Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ab l. OKlober JÖ AST SPIEL ERNÖ WALTER weltberUhml, ' ■ ■-- RUMPELMAYER paar unschuldige Sätze unsrer „Kritik der Kritik" aufs Korn nimmt und uns der bewußten „Diskreditierung" der erwähnten intransigenten Gruppe der unabhängigen Orthodoxie ja sogar der Heimgegangenen Rabbinen der frankfurter Religionsgesellschaft beschuldigt. Die Anklage soll dadurch eine erhöhte Berechtigung gewinnen, daß zwei ziemlich weit von einander getrennte Sätze unsres Artikels nebeneinandergestellt werden, so daß der Eindruck entsteht, sie gehörten zusammen und bezogen sich aufeinander. In Wirklichkeit handelt es sich um zwei verschiedene Dinge. Wir hatten der Zuversicht Ausdruck gegeben, daß der wahrtraum einer endlichen inneren C i n i - g u N g der deutschen Orthodoxie, der Einigung aller wahrhaften mioam minsn nvvmzn 'na crmsa in einer Organisation nicht ewig Traum bleiben und durch eine kommende Generation Verwirklichung finden werde, und wir hatten die Ursache des bisherigen Scheiterns dieser Einigung in der „K r a f tl o s i g k e i t und Schwäche" unsrer Generation gefunden, Herr Dr. Posen bezieht diese Diagnose auf sich und seine freunde oder gar auf seine Heimgegangenen Lehrer und ist darüber sehr entrüstet; er unterstellt uns, w i r wollten Einigung auf Kosten der Prinzipien, wollten „Verbeugungen vor der Gemeindeorthodoxie" und deutet ziemlich greifbar an, er mache sich gar nichts daraus, wenn wir diesen Kotau vorder Gemeindeorthodoxie für eigene Rechnung vollziehen. Herr Dr. Posen irrt. Mir beschuldigten der „Kraftlosigkeit und Schwäche" nicht ihn und seinen Kreis — er leidet wahrhaftig nicht daran —, sondern uns selber und unsre Gesinnungsgenossen, die, allerdings in der ehrlichen Absicht, schlimmere innere Kämpfe zu verhüten, das Schweigen, Dulden und Verzichten oft vielleicht zu weit getrieben haben, abb nrn' 'nv Wenn Herr Dr. Posen jetzt mit der Theorie herausrückt, die ganze Differenz sei, daß er und seine freunde auf Grund der Anschauungen seines Heimgegangenen Lehrers b"XT sich nicht im Rahmen einer orthodoxen Cinheitsorganisation der Führung „prominenter" — nur prominenter — Vertreter des irrigen Prinzips der Gemeinöeorthodoxie unterstellen bisweilen könnten, so läßt sich dies aus volkspädagogischen Gründen zwar durchaus begreifen, aber einen Din, eine H a l a ch a kann und darf man aus dieser rein taktischen Stellungnahme wahrhaftig nicht konstruieren. Wir möchten in eine weitere Untersuchung der frage, wer „prominent" ist, und wer nicht, und für welche Orte diese subtile Unterscheidung gilt, für welche aber nicht, keineswegs, eintreten; denn wir selber haben ja deutlich genug'geschrieben, daß wir die heutig e Situation aus mannigfachen Gründen für die denkbar ungeeignetste halten, um die Sehnsucht nach der Einigung der deutschen Orthodoxie ohne jede prinzipielle Konzession praktisch zu befriedigen. „Diskreditiert" fühlt sich Herr Dr. Posen und sein Kreis ferner durch unseren „schulmeisterlichen" Ruf — nebenbei bemerkt: man kann jede ehrliche nnmn dadurch von vornherein für sich unwirksam machen, daß man sie als „Schulmeistern" bezeichnet — nach einer M u f f a r b e w e g u n g in der Orthodoxie, die uns lehre, niDt *pV zu fein und mit einem Uebermaß von Liebe und Verstehenwollen alle durch den Willen zur G't testreue geeinten Brüder zu umfasse/:: Wir können Herrn Dr. Posen auch über diese angebliche Diskreditierung beruhigen. Richt an fein Prinzip oder vielmehr nicht an seinen durch Tradition gerechtfertigten taktischenStanöpunkt haben wir im entferntesten gedacht, wenn wir einen Mangel an Mussar oder an Liebe konstatieren zu müssen glaubten und noch viel weniger etwa an diesen Kreis allein. An Verstehenwollen und Liebe, an der g'ttgewollten D'yn nnnR fehlt es nicht dem Prinzip, wohl aber häufig den Al e t h o d e n , die auch von feinen ehrlichsten Vertretern in der Vergangenheit und bis in die jüngste. ..Gegenwart angewandt... roorden