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Der Israelit · 1932-09-29 · Heft 40 (29.9.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 40 (29.9.1932)
Date
1932-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 40 Der Israelit 29. September 1932 ' durch Fernhalten allen werktäglichen Tuns, wir G'ttes Wort stetig wie neu offenbart uns anzueignen Zeit gewinnen, ist der Sabbat ja ein Abbild auf Erden von dem Tage, der ganz Ruhe und ewiges Leben ist, — von der jenseitigen Herrlichkeit. Wenn Andere erst vom Jenseits Befreiung aus den Ueffeln des Körpers und feiner Begierden erharren, — unser G'ttesgesetz erzieht uns im Diesseits zu solcher Geisteshöhe. Tinengend und bedrückend für den Böswilli- . gen und Außenstehenden, erhebend und befreiend für den Gehorsamen und Eifrigen, haben G'ttes Gesetze an unserem Tisch und in unserer Che, in unserem Erwerb wie in unserer Sabbatruhe — haben G'ttes Gesetze uns die Kraft gegeben, die schwersten Rotzeiten vertrauensvoll zu überstehen. Andere Völker, ja andersdenkende Juden, mögen auf ihre „Gesinnung", auf ihr „gut jüdisches Herz" mit verschämtem Stolze Hinweisen, — mögen es versuchen, ihr Gewissen über die Untreue gegen das G'ttesgesetz mit dem Gerede von der „gut jüdischen" Ueberzeugung zu beruhigen und zu bestechen; die Entartung bleibt nicht aus, die Entlarvung nicht erspart. Würden alle die Vielen, die auf ihr jüdisches Herz so gerne pochen, wirklich auch nur nach menschlichen Begriffen ihre Pflicht gegen ihre Witbrüder erfüllen und einem wirklichen edlen Herzensrufe fortwährend Folge leisten, — so brauchte es auch jetzt keine jüdische Rot in der Welt zu geben. Doch selbst wenn die, welche das G'ttesgesetz nicht achten und auf ihr Herz pochen, wohl ihre Pflicht tun und alle jüdische Rot mit reichen Gaben beheben würden, — alle ihre (Opfer und Schätze werden von einem einzigen Handel ausgewogen, den sich der Gesetzestreue dem Sabbat zuliebe entgehen läßt, von einer einzigen Freundschaft, die er sich durch Ablehnen einer Einladung verscherzt, von einem einzigen Hohnwort, das der Gesetzesbefolger für seinen Gehorsam liebend gern erduldet und von einem einzigen Genüsse, den er sich raubt, um mit den Fcühgestirncn G'tt an geweihter Stelle zu loben und von einem Gespräch, das er unterdrückt, um die Weihe des Bethauses nicht zu stören (Cant. §, 8) „und gäbe um diese Liebe Einer allen Reichtum seines Häuscs, verachten müßte man ihn". Alles Geld und alle Gaben der Menschenliebe jenex auf ihr Herz Pochenden sind kein so schweres Opfer für sic als es dem Gesetzesbefolger auch nur das Wort seines Gebetes ist. Kl. G'tt,' dessen Gesetz zu befolgen uns einzige Lebensmöglichkeit ist, ist aber auch unser König. Täglich und stündlich lobpreisen wir ihn als „König der Welt", der den Kräften des Weltalls gebietet, der das Brot aus der Erde hervorbringt, der Seine Geschöpfe sättigt und verpflegt. In diesen gehobenen Tagen des Jahresbeginnes lobpreisen wir ihn als „König über die ganze Erde", nennen auch den Schofarklang einen Königsjubel und bekennen es hundertfach, daß außer G'tt kein König über uns ist. Cs gab eine Zeit, in der die Herrscher der Erde es uns verargten, wenn wir die Königswürde G'ttes in den Gebeten erwähnten, sogar der Wortlaut der Keduscho soll damals zeitweilig aus solchen Gründen geändert worden sein. In den Zeiten, da irdische Könige und