Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 41 (6.10.1932)
- Date
- 1932-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 41 Der Israelit 6. Oktober 1932 gehen wir den Weg in unsere Hermat, den Weg zu G'tt zurück. Und wo finden wir G'tt? Ritt dem wort eines alten Lhafsidimrebbe wollen wir antworten: -nnx tw pon dx „Steige ich zum Himmel hinauf dünke ich mich groß, würdig, daß G'tt mir nahe ist, immer und immer nnx DW' G'tt ist nicht hier, G'tt ist d o r t, G'tt bleibt fern, bette ich mich aber in der Tiefe, suche ich ihn in Bescheidenheit und Demut, *]in siehe, da bist du." Dem Bescheidenen, ihm ist G'tt nahe. „Das zerbrochene und gestoßene Herz, das, G'tt verachtest Du nicht!" Daß wir G'tt finden, müssen wir also zuerst uns selber finden. Dazu ruft uns die nVsn auf. Im Gebet finden wir uns selber, erkennen wir unser eigenes Ich. Im Leben des Alltags ist es bedeckt mit tausend Schlacken, da spielen wir soviel Theater, üben wir soviel Täuschung, daß -Selbsttäuschung die unabwendbare Folge ist. Wirreden uns Dinge solange ein, bis wir sie selber glauben. Unser Ehrgeiz läßt uns nach einem Amt gieren, wir machen uns selber glauben, daß das Gesamtheitswohl unsere Kraft erheischt. Aus kleinlicher Eifersucht sind wir einem anderen gram, wir gestoben uns nicht ein, daß wir kleine, kleinliche Menschen sind und ruhen nicht eher, bis wir bei dem andern glücklich Fehler entdeckt haben, die uns gegen ihn einnehmen. Das reden wir uns wenigstens vor. In Wirklichkeit verbergen wir mit seinem Mangel nur unsere Blöße. Wir sehen unser Ich in seinen tausend Verkleidungen, in der Hellen Beleuchtung, in die wir es zu stellen gewohnt sind, in seiner reinen, unverfälschten Uacktheit, darin sehen wir es nie. Da kommt in diesen großen Tagen der Ruf zur Und G'tt wird zum Spiegel, in dem wir uns selber sehen. Und alle Schminke und alle Tünche fällt von uns ab, vor G'tt, vor ihm lösen sich die Hüllen von unserer Seele, und wir finden den Weg zu uns selber, den wir das ganze Jahr versperrten. ^2r>'l 'n „er betete zu G'tt," das heißt zugleich, „er richtete sich vor dem Angesicht G'ttes." Und in dieser Wirkung des Gebetes liegt schon seine Erhörung und sein höchster Segen. Im Verkehr mit den Menschen mögen wir heucheln, sie und dadurch uns belügen, in unsere Beziehung zu G'tt, der in die Herzen schaut, da kann die Lüge sich nicht einschleichen, rwn ',m aaVS Aus -dieser Beziehung, wie das Gebot sie herstellt, fließt darum eine Kenntnis unseres Selbst. Unser Gebet macht den Weg zu unserem Innern frei, legt vertrocknete (Quellen wieder bloß, taut eingefrorene Ströme wieder auf und reicht uns auf seinen Flügeln uns selber. Und in diesem Sinne darf die nbsn vielleicht durch Vip gekennzeichnet werden, daß uns aus ihm Verlag des Israeli! u. Hermen G. m. b. H. Neuerscheinung: im Rhythmus der Zeit Von Oberrabbiner Dr. A. Altmann Preis RM. 0.40 Ferner erschienen soeben: Die drei großen Propheten Jesajas, Jeremija und Von Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach in Altona 133 Seiten in steifer Broschur RM. 3.— in gediegenem Leinwandband RM. 4»— ZwischenRuinen «.Aufbau inErez Jisroel Eindrücke einer Er er Jisroel-Reise mit der Palästine-Centrale der Agudas Jisroel von S. Schachnowitz 77 Seiten, steif broschiert, RM- 0.50 Die sexuelle Hot in jüdischer Schau Von Dr. med. Jacob Levy 82 Seiten, steif broschiert, RM. 0-50 Lebenskampf und. Eine Erkenntnis und Aufrüttelung von Oberrabbiner Dr. Altmann 29 Seiten, steif broschiert, RM. 0-40 Früher erschienen: Das V'ip-Dehel Von Wolf S. Jacobson broschiert RM. 2.— Zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen, sowie auch direkt vom Verlag gegen Überweisung der Beträge auf Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 19802. Porto innerhalb Deutschlands für die Propheten RM- 0.30 für die kleinen Broschüren RM. 0.10, für alle vier kleinen Broschüren zusammen RM. 0.15, für Kadisch 15 Pfg. unsere eigene Stimme entgegentönt, die Stimme die so oft verändert tönt, wenn wir sie draußen in der Welt erklingen lassen. . Z u r ü ck z u d i r -s e l b e r! dies ist der zweite Ruf, der in diesen Tagen in mächtigem Hall an unser Ghr dringt. Wirf dich nieder vor deinem G'tt, und wirs dabei von dir alles, was fremd an dir ist, was sich von außen an dich'herangedrängt hat und was du zu schwach warst, im Lauf des Jahres von dir wieder abzuschütteln. „Kommet, lasset uns . niederwerfen, und knien, die Kniee beugen vor G'tt unserin Schöpfer!" Wir wollen nicht mehr sein die stolzen Egoisten, die nur ihren Anspruch kennen und die Durchsetzung ihres Willens, und. die über ihrem Machchunger, ihrem Dünkel und Ehrgeiz ihr wahres Ich, das in G'ttes Ebenbild geformt wurde, vergessen. Wir beugen das Knie, wissen uns höherem Willen untertan und formen an diesem höheren Willen wieder unseren eigenen. Wir sind nicht mehr die großen, machtftolzen Menschen, die mit der fordernden Gebärde, zöre uns aus unserem Verkehr mit den Menschen vertraut ist, vor G'tt hintreten. * Wollte der Mensch vor G'tt, wie er es im täglichen Leben gewohnt ist, auf seine Leistungen vertrauend, hintreten, sein Gebet hätte keine Wirkung, würde ihm zum Ankläger, ]”sran wer sich auf sein Gebet was zugute hält, im Beten noch seiner Frömmigkeit, durch die er Menschen, nicht aber G'tt täuschen kann, vertraut, l’rmty naTö der veranlaßt G'tt, daß er ihn besonders genau und streng prüfe. ’S ’jyV nVsn* Wenn sich der Mensch seines Nichts bewußt wird, im Gefühle seiner Nacktheit sich verhüllt — so kann man vielleicht wörtlich übersetzen - irr»w 'n ’asVi'Un& so vor G'tt sein Flehen ausgießt, dann, nur dann kann er hoffen, daß G'tt sein Gebet anhört, seinem Flehen sich nicht verschließt. Wiederum dürfen wir im Anklang an ein chassidisches Wort die Frage nach dem Weg zu uns selber beantworten: nyx an viel muß der Mensch an sich arbeiten, aber mm heißt ja auch beten, viel und recht muß der Mensch beten msr» rn; bis er wieder er selbst geworden: der Mensch, der er wirklich ist: klein, unbedeutend nyx- Und daß unser Ich sich nicht wieder verliere, darum ertönt uns nun der dritte Ruf, der Ruf zur npnx! Finde d e n Weg z u d e i n e m Nächsten und hast du ihn verloren, dann suche ihn wieder. Gewiß, durch Geld kann man viel Gutes tun, heutzutage gewiß. Aber der Gebende und der Empfangende, sie sollen nicht wie zwei Menschen aus verschiedenen Welten sein, sie sollen sich als Brüder finden, npns ist der große Aufruf zum Dienst an der Gesamtheit, zur Liebe und zur ständigen Bereitschaft, ist der Aufruf zur Bewährung des wahren Die Sünde und Hofchea's „Schuwoh"-Ruf. Von Hermann Fischer in Sarospatak-Frankfurk. Was ist Sünde? Verstehen wir es recht, es handelt sich nicht darum, was Sünde überhaupt ist, denn das wissen wohl wir alle: all das, was wir gegen den Willen der Tauroh und unserer Chachomim tan. Es wird vielmehr danach gefragt: Warum ist es eine Sünde, wenn wir also handeln? Ist uns die Kraft gegeben, dies zu tun, warum ist es dann eine Sünde, -wenn wir es tun? Wie kann das, wozu G'tt uns die Möglichkeit zu tun gegeben hat, eine Sünde fein? — Nun denn. In der jüdischen Sprache kann der Begriff „Sünde" durch verschiedene Ausdrücke Wiedergegeben werden. Wenn der Prophet Israels Verfall mit dem Worte tw kennzeichnet, so wird dessen Deutung in dem Wesen des Wortlautes liegen. Der Ausdruck py, mit prr. Kraft lautverwandt, besagt, daß wir unsere, von G'tt gegebene Menschenkraft mißbraucht, daß wir sie statt zum Guten, zum Bösen angewendet haben. Denn, gab es eine Wissenschaft, deren Höhepunkt in der Vergötterung des Plastischen gipfelte, die da stolz behauptete, daß die Kraft den höchsten Wert des Menschen ausmache: und gab es dagegen eine andere, die eben das Gegenteil