Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-10-13 · Heft 42-43 (13.10.1932) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 42-43 (13.10.1932)
Date
1932-10-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450745--79134-2536880
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 Nr. 42/43 Der Israelit 13. Oktober 1932 g en d den Juden freundlich gesinnt. Als sie aber erkennen mußten, daß die Juden von den neuen Glaubem nichts wissen wollten, sondern „halsstarrig" an dem ihrer Väter festhielten, wich die Sympathie glühendem Hasse. Die Iudenfreundschaft des jungen Luther beruhte wohl auf dem geistigen Einflüsse seiner humanistischen Erfurter Lehrer, die in der pfefferkorn-2lffäre wacker für die sittliche Reinheit des verleumdeten jüdischen Schrifttums eingetreten waren. Der junge Mohammed hingegen hatte auf feinen Geschäftsreisen Fühlung mit jüdischen Kreisen genommen und bei diesem persönlichen Kontakt die moralische Überlegenheit des jüdischen Glaubens über den Götzendienst seiner arabischen volksgenoffen erkannt, wahrscheinlich war es diese Erkenntnis» die zum ersten Mal ln seiner Seele den Wunsch weckte, als religiöser Reformator und Erzieher unter sein Volk zu treten. Wie hoch er das Judentum geschätzt hat, verrät sogar sein Koran, den er zu einer Zeit verfaßte, Rabbiner Abraham Mordechat Alter. D^r Rabbi von Gora-Kalvarta. in der ec den Juden bereits Fehde angesagt hatte. Der Koran nennt die Juden „Inhaber der Schrift". 2118 Mohammed noch hoffte, die vielen damals in Arabien wohnenden Juden dem Islam gewinnen zu können, bestimmte er ihnen zu Gefallen die Stadt Jerusalem zur „Kibla", d. h. zu demjenigen Punkte, nach dem man beim Gebete das Gesicht wenden müsse. Er gestattete die Beibehaltung mancher mosaischen Vorschriften und beobachtete sogar selbst den jüdischen versöbnungstag. Da er aber durch diese Taktik nur wenige Juden gewann, änderte er sein Verhalten: die Kibla wurde nach Mekka verlegt und anstatt des jüdischen Versöhnnngstages wurde der Monat Ramadan zur Fastenzeit bestimmt. 2luch erließ er das dem Islam in den nächsten Jahrhunderten Richtung gebende Gebot des Krieges gegen alle Andersgläubigen. Zunächst kehrte sich dieses, später für die ganze üulturwelt verhängnisvolle Gesetz gegen die Kureischiten; als aber diese in der Schlacht bei Bedr (624) geschlagen waren, wandte sich Mohammed im Begeisterungstaumel seines ersten kriegerischen Erfolges gegen einen jüdischen Stamm, der in der Rähe von Medina angesiedelt war. Es gelang ihm, die überraschend Angegriffenen zu besiegen, ihnen alle ihre Habe zu rauben und sie selbst nach Syrien zu verjagen. 2lls hierauf einige Riederlagen, die ihm die revanchelustigen Kureischiten beibrachten, seinen Kriegsruhm arg schädigten, suchte er den verblaßten Glanz seiner Waffen wiederum durch einen Ueberfall auf einen jüdischen Stamm aufzufrischen. Die jüdischen Festungen hielten sich aber lange Zeit und erst als Mohammed das seitdem für seine Anhänger geltende verbot des Wein tri nkens erließ, konnte er die geschwächten Verteidiger überrumpeln. Hierauf hatte ec selbst eine dreimonatige Belagerung durch seine alten Feinde, die Kureischiten, auszuhalten. Kaum waren diese unverrichteter Dinge abgezogen, brach Mohammed auf, um den jüdischen Stamm der Beni Koreida, der den kureischiten Waffenhilfe geleistet hatte, zu „bestrafen". Cr besiegte ihn, ließ alle jüdischen Männer, 700 an der Zahl, töten und ihre Frauen und Kinder zu Sklaven machen. Dieser Eifer, allen in Arabien vorhandenen unabhängigen jüdischen Gemeinschaften den Garaus zu machen, beruhte nicht ausschließlich auf religiösem Fanatismus. Mohammed wurde vielmehr, genau so wie die christlichen pogromisten in Europa, von der Aussicht auf reiche Beute verlockt. Das beweist am besten sein Zug gegen die jüdische Stadt Cheibar. Während für die oben geschilderten früheren Feldzüge Mohammeds gegen jüdische Stämme immer äußere Anlässe vorhanden waren — oder konstruiert wurden, kann für den Krieg gegen Cheibar beim besten Willen keine andere Ursache ausfindig gemacht werden, als der Reicht u m dieser Stadt. Es lagen dort viele Schätze angehäuft und die ganze Umgebung zeichnete sich durch üppigste Fruchtbarkeit aus, die durch sorgfältige pflege des Bodens noch erhöht wurde. An der Spitze von zwölfhunöm Fußsoldaten und zweihundert Reitern, die von bewährten Offizieren befehligt wurden, brach Mohammed dortihn auf. Er richtete zunächst seine Angriffe gegen die geringer befestigten Schlösser der Umgebung, die schnell in seine Gemalt gelangten. Dagegen leistete Cheibar selbst, das stark mit Außenwerken befestigt war, lange Zeit tapferen Widerstand. Erst als die bedeutendsten Führer der Juden gefallen waren, übergaben die Verteidiger die Stadt. Die Juden behielten Haus und Hof, mußten aber fortan jährlich die Hälfte ihres Einkommens als