Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 42-43 (13.10.1932)
- Date
- 1932-10-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 42/43 Der Israelit 13. Oktober 1932 Napoleon in Woloschiv. Eine litauische Volksgeschichte. Ls war im Jahre 1812. Uapoleon, der große Welterobecer, hatte -ganz Luropa zu seinen Füßen gezwungen und befand sich nun in Rußland) wo das Schicksal seiner harrte. In den Städten und Städtchen erzählte inan sich Wundergeschichten und eröffnete Perspektiven über das Lnde der Welt. Ueber Person und Mission Uapoleons waren die Juden geteilter Meinung, hielten ihn die einen, die Aufgeklärten) für den Moschjach, der der Welt und den Juden die Erlösung bringen wird, so glaubten andere wiederum, er sei der Gog, der die Welt Ln Aufruhr setzt, damit sie in Schmerzen den Erlöser gebäre. Daß der Erlöser mit ihm komme, war man allenthalben sicher. Cs war, wie übrigens auch früher und später hohe Zeit, daß er komme. Alt einem trüben nachmittag zogen die endlosen Heccestruppen durch das Städtchen W o l o s ch i n. Abends kam auch der Generalstab mit dem Kaiser selbst an. Die Herren waren zum Umfallen müde und der Kaiser beschloß, im Städtchen für einige Tage sein Hauptquartier einzurichten. Der Flügeladjutant sah sich nun in den finsteren Straßen nach geeigneten (Quartieren um. Die besseren Häuser des Städtchens waren längst von den Bewohnern verlassen und starrten mit vernagelten Türen und Fenstern in die Uacht. Geblieben war nur die ärmere jüdische Bevölkerung in ihren kleinen Hütten. Auch Rabbi Ehajim wollte seine Gemeinde nicht verlassen. . Ein einziger Lichtpunkt fiel dem (Quartiermeister in die Augen. Er kam vom großen Beshamidrasch. Dahin nahm jetzt der General seine Schritte. Drinnen war alles düster und leer. Rur in einem Winkel saß ein kleiner Mann über einen Folianten gebeugt, eine triefende Talgkerze in der Hand. Es war Rabbi Ehajim Wolosch i n c r. Zunächst bemerkte der Rabbi den Eintretenden gar nicht. Run stand dieser ganz nahe vor ihm und begrüßte ihn artig und höflich in französischer Sprache. Rabbi Ehajim sprang beim Anblick der bunten Uniform und beim Klange der fremden Worte erschrocken auf. Cr verstand kein Wort. „versteht ihr deutsch?" fragte der General. „Bin auch kein großer Deutschsprecher, werde mich aber, glaube ich, mit dem Herrn verständigen können." „So saget mir," fing der General an, „wo euer Rabbi, Ehajim heißt fr, wohnt? Es ist uns, als wir Erkundigungen über das Städtchen einzogen, viel Wundersames von diesem Rabbi erzählt worden. Der Kaiser selbst ist recht begierig, ihn kennen zu lernen." „Ehajim steht vor euch," gab der Rabbi zur Antwort, „aber der Wundermann ist nicht dabei. Bin ein einfacher Jude, der bei Rächt den Talmud studiert." Eine Weile unterhielt sich der (Quartiermeister mit dem Rabbi und verabschiedete sich in großer Freundschaft. Cr bat ihn, hier den Ruf des Kaisers abzuwarten und diesem ja schleunigst Folge zu leisten. Es könnte sonst Unheil für das ganze Städtchen entstehen. Rach einer Stunde befand sich Rabbi Ehajim in dem inzwischen vor dem Städtchen aufgestellten prächtigen Kaiserzelte. Der Kaiser plauderte mit dem Rabbi gutgelaunt und sehr huldvoll. Zum Schluß aber sagte er ganz unvermittelt: „Ich sehe, Rabbi, ihr seid zwar kein Zauberer, aber ein sehr kluger Mann von weiter Sicht. Also saget mir glatt und kurz, wie ihr über den Ausgang meines russischen Feldzuges denkt. Ihr dürft ruhig, ohne Furcht reden." „Furcht," sagte der Rabchi stolz und demütig zugleich, „das heißt Ehrfurcht haben wir vor dem König aller Könige, der auch die Herzen und Schritte der irdischen Könige wie die Wasserwogen lenkt und leitet. Wenn aber schon Majestät nach meiner Ansicht fragen, so darf ich nach Art der RabbiSAeine Geschichte erzählen." „Erzählet!" „Irgendwo auf einem Wege fuhr einmal ein großer Fürst in einer blinkenden Karosse, vierspännig, passiert