sind -stmnd die,, - joie mann;> weiß; .steider Ar Diskreditierung ' 8er g auA e n . Orchodoxiöi.Mühkt haben. Tinegewisse Leichtigkeit des Hassens undWehetuns in fällen, in deneu'es keineSchan8e''ware,'zu^z er g e n, Me das Herz ob der Tragik des Bruderkampfes blutet, ü b e rt r i e b e n e Schärfe oder unjüdische Unversöhnlich k e it, dort, wo es sich zuweilen um Meinungsverschiedenheiten von ganzen zwei Millimetern Breite handelt — das sind die Dinge — und nicht das Prinzip —, die wir im Auge hatten, wenn wir nach „mehr Mussar" riefen.. Wir verstärk e n diesen Ruf heute, im Angesichte,. des Iaum hakkipurim; er gilt uns allen,: Intransigenten und Aktivisten, selbständiger und Gemeindeorthodoxie, den sich bekämpfenden chassidischen Einheiten und misnagdischen „Schulen", : Agudisten und Misrachisten — in Frankfurt und Jerusalem, in p o l e n mnd in Ungarn, und auch die selbstgerechte Durchdrungenheit von der eigenen sittlichen Höhe, mit denen manche Leute (wir meinen damit nicht Herr Dr. Posen) aus journalistische Moralprediger ohne rabbinische Würden herabzusehen pflegen, soll uns nicht hindern, vor G'tt und unsrem Gewissen unsre Pflicht zu tun. Joseph Larlebachs Propheken-Vuch. Wir veröffentlichen im folgenden zwei aus rab binischen Mitarbeiter-Kreisen zugegangene Betrach tungen zu dem neuen, im Hermon-Verlag erschienenen Propheten-Buch Oberrabbiner Dr. Joseph Larlebachs, die den tiefen Eindruck des Werkes auf kundige Beurteiler wiöerspiegeln. l. für jeden bedeutete das schwindende Jahr einen schweren inneren Kampf, das Ringen mit der Zeit strömung, die sich das Schlagwort Sachlichkeit geprägt hatte und dadurch zum feinde aller Verinnerlichung der Lebenserfahrung und der Lebensziele geworden war. Im Reiche der deutschen Kultur ergibt sich als Reaktion gegen diesen Ansturm eine Art von Reu-Romantik, der ewigalte und ewigjunge Versuch, sich aus dem Bereich der rauhen Wirklichkeit in das Land versonnener Träume zu flüchten. Und bei uns? Run, eine Aera, welche ein solches Buch erzeugt, wie wir es in dem Werke des Altonaer Oberrabbi ners: „Die drei großen Propheten" begrüßen, eine Aera, welche ein solches Buch versteht, ist auf dem Weg zur Gesundung. Cs ist daher eine forderung der Stunde, daß man dieses Buch nicht, wie üblich, mit einigen Zeilen einer Rezenston bibliotheksreif macht, sondern als Zeichen der Zeit will es gewürdigt werden. - Wir sprechen hier nicht von der Meisterschaft der Sprache, auch nicht von der großen Wirksamkeit des kunstgefügten Aufbaus, öas^ Weltanschauliche soll unterstrichen werden. Damals, als die drei großen Propheten zu wirken versuchten, versagte das Volk. Heute scheint die Menschheit zu versagen. Cs ist also an dem, festzustellen, daß die Propheten gegenüber den in Richts zerfließenden Bestrebungen der heutigen Menschheist insbesondere aber Israel inmitten dieser Menschheit, dasselbe zu sagen haben, was sie damals kündeten, aus der Erscheinungen flucht das Bleibende zu ahnen. „Die Welt," sagt Jesaja, „ist krank, weil entgottet, preisgegeben der Selbstsucht und der Härte einer materialistischen Weltauffassung". Richts Gezwungenes ist -an dem Vergleich unserer Periode mit der des Jesaja; Vertrauenskrise und politische Ratlosigkeit hier wie dort. Wo ist der Anker gegenüber dieser Sturmflut? Im Sinne des Lebens, wie er dem Propheten offenbart wird, in der universalen Ausgestaltung des Begriffes der Erlösung, wie sie die Menschheit erwarten darf und erwarten kann. Der ganze Schau- und Denkapparat des Menschen wird umgestellt aus der fragenwelt des „Warum" in die Antwort auf die frage „Wozu?" Cs ergibt sich eine Gleichstellung des Sinnes unseres DastMs mit -dem.Sinn des. Heltganzen überhaupt und bildet so dich.befreiende Strahlenglut der Menschenwürde.Die. volkstümlich so -heiter anmutende Gewührschaft, chasst in Jedem Kind ein Messias geboren -.wird, webt steinen besonderen Rimbus um die Wiege jedes Menschen. In jedem liegen die Möglichkeiten eines Cwed Haschern, in