Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 38 Der Israelit 15. September 1932 „Ulänner aus Rloab! Mir bangt's um Luch. Führerlos seid Ihr, seitdem Euer König dem mächtigen Lmoriterkönig Sichon weichen mußte. Das Volk U'loab muß wieder einen starken Willen haben. Kürt Luch einen König.' Ich aber, ich liebe Luch, ich liebe Woab und sein starkes Blut, ich liebe Woab und seine Götter. Sehet, wie ich jetzt tue, so denke ich täglich an Luch und an Curen, an meinen Baal peor!" Und sie zog aus den Falten ihres Gewandes ein Götzenbild, ein hüllenloses, und schrie in höchster Ekstase: „Sehet, ich küsse den Baal peor!" Die schamlose Gebärde erweckte zügellose Begeisterung bei den Moabitern. Ls entstand ein Tumult. Kosbi tanzte wie eine Bacchantin und in den Händen das Götzenbild schwingend, sang sie ein grausig Cicö vom Siege der in Moabs Jünglingen und Mädchen verkörperten Uatuckraft des Baal peor. Balak erbleichte, denn er wußte, in diesem Augenblick hatte er sein Weib an Baal peor verloren. (Fortsetzung folgt). Besuch in Ellul. In diesem Monat Ellul, wenn die herannahenden Tage von Ernst und Weihe einen Schatten über die Sommerpracht werfen, die Töne des Schofars sich mahnend hören lassen und unser Gemüt sich vorbereitet auf Rosch Haschanal), ist es uns schöne Pflicht, die Teuren, die der Wille G/ttes uns entrückte, an ihrer Ruhestätte zu besuchen. Der Autobus bringt uns stoßend und schüttelnd durch die Vorstädte. Wehmütig folgen wir dem Weg, der der letzte war, den unser Toter geführt wurde. Wie schmerzt uns zum sovielten Male die Unerbittlichkeit, uns ihm nur noch auf diesem Wege nähern zu können, wo wir ihn bei seinem Leben einmal hier und einmal dort, m verschiedenen Städten, verschiedenen Wohnungen besv.chfen! Bilver.non früher kommen uns vor den Geist. Worte, die der Verschiedene zu uns sprach, klingen noch einmal liebreich in unser Ohr. Was würden wir darum geben, diese Stimme noch zu hören! Wie waren wir in seiner Liebe geborgen! Die Grausamkeit des Lebens fürchteten wir nicht, da er bei uns war. Wie wohl täte uns heute, gerade heute, feine Liebe, fein Rat, seine Anwesenheit! Warum wurde er uns entrückt? Warum mußte seine Stimme so früh verstummen? Warum mußten wir allein zurückbleiben im Kampf? Bitterkeit wallt in uns auf, unser Gefühl kommt in Aufstand, unbegreiflich erscheint uns auf einmal die Resignation des „Boruch Dajan Emeth". Wie konnten wir resignieren? Resigniert man bei solch furchtbarem, - unersetzlichem Verlust? Unterwirft man sich, wenn das Teuerste einem entrissen wird? Welche Vorschrift darf dies unserem Gefühl auferlegen? Nachdem wir jedoch die stille Ruhestätte weit draußen erreicht haben, beruhigt sich der Aufstand in unserer Seele,, um Platz zu machen vor stiller Wehmut. Hinter . dieser Pforte nimmt alles Widerstreben ein Ende. Hier kämpft man nicht. Tränen umnebeln unseren Blick, während wir auf den Fleck Erde zugehen, wo nur ein Name in Stein Zeugnis ablegt vom Dasein eines, der uns soviel war. Hier sind wir, teurer Toter. Hier kommen wir Dich grüßen und Dein Andenken Erneuern beim Eintritt eines v neuen Jahres. Für Dich begeht weder Zeit noch Stunde mehr/ Du zählst nicht mehr die Jahre: der unwillkürliche Wunsch für ein gesegnetes Neujahr, der sich unbewußt auf unsere Lippen drängt, bricht mutlos