Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 42-43 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 42/43 Der Israelit 13. Oktober 1932 Schabbos-Uhren nur bei Ingenieur i J. HEINRICH, Elektrotechnik Hanauerfandstraße 38 Telefon 26382 Gemeindeinstanzen, mit Hilfe der Polizei alle geplanten Umzüge und öffentlichen Versammlungen nach Moskauer Muster zu verbieten. In einem Falle wurde sogar eine Frau mitten in einer Brandrede gegen Jom Kippur von der Polizei vom Podium ins Revier abgeführt, wo sie vielleicht die Rede fortsetzen konnte. Aurin auf den Kehillarat. Warschau, 7. Okt. Die erste Sitzung des Kehilla-Rates nach den Sommerferien am 29. September verlief recht lebhaft. Die erste Ueberraschung war die Mitteilung, daß Ratmann Oscher M e n d e l s o n sein Mandat niedergelegt und an seine Stelle als Bertrteer der Aguda-Liste Herr Jizchok R i b a getreten sei. Gleich darauf unternimmt die Opposition durch Dep. Lew den Versuch, gegen den Kehillo- Rat und das Budget Sturm zu laufen. Präsident Masur teilt mit, daß die Regierung darauf dringe, daß das Budget endlich vom Kehillorat verabschiedet werde. Er machte bei der Gelegenheit auch einige sachliche Mitteilungen über den neuen Etat. Wiederum nahm die Opposition das Wort. Dr. M i l e i k o w s k i von der demokratischen Gruppe glaubt eine Vorlesung über Hygiene in den Gemeindeanstalten halten zu müssen und regt sich darüber auf, daß man in dein Kehilla-Ambulatorium die Sabbat r u h e e i n g e f ü h r t hat. Sehr treffend gibt ihm I. M. L e w i n zur Antwort, daß die bisherige Offenhaltung des Ambulatoriums am Sabbat ein Schandflecken der Gemeinde war. „Daß wir zwei Tage vor Rösch Haschono in der Kehillaverwaltung den Sabbat verteidigen müssen, beweist, welche Aufgaben die orthodoxe Mehrheit noch zu lösen hat." Zu verzeichnen ist, daß auch der Misrachivertreter, Parnes Urbach, sich in Sachen des Sabbat ganz auf Seiten der Orthodoxen Fraktion stellte. Wie man erführt, ist von Grünbaum geplant, eine große Konferenz aller zionistischen Ratmänner in Polen nach Warschau einzuberufen. Die Tagesordnung bewegt sich in der Hauptsache um die Frage: „Sollen die zionistischen Vertreter sich unter der orthodoxen Majorität von der Kehillaarbeit ganz zurückziehen oder nur scharfen Kampf den Gemeindeorganen ansagen?" Hilferuf einer der größten Talmudlehranstalten der Hielt. Wilna, 10. Okt. Ueber die I e s ch i w a in Mir ist unseren Lesern genugsam berichtet worden. Daß sie zu den bedeutendsten Pflanzstätten des jüdischen Geistes gehört, ist allbekannt. Die Jeschiwa ist in Not, d. h. ein Teil der 400 Jünger, die der eigenen Mittel entbehren, von der Jeschiwaverwaltung aber infolge der Krisis nicht oder nicht genügend unterstützt werden können und dennoch von der Quelle ihres Lebens nicht weichen wollen, leben und lernen unter unsäglichen Entbehrungen. Ein Verein innerhalb der Jeschiwa unter dem Titel rmn -o-m läßt sich angelegen sein, für diese verarmten Kollegen zu sorgen. Die Zahl der Notleidenden hat sich durch Zuzug aus Rußland vergrößert. Unter den Hilfsbedürftigen befinden sich auch viele Doppelwaisen, und der genannte Verein ist heute nicht in der Lage, aus eigener Kraft für die Darbenden zu sorgen. Er wendet sich mit einem Appell an alle Thorasreunde in der ganzen Welt, den Tribut ihrer Liebe denen zu weihen, die Tag und Nacht dem Thora st udium obliegen und in der Sonne der Thora zu Kapazitäten und Führern heranreifen. Es genügt, wenn man sagt, daß der Aufruf befürwortet und unterschrieben wird von dem bekannten Leiter und Mussarlehrer Rabbi Jerucham (Rabin I. Lwowicz, Mir, Wojew. Nowogrodzkie Polen), der auch Spenden für diesen Zweck entgegennimmt. Rußland. Ein Mißerfolg der antireligiösen Kampagne anläßlich der hohen jüdischen Feiertage. Moskau, 7. Okt. „Emeß" erhebt schwerste Anklage gegen die jüdischen Dorfzeitungen wie z. B. „Leninweg" in Freidorf, „Kol- Die Woche. Berlin. Nach den soeben bekanntgegebenen statistischen Erhebungen betrug die Zahl der bei den Berliner Amtsgerichten im Jahre 1931 abgegebenen Kirchenaustrittserklärungen 79 274 gegen 66 635 im Jahre 1930. Das entspricht einer Zunahme von 19 v. H. Die