Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Am hu haschoel. Von S. Brückheimer in Marklbreil. Durch das Geschäftsviertel von Amsterdam ging am späten Vormittag des Jom Kippur ein schon vom Älter etwas gebeugter Mann. Sein langes weißes Haar, das untek öeM Seidenhut in Fülle hervorquoll und sein.stark angegrauter Bart' gaben ihm Ansehen und Würde. Der elegante schwärze Anzug, die.Radel in der Krüvatte und seine beringte Hand, die er auf den Rücken gelegt hatte, erzählten von seinem Reichtum. Von Zeit zu Zeit blieb er an ein ein Schaufenster stehen, als ob er etwas betrachten wollte. Aber er suchte damit nur eine Gelegenheit, sich ruhig besinnen zu können. Denn wenn er auch von zuhause mit -dem Entschluß fortgegangen war,, wie bisher in jedem Jahr an diesem Feiertag einen G'ttesdienst äufzusuchen, so waren ihm doch heute aus redlicher Abrechnung mit sich selbst (wie er meinte) dagegen mancherlei Gedanken aufgestiegen.. „Was verbindet mich sonst noch mit dem Judentum?" murmelte -er vor sich hin. „Wie wenig, nichts (das rief er so laut, daß die Vorübergehenden nach ihm hinschauten), nichts ist mir von der streng religiösen Erziehung verblieben" ... „Ich kann dem G'ttesöienste nicht mehr folgen; ich vermag nur, wie ein Kind, buchstabierend hebräisch zu lesen" ... Und nahezu eine Viertelstunde lang blieb er an dem Laden eines Juweliers stehen, in dessen Auslagen die Septembersonne eine ganze Orgie von weißblauen Strahlen durcheinander schießen ließ. Dann drehte er sich herum . . . und ging doch jener stilleren Straße zu, inwelcher sich der Betsaal befand. — Auf einem freien Platz, ein wenig von einer Säule verdeckt, ließ er sich nieder. Der S^nagogendiener, der ihn kennen mochte, brachte ihm Machsor und Tallis. Der alte Mann versuchte zu lesen, zu beten. Aber er stockte, zerhackte das Wort, mußte sich auf Buchstaben besinnen und war bald müde. Er klappte das Buch wieder zu und versuchte mit-Hilfe seiner Erinnerung-dem G'ttesöienste zu folgen. Aber die Erinnerung war getrübt durch die Last der Jahre. Cs war.zu lange her, feit er aus seinem religiösen Vaterhause weg die Welt durchmessen.- Das waldumkränzte Dorf,: abseits der Heerstraße, im Fränkischen, hatte er seither nimmer betreten.! (Er rechnete. Fünfzig . . . fünfundfünfzig . . . sechzig Jahre. Sechzig Jahre ... Cr versuchte, .wie an den Sprossen einer Leiter, von einem Jahr zum andern tastend sich zurückzufindvn an den Anfang. Aber ein Schicksal da, eine Wirrnis dort führten ihn abseits auf Seitenpfade. Nicht das Bild der Heimat, kein liebes Gesicht dorther konnte er herausholen aus dem grauen Nebel, der feine Erinnerungen verhüllte. .Und je mehr er sein Gedächtnis anstrengte, je mehr zerrannen selbst die Umrisse in eine öde Leere. Mutlos lehnte er sich an die Säule.— währenddessen hatte das Mussafgebet begonnen. Lin anderer Vorbeter stand am Pulte. Seine warme Stimme und die jetzt durch die farbigen Fenster einfallende Sonne gaben dem großen Betraum etwas von der heimeligen Gemütlichkeit einer bewohnten Stube. Und dem Alten auf einem der letzten Plätze dahmten kam es vor, als gelänge es dieser eindringlichen Stimme des Vorbeters auch den Dunst zu verdrängen, der um feine Erinnerung lagerte. Wenigstens schien es ihm, als ob an mancher melodischen Gebetsstelle ein vertrautes Gesicht, ein längst gesprochenes wort, ein seit Jahrzehnten nicht mehp geschautes heimatliches Bild auftauchte' aus dem nebeligen Gewoge, um allerdings, kaum