ab. Du bist eingegangen dorthin, wo keine Zeitrechnung mehr gilt, und in Gan Eden ist Seligkeit Dein Teil für immerdar. So sei denn uns, die Du so sehr liebtest, ein Meliz Tow, sei uns Mittler beim Höchsten, sei uns Fürspruch in der hehren Stunde, wenn wir flehen werden um Vergebung von Schuld und Erneuerung von Leben . . . So wenig wissen wir von Dir, geliebter Toter. Doch unsere Lehre will, daß unsere Gedanken anhalten und die Grenze zwischen hier und dort nicht zu überschreiten trachten. So sei denn Deine Ruhe ungestört, nicht gestört selbst durch unser schmerzliches Fragen. Friede, Scholaum, sei mit Dir . . . Noch mehr Besuche können wir an diesem Ort des Friedens abstatten. Auch Du, und Du, und Du, ihr alle, ruhet in Frieden. Von Stein zu Stein wandernd, entziffern wir Namen, finden Verwandte, Bekannte wieder, geben jedem ein Gedenken, jedem diesen letzten Wunsch des Friedens . . . Wie still, im Anblick des Sommerhimmels! Wie ein Kranz stehen in weitem Ring die Tannen geschart, die Lust ist frisch und würzig und dringt kühl ins Innere. Ueber dem Boden liegt fern die rotblaue Glut von Heidekraut. Die Grabsteine stehen streng und kahl. — Einen Augenblick schmerzt es uns, nicht so wie Andersdenkende die Ruhestatt mit Blumen schmücken zu dürfen. So gerne hätten wir sie mitgebracht. Aber sofort empfinden wir wieder, um wieviel wertvoller es - ist, nur das Herz mitbringen zu dürfen . . . Auch wo unsere Lehre hart erscheint, ist sie voll edelster Menschlichkeit — dies hat uns der Verschiedene immer wieder eingeprägt. „Es gibt keine humaneren Anordnungen als diejenigen unserer Thora," pflegte er zu sagen. Und: „G'tt legt uns nicht mehr auf, als wir tragen können. Alles, was uns widerfahren mag, ist für menschliche Kräfte berechnet." — Als wir zum erstenmal nach dem Furchtbaren hierherkamen und die Heidelandschaft mit ihren Tannenwäldern als Rahmen um diesen Stein sahen, der all unser Hoffen, all unsere Liebe und unseren Stolz bedeckte, glaubten wir nie mehr eine solche Landschaft ohne wildes Herzeleid sehen zu können. Ach, die Jahre haben Resignation gebracht. Unvergessen ist der Schmerz, ungefüllt die Leere, die dieses Sterben in unser Leben gerissen. Aber unsere Vitalität hat dieses Leid ausgenommen und verarbeitet, und statt bitteren Wehs weckt Herdelandschaft nun in uns liebevolles Erinnern. Dieses ist die Hand G'ttes, die Wunden schlägt und heilt, auf wunderbare und unbegriffene Weise. Wir sehen diese Hand nicht, erkennen die Absicht nicht. Wir schreiten durch einen schmalen Paß und wissen nicht, wohin er uns führt. Erst wenn er zu Ende ist, stehen wir wie auf einem Berggipfel, von wo aus wir den zurückgelegten Weg übersehen und verstehen können. — An diesem Grabe haben wir resignieren gelernt. Auch nach diesem Furchtbaren, als, was uns auferlegt ward, uns allzu schwer erschien, und unser Herz sich nicht darein ergeben zu können glaubte, haben wir hier sprechen gelernt, was wir von keinem einzigen lebenden Mund hören wollten: „Dein Wille, G'tt, geschehe." Diese endliche Ruhe macht still und heißt den Widerstand schweigen. Aber sie schreckt uns nicht, nein, und aus ihr spricht für uns nicht die dumpfe Enttäuschung des „Hakol Hewel". Was wir von hier forttragen, ist im Gegenteil stärkend und ermutigend. Diese Ueberzeugung ist es: Was auch