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Der Israelit · 1932-09-22 · Heft 39 (22.9.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 39 (22.9.1932)
Date
1932-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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22. September 1932 Der Israelit Nr. 39 Seite 7 gdeir und Vorbereitungsarbeit dem unausbleiblich »kommenden zu leisten? vielleicht wird schon eine »nicht allzuferne Generation es uns zu danken wissen, »wenn wir es tun, und es uns zu verwünschen wissen, »wenn wir es nicht tun. Insbesondere der Jugend S heiliges Vorrecht wäre es jetzt, wie noch nie, hier 1 tapfere Pionierschaft zu übernehmen. Ihr ist ja von Statur aus gegeben, sich zum Lebendigbleiben im Ewi- I gen, zur Ermunterung im heiligen aufgerufen zu s fühlen, auf den plan zu treten und über die Ent- I errang der Zeit hinaus ins Neuland des religiösen I Wiederaufstieges zu führen. Wir ersehnen diese Iu-! Aenö, denn wir brauchen sie, obwohl wir sie erst I suchen müssen; jene Jugend, die mit traumheißen Augen, und sehnsuchtstarkem Perzen, mit glühender Seele und mit feurigem Geist sich zum Werkzeug der Gnade macht und gläubig vor dem Wunder des Lebens steht, staunend, erwartend, vertrauend dem, das da kommt und kommen muß. Die Jugend brauchen wir, die noch vertrauen in die letzte Sinnhaftigkeit setzt, die noch Freiheit, noch Wille, noch eingeborenen Seelendrang verspürt. Missen wir denn die ganze, bis zur Schreckhaftigkeit nüchterne, allzunüchterne Versachlichung des Lebens mitmachen, die seelenbare Verflüchtigung unserer Zeit auskosten? Wir waren doch einst die Aristokraten der Geistesideale, und heute inüffen wir es uns mit mehr oder weniger Berechtigung sagen lassen, auch zu den Augenblickstypen der Zeit, den geistfliehenden Sachwaltern der Veräußerlichung zu gehören. Warum soll man, wenn man von der Schattenhaftigkeit der Generation unserer Tage spricht, deren Welt sich zwischen Taumel und pohlheit, zwischen Lust und Abgestumpftheit, zwischen Jazz und Bar, zwischen Kino und Lase abspielt, wo alles pohe zur Farce wird, in einem Atemzug auch von Juden sprechen dürfen? Ist es nicht traurig, daß man, wenn man die Momentflüchtigkeit der Gegenwart zeichnet, wo alle Menschen wie Gespenster erscheinen, die haltlos vorüberhuschen und in Sinnlosigkeit ihr Leben vergeuden, wo alles nur wie im Figurenspiel zugeht und das Große und Erhabene wie zerschlissenes Gerümpel behandelt, alles über uns Stehende wie überlebter, nutzloser Kram belächelt wird, ist es nicht schmerzlich, dabei auch die Gestalt des Juden miterscheinen zu sehen? Möge man uns hundertmal Unrecht tun — und man tut es uns — aber wir tun uns selbst am meisten Unrecht, wenn wir uns nur beklagen und uns nicht auch erkennen. „Mensch, erkenne dich selbst!" ist eine alte, überaus weise Forderung. Der Jude der Zeit hat bei allen Vorzügen aus der Zeit und trotz der Zeit, sich eine große Anzahl ihrer Uachteile in einem starken Maße zu eigen gemacht. Seine besondere Schwäche ist die Selbstflucht. Er unterliegt zu sehr dem Augenblickseindruck, der Beherrschung des nun gerade einmal Geltenden. Er läuft allen Propheten, die in der Zeit auftauchen, nach, nur nicht dem, was ihm sein eigenes Prophetentum sein sollte. Kommt etwas in der Zeit auf und schießt wie eine Rakete empor, flugs ist der Jude dabei. Cr nimmt sich nicht immer die Mühe, bei dem Reuen das Falsche vom Wahren zu unterscheiden. Er glaubt jeder Gaukelei, wenn sie nur neu ist, nur zeitgemäß erscheint. Das Gediegene, Tiefe, peilige und Ewige ist ihm im Allgemeinen zu unbequem, zu umständlich. Und dann noch eines, der Jude der Zeit meidet die Entscheidung. Cr glaubt an sein Judentum, er liebt es auch, und zwar je mehr man es ihnr von außen her verleidet, er steht es nicht gerne leiden, er möchte es nicht missen, aber er entscheidet sich nicht allen Ernstes und in aller Konsequenz dafür. Das ist zwar eine allgemeine Krankheit der Zeit überhaupt, Unentschiedenheit in allen Dingen. Ein tiefer Zeitbeobachter sagt davon: „Unser Leben gleicht einer ewigen Flucht in immer neue Paltungen, ohne