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Der Israelit · 1932-10-13 · Heft 42-43 (13.10.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 42-43 (13.10.1932)
Date
1932-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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13. Oktober 1932 Der Israelit Nr. 42/43 Seite 3 40 Jahre alt, als alleiniger Chef des großen Handelshauses, wird er zum vorstehenden der Preßburerg Iudengemeinde gewählt. Und bald wird der Uame Koppel Theben ein Begriff. Uicht ist Israel Warfe mehr, es hat ja wieder einen „Mächtigen", an den es sich in aller Rot wenden kann . . . Wissen arme, geflüchtete Brüder nicht, wohin sie ihre müden Körper legen, wo stch ihre gepeitschten Seelen an einer starken Vaterhand festhalten können . . .? Koppel Thebens Haus steht jedem offen, feine weiße, gepflegte, zugleich aber kräftige und gütige Hand ist es, die sich tröstend und spendend jedem entgegenstreckt ... Talmudschüler in einem Marrarren-Lehrhause in Oporto. Und Legenden umflechten seine hohe, selbstbewußte Gestalt. Crst jetzt noch war er da, kaum einige Minuten, daß er in seinen Reisewagen gestiegen, noch staubt hinter den dahinrollenden Rädern die nach Wien führende Landstraße und die angehitzte Phantasie der Zurückgebliebenen sieht ihn schon mit dem Kaiser debattieren . . * Der Kaiser will alle seine Völker äußerlich uniformieren und befiehlt den Juden, die Bärte, diesen einzigen Schmuck ihrer Häupter,^ unverzüglich abzuschneiden, was auch die antiken Völker als Beschämung und Verletzung fühlten. „Glauben denn Majestät, daß der Bart so sehr zum Wesen des Menschen gehört, daß feine Regelung Aufgabe der Gesetzgebung sei . . .?" Und wahrhaftig, das Wunder geschieht. Einem Triumphzuge gleicht die Rückkehr Koppel Thebens nach preßburg mit der erwirkten neuen Verordnung. G'tt dankend und den Hoffaktor preisend streicheln stch alte Gelehrte beruhigt über die Bärte, deren Dasein kurz vorher noch so schwer gefährdet, nun wieder gesichert ist. Wenige Tage darauf hat das Ghetto wieder eine Sensation. Diesmal aber handelt es stch um etwas Freudiges: Der Kaiser, Joseph n., hat Koppel Theben von hohem Rosse angesprochen. Wie ist das geschehen? Ulit glänzendem Gefolge reitet der Kaiser durch die Straßen preßburgs. Da sieht er plötzlich Koppel Theben, der noch vor kurzer Zeit so tapfer die Sache der Juden ihm gegenüber vertreten hat, jetzt in einer Markthütte stehen, die mit einem großen Kreuze beschlagen ist. „Wie, handelst du auch mit Schnaps?" — ruft er ihm zu — „so schenk denn auch mir eines ein!" Da erzählt Koppel Theben dem Kaiser, daßdie Bude einer armen Christenfrau gehört, die er hier jammernd traf, weil sie nicht ihr zu Hause liegendes krankes Kind versorgen kann. „Ich übernahm es, sie zu vertreten." Run legt der Kaiser ein Goldstück hin und spricht: „Auch wir wollen gefällig für jene sein, für die mein Jude so viele Gefälligkeit hatte." Dem Beispiel folgte die Suite des Kaisers und die zurückkehrenöe arme Frau wurde mit einem Haufen Gold überrascht. Doch die Freundlichkeit des Kaisers zu „seinem Juden" vermochte nicht das Herz der preßburger Stadträte zu erweichen. Sie lassen einen doppelten „Brücken-Kreuzer" auf die Juden auferlegen. Daraufhin nimmt Koppel Theben die Donaubrücke selbst in Pacht, damit seinen Brüdern diese Demütigung erspart bleibe und legt die beträchtliche Summe der Differenz aus Eigenem zu. Die Stadt preßburg versperrt aus Gehässigkeit die Straßen, in denen die Juden die Gewölbe mieteten. Koppel Theben ist eben aus Pest angekommen und hört die Klagen der ruinierten Existenzen. Ohne den Staub der dreitägigen Reife abzuschütteln, fährt er sofort zum Hof und kehrt baldigst mit dem ermittelten Gegenbefehl zurück. Doch während dieses ernsten Spiels, bei dem es sich oft um das Dasein zahlreicher jüdischer Familien handelte, tauchte immer wieder und immer öfter die schicksalsschwere Frage der Militärpflicht der Juden auf. Die Frage des Militärdienstes! Dies war ein Punkt, der einzige vielleicht, in dem die Juden gleich mit den Cdelleuten waren, ein Privileg, das die Inhaber aller Rechte mit den völlig Rechllofen seit Jahrhunderten schon teilten: beide waren sie der Militärpflicht enthoben. Und die Reformverorönungen Josephs H. nahmen nun die Kürzung dieses einzigen Rechtes der Juden vor. Und, ein merkwürdiger Zufall, eben in Zusammenhang mit dieser Frage, tauchte zum ersten Male in der Seele Koppel Thebens der