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Der Israelit · 1932-09-15 · Heft 38 (15.9.1932) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 38 (15.9.1932)
Date
1932-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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15. September 1932 Der Israelit Nr. 38 Seite 5 Es wird uns bald überhaupt nichts mehr übrig bleiben, als nur noch zum Uebervernünftigen und Uebersinnlichen zu greifen. Und das ist Fügung. „Du führst den Menschen", heißt es einmal in den Psalmen, „bis zur Vernichtung und sprichst dann: stichret um, Menschenkinder!'" „Cs ist das eigentliche Wunder der Zeit und jeder Gegenwart", sagt Paul Tillich in seinem Luche „Die religiöse Lage der Gegenwart", „daß sie nicht! nur über stch hinausgehen kann, sondern, daß sie durch unnennbare Erschütterungen immer wieder hinansgehen muß." Dieses Muß ist bald an der Zeit, sin allen Punkten der bestehenden oder sich im Flusse befindenden Systeme und der herrschenden Faktoren erheben sich Fragwürdigkeiten, die gar nicht anders können, als in eine Jenseitigkeit des Zeitlichen zu weisen ■ und Sicherheiten nur mehr vom Cwigen her zu bieten. Sind wir doch in eine Zeit hineingeglitten, in der es ja sonst, wie es scheint, kein hinaus ins freie Weite mehr gibt. Der Rhythmus der Zeit ist, wenn nicht alle momentanen Zeichen trügen, nicht auf weite und hohe Sicht gestimmt. Die neuen Ideen, die den neuen Menschen wollen, führen uns nur im Kreise herum. Lein wahrhaftiger Hochgedanke mehr, bei allen wohl hohen technischen Zeit-Flügen kein rechter Adlersflug stürmender Geistesideen mehr. Bis ans Herz hinan kühle, stumpfe sogenannte Sachlichkeit, die den Geist veröden und die Seele vertrocknen läßt. Auch früher einmal hat es schon Zeiten der Sachlichkeit gegeben, in denen die drei großen Mächte, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft die Vorherrschaft batten, aber sie haben nie alles in eine so weit gebende profanist erung geschlagen, stch nie so auf Losten alles heiligen monopolisiert wie heute. Tageln, tagaus werfen die Menschen unserer Zeit diesem Moloch ihr Bestes, ihre schwellende Kraft in den Rachen. Widerstandslos, hoffnungsarm, geben sie sich einem unheimlichen Versachlichungsprozeß hin, einer Kultur der Seelendrosselung. Einordnung in die große Maschine Wirtschaft, ist das Losungswort. Aber die Maschine versagt. Wo sind die übermenschlichen Maschinisten, die diesem verworrenen und verwirrenden Räderwerk noch zum Weiterlauf verhelfen könnten. Versagen über Versagen, Cpigonenhaftigkeit, nichts als Cpigonenhaftigkeit, selbst aus diesem, wie man meinen sollte, eigensten Gebiete der Zeit. Ja, auch auf dem Gebiete der Wirtschaft eben keine Spur eines wirklich großen Zuges. Früher einmal war auch das Sachlichkeits-, das Dingverhältnis der Wirtschaft da, aber es war durch Ehrfurcht, durch eine heilige Scheu, durch Pietät und Dankbewußtsein geweiht. Es. hatte etwas von Transzendenz an sich. Das Ding, die Sache, der Besitz, oder die Arbeit, der Verdienst, der Lohn war Symbol der Teilnahme an der g'ttgegebenen Wirklichkeit, abgestuft je nach Verhältnis der Gegebenheit. Selbst die sozialistischen Ideen hatten am Anfang ihres Aufkommens und im ursprünglichen Sinne ihrer Bewegung ein durchaus transzendentes Clement in stch, ein Element der Durchbrechung des hemmenden Endlichen, ein Clement tiefer, sogar religiöser, wenn auch nicht konfessioneller Cndhoffnung. Heute aber hat nichts mehr symbolhafte Kraft an stch. Allem ist Seele und Inhall verloren gegangen, und nichts befriedigt denn auch mehr, sondern man treibt von einem zum anderen, ohne Erfüllungsmöglichkeit. Die entleerte, ausgehöhlte Persönlichkeit ist Zeitkennzeichnung, und diese ist ohne jedweden Eros. Man kann nicht große Dinge kommen sehen, wenn man nach kleinen, engen Dingen ruft. Eine Zeit, die das Hohe erniedrigt, muß es hinnehmen, daß das Niedrige erhöht wird. Tine wett, in der alles glühend aufzischt, um ins Wesenlose zu zcrsprühen, muß es sich gefallen lassen, daß alles sich Aufreckende ins Nichts zurückfällt. Cs fehlt der Schrei nach mehr Geistigkeit, mehr Heiligkeit, mehr Jenseitigkeit des Lebens. Das Uebervernünftige muß kommen, um das Vernünftige zu stützen. Dämmerungen davon gehen bereits auf. Ueberall beginnt die