Machthaber große und drückende Gewalt entfalteten und Tausende ihrer Untertanen im Elend schmachten oder in Fronarbeiten hinsiechen ließen, war es um öcn wahren G'ttgedanken und vor allem um Israel selber schlecht bestellt. Alle Gewaltherrscher waren immer Israels Feinde oder G'ttesleugner oder beides zugleich. Das Volk Israel wird nie abstrciten tonnen und dürfen, daß es das Volk der Freiheit und der Menschenliebe zu sein hat. Cs wird uns das von unseren heutigen Feinden so ausgelegt, als seien wir Gegner aller straffen staatlichen Ordnung und aller persönlichen Aufopferung überhaupt. Richts ist an dieser Verleumdung wahr als das Line: Oft sind Sünder und Abtrünnige, Leichtfertige und' Unreife aus unserem Volke, die das Joch der Thora längst abgeworfen haben, die Schrittmacher alles sittlichen Verderbs, aller G'ttesleugnung und Anarchie. Und wenn Wahrheit das Siegel G'ttes ist, so müssen wir in diesen heiligen Tagen es gestehen: Wir alle haben gar oft uns im Garn solcher Schänder des jüdischen Ramens gefangen; auch wir haben in unseren Kreis gar manches Eingang finden lassen, was nur die Leichtfertigen und Unverantwortlichen der Richtjuden guheißen. Wie kommen wir davon los? Sollen wir zum Ausgleiche solcher Sünden der Reuerungssucht Befürworter alles Alten werden? Sollen wir Lobpreiser der Menschenknechtung werden, wie sie in der alten Zeit Sitte war? Sollen wir herbeiwünschen, was geschwunden, Königen in den Steigbügel helfen, die längst gestürzt, Tyrannen, die längst vertrieben sind? Sollen wir etwa gar gegen das Vordringen des G'ttesleugnerreiches des Ostens, die Mache der Vergangenheit herbeiwünschen, die Gewalten Europas gegen sie Hetzen helfen? Der Prophet Hosea hat uns einen anderen Weg gewiesen, worin wir erkennen, daß die neue Zeit aus dem sündigen Wege ist (14, 2—4): „Kehre um, Israel, zu G'tt, Deinem G'tt: denn gestrauchelt bist Du durch Deine Sünde. Rehmet Worte mit euch und kehret zu G'tt zurück! Sprechet zu ihm: Ganz verzeihe die Sünde und nimm Gutes an, und Opfer sotten unsere Lippen ersetzen. Aschur soll uns nicht helfen, auf Rossen wollen wir nicht reiten; und nicht mehr wollen wir „unser G'tt" zu unserer Hände Werk sagen; o du, durch den der Verwaiste Erbarmen findet!" — Richt zur „alten Zeit" sollen wir zurückkehren, sondern zu G'tt. Richt auf Weltmächte wollen wir vertrauen, ob sie nun Aschur heißen oder einen heutigen Ramen tragen, ob sie Gewaltreiche der Besitzenden oder der Besitzlosen sind, — nicht auf s i e alle, deren Macht aus Kosten des Glückes der Einzelnen gegründetwurde, und die gar manchen Menschen zur Verwaisung gebracht haben, — deren Spuren Verwüstete Wohnstätten und geknickte Menschenblüten sind, — nicht auf sie Alle, sondern nur auf G'ttes M -a ch t. Denn G'ttes Macht herrscht da, wo der Verwaiste Lrbarmung findet. Wenn es eine Hoffnung gibt, das Reich der G'ttesleugnung in seinem Vordringen abzuhalten, so nur den einen einzigen, daß wir sorgen, daß zu G'ttes Ehren und in G'ttes Ramen ein jeder Verwaiste Erbarmung findet. Gar mancher mag beim besten Willen genötigt sein, beim besten Willen das Opfer durch das Lippenwort zu ersetzen. Keine Verordnung kann der G'ttesfeindschaft oder dem Freidenkertum Einhalt gebieten. Aber wir, wir selber können es. Jeder armselige Pfennig, jeder Krumen'Brot, jedes karge Rachtlager, das wir für noch Elendere als wir uns und den