da plötzlich, daß eines der Pferde strauchelt, die anderen mit hinreißt und den Wagen mitsamt Insassen in den Sumpf , zieht. Alle Bemühungen des sog aus der zierlichen Meerschaumpfeife den Duft seines gewohnten Cumana. „Meine Freunde," unterbrach der Pfarrherr die augenblickliche Stille. „Den Metzger David Fellheim in S. kennen Sie. Er war zu jener Zeit ein angehender Vierziger und befaß ein gutes Metzgergeschäft: daneben tätigte er Kleinoiehkäufe, er lieferte im Frühjahr Kutscher», der Lakaien und de» Fürsten selbst, w->. Lämmer und Kitze, im Herbst Gänse nach N. Ich war schon gen und Rösser aus dem Sumpf zu bringen, sind ver^ - - ’ ■ - -■ gebens, sie sitzen fest. Da kommt von hinten ein Bauernwagen, bespannt mit drei mageren Mähren. An der Stelle vorbei stolpern und scheuen die Pferdchen und geraten ebenfalls in den Sumpf. Der Bauer aber holt ohne viel Federlesens kräftig mit der peitsche aus. Schon kommen die Pferde in Bewegung, reißen sich zusammen und schleppen den Wagen aus der patsche. Recht ärgerlich meint der Fürst: „Was diese Schindmähren des Lauern können, sollten meine Edelpferde nicht fertigbringen?" Er ruft den Lauer herbei und befragt ihn über sein Geheimnis, mit dem er seine schwachen Tiere so meistert. „Meine gntgepflegten Edelpferde rühren sich nicht vom Flecke. darf sagen: als den stets biederen. Geschäftsmann, recht in jeder Hinsicht, sauber in seiner Metzgerei wie in seinen ganzen Geschäftssitten, dazu vorbildlich religiös. Die Sabbate und Feste verstand er zu feiern, daß unsereiner sich daran erbauen konnte. Musterhaft war sein Familienleben; die Frau erwies'sich tüchtig in Haus und Laden; die Kinder sind alle recht brav und fleißig. Nun lebten damals in D. der rote Hannes, nach seinem Barte so benannt, und ''der schwarze Klaus mit den kohlschwarzen stechenden Augen. Das waren bitterböse Menschen. Der geordneten Arbeit gingen sie aus dem Wege. Aber mit Leimruten fingen sie Singvögel, mit geschickten Schlingen Hasen und Rehe; vom Weiher des Lochmüllers holten sie feiste Karpfen und aus dem Bachs des Jägerwirtes die schönsten Forellen. Wo sie ihre Beute absetzten, wer weiß es? Dann und wann erwischte sie der Gendarm; es gab Freiheitsstrafen. Aber sowie sie wieder herauhen waren, trieben sie es ärger als zuvor. In der Woche vor dem Sukkothfeste jenes Der Bauer kratzt fick am Hinterkopf und fragt' 'lun kamen sie darauf, daß Herr Fellheim, in treuherzig. „Wo haben eure Durchlaucht die schonen n^hmer das Geld ausgezahlt erhielt Da reifte in den Pferde her?" ™ ‘ . I’er Fürst nennt die Pferde bei Rainen, nach Raffe, Zucht und Herkunft. Das eine stammte aus Persien, der Schah selbst war auf ihm geritten; das Beiden ein schlimmer Plan. Sie hatten schon öfters für den Metzger Vieh angetrieben und manch Guldenstücklein dadurch verdient. Von da kannten sie die Schreibstube des Herrn Fellheim mit dem in die Wand eingelassenen Spind. Da müsse wohl das Geld für die andere war arabisches Vollblut, das dritte kam aus l Gänse verwahrt sein, meinten sie; das müßten sie holen, wenn es nottat, mit Gewalt. Ein Messerstich schafft oft viel, sagte der Hannes. Aber nun das Merkwürdige! Als jenes Tages Herr Fellheim von W. heimgekommen, hatte in der folgenden Nacht seine Mutter einen Traum, in welchem sie deutlich hörte: „Tut das Geld aus dem Haus!" Sie erzählte das dem Sohn, als er am anderen Morgen uus der Synagoge heimkam. Das Geld blieb im Spind. In der nächsten Nacht nun wiederholte sich der Traum. Da trug Herr Fellheim das Geld zum Parnes, der einen sicheren Geldschrank besaß. Es kam das Fest. Fellheim war mit feinem Gehilfen und den zwei älteren Knaben vom Abendg'ttesdienst heimgekommen. Jetzt begann in der festlich geschmückten Laubhütte das Festmahl. Das. war ein traulich liebes Feiern, so fromm und rein und in der Gesinnung des Friedens gegenüber allen Menschen. Hell wie in der Hütte war es