Seele sich aufzubäumen und um Erfüllungen zu ringen. In tausend Erwartungen, Enttäuschungen und Erscheinungen, wenn auch von vielen, sehr vielen der Zeit noch unsichtbar, bricht wieder religiöses Gefühl hervor, taucht die kommende Welle des Irrationalen auf. Roch ist es zwar nur erst chaotischer, verworrener, ungeklärter Drang; noch ist rs nur erst Mystizismus, Auftrieb von Sehnsucht, Gefühl, Leidenschaft, Erwartung und Spannung, nur erst Immanentismus und noch nicht, was es sein soll, positivität, Urquelle, noch nicht prophetischer Rachhall, Offenbarungserguß und Bewußtseinsreise. Aber es wächst und naht und steigt und kommt, wie eine unterirdische Wasserader, die sich sammelt und anwächst, um dann in hundert Ouellen hervorzubrechen. Lin Reues, Altneues muß wieder kommen, Mensch und Prophet im Rhythmus des Cwigen, statt Mensch 'und Zeit im Rhythmus der Maschine. Wie ein Dämon, für viele, aber wie ein Engel für andere steht es schon am Horizonte über der Welt, als hohe Perspektive, als Wink und Fingerzeig, als Flucht und Zuflucht, als Geheimnis und Ausschau, als letzte Synthese. Mag die Welt sein, wie ste mag, gerade weil sie so ist, wie sie ist, muß sie und wird sie wieder sein, wie sie sein soll, inG'tt orientiert, im Glauben gestärkt, in der Gnade verbunden. Richt das „dritte Reich" und nicht das „vierte Reich" ist das Reich der Menschheitszukunft, das Reich der Erfüllung, sondern das, von dem schon Daniel in der Deutung des Menschheitstraumes spricht, das Reich, das G'tt aufrichtet, für die Ewigkeit bestimmt. Mögen sie nur immer wieder neue Ketten schmieden, immer stärkere Fangarme ausbreiten, die Welt in Haß und Tücke, in Tiefstand und Cntg'ttung zu verfangen, der Tag ist nicht aufzuhalten, wo Cwigkeitseinstcht stch der Bestrickten bemächtigt und der Gedanke Religion und Prophetie wieder zu Ehren kommt. Wellen treiben uns, wellen tragen uns, Wellen heben uns auf und nieder. Das ist Geschichte. Richt der ist geborgen, der nun gerade oben ist, und nicht der ist verloren, der nun gerade unten ist. Gegenwärtiges will nichts sagen und nichts heißen, Gegenwart, das ist nur der Augenblick. Vergangenheit ist mehr als Gegenwart, und Zukunft ist noch mehr als Vergangenheit. Zukunft ist alles. Die Zukunft wird wieder der Religion gehören. Und wir Juden, was wollen wir, das Volk des Messianismus, der eschatologischen Hoffnungen par excellence, mir, das Volk,das den Glauben an die endgültige Wiederkehr des Guten, an die unbedingte letzte Aufrichtung des G'ttesreiches jahrtausendelang mit uns führen und trotz aller Enttäuschungen daran nicht irre werden — und bei aller tausendfachen Wiederholung von Widerwärtigkeit und Rückfall der, Welt dennoch glauben und glauben, daß es kommt und kommt, was uns verheißen ist, was wollen wir Juden in der Zeit, für die Zeit des Darüberhinaus tun? — Wollen wir uns an den Takt des Gegenwartschrittes hängen und nach der pfeife des Mechanismus und Rationalismus tanzen? Wollen wir dem Götzen Mensch und Maschine nachlaufen, dem Abgott Technik und Wirtschaft, der uns und alle so schnöde im Stich gelassen hat, unsere beste Kraft aufopfern? Wollen wir Juden uns denn wirklich mit dem Tempo der Zeit an die volle Diesseitigkeit ausliefern und uns in engstirnige Augenblicksbürgerlichkeit verlieren? Wozu haben wir Juden dann über den Menschen und Uebermenschen hinaus der Welt die höchste Ueberfigur gegeben, den Propheten, den Offenbarungskünder? Ist nicht von uns zu allererst und am standhaftesten, das Hohe und Heilige ausgcgangen, der Blick ins Ewige, die Ausschau ins Unendliche? Und wir Juden sollten in das Kleine, Enge, philisterhafte der Zeit verfallen, im Allzumenschlichen rettungslos hängen bleiben und keine Kraft der Ueberwindung mehr aufbringen? (Schluß folgt.) Wrrzpoiiaevren « Nacdricdtev. Deutsches Reich. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung - in Deutschland. F r a n k f u r t a., Wl., 12. Sept. Der Delegiertentag der Z. V. f. D. wurde am Sonntag unter starker Beteiligung im Volksbildungsheim zu Frankfurt a. M. eröffnet. Der Vorsitzende, Dr. Kurt Blumenfeld, Berlin, begrüßte die Delegierten und Gäste. Als erster Redner nahm der als Gast anwesende Herr M. U s s i s ch k i n, der Direktor des N. F., das Wort. Nach einigen schmeichelhaften Worten an die deutschen Zionisten, sprach er von der zur Zeit herrschenden Resignation im Zionismus, an der die englische Palästinapolitik nicht unschuldig sei. Unter den Juden selbst sei man von der ethischen und idealistischen Auffassung des Zionismus auf feine bloße praktische Wertung h e r a b g e s u n k e n, als gehe es nur um die Frage, ob und wieviel Juden in Palästina ansässig gemacht werden können. Auch das stark überschätzte Araberproblem tue der zionistischen Sache Abbruch. Ohne Millionen von Juden im Lande sei mit Sprache und Kultur allein nichts zu schaffen. Eine starke jüdische Bevölkerung in Palästina müsse aber nach und nach erreicht werden. Ussischkin ergeht sich zum Schluß in Vorwürfen gegen die Frankfurter Judenheit, besonders gegen die Orthodoxie, die sich zu wenig um das lebendige Palästina gekümmert hätte. Die Orthodoxie glaube an Wunder, sie, die Zionisten, erleben die Wunder. Daß aber das zionistische Wunder noch nicht voll eingetreten ist, zeigt schließlich die Resignation, die Ussischkin im ersten Teile seiner Ansprache konstatiert und die auch aus seinen weiteren Worten,' gewollt und ungewollt, herausdringt. Nachum G o l d m a n n hält de.rauf sein Referat über „Das jüdische Volk im Weltkriege". Er bespricht die Lage in Ost-, Mittel- und Westeuropa und in Amerika. Sie ist überall kritisch. In Rußland leide das Judentum unter dem Kommunismus mehr als anderswo unter dem Antisemitismus. Die Position des deutschen Judentums sei zusammengebrochen, der Glaube an das Heilmittel der Emanzipation überall und für immer verloren. Auch in Amerika besteht ein jüdisches Problem, Antisemitismus und Wirtschastsnot. Goldmann kommt zum Schluß, daß es keine Lösungsmöglichkeit für die Judenfrage in der Diaspora gibt. Der Zionismus gäbe dem jüdischen Golusleid einen Sinn. Rationalistische Auswüchse müßten auch im Zionismus bekämpft werden. Die Lösung heiße Palästina. Das dritte Referat hält Kurt B l u m e n f e l d über „Die zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland". Er bespricht zunächst die politische Entwicklung in Deutschland. „Wir verlangen nicht politische Rechte einer nationalen Minderheit, sondern das Maß freier Entwicklung, um uns nach eigenem Befinden auszuleben." — Der Zionismus wünscht die jüdische Schule, in sonstigen Dingen absolute bürgerliche Gleichberechtigung. Die Juden verdanken große Werte der deutschen Welt und wissen, daß ihre Beziehungen zum Deutschtum nicht allein ein Vertragsverhältnis sei. Auch er kommt zum Schluß, daß es eine endgültige Lösung der Judensrage nur im Zionismus und in Palästina gibt, zu dem auch der jüdische Liberalismus, den er nicht verloren gibt, aus dem Assimilationsgedanken heraus kommen müsse. In der Aussprache, die sich an die Referate anschließt, ergreift u. a. auch der bekannte Schriftsteller Dr. Alfons P a q u e t das Wort. Er spricht in sympathischer Weise von der Bedeutung des geistigen Funkens, der von jeher aus dem Judentum auch für die nichtjüdische Welt hervorleuchtet. Er glaubt, daß die deutschen Intellektuellen, die heute vom Sturme mitgerissen sind, eines Tages zur Besinnung kommen. In der weiteren Diskussion kommen alle Fraktionen zu Wort. Den Standpunkt des M i s r a ch i vertritt Dr. R a b i n, Breslau. Sonntag abend sprach Prof. Dr. S. B r o d e tz k y über „Die politische Lage des Zionismus". Er polemisierte gegen den Revisionismus und tadelt die scharfe Opposition gegen England. Der Aufbau Palästinas sei auch im Interesse der Araber. Darauf entwickelte Dr. Artur R u p p i n in einem längeren Referat seinen Aufbauplan. Die Zahl der Juden in Palästina hat sich seit Ende des Krieges verdreifacht, die Siedlungen, die Ausfuhr ^sw. haben sich ungeheuer vermehrt. Die jüdischen Siedlungen besitzen alle technischen Einrichtungen der Neuzeit. Auch die Industrie macht große Fortschritte. Eine Enteignung von Arabern war nie geplant, da der Boden nur von Beduinen oder von Pächtern gekauft wurde. 55 000 jüdische Familien hätten in der palästinensischen Landwirtschaft noch genügend Platz, ohne jemand zu verdrängen. Mit Mk. 4000 kann ein Arbeiter angesiedelt werden und eine bescheidene aber gesicherte Existenz aufgebaut werden. In den nächsten 5 Jahren kann sich die jüdische Bevö-

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