Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1932)
- Date
- 1932-09-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 16 Nr. 40 Der Israelit 29. September 1932 der Inbegriff der nationalsozialistischen Weltanschauung ist, und könne das Weitere nur aus seinem Programm entnehmen. Da heißt es in Punkt 24, daß sich der Nationalsozialismus zum „positiven Christentum" bekenne, ohne sich auf ein bestimmtes Bekenntnis'-festzulegen. Was aber mit diesem „positiven Christentum" gemeint sei, wisse man nicht. II. Wie wir es sehen. Der jüdische Lehrer betrachtet nach zwei Seiten hin das hier skizzierte Schulprogramm der DSDAP. mit Grausen: Soweit er ein an einer deutschen Schule wirkender Lehrer und Erzieher ist, darf er sich als Jude mit einem großen Teil der deutschen Volksschullehrerschaft identifizieren, die in diesem Programm die restlose Vernichtung aller bisherigen Erfolge der modernen Pädagogik sieht. Wenn die Erinnerung nicht täuscht, war es auf der Tagung des Deutschen Lehrer-Verbandes im März 1924 in Hamburg, als man in der Festschrift die Worte lesen konnte: „Die moderne deutsche Pädagogik ruht auf den Schultern der deutschen Volksschullehrerschaft." Mit Recht. Denn es ist das unvergängliche Verdienst der ganz von dem idealen Wert ihrer Aufgabe erfüllten und aufopferungsbereiten Volksschullehrer, die deutsche Schule freigemacht zu haben von der zwangserfüllten, dem Kinde wesensfremden, psychologisch nicht orientierten „Lernschule" der früheren Jahrzehnte. Sie haben mit Ausdauer und mit Mut ihre Arbeit unter das Zeichen der Kindgemäßheit gestellt, die auf die Kenntnis der Psychologie des Schulkindes zurückgeht. Sie haben sich das Ziel gesetzt, dem Gedanken Verbreitung zu verschaffen, daß das Kind in Deutschland nicht zur Schule gehen soll und muß, sondern will und möchte. Sie haben sich — leidenschaftlich und heftig — um die Frage der Bekenntnis-, der Einheits- und der weltlichen Schule gestritten, und waren dabei überzeugt, daß auch den Gegner die lautersten Absichten beherrschten und daß auch dieser — eben auf seine Weise — dem Kinde ganz gerecht werden wollte. Und sie haben eines mit deutlichster Schärfe geschlossen abgelehnt: Die Stellung der Schule unter die Idee einer politischen Partei. Denn hier müssen sich Gegensätze auswirken, denen man im Leben nicht zu entfliehen vermöchte, die aber dem Kinde in seiner Wesensart absolut fremd sind, ja feindlich gegenüberstehen. Es ist unmöglich, etwa das System der „Schulmeister" als kindgemäß zu begreifen, es ist unmöglich, die Substanz des vermittelten Wissens zu schwächen und die Blickrichtung des Kindes nur auf den bestimmten, einzig würdigen Gegenstand zu konzentrieren, abgesehen davon, daß das Bildungsniveau — hier scheint Absicht wirksam zu werden — so herabgeschraubt werden soll, daß nicht „unverbildete" sondern „nichtgebildete" Menschen ins Leben treten, die tatsächlich nichts außer Schreiben lind Lesen können. Das Denken soll ganz verboten werden. So wirkt sich die politische Richtung aus, die den Nationalsozialisten bei ihrem Schulprogramm vorschwebt. Dabei wirkt es geradezu tragikomisch, daß es derselbe Krieck ist, dessen nationalpolltische Erziehung vergessen machen will, daß ihr Verfasser noch vor drei Jahren voller Leidenschaft jede Einmischung der politischen Parteien in die Schulsysteme abgelehnt hat. Was also eingerissen werden soll, obwohl es in jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde, ist die Koedukation, die Bekenntnis- und weltliche Schule. Das alles existiert in seiner Problemhaftigkeit nicht. Es erscheint sehr fraglich, wie die Schwierigkeiten der Pubertätszeit und ihre Behandlung durch den Federstrich des allmächtigen Diktators gelöst werden. Dabei spielt es keine Rolle, daß heute niemand das Wesen dieses Diktators zu übersehen vermag. Ja, daß von einem nicht vorhandenen einheitlichen Programm gesprochen wird! Vielleicht