jüdische Austrittszisser war in den letzten Jahren ungefähr konstant 'gewesen: 1927: 559, 1928: 556, 1929: 579, 1930: 586. Sie sprang im vergangenen Jahre aus 722, ist also um 23 v. H. höher als die Ziffer von 1930, wobei wohl zumeist finanzielle Gründe mitspielen. — Für rund 10 000 Arbeiter und 40 000 Angestellte des Berliner Einzelhandss sind die Lohn- und Mantel-Tarife gekündigt worden. Für die Angestellten wird eine Gehaltskürzung vvn 15 bis 25 Proz. gefordert. Ohne die in Gang befindlichen Tarif-Verhandlungen abzuwarten, hat sich die Schuh-Firma Leiser bereit erklärt, die Gehälter und Löhne für ihre 3000 Arbeiter und Angestellten bis;um 31. Dezember d. I. in u n v e r ä n d e r t e r Höhe weiter zu zahlen. — Ans einen Glückwunsch des R. j. F. an Hindenburg, antwortete dieser: „Dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten spreche ich für seine Glückwünsche zu meinem 85. Geburtstage sowie für die schöne Blumenspende und das Gedenkbuch meinen herzlichen Dank aus. In ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich das Buch entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverlviöen." — In der letzten Sitzung Los Stadtrat von Coburg, dessen Mehrheit nationalsozialistisch ist. wurde der Beschluß gefaßt, den Pachtvertrag mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Coburg zum 31. ' Dezember dieses Jahres zu kündigen. Damit wird die jüdische Gemeinde, die seit über 60 Jahren von ihr benutzte Synagoge aufgeben müssen, wenn die Staatsregierung nicht noch anders verfügt. Nürnbcrg. Der „Stürmer" hat den Totschlagsfall in Paderborn zu einer blutrünstigen Ritualmordhetze ausgeschlachtet. Auf Antrag der Ortsgruppe Nürnberg des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist die Nr. 39 des „Stürmer" wegen des Vorwurfs des Ritualmords b e - f ch I a g n a h m t und ein Strafverfahren gegen den „Stürmer" eingeleitet worden. Würzburg. Auf dem alten jüdischen Friedhof der Israelitischen Kultusgemeinde A f ch b a ch (Bayern) wurden in einer der letzten Nächte drei Grabsteine umgeworfen, von denen zwei vollständig zertrümmert find. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. Königsberg. In AI l e n st e i n und anderen Stäoten Ostpreußens wurden mehrere Nationalsozialisten verhaftet, denen die Anschläge auf die jüoischemKauMuser nachgewieseu werden kann. Danzig. TDer Senat ordnete die A u s - w e i j ung von vier reichsdeutschen Hitlerkeuten an, die eine Reihe Terrorakte gegen jüdische Einwohner der Umgebung verübt hatten. Bern. Der Vertrieb des seit November 1931 als Organ der „Nationale Front" in Zürich srscheinenoen Blattes „Der Eiserne Besen" ist im Kanton St. Gallen durch eine Verfügung des Negiernngsrates für das ganze Kantonsgebiet untersagt worden. Das Bundesgericht hat das Verbot bestätigt. Amsterdam. Die neue religiösliberale Gemeinde im holländischen Judentum konnte in diesem Jahre an den hohen Feiertagen religiös-liberale Glltesdienste noch nicht abhalten. Hingegen soll schon im Oktober d. I. in Amsterdam mit der Einrichtung religiösliberalen Unterrichts begonnen werden. Ob sich die Schüler in den Schulen zahlreicher, einsinden, als die Beter in der liberalen Synagoge!? Bukarest. Bei der Vereidigung der Reserveoffiziere, die zum Teile aus die Rosch Haschono-Tage siel, wurde den jüdischen Reserveoffizieren freigestellt, außerhalb der Reihe sich an einem anderen Tage zur Vereidigung zu melden. Warschau. Ein neues polnisches Gesetz schreibt vor, daß Handwerler, die das Recht beanspruchen, Lehrlinge zu beschäftigen, sich einer sogenannten Meisterprüfung in polnischer Sprache zu unterziehen haben. Mit Ende September lief der Termin für Meisterprüfungen ab. Allein in Warschau konnten sich 10 500 jüdische Handwerker der Prüfung nicht unterziehen und verloren somit das Recht, Lehrlinge zu beschäftigen. Dies bedeutet Vernichtung des jüdischen handwerklichen Nachwuchses. Jerusalem. Die arabischen Führer erließen heute einen Ausruf an die arabische Bevölkerung, den 2. November d. I., den Jahrestag der Verkündung der Balfour-Deklaration, zu einem Tag arabischen Protestes zu gestalten und im ganzen Lande Versammlungen abzuhalten, in