Tribut entrichten und sich verpflichten, sobald es verlangt würde, aus 2lrabien ausznwandern. Zwei jüdische Frauen von Cheibar wurden von Mohammed unter seine Gemahlinnen ausgenommen. Die eine von ihnen wußte diese Ehre offenbar nicht genug zu würdigen, denn sie versuchte Mohammed zu vergiften. Da er jedoch beim ersten Bissen das Gift bemerkte, erklärte sie reumütig, daß sie ihn nunmehr für einen G'ttgesandten halte. So endete das letzte autonome jüdische Staatswesen in 2lrabien. Zudenrichter beim Kaiser. Zum 200. Geburtstag des Hoffaktors Uoppel Theben. Non Erwin Georg Patei in Budapest. Line charakteristische Gestalt in den Höfen des 18. Jahrhunderts war der Hoffaktor, der Fürsprecher der Juden, Schtadlan genannt. In seine fremdartigen, dunklen Kleider gehüllt, wandelte er leise in den goldenen Sälen, der geschliffenen Spiegelgänge entlang, gebeugt brachte er die Geschenke seiner Aussender, bai um die Gnade des Herrschers für fein gejagtes Volk und entfernte sich sodann in hastiger Eile, von keiner sr*1 Dorfslratze in Gora-Kalvaria. östlichen Gelegenheit fehlte der jüdische Hossaktor. Des Kaisers majestätischer Blick streifte bei der Krönung zum erstenmal flüchtig seine düstere Gestalt, von der sich die bunte Gruppe der Herren spöttisch oder gar befremdet zur Seite zog, und auch später, bei jedem größeren Empfang sah er ihn inmitten der Ehre bezeugenden Deputationen. Und allmählich gewöhnte sich das 2lngc des Kasers an die stille Anwesenheit des Gesandten der Juden, bekannt schon war ihm das dunkle Gewand, das ihm zu Füßen gelegte Gold, doch selten nur, oder vielleicht nie bemerkte das kaiserliche Auge, wenn dieser Bart ein neues Gestcht umrahmte. Innerhalb der Mauern des Ghettos aber blickte man mit liebevoller Bewunderung zu dem vom Palais zurückkehrenöen Hoffaktor hinauf. Alte Rabbiner hoben ihre Köpfe von den Folianten empor, als sie des an ihrem Hause vorbeieilenden „Mächtig Israels" ... Mütter führten ihre Kinder zum Fenster und zeigten ihnen mit dem Finger: „Sehet, da geht unser Beschützer! ..." Die Juden aber waren immer ein Volk des Buches. Gelehrte Werke erhielten die Erinnerung an die Weisen, Lehrer und Rabbiner aufrecht und darüber vergaßen wir oft der weltlichen Großen, als hätten diese nach Verrichtung ihrer Lebensaufgabe, das Hinüberhelfen ihres Volkes über die momentanen Schwierigkeiten, oft durch das Aufopfern ihres Lebens und Vermögens, nichts mehr auf der Bühne der Geschichte zu suchen. Doch einen Hoffaktor hatte das Judentum, der Barros Bafto. Der Führer der Marranen in Portugal. groß unter den weltlichen Großen war, der höher strebte als eine bedrückende Verordnung zu vereiteln, oder eine kleine Gnade zu erreichen, dessen Seele vom Freiheitswinde der französischen Revolution angehaucht, nahe ein Jahrhundert vor der Emanzipation den damals so ungeheuren Gedanken der Gleichberechtigung bereits in sich trug und der fein Leben dieser großen, heiligen Idee opferte. wer war dieser Mann? Auf vergilbten Blättern der preßburger und Budapefter Stadtarchive finden wir den' Ramen Koppel Theben verzeichnet, und die Chroniker des Zeitalters besangen seine Taten in begeisterten, naiven Versen. Koppel Theben entstammte einer alten, vornehmen jüdischen Familie. Rach der Familientradition soll sein erster Urahne Jakob Mendel gewesen sein, den der König Matthias Eorvinus um 1477 an die Spitze der von ihm geschaffenen jüdischen Landespräfektur stellte. Sein Vater, Abraham Theben, selbst mehrmaliger Iuöenrichter und wohlhabender Großhändler iu Tuchwaren, ließ den erstgeborenen Sohn, Koppel, der 1752 das Licht der Welt erblickte, in der sorgfältigsten Weise erziehen. Ec ließ ihn früh neben den üblichen religiösen Studien auch in Handel und Geschäftsfächern unterrichten und nahm ihn bald zum Sozius feines Unternehmens. Das weitbekannte Haus „Abraham, Koppel Mandel" war 40 Jahre hindurch alleiniger Abnehmer der k. u. k. Linzer Zeugfabrik und durch feine weitverzweigten geschäftlichen Verbindungen wurde der «junge Koppel Theben erst gern gesehener Gast, dann Ratgeber der ungarischen Magnatenhäuser. Cr gewöhnte sich an den Umgang mit den Herren, erlernte ein reines Deutsch, so daß er in Benehmen und Auftreten einem freien, edlen Herrn ähnelte. Andererseits jedoch lernte er zu früh das jüdische Schicksal und die jüdischen Leiden kennen. Schon zur Zeit seiner Kindheit hörte er traurige Berichte von den grausam vertriebenen Juden aus Dalmatien, Kroatien und Slavonien, oft sah er in seiner Jugend, wie Juden, aus ihrer Heimat verbannt, sich vor dem Haufe feines einflußreichen Vaters versammelten, so die aus Böhmen, Prag verwiesenen und zweifellos erwachte schon damals das edle Verlangen in ihm, die Beziehungen, die er sich bei den Herren ausbahnte, zum Wohl feines gehetzten Volkes zu verwenden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.