erfaßt, sofort wieder darin unterzutauchen. Deshalb nahm er das Machsor wieder zur Hand. Vielleicht gelang es ihm., dem gesprochenen oder.gesungenen Wort besser zu folgen und durch Äitlesen dessen -Kraft noch eindringlicher zu. verspüibn. *' Cr blätterte vor und zurück. Das unaufhörliche Knittern der umgewendeten Seiten störte inr "Raume, .störte auch den Beter nebenan, der dem Alten deshalb leise zuries: „Seite 190! Ani hu haschoel!" Schon setzte der Vorbeter ein. Ich bitt' für Israel, Ich fleh' zum ew'gen G'tt. Und leg' mein Wort ihm hin. Mein Herz, der Seufzer voll,! Cs wendet sich hinauf Zu ihm, dem Fels des Heils. Die Melodie, die sich um die Worte herumwand, mit ihrem Sinn sich vermählte, bekam suggestive Gewalt über die Zuhörer. Sic waren aufgestanden, beklommen im Herzen, benommen im Sinn. Denn aus der getragenen Meise klang-die Denrut des Fürsprechs und die Sehnsucht, nach alter Tempelherrlichkeit. Aus ihr zitterte die Bereitschaft zur Zerknirschung, und die inständigste Bitte des Kindes, damit der Vater ihm verzeihe. Erzeige uns doch Wunder, 0 G'tt, der Himmelsscharen! Erhöre uns und schweige nicht Zu meiner bitt'ren Träne! Der Alte aber, der hinter der Säule stand, verspürte, wie mit jedem Tone das seine Erinnerung verdeckende Dunkel zerriß, wie die wolkenschleier, von einem Sturmwind angeblasen, in die Weite verflogen. Mit weit geöffneten Augen starrte er in die unter der Frauenempore webende Dämmerung. Denn dort gestaltete sich ihm, von der tönenden Stimme des Vorbeters hergezaubert, ein Bild von fast greifbarer Deutlichkeit: Cr erkannte die kleine Synagoge seines Geburtsortes. Grell stachen aus dem Halbdunkel die farbig angclasscnen Stützen der Heiligen Lade, die schimmernden Messingleuchter und das Licht der ewigen Lampe. In hohen Bänken, große alte Bücher vor sich, beteten die Männer im langen Sterbekittel. Reben dem Eingang aber stand sein Vater, das Kinn in die Hände gestützt. Und daneben ein kleiner Knabe in der Tefilloh lesend: Cr selbst. Wirklich! Ex selbst. Am Pulte, das etwas seitlich gerückt war, sang eben Samuel Hirsch Reumann — ja, so hieß er — den Ani hu haschoel in derselben Melodie u wie der Ehasan da vorne im Betsaale zu Amsterdam. - Rimm hin zum zweiten Male Den auserwählten Söhnt Dein Aug' behüte ihn! - Entzieh' Dich nicht - ' 'i ■ Der Bitte um Errettung! „Wahrhaftig! Die gleiche anmutige weise," sagte der Alte vor sich hin. „Lin seltsamer Gruß aus der so fernen Heimat!" In keiner Svnagoge, in keiner Gemeinde, die er während seines langen Lebens besucht hatte, war ihm diese Melodie zu Gehör gekommen. Sie mußte wohl eigenständig sein in seinem -Geburtsorte. Wie aber war sie über die unendliche Entfernung hierher gekommen? Hatte dieser Vorbeter eine Beziehung dorthin? Der Alte winkte den S^nagogenöiener herbei. „Cr stammt aus Deutschland und ist für den plötzlich erkrankten Kantor aushelfend eingefprungen. Sonst weiß ich nichts von -ihm," gab der zur Antwort. Der alte Herr setzte sich. Er war zutiefst erschüttert. Die Erinnerung war zu plötzlich aufgebrochen. Ausgelöst durch diese heimatliche Melodie. Und in unaufhaltsamer Folge stiegen längst vergessene Gedanken und Geschehnisse aus verschütteten Brunnen. Verwandtschaftliche Beziehungen wurden wach, Jugendfreunde fielen ihm eiwunö ein Häuslein da und ein Feldweg dort krttteiL farbig vor fein inneres Auge. Eine überwältigende Sehnsucht nach dem heimatlichen Dorfe packte ihn so, daß er am ganzen Körper leicht