jedem liegt die Fähigkeit, aus seinem Leben ein. Bleibendes, mit der Ewigkeit verbundenes zu gestalten. Was aber für jeden Staubgeborenen Möglichkeit, ist für Is- 'raA'Beruf und Berufung. Je. mehr aus den internationalen Beziehungen die Moral -schwindet, desto ungezwungener ergibt, sich dem an der Hand der Thoraethik Beobachtenden das. Verständnis, all . der Erschütterungen der Geschichte, desto dringlicher wird für das, volksganze Israels die Aufgabe,, den dynamisch wirbelnden und zerstörenden Gewalten der brutalen Macht das Statische seiner Ueberzeugung entgegenzustellen, daß es eine Rorm der. Liebe gibt, die in nichts unterscheidet die Beziehungen von Mensch zu Mensch, von denen zwischen Menschheitsgruppen, die sich nach widernatürlich aufgebauschten Rationalschranken und Wirtschaftsinteressen scheiden. Einerlei ob Juden als Staatsganzes in diesem Wirbel zu verschwinden drohen, oder, ob sie eingesprengt in andere Staatengebilde ihn leidend und scheinbar hoffnungslos vereinsamt miterleben, die Linie ihres Sollens bleibt dieselbe, gerade in dieser Einheitlichkeit erschaut das Buch auch die Einheitlichkeit der Iesajapropheten. Cs befreit, uns von den Ueberheblichkeiten einer philologisch stich gebenden forschung, welche diese Einheitlichkeit zerstören wollte. Eine befreiende Tat ist es, daß uns so zur Jahreswende unser Jesaja wieder gegeben wird, uns und der Menschheit. Aber wir sind ja doch im Galuth! Wie eine stumpfe Reaktion sehen wir den der Welt abgelauschten, falschen nationalen Ehrbegriff wuchern, sehen falsche Auffassung, Verkennung und Verwerfung religiöser Grundbegriffe, sehen Umöeutung und Ableugnung der Berufung. Wie dann, wenn das, was Jesaja gewissermaßen platonisch erschaute, wenn Galuth zur rauhen Wirklichkeit geworden? Wahrlich, es erscheint immer noch leichter, das Morgen zu künden, als das Heute zu meistern. Wer es versucht, hat eine Welt gegen sich. Also erging cs Iirmija. Doch das große Wunder vollzog sich, verkannt und verfolgt, verlacht und mißachtet zieht er mahnend seinen Pfad, und alle Versuche, sich der dornenvollen Aufgabe zu entziehen, zerrinnen. Was Jesaja gegenüber der Unmoral der Kabinette und Parlamente verkündet, dies predigt Ieremia gegenüber der Politik des jüdischen Königs, die auf einen Treubruch aufgebaut ist. Cs gibt kaum einen schärferen Gegensatz als den zwischen der modernen Maxime: Right or wrong, my country und der Prophetie des Jeremias, welcher von seinem Volke heischt hochpolitische Entschlüsse auf Treue des Eides und der Tat aufzubauen. Iawohp einebefreiende Tat könnte das Buch fein, wenn es als Wegweiser, dient, wie man innerjüdisches Geschehen deuten soll, wiemran furchtlos und offen, dem Wahnwitzruf national, dem g'ttesfremden Ehrgeiz trotzt, der Kündung der Wahrheit als, Völksverrat kennzeichnet. In unsere Zeit.hat das Buch den Ieremia hineingestellt. Cs ist ihm so weh, wenn er feinem König, seinem Volk die Wahrheit sagen muß, aber er tut es und reißt den Schleier vom Leben derer^ die über Gewalt schreien und Lieblosigkeit gegen die eigenen Brüder an ben, Tag legen, geißelt die jüdischen Individuen und Gemeinschaften, die sich nicht genug tun können im Prachtbau von Tempeln und darin ihren ganzen Dienst gegen den Allmächtigen erschöpfen. Andere Zeiten, andere-Erfordernisse. Um was Jesaja kündend bat, das fordert Ieremia im furchtbaren Sturm des Augenblicks. - Doch — und dafür sei dem Buch doppelt Dank gesagt — es zeigt uns den Propheten, wie er die große Kunst der Träne lehrt, der sühnenden Träne. Daß aber Galuth, wenn wir nur wollten, Richt- Galuth werden kann, das wird uns an Iecheskel gezeigt, so nämlich, daß Galuth jeder Zweckwidrigkeit und Zwecklosigkeit entkleidet wird. Unendlich bedeutsam in unseren Tagen, die wiöerhallen vom Mißton einer offenen Rebellion gegen das Galuth. Ob die zarten Fäden der Beziehung jedes Exilierten zur Heimat bloßgelegt werden, ob wir erschüttert Zeuge dos mit bitterer Rotwenöigkeit sich vollziehen-