mit uns geschieht, ist zum Guten. Alles dient dem Leben, das Böse wie das Gute, die Freude wie der Schmerz. Schließlich und endlich wird alles gut sein. Und so denn: Ihr alle, Frieden sei mit Euch. W i r gehen zurück ins Leben, um, solange es uns vergönnt ist, unsere Kräfte fürs Gute einzusetzen, wo wir es erkennen. Und der Herr über Leben und Tod sei gelobt und sei uns gnädig . . . Dora Prywes-Jngber. Tv;>S\ Ainderecke. Rabbi Meir. Nacherzählt von Hanna Delmonle. Rabbi Meir war ein wunderbarer Redner. Esst sprach er, wie es damals üblich war, auf dem Markte zum Volk. Große Menschenmengen sammelten sich um ihn, nanienttich Frauen ließen Haus und Herd im Stiche, um ihm zuzubören. Seine Vorträge waren für Jeden verständlich und seine Beredsamkeit fesselte all seine Zuhörer so, daß sie ganz an die Zeit vergaßen. Zu Rabbi Meir's Zeiten aber war ein Ehemann, dessen Frau eine begeisterte Anhängerin des Meisters war und keinen seiner Vorträge versäumte. Der Mann hielt sich für vernachlässigt und fand, daß feine. Frau zu häufig den Reden Rabbi Meir's lauschte. Dabei erfüllte sie aber getreulich all ihre pflichten. Lines Tages, als die brave Chefrau spät mittags nach Hause kam, fand sie das Tor verschlossen und cs ward ihr der. hohnvolle Bescheid, sie dürfe nicht eher wieder die Schwelle des Hauses betreten, bevor sie dem Rabbi Meir dreimal ins Gesicht gespieen habe. — — Von Haus und Hof verstoßen, mußte das arme Weib bei einer mitleidigen Rachbarin Unterschlupf suchen. Irgendwie aber war das Geschick des Weibes dem hohen Rabbi Meir zu Dhren gekommen und er befchied sie zu sich. Wie jämmerlich aber sah er aus! Das eine seiner Augen war mit dicken Verbänden umhüllt. Schüchtern, voller Mitleid, trat die Frau näher. Freundlich winkte er sie zu sich heran. „Weib, ich habe eine große Bitte an dich, willst du sie mir erfüllen?" Die Frau wußte vor Befangenheit kaum zu antworten. Ihre Stimme zitterte, als sie ihm leise gelobte, alles für ihn zu tun, was in ihrer Macht stünde. „Weib, ich werde von einem bösen Augenübel geplagt; ich habe schon viele Mittel versucht, aber nichts hat mir geholfen. Da haben mir Freunde zu einem seltsamen Mittel geraten. Bei dessen Ausführung mußt du mir helfen. — Stell' dich hier vor mir auf." An den Händen zog er das bebende Weib dicht vor sein Antlitz. „Spucke mir drei Mal kräftig auf das Auge, damit kannst du mir helfen!" Die Frau weinte, sie wandte sich vor Dual und Bedrängnis. — Rabbi Meir aber fragte vorwurfsvoll, ob sie ihn denn hilflos in seinen Schmerzen lassen wolle. Da faßte sie sich ein Herz und tat nach seinem Geheiß. Rabbi Meir aber lächelte. Lr befreite das kranke Auge von seiner Umhüllung. Strahlend leuchtete es in gesunder Frische. „Geh' zu deinem Ehemann, Weib und sage ihm, du habest seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit.ausgeführt."