liegt darin sogar die größere Gefahr, daß nirgendwo zLzupacken ist, weil keine festen Positionen bezogen sind, sondern das allesumfaffende Programm im nackten Glauben besteht, daß der Führer es schon recht machen werde und im übrigen eine Kritik von vorneherein nicht die ihr gebührende Beachtung zu finden hat. Man weiß aus Erfahrung, daß im ersten Eifer bei der Neuorientierung des Schulwesens häufig der Bogen überspannt wird und daß anderseits die Aufhebung der einmal gegebenen Schulgesetze weit größere Schwierigkeiten macht und viel seltener ist als die Schaffung selbst! Der jüdische Lehrer aber ist, über diese Feststellungen hinausgehend, noch durch etwas anderes erschüttert. Gewiß, bisher ist noch an keiner anderen parteioffiziellen Stelle etwas darüber laut geworden, wie die NSDAP, zur Bekenntnisschule steht und welche Schulform sie überhaupt zu schaffen gedenkt. Aber eines steht trotzdem heute schon fest: In diesem Schulprogramm ist für die jüdische Schule kein Platz. Denn es gibt keine Brücke zwischen irgendeiner Form der jüdischen Schule — sei sie liberal oder konservativ — und dem Schulprogramm einer Partei, die den Grundsatz der Rasse und des Blutes an die Spitze ihrer Dogmatik gestellt hat. Daß aber hierin die Legitimierung der jüdischen Schule selbst liegt, ohne jede Einschränkung, müßte auch von den Nationalsozialisten eingesehen werden. Denn schließlich können die jüdischen Kinder nicht ohrte Schule aufwachsen; wenn die christliche Schule vollends dem „Rassefremden" verschlossen ist, dann gibt es keinen Grund, gegen die jüdische Schule etwas vorzubringen. Auch die Formung der Schule kann dann uns stärker überlassen bleiben als bisher. Ohnedies zeigen aber solche Erwägungen, deren Notwendigkeit nicht von uns geschaffen wurde, wie sehr schon heute das Primat der jüdischen Schule für unseren Kreis feststehen muß. Krieck selbst lehnt es ab, Antisemit zu sein. Er kommt vielmehr von ganz anderen, nämlich geisteswissenschaftlich orientierten Ausgangspunkten an diese nationalpolitische Erziehung heran. Noch eine andere Tragik sieht.gerade der Jude in diesen Ausführungen: Es mag sein, daß mancher Krieck'sche Gedankengang, z. B. die Ablehnung der ooraussetzungslosen Wissenschaft, durchaus wertvoll und diskutabel ist, wir können aber nur nach Ueberwindung schwerer seelischer Hemmungen in die Diskussion eintreten, weil Krieck unter einer Fahne marschiert, deren Träger ständig den rüdesten Antisemitismus pflegen und auch vor Aufforderungen zu Gewalttaten nicht zurückschrecken. * Als vor mehreren Jahren das Wort aufkam, die Juden seien schuld am Ausgang des Krieges, pflegte man auch die Radfahrer für schuldig zu erklären. Es kann dahingestellt bleiben, ob diese Taktik richtig war, heute ist sie es bestimmt nicht mehr. Die Ideologie des Nationalsozialismus bildet sich, zwar schwach und angekränkelt, von allen Blüten mehr als naschend, aber sie schafft den geisteswissenschaftlichen Unterbau der Bewegung, sie verankert sie damit in der Theorie und in der Praxis des gesamtdeutschen Lebens. Heute ist es möglich, daß ein Mann wie Krieck nicht von der politischen und wirtschaftlichen Situation des deutschen Volkes, sondern von wissenschaftlichen Problemen her die Berechtigung des Nationalsozialismus offensichtlich machen will. In einer solchen Lage helfen keine Scherzworte mehr. Wenn selbst der Urheber des Gedankens von ihm abrücken sollte, die breite Masse ist schwerfälliger und von dem ihr mit den raffiniertesten Propagandamethoden eingebleuten Gedanken nur schwer wieder abzubringen. So unangenehm es uns auch zu sein scheint, so verworren auch die Pläne sind: Dies alles muß ernst genommen und mit den Kräften des G e i st e s behandelt werden. Wir werden gewiß nicht ins Wanken geraten. Für uns gibt es diese Pseudoüogmatik, deren wildromantischer Urkern allmählich frei wird, nicht; wir haben -unsere jüdische Dogmatik, nicht von gestern und vorgestern, sondern von Jahrtausenden gebildet und uns eingeimpft. Wir haben heute zu überlegen, wie wir sie für uns alle verlebendigen und vergegenwärtigen. Sie wird dann den Vorzug haben, uns alle, die wir uns Juden nennen, zu einen und dem Gegner gegenüber mit aller Deutlichkeit die Grenzen abzustecken. B. G. Pädagogische Streiflichter im Talmud. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Allerdings hat der zu Pflegende Individualismus auch seine Grenze an der Verpflichtung gegen die Gesamtheit. Diese darf nicht übersehen werden. Sie hat ihr Recht an dem einzelnen ,der für sie zu erziehen und so auszustatten ist, daß er sich ihr dienend einsügt. Zahlreich sind die Mahnungen im talmudischen Schrifttum, die auf diese Pflicht des Hand-in-Hand-Gehens des Individualismus mit den Forderungen der Allgemeinheit Hinweisen?) Die Allgemeinheit ist gebunden an die ewigen Lehren und Forderungen der Thora, deren Kenntnis einem jeden unterschiedslos zu vermitteln ist. Aber auch hier ist für die individuelle Behandlung noch Spielraum genug, und es ist keineswegs der Weg zur Erreichung des allerdings feststehenden Zieles vorgezeichnet?) Uebrigens ist die notwendige Einordnung keine erzwungene, sondern eine freiwillige, aus der Erkenntnis ihrer Notwendigkeit heraus begriffen. „Freie Bahn dem Tüchtigen", dieses Schlagwort unserer Zeit hat die Einheitsschule propagiert und den Gedanken der Schülerauslese gestärkt. Das Einrücken in die höheren Berufe soll nicht mehr ein Vorrecht der begüterten, sozial begünstigten Kreise sein. Allein die geistigen und sittlichen Kräfte haben zu entscheiden. Ist nun diese Idee nicht schon im Talmud vorhanden? „Gebet acht auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus/"') Ja, dieser Gedanke hat überhaupt im talmudischen Zeitalter zur Begründung der allgemeinen Kinderschule geführt. Darüber lesen wir-'): „Zum Segen werde jener genannt — der hohe Priester Josua den Gamla — sein Verdienst ist es, daß die Lehre, in Israel erhalten blieb." Ursprünglich lehrte der Vater sein Kind die hl. Lehre. Wer aber keinen Vater hatte, blieb ohne Unterricht. Da stellte man Berufslehrer in Jerusalem an?) Den Vorteil dieser Schulen konnten auch nur die Begüterten genießen. Darum begründete Simon ben Schetach sogenannte Bezirksschulen. Auch diese Einrichtung erwies sich bald als unzureichend, bis der Hohepriester Josua ben Gamla es durchsetzte, daß jede Stadt verpflichtet wurde, eine Schule zu unterhalten?) Seit der Einführung der allgemeinen Kinderschule") wurde ihre Existenz als Vorbedingung für den Bestand des jüdischen Statswesens angesehen. Es heißt geradezu: Jerusalem wurde zerstört, weil damals die Kinderschulen H Vgl. u. a. die sinnigen Deutungen der Lehre vom „halben Schekel" wie auch die des Feststraußes am Sukkoth. 2) 58a6a k. 60 b. -') Baba b. 21a. Z Gerade in der Hauptstadt, weil hier das religiöse Leben anregend wirkte. ») Für 25 Schüler wurde ein Lehrer bestellt: wuchs die Zahl auf 40, so unterstützte ihn ein Gehilfe und bei 50 Schülern fand ein zweiter Lehrer Anstellung. ") Im Gegensatz zur Hochschule, die schon früher bestand. verödeten?) Eine Stadt, die sich weigert, eine Schule zu unterhalten, verdient in Acht und Bann gelegt zu werden?) Es ist verboten, in einer Stadt zu wohnen, die keinen Kinöerlehrer hat?) Diese Sätze, die nur eine kleine Auslese darstellen, beweisen alle, wie sehr die allgemeine Schule gerade zum Zwecke der Verbreitung der Kenntnisse auch unter der ärmeren Bevölkerung als dringendes Erfordernis angesehen wurde. Die Lehrer, die den Dienst an der Erziehung des Kindes vollführen, sind daher auch der Gesamtheit verpflichtet und verantwortlich. Rab traf eines Tages einen Lehrer, der im Rufe besonderer Gewissenhaftigkeit stand, in dessen Garten. Verwundert fragte er ihn: „Du hast deinen Beruf im Stich gelassen?" Er aber entgegnete: „Schon zwölf Jahre