denen Entschließungen gegen das Mandat und die Balfour-Deklaration gefaßt werden sollen. Über 25 Jahre altbewährtes1 Haus- und Einreibemittel bei Rheuma, Ischias, Kopf-, Rerven u. Eckältungsschmerzen Ermüdung, Strapazen, Sport. Karmelttergelst Amok in allen Apotheken und Drooerien. wirt-Emeß" in Kalinindorf, „Kolwirt-Stern" in Neu- ' Zlatopol und „Stalinindorfer Emeß" in Stalinindorf und i wirft ihnen vor, daß sie bis antireligiöse Kampagne sabo-. j tiert hätten. In allen jüdischen Rayonen konnten am - Rosch Haschana die „Klej-kodesch" (religiöse Funktionäre) i und die übrigen „Klerikalen" zum Schaden des kollek- > tiven Aufbaus „ihr Treiben fortsetzen". | „Emeß" bringt Telegramme, in denen mitgeteilt wird, daß in vielen Orten jüdische Kolonisten die Arbeit zur Einbringung der Rübenernte im Stich gelassen und z u Rosch Haschana in die Bethänfer gegangen find. jOie Judenheit Palästinas fordert von der Regierung, daß sie allen bei öffentlichen Arbeiten beschäftigten Juden die Sabbathallung ermöglicht. Jerusalem, 10. Okt. Führer der religiösen Judenheit Palästinas hielten unter dem Vorsitz von Rabbi Kuck, Rabbi Meir Berlin und anderen Persönlichkeiten eine Sonderberatung ab, die der Frage der Ermöglichung der Sabbathallung für die in öffentlichen Diensten stehenden Juden gewidmet war. Es wurde eine Resolution angenommen, in der gegen die Palästina-Negierung die Klage erhoben wird, daß sie entgegen ihrer Verpflichtung) den bei öffentlichen Arbeiten beschäftigten Juden nicht die Möglichkeit gibt, den Sabbat zu beobachten. Die Regierung wird in der Resolution darauf aufmerksam gemacht, daß sie gemäß dem Palästina-Mandat verpflichtet ist, den jüdischen Arbeitern und Angestellten an Sabbattagen wie an hohen jüdischen Feiertagen Arbeitsdispens zu erteilen. In einer zweiten Resolution werden die I e w i s h Agency, der Keren Kajemeth und der Keren Hajessod in ultimativer Form aufgefordert, „binnen sechs Monaten die in der Frage der Beobachtung der jüdischen Religion entstandenen großen Breschen zu schließen." Sollten, heißt es in der Resolution weiter, diese Organisationen nicht in den von ihnen finanziell unterstützten Kolonien und Kwuzoth Schritte nach der Richtung der Heiligung des Sabbat ergreifen, dann werde die orthodoxe palästinensische Judenheit sich gezwungen sehen, mit Billigung aller führenden Rabbiner einen Appell an die Judenheit in der gangen Welt zu richten, für diese Organisationen keine Gelder mehr herzugeben und nur solche jüdische Organisationen Palästinas zu unterstützen, die das Land auf religiöser Basis aufbauen. Die Konferenz beschloß die Bildung einer Körperschaft zur Förderung der Sabbatbeobachtung durch jüdische Kaufhäuser, Fabriken, Taxi-Chauffeure, Bäckereien. Fleischer u. a. m. Die Konferenz protestierte in einer weiteren Entschließung gegen die Teilnahme der Jewish Agency an dem Abschluß des Arbeitsvertrages zwischen der Regierung und jüdischen Arbeitern betreffend den Bau des Wasserwerks in Romema, weil dieser Vertrag die jüdischen Arbeiter zu Sabbatarbeit verpflichtet. Die Konferenz protestierte auch gegen jene Organe der Sowjetunion, die die Juden zwingen, an jüdischen Feiertagen zu arbeiten. Am Sonnabend, den 8. Oktober, (Schabbath teschuwah), demonstrierten 400 religiöse Juden aus Jerusalem in der Vorstadt Romema öffentlich dagegen, daß 60 jüdische Arbeiter gemäß Vertrag mit der Regierung gezwungen sind, am Sabbat Arbeit zu tun. Die Polizei trieb die Menge auseinander und machte hierbei von den Knüppeln Gebrauch. Rabbi Abraham Blau, ein Sohn von Rabb. Mosche Blau, wurde wegen angeblichen Widerstands gegen die Polizeigewalt verhaftet, aber bald gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Eine Abordnung des Waad Leumi besuchte den Distriktskommissar von Jerusalem unb bat ihn, den jüdischen Arbeitern an Sabbattagen Arbeitsdispens zu erteilen. Der Dlstriktskommiffar erklärte, dies sei aus rein technischen Gründen sehr schwierig: man könne wohl jüdische Arbeiter, die am Sabbat nicht arbeiten wollen, von ihrem Vertrag entbinden, müßte sie aber dann durch ägyptische Arbeiter ersetzen. (Siehe Hierzu die Notiz an der Spitze der „Blätter". Red.).