Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 42-43 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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13. Oktober 1932 Der Israelit Nr. 42/43 Seite 5 8 futicrft wie man ihn bekämpfet! kann. Man sollte deshalb meinen, die Gemeinden würden bei Anstel--., stmg ihrer Beamten, die Väter größerer Familien! . b e v ost'z u g e n. In beschämender Weise sehen wir oft das Gegenteil. Man ist schon gewöhnt, daß beim Ausschneiden von Posten, von vornherein unverheiratete ' Bewerber oder Herren mit kleiner Familie gesucht werden. Und wo es Gemeinden aus berechtigtem Schamgefühl unterlassen, werden fast regelmäßig Bewerbungen von Herren mit größerer Kindenzahl nicht berücksichtigt. Als Grund wird bald die Verantwortung angegeben, die man bei Vätern größerer Familien übernimmt, bald die Verpflichtung, die Kinderzulagen zahlen zu müssen. Vernunft wird hier Unsinn, Wohltat, Plage. Man fürchtet sich vor feinem guten Herzen und bemüht sich deshalb, schlecht zu sein.' Weil man sozial sein will oder muß, ist man unsozial. Wenn eine Gemeinde aus irgend welchen Gründen einen Beamten nicht sofort fest anftellen kann und es ihm von vornherein sagt, so ist es Angelegenheit des betreffenden Kandidaten, zu überlegen, ob er auf eine befristete Anstellung eingehen will. Die Verantwortung trägt er und nicht die Gemeinde. In einer Zeit der wirtschaftlichen Unsicherheit wie die unsere müssen die meisten Menschen glücklich sein, ihr gegenwärtiges Auskommen zu haben. Die Festanstellung der Gemeindebeamten ist sehr wünschenswert, und liegt am meisten im Interesse der Gemeinden selbst. Wo sie aber unter heutigen Verhältnissen nicht von vornherein möglich ist, stehen sich die Beamten nicht ungünstiger als die allermeisten kaufmännischen Angestellten, die mit der I Möglichkeit des Abbaues leider nur zu sehr zu rechnen haben, in der Regel noch weit mehr als sehr viele nicht fest angestellte Gemeindebeamten. Roch weniger darf die Furcht vor der Verpflichtung zu den Kinderzulagen Grund für Richtanstellung eines Bewerbers mit größerer Familie fein. Zumeist stnd ja die Familienzulagen so gering, daß sie nicht allzusehr ins Gewicht fallen, wo sie aber tatsächlich die Zahlungsfähigkeit der Gemeinde überschreiten, ist es richtiger, vor der Anstellung ganz j offen dem Bewerber zu sagen, daß man nicht in der Lage ist, die Zulage zu geben, als mit Rücksicht auf sie von der Anstellung abzusehen. Cs ist dann Sache des Bewerbers, sich zu entscheiden, ob er den Posten unter solchen Bedingungen annehmen soll oder nicht. Aber deswegen den Kandidaten ablehnen, B weil man die Kinderzulagen scheut, andererseits grundsätzlich sie nicht streichen will, ' bedeutet: weil man sich schämt, unsozial zu erscheinen, zieht man es vor, unfozal zu sei n. Die Vorsteher der Gemeinden sollten sich in die Lage der Männer hinein versetzen, -denen Wirkungskreise deswegen verschlossen werden, weil sie unter großen persönlichen Dpfern den j a h r t a u s e n d - » a l t e n S e g e n d e s j ü d isch e n v o l k e s , die Kinder, ihm erhalten wollen! Sie sollen bei der Besetzung gerade solcher Posten, deren Vorbedingung Idealismus und Dpferfreudigkeit. sein muß, nicht die Männer zurückstoßcn, die ihre Fähigkeit hierzu bewiesen haben, wer das Streben hat, eigene Kinder zu guten Iehudim heranzuziehen, wird auch für die Erziehungder Jugend der Gemeinde das beste Verständnis haben. Wer die Sorge um Erhaltung der eigenen ^Familie trägt, wird am ehesten die Sorgen der Familienväter der Gemeinde mitfühlen können. Größere Kinderzahl des Bewerbers darf/, nicht gegen ihn sprechen, sondern soll Grund sein., ihn zu bevorzugen. Die Kinder sind die Bauleute der Zukunft. ■jm npn bx Wochenkalender. 