Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 42-43 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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HCäffer H. Jahrgang tot £andesoi?gantfaHon dev Agudas ^isvvel in Deutfcfilflnd, Berlin, 13. Oktober 1932 / 13. Tischri 5692 Schriftleitung: Wolf S. Jacobson in Berlin.verlagspo st an st alt Frankfurt a. 21T. I Nummer 11 Erfolgreiche Intervention der Agudas Zisroel beim High Lommiffioner Sir Arthur Wauchope. wie bereits kurz gemeldet, empfing der High Commissioner, Sir Arthur wauchope, vor seiner Abreise nach Genf eine Delegation der Agudas Iisroel, bestehend aus Rabbi Mosche Blau und Advokat Dr. ,Buchsbaum. Die Hauptgegonstände der Unterredung bildeten Hie Fragen der Einwanderung orthodoxer C h a l u z i m , der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der orthodoxen Gemeinden und die brennende Sabbatfrage, die durch die Betonarbeit an dem Reservoir von Romemo besonders aktuellen Charakter trägt. Bereits wenige Tage nach der stattgehabten Unterredung ließ der high Commifsioner durch Verfügung vom 28. September die Agudo-Zentrale wissen, daß Seine Exzellenz eine erneute Untersuchung darüber angeordnet habe, ob es technisch möglich sei, die Betonmischung regelmäßig über Sabbatzu unterbrechen.*) Außerdem verständigt der High Commifsioner die Agudas Iisroel, daß es zu feiner Freude durch besondere Bemühung gelungen sei, zu erreichen, daß die bei den Betonarbeiten beschäftigten jüdischen Arbeiter zunächst einmal.am Reujährsf e st e und am Versöhnungstage von der Arbeit befreit werden. Auch in der Frage der Linwander u n g von orthodoxen Chaluzim ist eine Verfügung des High Lommissioners ergangen, aus der hervorgeht, daß die Regierung ernstlich bemüht sein wird, den wohlberechtigten Ansprüchen der Orthodoxie auf gleichberechtigte Einwanderung nach Lrez Iisroel durch Verhandlungen mit der Agency Rechnung zu tragen. Zugendfceude, Zugendkraft und jüdische Verantwortung. Auszug aus dem Bericht über den Fortbildungskursus der Jawneh-Lehrerschaft im Sommer 1952 in polangen, erstattet der Reren-Hathora-Zentrale in Wien von Gberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. Ium zweiten Male hat sich am Strande der Ostsee die in der Iawneh zusammengefaßte religiöse Lehrerschaft Litauens zu einem Fortbildungskursus zusammengcfunden. Trotz der Wirtschaftsnot, trotz der verminderten Gehälter, die jeden Lehrer zu äußerster Sparsamkeit und Einschränkung zwingen, ist der Kursus Wirklichkeit geworden: ein Ausdruck der Bilöungsfühigkeit, des Verantwortungsbewußtseins und des Idealismus der Iawneh-Lehrer. Cs gibt in Litauen auch eine sehr starke kommunistische jiddischiftische Organisation der Lehrer; es gibt ferner eine außerordentlich starke zionistisch-nationalistische Gruppe, die Tarbuth-Bewegung. Cs war ihnen trotz aller Bemühungen nicht gelungen, einen ähnlichen Kurs zustande zu bringen; und hier gelang es nun unter den schwersten Umständen zum zweitenmal. Und auch dieses Mal wurde von den Teilnehmern mit einem Fleiß und einer Arbeitswilligkcit gearbeitet, die die höchste Anerkennung verdienen. Schon in den Frühestunden begann die Arbeit, so daß das Minjan der Lehrer allem anderen G'ttesöienft in der Stadt voranging, und außer den hei¬ *) Wie uns von einem Fachmann mitgeteilt wird, kann man Beton jeden Tag von neuem mischen, so, daß gerade bei dieser Arbeit die Sabbatruhe genau wie die Sonntagsruhe ohne Schaden für den Betrieb möglich ist. Ned. ßen Mittagsstunden, die dem Seebad und dem Aufenthalt ain Strande galten, war der Tag voll mit Arbeit erfüllt. Die Lehrerschaft des Iawneh darf ohne Einschränkung als