lehrte, daß nämlich die Menschenkraft nur die Aeußerung des Tierischen in ihm sei, sie habe keineswegs irgendeinen Wert, sie sei nur ein notwendiges Uebel, absolut wertvoll sei nur das rein Geistige, Vernünftige und Ethische: sind also nach beiden Schulen Geist und Körper, Vernunft und Kraft scharf von einander getrennt, verschiedene ringenden Mächte, von denen die eine auf Kosten der anderen ihr Daseinsrecht aufgeben muß, so wissen -wir, daß es dem nicht so ist. Die Kraft ist heilig, wie alles, was G'tt geschaffen hat. Sie ist ein wichtiges Element unsres Selbst, sie ist positiver Wert. Doch, was positiv ist, ist noch nicht absolut ... Die Kraft ist das Schaffende, Gestaltende in uns. Wie aber die allerwichtigsten Gesetze der Natur Ordnung und Form sind, wie die Kräfte in der Natur, deren gegenseitige Wechselwirkungen das All Zusammenhalten, in eines zusammenballen, sich nur in ihren bestimmten Rahmen bewegen können, so müssen auch alle menschlichen Kräfte ihre Grenzen und Gesetze anerkennen. Unbegrenzt-heit und Gesetzlosigkeit würden die Menschheit ins Unglück stürzen. Welche sollen aber die Gesetze sein? Wer soll die Grenze der menschlichen Kraft bestimmen? Darin liegt die Schwierigkeit. Vielleicht wir selbst? Wir wankelmütige Menschen? Wir, die selbst die eigene Vergangenheit nur vom Hören-Sagen kennen und die Zukunst kaum ahnen?! — Wir, die von den Geschehnissen der Gegenwart nur das „Was" kennen, kaum aber ihr „Wie" und „Warum", und denen ihre wirkenden Gründe, ihre Triebfeder ein ewiges Geheimnis ist und bleibt? . . . Und dazu kommt ein anderes. Wir Menschen sollen uns einen einheitlichen Gesetzeskodex machen? Wissen wir noch immer nicht: .wieviel Menschen, soviel Meinungen? Und zuletzt, haben wir es noch nicht versucht? Nicht einmal — hundertmal. Unzählige Male hat man schon versucht, für die Menschheit ewige absolut gute Sozial- und Moralgesetze, die menschliche Kraft bändigende, veredelnde, heilbringende ethische Gesetze, Regeln, Schranken und Formen zu geben, — und was fyat man erreicht?! . . . I Wir Menschen müssen, ob wir es wollen oder nicht, bekennen, daß wir allzusehr Menschen sind, als daß wir uns selbständig Lebenswege, für unsere Kräfte ethische Schranken bestimmen könnten. Nur das allweiseste Wesen, das wir zwar nicht kennen, dessen Notwendigkeit und Dasen aber wir alle mit allen Fasern unseres schwachen. Seins fühlen; nur der, den wir uns in unserem Denken als den „Allmächtigen" vorstellen und in unserer armen Sprache „G'tt!" nennen, nur „Er" kann uns heilbringende, ewige Gesetze geben. Nur „Er" kann uns sagen, welche Kraft ist heilig, und inwieweit ist sie heilig, ist sie Wert! Verstehen wir schon, warum es eine Sünde ist, wenn wir frei nach unseren Kräften gehen, nach unserem eigenen Verlangen laufen und alle Möglichkeiten ausnützen, ohne auf die Vorschriften der Dauroh zu achten, ohne die Vorschriften unsrer Chachomim zu berücksichtigen? Warum?! — Weil das nichts anderes ist, als die allzumenschliche Ausnützung unserer g'ttgegebenen und geheiligten Kraft! Es ist nichts anderes als ein Mißbrauch unserer g'ttgeweihten Menschenkraft, wenn wir, weil wir es können, die Schranken der Taurohgesetze sprengen! Und letzter Sinn dieser Sünde ist, weil wir dadurch nur den Boden unter uns selbst untergraben! Weil wir nur fallen und straucheln, wenn wir unserer freien, losgebundenen Kraft nachgehen. Weil, wenn wir uns gegen die Tauroh, gegen G'tt vergehen, gleichzeitig auch gegen uns selbst versündigen. Nie war der Ruf Hoscheas so brennend notwendig und aktuell wie heute! Nie hat der Mensch und besonders der jüdische Mensch so arm, hilfsbedürftig, und dennoch so unbeholfen dagestanden, wie heute! O, rührte sich endlich der Mensch und kehrte zurück, — zu G'tt und empfänge aus seiner Hand den Tausegen, den ihn: G'tt in der heutigen Haftorah verspricht! ... 5160514