daß eine davon die Entscheidung brächte, die das (Opfer für die Ueberzcugung forderte. Unser Leben gleicht einer ewigen Kapitulation vor den Ausgaben des Lebens." Aber das Judentum ist doch gerade das Judentum geworden, weil es sich immer zur gegebenen Stunde mannbar und kraftvoll zu entscheiden wußte, so am Sinai, als es „naasfe wenischma", „wir wollen tun und hören" sagte, so am Karmel, als es sich durch Elia bekenntnismutig für G'tt entschied, so bei der Bunderneuerung durch Esra, als cs sich, schwere Dpfer bringend, von den Verstrickungen des peidentums frei machte, so im Mittelalter, als man es vor die Wahl zwischen Leben und Tod stellte, und in tausenden anderen Fällen mehr. Wie.sollte nun der Jude, gerade heutzutage, wo es auf die Entscheidung und Konsequenz so sehr ankommt, die Unentschiedenheit mit dem allgemeinen Zeitgeist teilen? Warum redet man immer in doktrinärer, hoher, dithyrambischer Weise vom Judentum und ereifert sich mitunter auch dafür, und tut doch das eine nicht, sich ganz und voll dafür zu entscheiden? Warum verharren wir in abwartender palbheit und Hüpfen — wie Elia die Unentschiedenheit so herb und treffend zeichnete— auf beiden Zweigen, wie ein Lahmer, von einem Fuße auf den anderen? Was nützt all unser Raten, wenn unsere Taten an der Schwere unserer Unentschiedenheit hängen bleiben? Was soll unser sinnloses Pin- und Perstoßen, wie auf einer Treibeiswelt? „Ist G'tt euer G'tt" rief einst Elia den Betörten zu, „so folgt Ihm nach!" Ist unser Judentum — wie wirs ja wissen, bekennen und zugeben — das Richtige, so folgen wir ihm doch nach, handeln wir doch dafür! Cs ist jetzt keine Zeit des Zauderns. Der Frontwechsel aller Gegebenheiten, der sich vor unseren Augen in der Zeit vollzieht, verträgt keine pinausschiebung ins.dunkle Entschlußlose. Alles drängt zur Verantwortung und Entscheidung. Sollen denn alle Zeichen, die mahnend zu uns dringen, nur wie Seifenblasen sein, die aufsteigen und wieder in sich zerrinnen?. Es darf in einer so harten und ernsten Gegenwart nicht genügen, daß in allen Lagern dialektisch und literarisch, theoretisch und spielerisch vom Judentum geredet und geschrieben wird, ohne daß man in aller Entschlossenheit dazu übergeht, es zu leben und zu erleben. Es ist eine Zeit des Entweder-oder. Das Rad rollt über uns hinweg, wenn wir ihm nicht in die Speichen greifen. Etwas von der Erleuchtung der alten Propheten müßte über uns kommen. Die Schauer des peiligcn und Ewigen müßten uns erfassen. Die Beschwingung des Irrationalen und Rominösen müßte uns erfüllen. Das G'ttliche im Menschlichen müßte in uns aufleben und die Kraft derEntfcheidung müßte in uns reifen. Spüren müßten wir es deutlicher denn je zuvor, daß es jetzt, in einer Epoche größter Spannungen, an uns liege, einer kommenden Ueberwindungswelle Vorschub zu leisten. An die ganze Welt und an uns selbst müßten wir Juden jetzt mit Jesajas machtvoller und mitreißender Aufrufstimme herantreten und rufen: „Bahnet, bahnet, ebnet den Weg, entfernt den Anstoß vom Wege meines Volkes!" Wir müßten noch einmal, wie einst in der klassischen Zeit, uns aufraffen und zeigen, daß wir noch das Volk der Propheten geblieben sind. Mit dem Schritte unserer Seele, mit dem Takte des perzens, mit dem Fluge des Geistes müßten wir uns als Juden an das Kühnste des Kühnen heranwagen, herantreten an die Ueberwindungsaufgabe, die den Besten der Zeit gestellt ist. Jetzt oder nie müßte die Gesamtheit und jeder Einzelne von uns beitragen, der Entidealisierung der Welt Einhalt zu tun, dem Cntgläubigungsprozeß mit allen Kräften einen Damm zu setzen. Wenn irgend eine Gemeinschaft, so sind wir Juden berufen, die entwirrende und lösende, befreiende und wunderspendenöe Synthesis hierfür zu schaffen, die Verbindung herzustellen zwischen Idee und Tat, zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, zwischen Enge und Weite, zwischen Grenze und Freiheit, zwischen Mensch und G'tt. Eine große Zeit, weil eine schwere Zeit, legt es jetzt mit nicht mißzuverstehenöer Deutlichkeit in unsere pand, uns, wie schon immer, in allen großen und schweren Zeiten, als