gewagte Gedanke auf: Wäre es nicht möglich, die Gleichberechtigung zu erkämpfen, wenn sie als Preis dafür freiwillig ihr Leben und Blut dem Vaterlande anbieteten? Langsam reift die große Idee zur Tat. Vor allem will er sein eigenes Ansehen am Hofe festigen. Bei der Krönung Leopold H. führt er die festliche Aufwartung vor den Kaiser und überreicht ihm, ein Zeichen vornehmer Aufmerksamkeit, zwölf kunstvolle, meisterhaft bearbeitete, goldene Küchlein, ein Symbol der Huldigung der zwölf Stämme Israels. Als Gegengunst beschenkt der Kaiser Koppel Theben, der weder Auszeichnung noch Titel annehmen wollte, mit einer großen, goldenen Gedenkmünze. Im Frühjahr 1790 ruft Koppel Theben gemeinsam mit Uastali und Clijan Rosenthal jene große Versammlung der jüdischen Gemeinden nach Ofen zusammen, die den ungarischen Landtag von 1792 Blick auf Ti erias am Abend. in einer ausführlichen Petition um Freiheit und Rechte angeht. Dieser Schritt blieb erfolglos und mußte auch infolge jener Stimmung erfolglos bleiben, die damals unter den ungarischen Herren herrschte und die sich am besten in der Aussage des Kardinalprimas Latth^an^i zu korennen gibt: „Juden seien gar nicht würdig, unter der ungarischen Fahne zu dienen." Koppel Theben schlägt nun wieder den alten, oft erprobten Weg ein, auf dem er so manches für sein Volk ausgekämpft hat und klopft wieder an den Türen des Kaisers. Oft hatte Koppel Theben die Gelegenheit, im Kampfe mit den Großen die Wunder des Geldes und Goldes zu sehen und dennoch blieb er ein tieffühlender, gläubiger, religiöser Mensch, der nie auf eine Reise ging, ohne seine Totengewänder mit sich zu führen, vor einer kaiserlichen Audienz fastete er und forderte die Dabeimgebliebenen in seinen, in klassischem Hebräisch abgefaßten Briefen zum Fasten und Beten um ihn auf. Bei seiner letzten Audienz frug sich der Kaiser vergebns, warum Koppel Theben so blaß war, durch welche geheime Kraft gestützt wagte er seine Stimme wider ihn zu erheben, die Gleichstellung der Juden zu erbitten, ja zu fordern, und mit prophetischer Wucht die Kündigung vom Untergange aller Feinde Israels ihm in die Augen zu schleudern. Cmpört fuhr der Kaiser ihn an: Zwei Marranen-Baukrn aus Rebordelo. •cw „Was schreist du, Koppel?" „Uicht ich schreie, das Weh des ganzen Volkes Israel schreit aus mir!" — gab Koppel Theben selbstbewußt zurück und fuhr dann immer aufgeregter fort: „Geld geben wir, opfern gern alles, ja auch unser Blut, aber was haben wir zu hoffen? Wir bitten eure Majestät um gleiche Rechte. Als siebenundsechzigjähriger Greis, als Vater von neun Kindern tret ich dann selbst mit allen meinen Söhnen in den heiligen Dienst fürs Vaterland, in den Militärdienst. Ja, ich wiederhole es, Letteljuden wollen wir sein, wollen bereitwilligst alles hergeben, aber unsere Kinder nur dann, wenn wir gleiche Rechte mit den übrigen ungarischen Insassen genießen dürfen . . ." Ohnmächtig fiel Koppel Theben nach dieser großen Ueberspannung dahin, mit Fasten und Beten bereitete er sich auf diese Audienz vor und jetzt zur letzten Minute verließen ihn Selbstbeherrschung und Kräfte. Behende trugen die zur Audienz anwesenden Herren den ohnmächtig Daliegenden hinaus und ließen ihn nach Hause bringen. Und kaum eine Stunde später überbringt ihm der kaiserliche Gesandte den Entscheid seiner Majestät: Die Juden sind auch weiterhin vom Militärdienst befreit! Eine ganze Welt bricht nun in der Seele des alten Koppel Theben zusammen. Dem Rate seiner Aerzte folgend, läßt er sich nach Karlsbad bringen. Unterwegs aber verschlimmert sich sein Zustand so sehr, daß seine Begleiter es für ratsam halten, in Prag einen Aufenthalt zu machen. Und am 2ö. des jüdischen Traucrntonats Ab starb Koppel Theben in Prag und wurde im alten Iudenfriedhof begraben. Uicht gelang es Koppel Theben, sein großes Ziel, die Gleichberechtigung der Juden, zu erreichen. Es blieb ihm auch erspart, die üblen Auswirkungen der Emanzipation in inanchen jüdischen Gemeinden zu erleben. Aber trotzdem hat Koppel Theben, der Vorkämpfer der Gleichberechtigung im 18. Jahrhundert, große Verdienste. Der erste war er, der den Odem der Freiheit vernahnt, der erste, in den: der Gedanke aufkeiinte und der es wagte, nicht nur stch zu sehnen, sondern auch zu handeln. Er nahm den Kampf mit dem starren Widerstand der alten Herren auf und impfte in die Seele des Judentums die Hoffnung, das Erwarten der Freiheit, ein.

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