erzitterte. , , ' „Ich werde den Vorbeter nach Ausgang des Jom Kippur selber befragen," dachte er. Dankbar für die Auflockerung seines Gedächtnisses, wodurch auch seine religiöse Bindung wieder deutlich gemacht worden war, verfolgte er von jetzt ab mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes Gebetstück. Cr gab sich diesen weichen Melodien, aus denen er immer wieder Heimatklänge herauszuhören vermeinte, ganz hin. Als aber das Reiloh-Gebet fast beendet war, fielen dem Alten die Augen zu. Das scharfe Aufpassen hatte ihn ermüdet. Cr wachte erst wieder auf, als die übrigen Beter sich anschickten, das G'tteshaus zu verlassen. In der frohen Erwartung^ etwas zu erfahren, schob er sich durch die Menge nach vorne. Der Vorbeter aber.war schon durch eine Scitentüre wcggcgangen. Sein Platz war leer. — Der Schofar und die Perle. Eine Geschichte vom wilnaer Gaon. In Gaons Klaus Ln Wilna war es üblich, daß Rabbi Clje, der Gaon, selbst am Rosch Haschono Schofar blies. Da passierte es einmal — es war in den letzten Jahren seines Lebens, — daß er aus dem Schofar keinen Ton hcrausbrachte. Cr mühte und mühte sich. Vergebens. Cs blieb nichts anderes übrig, als einen anderen Tokea herbeizurufen. Lin einfacher Jude aus der hintersten Lank meldete sich. Und siche, kaum hatte er den Schofar an den Mund gesetzt, als die Töne rein und stark nach Vorschrift sich über den Raum ergossen. Die Depression des Gaon verstärkte sich dadurch noch inehr. „Ich war nicht für würdig befunden," sagte er sich. „Lin anderer mußte es machen." In solchen Stünden der Verstimmung pflegte der Gaon seinen Freund, den Dubner Magid, zu sich zu bitten. Als dieser den Vorfall hörte, erzählte er zur Beruhigung des Gaon folgendes Gleichnis: Lin Köllig besaß einen kostbaren Edelstein, der aber erst richtig geschliffen werden mußte. Cr rief den ersten Juwelier im Lande und trug ihm die Arbeit auf. Dieser aber zuckte die Achseln und sprach: „Der Stein ist zu kostbar, die Arbeit zu verantwortlich. Ich kann den Auftrag nicht ausführen.";(Es kamen andere Meister, sahen sich das Kleinod an, hatten aber alle nicht den Mut, an die Arbeit heranzugeben.! Zuletzt meldete sich ein Goldarbeiter aus der letzten dunklen Straße der Residenz. Er wollte es wagen. Und wirklich! Schon nach wenigen'Tagen brachte cz den Stein sauber geschliffen und bearbeitet in den Palast, daß er blitzte und funkelte, voller Entzücken stand der Kaiser mit seinen Hofleuten vor der sauberen Arbeit. „Sprich, Meister," sagte der König, „wie hast du das gemacht? Renne den Lohn, er darf hoch bemessen sein, er soll dir werden!" ' Der Juwelier gab aber bescheiden und demütig zurück: „Richt mir gebührt Dank und Lohn. Mein Lehrling, ein einfacher Junge von kleinem verstände, hat die ganze Arbeit geinacht." Voller Staunen ließ nun der König den ersten Juwelier des Landes rufen und fragte ihn, wie cs wohl komine, daß er, der große Meister, eine Arbeit nicht fertig bringen konnte, die ein Lehrjunge glatt und spielend gemacht hat. „Das ist einfach und verständlich, Majestät," gab der große Meister zurück. „Wir, die wahren Künstler, waren von dem unermeßlichen Wert des Steines und von der Verantwortung der 2lrbeit so betroffen, daß uns die Hände zitterten, daß wir in 2lngst und Bangen arbeiten mußten, es könnte durch irgend einen Fehlgriff der Edelstein verunstaltet, sein wert herabgesetzt und der König gekränkt werden, wie sollten wir da ganze Meisterarbeit machen können? Der Junge