Unsrigen absparen, heißt Z e d o k o , heißt gerechter Ausgleich, heißt, wie es unsere weisen nennen, Versöhn ungsmittel zwischen G'tt, demvater, und seinen Kindern. Wer G'ttes Königtum zwischen den Menschen festigen will, wer nicht leiden will, daß Andere oder daß ganze Völker oder Stände mit G'tt hadern, .der nehme den Gedrückten jeden Anlaß, mit G'tt zu hadern, der erweise durch brüderliche Liebestat und, wenn nicht anders möglich, brüderlichteilnehmendes Wort sich als einen Diener G'ttes, des Königs, durch den „der Verwaiste Crbarmung findet." Wollen wir G'tt heute als m a l k e n u, unserem König huldigen, so müssen wir zuvor ihn owinu, unseren Vater, genannt haben und alle in Einigkeit und Frieden einander brüderlich lieben, einander vor Schaden und Last bewahren. Dann ist G'tt unser Vater, nicht König nur, König der Welt, und dann verstummt mit dem Hader über seine Schickung auch die Leugnung G'ttes. IV Wenn wir aber G'tt als unseren Rechtfertiger, unseren Gesetzgeber und unseren König innerlich erkannt haben, dann ist er auch unser H e l f e r. „Cr allein wird uns helfen". Rur wenn wir das Vertrauen auf Menschen verlernt haben, — nur dann sind wir der G'tteshilfe würdig. Gerade weil wir zwischen den Mächten dieser Erde keinen, keinen einzigen Helfer haben — gerade weil wir keinem Melech evjon, keinem der schattengleich dahinsinkenden irdischen Königtümer ganz unseren Schutz anvertrauen können, — oben deshalb ist G'tt mit uns, den Schutzlosen und Verfolgten. Wenn wir an der heutigen Jahreswende Umkehr üben, dann sei es die Abkehr von allem Menschenvertranen, und wir „wollen das Werk, unserer Hände nicht nrehr unseren G'tt nennen." Sara, Hanna, Rahel. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Unter dem verklärenden Schimmer sabbatlicher Weihe, geleitet von den Friedensengeln des siebten Tages, ziehen wir diesmal hoffnungsfroh, erwartungsreich durch die Pforte des neuen Jahres. Der Ernst, mit dem sonst vrri der Jahresbeginn den '?'2vn s?in, den sabbatlichen Monat, eröffnet, wird gemildert durch das wonnigliche Gefühl der Beseligung, das die Himmelstochter Sabbat immer wieder in uns weckt. So sind unsere Herzen auf jenen Ton gestinrnrt, den die edlen Frauengestalten anstimmen. die wir immer förmlich als Weihegabe des neuen Jahres wie als Lehrmeisterinnen des jüdischen Volkes in der g'ttesdienstlichen Vorlesung unseres Festes grüßen dürfen. Jm^ Vollgefühl kaum noch erwarteten Mutterglückes spricht Stammutter Sara mit freudegeschwelltem Herzen und mit dankbarer Seele: pnx’ yas?n >2 'pVx H ns?? j?ns „Ein Lachen hat G'tt mir gemacht, wer es hört, wiro lachen mit mir." Demütig nimmt sie ihr Glück hin aus G'ttes Hand, von 'pbx,oon Ihm hin, den sie auch verehrt hat, als Er ihr Glück und Hoffnung zu versagen schien. Ihre Freude ist darum ihr ein besonderer Quell der Beseligung, weil an ihrer Erfahrung, an der Ves> heißung, die ihr geworden, wie an der Erfüllung, die sie erlebt, sich aufrichten müssen alle Mutlosen und Verzweifelten, alle Zagenden und Zweifelnden. Das ist der Sinn jenes Midraschwortes:?i*> w> nnas? na yaivn So ,nn?