00m 15. - 22. Okt. 1932 15. - 22. Tischri 5893 'VN tp N2'2 Samstag Olt. 15 •>~re?n 15 na 's vn man Sonntag 16 16 12 '2 VN J1120 Montag 17 17 12 Dienstag 18 18 N2 nyian i>in Mittwoch 19 19 V2 > Donnerstag Freitag 20 20 i- 21 21 rrb Rn 8ND1N Samstag 22 22 2b msy 'nvv Korrespondenzen * Nachrichten. Korrespondenzen « Nachrichten. V Deutsches Reich. vom Rabbinerseminar zu Berlin. Berlin, 9. Okt. Die Eröffnung des Wintersemesters am Rabbiner s e m i n a r -z u Berlin findet am Donnerstag, 27. Oktober, 19 (7) Uhr statt, bei der der gegenwärtige Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Herr Dr. S. Grünberg, über „Ein unbeachtetes Hilfsmittel zur Erforschung des Buches Jesaja" sprechen wird. Den halachischen Eröffnungsvortrag hält Herr Dozent Dr. I. Weinberg am Sonntag, 30. Oktober, 17 (6) Uhr. Das Vorlesungsverzeichnis sieht außer demtäglichen Talmud unterricht, der in drei Haupt- und einer Hilfsabteilung erteilt wird, und dem Unterricht in D e z if o r e n, Vorlesungen in Pentateuch- und Bibelexegese, in hebräischer Grammatik, Referate und Midrasch, in Literaturgeschichte (Dr. Grünberg), Geschichte verschiedener Epochen und Pädagogik (Dr.Auerbach), Zeitalter der Geonim und Quellenkunde (Dr. E. E. Hildesheimer) und „Religionsphilosophie nebst Lektüre von More Nebuchim" (Dr. A. Altmann) vor. Die Aufnahmeprüfung findet am Donnerstag, 27. Oktober, 9 Uhr statt. Rundfunk und Schule itn Unterrichtsausschuß. Berlin, 4. Okt. Im Unterrichtsausschuß des Preußischen Landtags stand am Montag der Antrag der Nationalsozialisten zur Beratung, der eine Beschäftigung nur deutschstämmiger Künstler und Geistesarbeiter beim Rundfunk forderte. Der sozialdemokratische Abgeordnete Meier- Berlin übte eine beißende, aber sehr vornehme Kritik an dem gesunkenen Külturniveau, das seiner Auffassung nach auch mit dem Einfluß des Ministerialrat Dr. Scholz beim Rundfunk Zusammenhänge. Selbstverständlich würden die Sozialdemokraten aus grundsätzlichen Erwägungen gegen den Antrag stimmen, artfremde, d. h. jüdische Kräfte, und Ausländer sofort abzubauen. Entscheidend könne immer nur die Qualität der Darbietungen sein. Die Sozialdemokraten würden es niemals zulassen, die Juden als Staatsbürger zweiter Klasse abzustempeln. Außerdem werde eine Entlassung etwa beschäftigter ausländischer Künstler ganz sicher Repressalien für im Ausland beschäftigte deutsche Künstler nach sich ziehen. Der Zentrumsabgeordnete Dr. Lauscher sprach ebenfalls von einem Ueberwuchern des jüdischen Einflusses im früheren Rundfunk, das nicht in jeder Beziehung der speziellen Begabung der jüdischen Rasse entspreche. Lauscher betonte allerdings dabei, daß er sich frei von jedem Antisemitismus wisse und sich für keinerlei antisemitische Tendenzen einsetzen wolle. Schließlich brachte er namens des Zentrums einen Abänderungsanrag ein, in dem es heißt: „Bei der Besetzung der Stellen beim deutschen Rundfunk' ist mit allem Nachdruck darauf hinzuwirken, daß die Kräfte des Rundfunks stärker als bisher in den Dienst christlicher und deutscher Kultur gestellt werden." - Der Berichterstatter, der nationalsozialistische Abgeordnete Haupt, berief sich in seinem Schlußwort ausdrücklich auf den Zentrumsvertreter, als er erklärte, die Nationalsozialisten begrüßten es, daß auch Dr. Lauscher — ein Führer des Zentrums — von jüdischer Rasse und von semitischen Einflüssen spreche. Das sei immerhin ein Fortschritt, den man bei der katholischen Kirche und beim Zentrum feststellen müsse. Die Nationalsozialisten selbst bleiben aus politischen und weltanschaulichen Gründen bei ihrem Antrag. Dieser Antrag wurde schließlich, ebenso wie der Abänderungsantrag des Zentrums, ab g elehnt. Der Unterrichtsausschuß des Preußischen Landtags verhandelte am Dienstag über einen Antrag der Deutschnationalen, in dem u. a. gefordert wurde, daß christliche Kinder nicht der Betreuung von Schulaufsichtsbeamten überantwortet werden dürfen, die nicht einer der beiden (christlichen) Glaubensgemeinschaften angehören oder die in einen offensichtlichen weltanschaulichen