eine relativ hochstehende bezeichnet werden. Selbstverständlich ist auch sie noch keine ideale. Aber die Aufgabe, die diesen jungen Menschen gestellt wird, ist eine ungewöhnlich schwierige. Alle Lehrer, die in diesen Schulen der Iawneh als Vertreter einer ernsten religiösen Erziehung wirken^ haben selbstverständlich eine pädagogisch viel schwerere Ausgabe als alle anderen Untcrrichtsanstalten, weil es ja nicht bloß um die allgemein menschliche Bildung geht, sondern die Schüler zu der großen Opfersähigkeit und Hingabe an Thora und Mizwaus erzogen werden sollen. Das Ziel ist um so schwerer zu erreichen, als sich für den Unterricht in den heiligen Fächern durch die Maßnahmen der Regerung nur eine ganz eng begrenzte Zahl von Unterrichtsstunden ermöglichen läßt und die Lehrerschaft darauf angewiesen ist, in freiwilligen Kursen die Lücken des religiösen Wissens ihrer Zöglinge zu ergänzen, an das ja noch in Litauen glücklicherweise hohe Ansprüche gestellt werden. Diese so erschwerte Aufgabe soll geleistet werden von meist noch jungen Anfängern, die ein Schulwesen erst neu schaffen sollen, die noch nicht auf eine unterrichtliche Tradition fußen können, die erst den Stand und das Standesbewußtfein des jüdischen Lehrers und seine Anerkennung innerhalb der jüdischen Gesellschaft durchsetzen müssen. Sie sind ganz eigentlich Pioniere einer jüdischen Schule, und zwar einer Schule, die sich im Gegensatz und doch in organischer Verbindung mit jahrhundertealtem Herkommen gestalten soll, die umwittert ist von den Gefahren eines Kulturkampfes, der in Wesen und Form in ihrer Welt ein Renes darstellt. Und daher muß auch der Typus des Lehrers eilt neuer sein. Er soll aus der einen Seite Träger jüdischen Wissens, ein religiöses Vorbild in Leben und Wirken sein, auf der anderen Seite ist er. der einzige Träger moderner Bildung, der in Städte und Städtchen und Dörfer, abgeschnitten von einem tragenden Bildungsmilieu, weltliches Wissen hineinzutragen berufen ist. Man möchte fast sagen: die Aufgabe sei zu schwer und zu groß. Sie kann infolgedessen eine volle Lösung nicht finden. Aber gerade durch die Schwierigkeit dieser Aufgabe ist der junge Lehrer der Iawneh von einer großen Spannung erfüllt, der Spannung zwischen G'tt und Welt, zwischen einst und jetzt, zwischen Ueberzeiillchem und Weltfreudigem, was seinem Dasein einen mächtigen Impuls gibt. Der von mir geleitete pädagogische Kurs war gewissermaßen das Sammelbecken all der wünsche und Strebungen in der Seele der Junglehrer. Cr war als rein pädagogischer Kurs gedacht und setzte auch als ein solcher ein; als Orientierung über Grundfragen der Pädagogik, über Möglichkeit und Grenzen der Erziehung, über psychologische Vorfragen, die Methoden der psychotechnik und Psychoanalyse, über Fragen der Gestaltung der einklassigen Volksschule, über Disziplin und äußere Hebung des Gesamtunterrichts, ferner über Fragen, die sich im Begriffe der Arbeitsschule oder im sogenannten Gesamt- und Sammelunterricht konzentrieren. Dann kam die Problematik und die moderne Auseinandersetzung über die Ziele der Pädagogik, ob Individual- oder Sozialerziehung, ob staatsbürgerliche oder religiöse Erziehung, ob Lebenstüchtigkeit oder persönlichkcits- und Charakterbildung. Und wie diese Themen angeschlagen werden, da bricht die Diskussion über alle Ufer. Eine verhaltene problemfülle bricht sich Bahn und die große Spannung in der Lehrerseele macht sich Lust, wir hatten einen Punkt ängerührt, wo die Lehrerschaft im Inneren um ihre Aufgabe ringt und die Aktualität der Entscheidung aufs tiefste verspürt. Denn das kleine litauische Land, das äußerlich solch geruhigen Eindruck macht, wo