit geschenkt wird und hauptsächlich dem „Naw", alles was sie bedrückte, was sie auf dem Herzen haben, klagen können. Es darf daher auch nicht Wunder nehmen, wenn die „Bobower Bachurim" bereit sind für ihren „Raw" ins Feuer zu gehen. In der Jeschiwo füllte die dort lernenden Bachurim ninwn und min aus. Das war fast immer so. daß die Hälfte der Bachurim vom „„Raw" selber ausgehalten wurden sogar mit Kleidung. Diese Leistung ist kaum zu werten möglch wenn ich auf ein kleines Detail nur Hinweise. In Galizien gibt es einen Kreis „Turka", der sich durch nichts mehr auszeichnet, als durch seine berühmten "pnnn Die jüdische Bevölkerung ist dort furchtbar arm und setzt sich größententeils aus Dorfbewohnern zusammen. Die jüdische Jungens in Turka waren sprichwörtlich geworden sowohl bezüglich ihrer Ignoranz als auch ihres Benehmens. Zur Charakterisierung eines solchen Jungen will ich folgendes erzählen. Ein Junge aus Turka — oder „Türkei" genannt — im Alter von 15 Jahren kommt nach Bobowa. Der „Raw" fragt ihn wie er heißt. „Das kümmert Sie nicht", gibt er zur Antwort. Ohne die Geduld zu verlieren, bittet ihn der „Raw" um Antwort und langsam beginnt der Junge auflauen. „Wieviel seid ihr zu Hause", fragt der „Raw" weiter. „Vier", antwortet der Junge. „Mein Vater, die Mutter, ich und die Kuh." So ungefähr wardas Niveau dieser Jungens, als sie in „Transporten" nach Bobowa kamen, teils hingebracht auf Initiative des „Raw", teils aus eigenem Antriebe, angelockt durch die Aussicht auf freies Essen und Schlafen. Cs ist nun wirklich eine staunenswerte Leistung, wenn man bedenkt, daß heute eine große Zahl von Rabbonim und Dajonim aus diesen Bachurim von Turka wurden. In Turka selbst gibt es bereits „Bobower Stublech", wo man eifrig lernt und das Licht der mm beginnt bereits in dieser Gegend hell zu leuchten. Es ist nun selbstverständlich, daß die leitenden Persönlichkeiten der „Aguda" sich die größte Mühe gaben, den „Raw" zum Eintritt in die Partei zu bewegen. Es half kein Zureden und der „Raw" ließ sich dazu nicht Meine Reise nach Ehnst und Azhorod. Ein Privalbrief. Von Johanna Roos in kosice (Frankfurt a. AL). Schon am Bahnhof beim Besteigen des Zuges zeigt sich, welche Richtung er nimmt, denn das Publikum, das nach Podkarpatska und Marmarofch fährt, ist ein ganz anderes als die Typen, die man in unserer Gegend der Slooakei sieht, obwohl auch diese äußerlich viel „jüdischer" und ursprünglicher aussehen, als die Juden etwa Tschechiens und der Weftslovakei. Große breite Gestalten, mit denen ich niemand raten möchte, in ein Handgemenge zu kommen, aber ebenso groß und stolz wird hier das moaa sann und der Bart zur Schau getragen, wie man sich anderwärts bemüht, kaum eine Spur davon sichtbar werden zu lassen. Von den paar Bauern, die auf dieser Strecke fahren, abgesehen, die also slooakisch sprechen, hört man nur jiddisch und der Schaffner mutz sich darauf ebenso verstehen wie auf die Sprache der anderen „Minderheiten", wenn dies Wort hier überhaupt am Plat/ ist. Das Gespräch dreht sich um alle Belange des öffentlichen jüdischen Lebens. Ich reife in Begleitung einer Schülerin, und da wir unser Lieblingslhema behandeln, sind wir bald in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Ein „aufgeklärter" Muncaczer Jid, )er an der Uhrkette den Zipfel des dortigen Misrachi :rägt, versucht mich von der Ueberflüssigkeit der '"2- Zchulen zu überzeugen, da ja insbesondere in Muncacz :in jüdisch-hebräisches Gymnasium besteht. Daß gerade üefes Gymnasium den deutlichsten Beweis liefert, daß nan unbedingt eine '"a-Schule braucht, weiß er nicht, >a er nicht weiß, daß alles in diesem Gymnasium geehrt wird, nur nicht Jüdischkeit. Als er sieht, daß der Widerstand hier doch größer ist als bei den orthodoxen Eltern in Muncacz, verläßt er das Kupee, um — wie