Gegensatz zu den betreffenden Glaubens- und Elterngemeinfchasten getreten seien. Weiter wurde gefordert, auf die Reichsregierung ein- ... und vergessen Sie nicht -^Bergmann Klasse Mit Goldmundstück und Ohne Mundstück zuwirken, zur Sicherung der christlichen Schulerziehung den Entwurf eines Reichsschulgesetzes vorzulegen. Beide Anträge wurden mit großer Mehrheit abgelehnt. Bemerkenswert waren die Ausführungen des Zentrumsvertreters, des Abgeordneten Dr. Lauscher, der erklärte, das Zentrum könnte den deutschnationalen Antrag betreffend die Schulaufsichtsbeamten nicht mitmachen, da das gegen die religiöse Toleranz verstoßen würde, die das Zentrum immer hoch gehalten habe. Schächtverbot in Hessen abgelebirtz aber Schächten kontingentiert. Darmstadt, 7. Okt. Der Hessische Landtag lehnte mit 34 gegen 32 Stimmen den nationalsozialistischen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbots ab. Die Redner der nicht nationalsozialistischen Parteien führten aus, der Antrag der Nationalsozialisten, der von den Deutschnationalen unterstützt wurde, sei nicht aus Liebe zu den Tieren geboren, sondern aus Haß gegen die Juden; es -gehe nur darum, die jüdische Religionsgemeinschaft zu treffen. Ferner wurde ins. Treffen geführt, daß die D u r ch - führung eines Schächtverbots eine Schädigung des hessischen Metzgergewerbes und der hessischen Landwirtschaft bedeuten würde, wie sich dies im Falle Bayern schon gezeigt hat. Angenommen wurde aber ein Antrag der Nationalsozialisten, und zwar auch mit den Simmen des Zentrums, nach dem in Hessen das S ch äch t e n von Schlachttieren nach dem Bedarf der jüdischen Bevölkerung kontingentiert werden soll. Es wurde in der Debatte auch festgestellt, daß die Zahl der geschachteten Tiere in Hessen bereits sehr stark zurückgegangen sei; so sank sie in Offenbach von 50 Proz. auf 5 Proz. Polen. Die Festtage in Warschau. Warschau, 11. Okt. Die Wochen vor den Feiertagen pflegten in dieser jüdischen Metropole den Markt und den Handel stark zu beleben. Ein Zeichen der Zeit, daß dieses Jahr die Saison, von der manche Kleinhändler das ganze Jahr zehrten, fast ganz ausblieb. Die Konfektionsgeschäfte, aber auch die Handwerker, hatten kaum zu tun. Früher pflegten die Handwerker, besonders die Schneider, vor den Feiertagen ganze Nächte durchzuarbeiten. Als trauriges Symptom und eine Folge der Lage ist zu verzeichnen, daß einige jüdische Geschäfte auf Marschalkowa (vornehme nichtjüdische Gegend) ihre Geschäfte am ersten Rosch Haschonotag zum ersten Mal aufhielten. Sie behaupteten, bei diesem schlechten Geschäftsgänge auf den Erlös am Sabbat, der noch dazu auf den ersten des Monats fällt, an dem die Auszahlungen an Arbeiter. und Beamte erfolgen, nicht verzichten zu können. Das ist ein Novum für Polen, in einer Zeit, da in Deutschland umgekehrt gerade infolge der Notlage sich viele zum Rosch Haschono bekehren. Die Synagogen waren an den ersten Feiertagen halbleer, wegen der strengen Kontrolle vor der Türe, die den Eintritt ohne Platzkarte unmöglich machte. In einer großen Synagoge waren von den tausend Plätzen nur 500 vermietet. Das bedeutet keineswegs, daß man in Warschau dieses Jahr weniger gebetet hätte, es bedeutet nur einen gewaltigen Zuwachs der kleinen Bethäuser und Privatminjanim. Man hatte sich am Jom Kippur in vielen Synagogen dazu entschlossen, die Kontrolle zu mildern, wodurch sich die G'tteshäuser bald füllten. Für die Soldaten war wieder bestens gesorgt. 200 Mann, die Diensturlaub hatten, erhielten einen G'ttesdienst und eigene Festmahlzeiten eingerichtet. Die Militärrabbiner hielten in der Synagoge Predigten, und bei der Tafel Ansprachen. Im Gefängnis wurde für 500 Gefangene G'ttesdienst abgehalten. Die philautropischen Gesellschaften waren leider den an sie herarckretenden Ansprüchen nicht gewachsen. Selbstverständlich schwieg auch die antireligiöse Propaganda nicht. Es gelang aber den jüdischen