$> nnavn osr Wenn sich Sara als Mutter freuen durfte, welchen Anteil der Freude gewann dann der, dem jene Kunde wurde? ms? oy npsicrmon loi D’winn S01 rvnpyn So vtoni? kvi, In diesem Worte liegt angedeutet, was die Weisen lehren: Alle Sehnenden und Hoffenden, alle Gebrechlichen und des Lichtes Beraubten wurden gleichzeitig mit Sara bedacht. Die Stammutter ist die Jnterpretien des Judentums, die Wortführerin seiner erhabenster Lehre von einem weisen Schöpfer, der der Vater aller Menschen ist, der sie in all ihren großen und kleinen Nöten sieht und beachtet und schließlich sie erlöst, bis daß die Menschen alle Ehre geben Ihm in der Höhe und Ihm zujubeln: dv>s inav pxn Son ■’Va m- „Der Alliebeude ist König! Es juble die Erde, frohlocken die vielen Eilande." Ist dieser Glaube nicht uns beim Beginn des neuen Jahres wie Tau auf dis lechzende Flur, der Hoffnungsanker in allen Nöten und Stürmen, die uns mehr denn je in unfern Tagen umtosen? Da'ruft es wahrlich beruhigend in unserm Innern: -p'-isSvia aS>i»S> in’ xS> 1S0S0' «ini nsn -n S>y ^S-vn, „Wirf aus G'tt deine Last. Er wird dich schon versorgen! Nie läßt er wanken den Gerechten!" Freilich den Gerechten! Da ist gar bedeutsam, was uns Hanna, die Prophetenmutter, als Dolmetscherin des Judentums kündet. Auch sie jubelt dem Herrn zu als Spender ihres Glückes. Sie ruft mit jauchzender (fS>y) Seele im Heiligtum zu Schilo aus: 'na raS» fS>? Ausjauchzt mein Herz durch G'tt, inyuy’n vmas? '2 denn ich bin froh geworden durch deine Hilfe. Sie ergänzt aber diese Lehre und wird so zur Seherin ihres Volkes: . ,'pbta ms prri ir.So prr '2 -12 sr?iip prr „Keinen Heiligen gibt's wie Gt't, ja nichts ist außer dir, und keinen Hort gibt's wie unseren Gt't." Dqr Allmächtige und Allweise waltet nicht nur über alles und in allem, Er ist auch der Heilige, der zu rein ist, um Sünde zu schauen, und darum treu darüber wacht, daß das Gute und Edle im Menschen zur Herrschaft gelange. »V'rr 122' 022 rrS> '2 -pro Q'i-Vii vTon ’S>2i „Seiner Frommen Füße bewacht er, die Frevler verstummen im Dunkel, ja! sucht durch Kraft wird zum Helden der Mann." Kein blinder Zufall waltet im Weltgeschehen, kein Ungefähr entscheidet, sondern allenthalben triumphiert schließlich das Sittliche und Heilige, das G'tt zum alles überwältigenden Prisrzip erhoben. G'tt, der Vater der Menschen, ist auch ihr Richter, diese Mahnung der Hanna ist zum Glaubenssatz des Judeistums geworden Ean'tzmi u?2 brr pan anS» in' -isvn Er, der die Herzen allzumal geschaffen, achtet auf alle ihre Taten. Liegt in dieser Erkenntnis nicht unendlich viel Tröstliches in den Wirren und Irrungen unserer Zeit? Wir dürfen wahrlich nicht verzweifeln, wo wir häufig Gewalt und Frevel triumphieren sehen. Der Sieg des Guten ist uns verbürgt in G'tt dem H e i (t g e n , px 'vsrr pn». der „die Enden der Erde richtet" und wie draußen in der Natur so auch im Schoße des Sittlicheis das Dunkel der Nacht vor dem Lichte des Wahren uisd Guten weichen läßt. Nicht jubelnd wie ihre Gefährtinnen grüßen wir Nahel. Sie beweint das Schicksal ihrer späten Enkel, die nirgends Rast und Ruhe geschweige denn Anerkennung und Würdigung finden. Es ist das herbe tausendfältige Golusleid, das sich in ihren Tränen wiederspiegelt. Emst hat sie das Leben ihres Kindes mit ihrem eigenen Leben bezahlt, und sie findet jetzt nicht Trost und nicht Ruhe, wo sie G'tt ferne wähnt in dem Geschick ihrer Kinder: i33'K»2 nm S>y llnanSnaxa- „Sie weigert sich, sich trösten zu lasseis wegen ihrer Kinder, denn Er ist nicht da." Jüdisches Leiden und Dulden versinnbildlicht uns Rahel. Aber

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