habe ich meinen Garten nicht aufgesucht. Und auch heute, wo ich mich hier ergehe, denke ich nur an meine Schüler."») Auf einen Lehrer, wie den hier gezeichneten, wird treffend das Wort angewandt: „Die viele zur Gerechtigkeit anleiten, werden leuchten wie die Sterne für alle Zeiten.""') Viel wird von jedem Lehrenden erwartet. Sein Wissen und Können, seine unterrichtliche Geschicklichkeit wie sein Lehreifer, aber auch seine vorbildlichen sittlichen Qualitäten sollen ihn zu einer Persönlichkeit machen, zu der die Zöglinge voll Vertrauen und Verehrung aufblicken, so daß nicht nur ihr Intellekt, sondern auch ihr Wille zum Guten und Schönen Förderung gewinnt. Darum werden die Lehrer gemahnt, nicht aufbrausend zu sein,") alle Geduld aufzurwenden, um in einem Jeden das Verständnis für den dargebotenen Stoff zu wecken und gründlich, klar und anschaulich und im angemessenen, der Sache entsprechenden Vortrage die jeweiligen Disziplinen an die Schüler heranzubringen. (Fortsetzung folgt). Mische Erziehungsberalungsskelle. In der Vereinigung israelitischer Lehrer und Lehrerinnen gab Frau Dr. Alice Schaumberg einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der seit 6. Mai 1930 bestehenden Erziehungsberatungsstelle, die in den Räumen des jüdischen Jugendheimes, Eschersheimerlandstraße 65, jeden Dienstag von 4.30 bis 6 Uhr nachm, ihre Sprechstunde hält. Eine Anzahl Fälle wurde durch Lehrer der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft geschickt, andere Ratsuchende kamen, angeregt durch die im Gemeindeblatt regelmäßig angekündigte Sprechstunde. Auch von auswärts wurde die Beratungsstelle besonders in der ersten Zeit ihres Bestehens aufgesucht, so von Worms, Hanau und einigen benachbarten Orten. Unter den behandelten Fällen waren viermal so viel Knaben als Mädchen vertreten. Die Mädchen befanden sich meist im Alter von 7 bis 10 Jahren. Vereinzelt suchten auch junge Menschen beiderlei Geschlechts im Alter von 17 bis 22 Jahren die Beratungsstelle auf, die, entmutigt durch schwierige Verhältnisse, verständnisvollen Rat und Hilfe fanden, und zu einer bejahenden Einstellung gegenüber ihren Lebensaufgaben gebracht wurden. Erfreulicherweise befanden sich unter den Mädchen nur ganz wenige besonders schwer erziehbare Kinder, wie es sich denn überhaupt fast nur um normal begabte und normal veranlagte Kinder handelte, die nur durch ungünstige Umwelteinflüsse sich weder in der Schule noch zu Hause eiuvrdneten. Es gelang daher bei den meisten schon nach einigen Beratungen, sie in die richtigen Bahnen zu lenken. Vor allem kam es darauf an, die Eltern oder Erzieher zu belehren, wie sie das Kind behandeln sollen. Unter den Knaben, die das Hauptkontingent derer darstellen, welche wegen Erziehungsschwierigkeiten zur Beratung geführt wurden, waren, wie bei den Mädchen, die 8- bis 9 jährigen in der Mehrzahl. Sehr oft waren es einzige oder auch jüngste Kinder, die zum Teil schwieriger als die Mädchen waren. In allen diesen Fällen war man bemüht, Eltern und Lehrern bei dem schweren Erziehungswerk zu helfen. An das Referat schloß sich eine lebhafte Aussprache an, der sich u. a. besonders Herr Rabbiner Dr. H o r o - w i tz beteiligte, der hervorhob, wie wichtig die Arbeit einer solchen Beratungsstelle ist, wieviel Gutes sie für die jüdische Menschheit wirken kann. Mit beredten Worten dankte er der Leiterin und ihren Mitarbeitern, indem er sie gleichzeitig aufforderte, ihre soziale Pionierarbeit fortzusetzen und in Fachzeitschriften ihr Werk bekannt zu geben, damit diese segensreiche soziale Einrichtung auch in anderen jüdischen Gemeinden Nachahmung fände. F. Allen meinen verehrten Mitarbeitern, lieben Kollegen und Freunden wünsche ich herzlich naie navim navia- L. Kaufmann, Sprendlingen. Beraniwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offcnback) 7) Sab. 119 b. *) Sanh. 17 b. '') Baba b. k b. 10) Daniel 123. ") Abot 2,5, '