- Diese Ehemann aber wurde später einer der eifrigsten Anhänger Rabbi Meir's. Einiges über die Zizis. Ihr. Jungens zieht jeden Morgen Euer Arbakanfaus an und Ihr Mädels seht es bei Euren Brüdern oder Vettern — wißt Ihr aber auch alle, nach welchen Regeln die Zizis geknotet werden? Habt Ihr schon mal zugesehen, wie die Zizis an einem Tallis oder einem Arbakanfaus befestigt werden? Es ist gar nicht schwer und wenn Ihr Euch gut merkt, was ich jetzt sage, so könnt Ihr es auch bald ganz allein. Man kaust die Zizis gleich ganz vorbereitet zum Knoten. Es sind reine weiße Wollfäden, die lose zusammengebunden sind. Ein einzelner „Zizis" besteht aus 4 Fäden, von denen drei gleich lang sind und der vierte viel länger ist. Nun legt man das Arbakanfaus auf den Tisch, der sauber sein muß, beschwert es (mit jüdischen Büchern) und zieht durch das dafür bestimmte Loch die 4 Fäden so weit durch, daß sie auf beiden Seiten gleich lang find, — bis auf den langen Faden, der auf einer Seite ein ganzes Stück länger sein muß. Dann macht man 2 Knoten, nimmt die 7 freien Fäden in die linke Hand und wickelt 7 mal den langen Faden um dieselben. Dann macht man wieder 2 Knoten mit allen Fäden, und wickelt dann 8 mal den langen Faden um, dann wieder 2 Knoten und wickelt 11 mal rum und dann noch einmal 2 Knoten und wickelt 13 mal und' dann zum Schluß noch einmal 2 Knoten. Dann ist das ganze Zizis fertig. Man kann zum Schluß am Ende jeden Fadens einen kleinen Knoten machen, damit der Wollfaden nicht ausfranst, aber das ist nicht nötig. Die Zahlen 7, 8, 11 und 13 müßt Ihr Euch gut merken. Aber, fragt Ihr mich, warum gerade s o oft. Das will ich Euch erklären. Ihr kennt doch den G'ttesnamen, den wir nicht aussprechen und nicht schreiben dürfen. Die beiden ersten Buchstaben zusammen geben 15. Da wir die Zahl 15 nicht richtig ausschreiben, so nehmen wir eine andere Zahl, die auch 15 ergibt und zwar 7 und 8. Die 2 andern Buchstaben zusammen ergeben 11 und so nehmen wir gleich 11 Windungen. Ihr wißt, daß die höchste Eigenschaft G'ttes, die alle anderen enthält und allen anderen vorgeht, die Einheit ist. inrr Das betonen wir durch die Zizis und die Summe von inx ist 13, Bei den sephardifchen Juden werden die Zizis etwas anders geknotet und zwar 10 — 5 — 6 — 5 genau nach den Buchstaben des heiligen Namens und bei jeder Windung macht man mit dem langen Faden einen kleinen Knoten. Jetzt versteht Ihr die Zizis viel besser, und wenn Ihr wollt, dürft Ihr sie vielleicht jetzt unter Aufsicht eines Großen selbst machen. — Eure Mutter kann Euch ja elbst Arbakanfaus machen. Sie dürfen aus jedem Stoff ein, aus Leinen, Baumwolle oder Seide, Ein Tallis muß aber immer aus reiner Wolle sein. Eh. Vom Kommen und Gehen. Eine der Segnungen im heutigen Wochenabschnitte lautet: l/issa nna ziim 18122 von 1112 „Gesegnet sei Dein Kommen, gesegnet Dein Auszug". Da man aber erst aus dem Hause auszieht und dann wieder heimkommt, so muß doch dieses Kommen einen anderen, tieferen Sinn haben. Unsere weisen Talmudlehrer sagen, das sei der Gruß, mit dem die abgechiedene Seele,öes Menschen vor G'ttes Thron empfangen wird. Soll heißen: „Komme her als Quelle des Segens, wie du einstens zum Segen im Körper eines Menschen deine Lebensbahn angetreten hast." Ein reines, heiliges Gewand ist die Seele. Sie schmücke uns in Reinheit und Heiligkeit, wenn wir vor G'tt gerufen werden. Dazu ein schönes Gleichnis: Es war einmal ein König, der lud eines Tages alle Diener seines Hofes zu einem großen Festessen ein; er agte ihnen aber nicht, wann das Mahl stattfinden würde. Die Klugen unter den Hofbeamten dachten nun bei sich: Der König hat uns zwar keine Zeit angegeben, aber wir wollen uns doch sofort zu der Einladung vorbereiten. Denn im Hause des Königs gibt es riesige Vor-