man einen gesetzten und abgeklärten Menschenschlag antrifft, stellt doch nicht die ruhige Atmosphäre dar, die man wohl vermutet. Auch hier platzen die Weltanschauungen aufeinander. Von Rußland her weht der scharfe, eisige wind des Atheismus, des Sowjetkommunismus; von Westeuropa her möchte sich der Geist des Lebensgenusses, der Laxheit, der Relativität alles Geistigen einschleichen. Obwohl praktisch das Agrarland die Schärfe der Wirtschaftskrise nicht so sehr verspürt, sind theoretisch die sozialen Probleme in mächtiger Zuspitzung; vor allem aber ist im jüdischen Lager, im Kampf mit Zionismus und areligiöser Kulturliga, die Ueberlieferung und die Thora^reue das heißumstrittene, heißbefehdete Problem. Ukd so fuhr es aus der Lehrerschaft wie ein Blitz hervor: was bedeuten uns diese allgemeinen pädagogischen Betrachtungen! Sie kommen erst in zweiter Linie, wir brauchen aktuellere Fragestellungen: wie gewinnen wir die uns entfremdeten Herzen für die Mizwaus, wie führen wir die Kinder praktisch ins religiöse Leben hin-! ein, wie rechtfertigen wir das Judentum gegenüber! dem Sozialismus, wie bekämpfen wir pseudophiloj sophische Irrungen, wie erklären wir den Konflikt J von Glauben und wissen, alle die Schwierigkeiten, j die sich zwischen Bibclwissenschaft und Raturwissenschaft auf der einen und der Thora aus der anderen - Seite gezeigt haben? Und diese Fragen drängen sich in den Vordergrund und beherrschen inehr und mehr unsere ganze Arbeit. Dabei nracht sich, nach übereinstimmendem Be-! richt aller, als das Grundübcl in Litauen eines gel- 1 tend: das versagen des Elternhauses. Die hvuu' j und nationalpolitische Propaganda hat die Gasse - überschwemmt^ die Kinder fanatisiert und den Eltern 1 das Selbstvertrauen und den Alut geraubt. Sie l fühlen sich zu schwach zur Erziehung, weil ihnen das -j Geschrei der Straße ihre Autorität abgcsprochen hat. ■ Die immerhin auch in Litauen relativ groß" w-rl- , schaftsnot und die mangelnde geistige Rüstung, vit j sic selbst gegenüber dem Zeitgeist und seinen fronen in sich tragen, haben die erzieherische Sich ' heit der Alten noch weiter geschwächt. Die religiöse ' Schule steht infolgedessen isoliert; ihr Partner und Mithelfer, das Elternhaus mit seinem Frieden und seiner Weihe, fehlt. Cs muß notwendig eine neue Ergänzung der Schularbeit gesucht werden. Der Lebrer kann nicht als solcher allein die Formung der jugendlichen Seele - leisten, er muß ein Wittel, ein Milieu schaffen, worin das nachgeholt werden kann, was sonst Vater und Mutter und das Haus den Kür-. dern bedeuten. So klang es wie ein einheitlicher Ruf aus der ganzen Lehrerschaft: wir brauchen eine Jugendbewegung, etwa nach Form und Muster der Csra in Deutschland, wo durch die Selbstarbeit der I Jugend an sich, wo im vertrauten Zusammensein, zwischen Lehrer und Schüler die Jugend einen Le-; bensraum gewinnt, in der die große Forderung der Religion mit allen natürlichen Antrieben der Jugendlichkeit sich verbinden. Und so bildete die Frage der Schaffung und Zielsetzung einer religiösen Jugendbewegung ein Hauptthema unserer Besprechungen. Roch viele andere Momente führen zwingend zu: einer solchen Jugendorganisation hin. Einmal ist es - ausgesprochene Tendenz der Regierung, in allen: Schulen eine Scouts-Bewegung zu fördern, auf der! anderen Seite bat die schon beklagte Schwäche des Elternhauses und der sich geltend machende feminine! Geist, den die sogenannten Gebildeten mit Mode und Luxus einschmuggeln, die alte Sittenstrenge bedroht! und die sexuelle Frage in der Jugend zu einem ttagi-j scheu und brennenden Problem gemacht. Gerade aus, dem tiefen vcrantwortungsbewußtsein, das diese jun-