Bezwinger und Meisterer geschichtlicher Augenblicke zu bewähren, von uns Juden darf erwartet werden, daß wir wie eine Feuersäule in dunkler Schicksalsnacht mit leuchtender Vorbildlichkeit voranziehen und der Menschheit die Wege' g'ttbewnßter Ideale zeigen. Von uns Juden muß es als Losungswort ausgehen, was das Leitwort unserer Darstellung besagen will. Richt Mensch und Uebcrmensch, nicht Mensch und Maschine, sondern Mensch und Seele, Mensch und Glaube, Mensch und Prophet im Rhythmus der Zeit. Korrespondenzen « ßacbricMen. Deutsches Reich. Die Deutsche Reichspost und das jüdische Reujahrsfeft. Berlin, 20. Sept. Die Deutsche Reichspost läßt — wie auch andere Telegraphenverwaltungen — zum jüdischen Neujahrsfest (1. Oktober) wieder einen Glückwunschtelegrannndienst zu wesentlich ermäßigter Gebühr zu. Solche Glückwunschtelegramme können vom 26. September bis 10. Oktober bei sämtlichen Telegrammannahmestellen aufgeliefert werden; sie sind zugelassen im innerdeutschen Berkehr, im Verkehr mit Belgien, Bulgarien, Dänemark, Finnland, Jugoslavien, Lettland, Litauen einschl. Memelge- •biet, Luxemburg, Oesterreich, Polen, Portugal, Rumänien, Saargebiet, der Schweiz, der Tschechoslowakei, Ungarn,. Aegypten, Palästina und Irak, ferner mit den Vereinigten Staaten von Amerika und mit Kanada. Ueber die Gebühren und alle weiteren Bedingungen geben die Telegrammannahmestellen Auskunft. wichtig für polnische uitd rumänische Staatsangehörige. Berlin, 18. Sept. Der Zentralverband o st jüdischer Organisationen Berlins macht hierdurch auf folgende überaus wichtige Verfügungen aufmerksam: 1. Laut Verfügung des Polnischen Generalkonsulats' müssen sich sämtliche männlichen polnischen Staatsangehörigen, die das 18. Lebensjahr erreicht haben, beim Generalkonsulat zwecks Registrierung melden. Außerdem sollen sämtliche polnischen Staatsangehörigen vom 23. bis einschl. 50. Lebensjahr, soweit sie sich Ende des Jahres 1930 refp. im Jahre 1931 nicht registrieren ließen, bei der Militärabteilung des Konsulats zwecks nachträglicher Registrierung umgehend melden. Diese Registrierungsanträge können mündlich oder schriftlich gestellt werden. Bei schriftlicher Anmeldung müssen sämtliche Personalien des Betreffenden wie auch Namen und Geburtsdaten der Eltern. angegeben werden. 2. Alle ehemaligen rumänischen Staatsangehörigen, auch die aus Neu-Rumänien, welche durch nicht rechtzeitige Registrierung resp. durch den Nichtbesitz eines Nationalitätenscheines ihre Staatsbürgerrechte verloren haben, können lt. Verfügung des Königlich-rumänischen Justizministeriums sich nachträglich registrieren lassen und dadurch ihre ehemaligen Bürgerrechte zurückerhalten. Gleichzeitig teilen wir mit, daß die peimatsbehörden jetzt neue Nationalitätenscheine ausstellen. Der Zentralverband ostjüdischer Organisationen Berlins, Berlin N 54, Rosenthalerstr. 55, Telefon Norden 5514, steht Jedem zur unentgeltlichen Beratung in allen Angelegenheiten auch des Rechtsschutzes unter Leitung eines Rechtsanwaltes täglich von 9—1 Uhr zur Verfügung. Die Ritualmordhetze in Paderborn. Paderborn 15. Sept. Vor dem hiesigen Schwurgericht begann aln 13. September der Prozeß gegen den 26jährigen Viehhändler und Schlächter Kurt M e y e r, einen Juden, der aber der Jüdischen Gemeinde nicht angehörte und sich auch sonst allem Jüdischen fernhielt, wegen des Verbrechens des Totschlags an dem Dienstmädchen Martha Kaspar. Eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgange, wie sie leider schon hundertmal oorgekommen ist und nur zeigt, wie bei hemmungslosen Menschen ohne Bindung an G'tt und Gesetz das und nxin eng beieinander wohnen. Aber schon nach dem Bekanntwerden des Falles vor mehreren Monaten hat die nationalsozialistische Presse denselben zu einer antisemitischen petze ausgeschlachtet und schon damals machte diese Presse Andeutungen, daß es sich um einen „jüdischen Ritualmord" handeln könnte. Der „Angriff" behandelt den Fall unter folgender Ueberschrist: „Jüdischer Müdchenmörder vor Gericht" und führt u. a. aus: „Dieser Prozeß, in dem

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