in den Seelen, und die Festesfreude leuchtete aus aller Augen ... Doch was ist? Mitten in die frohe Stimmung von Groß und Klein tut esdraußen einen schweren Schlag, als ob im Schlachtraum der Windenbaum umgefallen wäre. Der Herr und sein Gehilfe eilen hin; weit offen sehen sie die Türe zu dem Raum, die doch vor Festeingang sorgsam geschlossen worden war, und — ein Mensch liegt im Gang regungslos. Die Frau bringt Licht. Es ist der schwarze Klaus. Der kleine Samuel läuft zum Arzt, die Magd zum Wachtmeister . . . Der Arzt stellte den eingetretenen Tod fest; der Körper kommt ins Leichenhaus. Die Sektion hat dann befunden: Gehirnschlag: kleine Verletzung. Das Gericht gab die Leiche frei. Am Vormittag zur' Stunde, da der Klaus begraben wurde, ging der Jägerwirt in sein Jagdrevier. Er mußte durch eine Fichtenschönung. Da saß der rote Hannes auf einem Baumstumpf^oor sich hinbrütend, als hörte und sähe er nicht. Der Wirt rief ihn an; Hannes gab keine Antwort. Der Wirt rüttelte ihn an der Schulter: da erst ■ war es, als käme der Hannes zu sich. „Ich geh' mit Euch!" sagte er. Sie gingen zur Gendarmerie; der Wachtmeister war ein alter Menschenkenner. Er redete ruhig dem Verstörten zu. Plötzlich kam es aus dem Hannes wie ein Erwachen von schwerem Traum: „Also das viele Geld beim Judenmetzger. Wir wollten es holen und uns gute Tage machen. Da schlichen wir zur Hintertüre -herein. die der Hannes mit dem Dietrich öffnete. Zum Fortgehen schoben wir im Schlachtraum die Riegel weg . . . Vorn in der Stube sangen sie und der Regen rieselte: Da hörten sie uns nicht. Wir wollten über den Hausgang in die Schreibstube. Aber da stand plötzlich Einer, riesengroß, mit wallendem Bart, mit Augen wie Kugelblitze. Er hob die Hand. Wir machten Kehrt und rannten in den Schlachtraum. Der Klaus fiel hin, ich kam ins Freie und in den Wald. Da bin ich herumgeirrt, bis der Jägerwirt kam . . ." Sie führten den Hannes in Untersuchungshaft. Am anderen Tag fand ihn der Beamte mit dem Hosenträger erhängt am Ofenhaken ... Der Sturm brauste, der Regen schlug Riesel an die Fenster, die Buchenklötze knisterten und lohten. Wir saßen still . . . Wen hatten die zwei Einbrecher geschaut? ... Da kam es voll und stark von des Pfarrherrn Lippen: „Abraham tritt in ihre Hütte! — Es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels!" . Am Tiberias-See mit Blick auf das Grabdenkmal des Maimouides dem kaiserlichen Marstali in Petersburg, das vierte war ungarische Edelrasse. Jedes einzelne kostete ein vermögen." „Da, da," meint der Bauer, „liegt das Unglück. Jeder Gaul ein Gaul für sich, gehören nicht zusammen. Zieht der eine nach Petersburg, zieht der andere nach Persien und der dritte denkt an Ungarn. Bei meinen Währen ist es anders. E i n e Familie, eine Rasse. Eine Mutter mit zwei Söhnen. Das eine Pferd zittert für das andere. Kaum hole ich mit der peitsche aus und sie ziehen mit gemeinsamer Kraft. Bei den fürstlichen Pferden tut es vielleicht dem einen gar wohl, wenn das andere geschlagen wird ..." Und nach einer kurzen Weile sagte der Rabbi, obwohl der Kaiser längst alles verstanden hatte: „Eure Armee, Majestät, ist zu groß, zu verschiedenartig zusammengewürfelt. Zu viel Helden, Fürsten und Könige in diesem Heere. Rußland aber ist ein mageres, armes Land, aber e i n Volk unter eine m Herrscher. Daher, Majestät, meine Zweifel." Rach dem unglücklichen Ucbcrgang über die B cr e s i n a soll Napoleon an die Worte von Rabbi Ehajim Woloschiner gedacht haben. Unter besonderer G'tteshut. Von I. Weigl. Herbststürme brausten über die Landschaft, fauchend fingen sie sich im Gemäuer der alten Burg. Wie war es da gemütlich im Studierzimmer unseres greisen Pfarrherrn! Im Ofen prasselten die Buchenklötze; wenn durch den Kamin ein Windstoß herunterfuhr, flammten sie hoch, als huschten feurige Kugeln über den Teppich. Der alte Herr saß in seinem bequemen Lehnstuhl und