mir Andere sagten — sein Glück wo anders zu versuchen. — Der Zug trägt uns über weite Felder, die von Hügeln begrenzt werden und bald sind wir an der ungarischen Grenze, die wir aber im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. Hier steigen ein paar Magyaren ein, die lebhaft zu den Gestalten kontrastieren, die mit mir gleiches Reiseziel haben. Zwischen Beregsas und Seolus habe ich ein interessantes Erlebnis. Nachdem meine Reisebegleiterin mich verlassen, vertiefe ich mich in die Jubiläumsnummern der --"a-Zeitung und der Warschauer Jugendblätter. Da kommt ein' „baalebatischer" Jid auf' mich zu und fragt mich nach meiner Identität. Auf die erstaunte Frage, wieso er mich erkannt habe, höre ich, wenn eine Dame „jiddische" Zeitungen liest und sich in ihrer Kleidung wesentlich von den anderen Mitreisenden Damen unterscheidet, so kann sie nur eine Angehörige der '"a Organisation sein. Es ist auch tatsächlich nicht das erste Mal, daß man uns an diesen Symptomen erkannt hat. Es stellt sich heraus, daß der Herr ein mir mit Namen bereits längst bekannter Agudift ist, und als er an feinem Ziele angelangt ist, verabschieden wir uns mit der Versicherung, daß ich auch seinen Heimatsort in 1—2 Wochen im Interesse von ■»'ä besuchen müsse, nachdem dies im Anschluß an diese Reise unmöglich ist. Inzwischen hat er Wort gehalten und schon diesen Sonntag werde ich die Stadt besuchen, die sich in die Reihe derjenigen einfügt, die ' eine '"2- Schule haben — oder haben werden. — Ein Schienenautobus oder „Benzin-Eisenbahn" bringt mich gegen 5 Uhr nach Chust. Auf der letzten Strecke habe ich Gelegenheit, diese typischen Glaubensgenossen in einer originellen Art und Weise über lokalpolitische nimp-Angelegenheiten diskutieren zu hören und kann so einen Einblick in die Psyche dieser unserer Brüder gewinnen. — In Chust erwartet mich eine Vertretung des Damenkomitees, trotz nav a-iy und nun fahren wir über eine große lange Straße, die ein ganz anderes Bild zeigt, als es mein Auge gewöhnt ist. Kleine niedrige Häuser, deren manche nur die Bezeichnung „Hütten" verdienten, das Dach vielfach' nur notdürftig gegen Wind und Wetter geschützt "und" größte' Einfachheit allenthalben. Die Aufschriften''der Geschäfte und öffentlichen Gebäude neben dem tschechischen^ auchrussisch und bei „unseren Leuten" selbstverständlich auch jiddisch. Die Sprache der Gasse ist jiddisch. Die Hauptstraße bemüht sich, einen städtischen Eindruck zu machen, da es jedoch schon kurz vor nav war, konnte ich hier kein lebhaftes Bild mehr treffen. In einem vornehmen Haufe, das auch dem Westen alle Ehre machen würde, war ich zu Gaste. Da der Chuster Raw infolge Unpäßlichkeit nicht empfing, besuchte ich die Rabbinerin und klärte sie in einem über eine Stunde währenden Besuch über ’"a auf. Hierbei machte ich die bemerkenswerte Feststellung, daß ihr der Name Sara Schenierer ganz fremd war, woraus ich mir auch ihre anfängliche Passivität erklärte. Beim Abschied wünschte sie mir guten Erfolg und ich glaube, daß mein Besuch unserer Sache nicht geschadet hat. — Auf dem Wege nach Chust hörte ich auch von der in Tacovo in der gleichen Woche bereits eröffnten '"2- Schule, die unter Leitung einer der jüngsten Zöglinge des Wiener Seminars steht. Meine Freude kann man sich vorstellen, nun war ich doch nicht mehr „allein". Zurück nach Chust. Trotz eines heftigen Gewitters und Sturmes, war der nimp-Saal, in dem unsere Veranstaltung stattfand, bis auf den letzten Winkel gefüllt. War es zuerst teils Interesse, teils Neugierde, das die Frauen o zahlreich erscheinen ließ — das Damenpublikum in Chust hat noch niemals einen Vortrag gehört — so konnte man nach dem Vortrage ungeteiltes Interesse feststellen und sogleich stellte sich ein Stab junger Mäd-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.