Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 38 Der Israelit 15. September 1932 Zn weit höherem 'Ausmaß als früher muß der heutige Rabbiner Verständnis für die wirtschaftlichen und sozialen Fragen der Gegenwart haben. Zn diesen Zeiten der wirtschaftlichen Umschichtung soll ec Berater sein. Er kann es am besten, weil er selbst nicht im eigentlichen Erwerbsleben steht. Mit ihm spricht man vertrauensvoller als mit denen, deren 3mcccf|eu den eigenen zuweilen enigegenstehen. Seiner ganzen Stellung nach kann der Rabbiner am leichtesten ausgleichen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Er kann es, wenn er genügende Kenntnis besitzt und den Mut hat, ohne Rücksicht auf mögliche Unannehmlichkeiten das Ansehen seiner Stellung und seiner Persönlichkeit in die Wagschale zu werfen, um Unrecht zu verhüten. Dann wird es auch möglich, das; der deutsche Raw seiner Gemeinde wieder Dajau wird, Schlichter des Streites auf allen Gebieten des Lehens. Die ganze Wirksamkeit des Rabbiners muß beherrscht sein vom Gefühl der Verantwortung gegen G'tt, die Gesamtheit und seine Gemeinde. Er darf sich nicht als Angestellter oder Beamter fühlen, der eine,; genau umrissenen Bezirk der Pflichten hat. Weniger nach außen, als sich selbst gegenüber muß er der verantwortliche Führer seiner Gemeinde sein. Furcht vor Menschen darf er in seinem Amte nicht kennen. Solange er es bekleidet, ist er G'tt allein für fern Tun verantwortlich. Cr muß stets bereit fein, das persönliche dem Uutzen der Gesamtheit unterzuordncn, im Falle religiöser Konflikte eher sein Amt aufzugeben, als gegen die religiöse Pflicht zu handeln. Richt das Amt ist für ihn da, er ist es für sein Amt/n ‘jntp» ’D nsn jro ■’fistfwürdig der religiösen Führerstellung ist er nur, wenn er das Eigene ganz dem Gebote G'ttes unterstellt. Wir haben versucht, das Idealbild des Rabbiners zu umreißen, wie es uns als Ziel der Rabbinerausbildung vorschwebt. Wir wenden uns jetzt dem Wege Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf dev „Israelit" für den Monat Oktober Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt aJVL Die grundlegende Aenderung der geistigen und wirtschaftlichen Struktur der deutschen Iudenheit seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat eine Aenderung der Rabbinerausbildung herbeigeführt. In den ersten Jahrzehnten kannte man keine planmäßige Ausbildung der künftigen Rabbiner. Zunge Männer, zum Teil mit wirklichen, zum Teil mit ganz unzureichenden Kenntnissen des Talmuds und mit einiger Universitätsbildung wurden vom den Gemeinden zu Rabbinern berufen. Der katastrophale Verfall des Rabbinertums und der Gemeinden erweckte allmählich das Verständnis für eine planmäßige Ausbildung der Rabbinen. Cs wurde als unbedingte Rotwendigkeit empfunden, daß die künftigen Lehrer der Gemeinden neben einer Universitütsbildung auch mit den Methoden und Resultaten der von Rappaport und Zunz inaugurierten neuen jüdischen Wissenschaft vertraut waren. Bei dem geringen Verständnis der meisten größeren Gemeinden für das talmudifche Wissen u, der den künftigen Rabbiner dem Ziele näher führt, glaubten sie sich mit einem Mnimum der talmuöifchen Zn früheren Zeiten konzentrierte sich auch in Deutsch-;un^ halachischen Kenntnis begnügeU zu können. Ge land die Rabbinerausbildung fast ganz auf das in-! öas war der Grund für die orthodoxen Kreise, tensive Studium von Talmud und Halacha,! einer planmäßigen Rabbinerausbildung mißtrauisch gegenüber zu stehen, um so mehr, als sie mit Recht die religiösen Dualitäten vieler akademisch gebildeter Rabbinen als minderwertig betrachteten. Und doch mußte man sich eingestehen, daß gerade die deutsche Orthodoxie die Ausbildung ihrer Rabbinen nicht länger mehr einem mehr oder weniger glücklichen Zufall überlassen dürfe, wollte sie nicht in Zukunft auf geeignete Führer der Gemeinden und Wegweiser der Jugend verzichten. Aber das große Verantwortungsgefühl, das so oft, leider viel zu oft, die Orthodoxie von der Tat zurückhielt, ließ auch jetzt gegen den Gedanken einer planmäßigen Rabbinerausbilöung Einwände erheben, die, der Beachtung durchaus wert waren, aber feine Verwirklichung nicht zurückhalten durften. Rach den Erfahrungen, die man mit bis* im kleineren Kreis von Kollegen, die unter Leitung eines erfahrenen Rabbiners lernten, oder in den Ieschiwoth, den talmudischen Hochschulen, wo oft Hunderte gemeinsam unter Führung erster talmudischer Autoritäten in das Studium des Talmuds und seiner Kommentatoren und der älteren und neueren Halachawerke sich vertieften. So wuchsen immer wieder hervorragende Talmudgelehrte heran, die dann Zierden der Rabbinatssitze wurden. Da das ganze jüdische Leben vom Talmud beherrscht war, entsprach die Ausbildung den Anforderungen, die an den Rabbiner gestellt wurden. Die Zahl der rabbinisch gebildeten jungen Gelehrten war meist groß genug, um bei der Wahl eines Rabbiners auch die anderen Eignungen für das Amt berücksichtigen zu können. Das Judentum im Bilde der Erstlingsfrüchke. Don Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Das Judentum ist G'ttes zweite Schöpfung, der Weltenschöpfung Maß, Ziel und Krönung. „Der ewige Schöpfer schaute in seine Thora, als er die Welt ins Dasein rief," lautet ein kühnes Wort unserer Lehrer. Wie in der Natur nicht nur die Gesamtheit und Fülle ihrer Wesen G'ttes Ruhm verkündet, sondern jedes einzelne Gebilde die Wunderkraft des Meisters und Schöpfers des Alls verherrlicht, so ist auch ein jeder Satz unserer Lehre dieser Schöpfung des g'ttlichen Geistes, ein beredtes Zeugnis für die Kraft und Erhabenheit des unendlichen, unerschöpflichen Segensbornes unseres Judentums, in dem sich ein Glied an das andere fügt zum Preise des Schöpfers und zum Segen Israels. Die onisn. die in feierlichem Aufzuge nach dem Heiligtum gebracht wurden, charakterisieren in vielen der für sie wesentlichen Bestimmungen Sinn und Wesen unseres Judentums. na navv nnvn'i nbni *st jna 'pV« n ns?« p«n brr «an ’3 mni „Es sei, wenn du zum Lande hinkommst, das der E. dein G'tt dir zum Besitze gibt, und du hast es in Besitz genommen und wohnst darin, jna ybs 'i *]:n«a «'an iv« noi«n ns ba morria nnpbi dv, las? ,pb« 't nm’ nv« Dipan b« nabni nava navi so nimm vom Anbeginn aller Frucht der Scholle, die du bekommst, aus deinem Lande, das Er, dein G'tt, dir gibt, legs in den Korb und geh zu dem Ort, den der E. dein G'tt erwählt, Seinen Namen dort thronen zu lassen." Es sollen mv«n die ersten der Fruchtarten, durch die das hl. Land ausgezeichnet ist, heimgeführt und ins Heiligtum gebracht werden zum Zeichen' des, daß das gelobte Land die Spende G'ttes an Israel ist. Auch das G'ttesvolk wird als Träger des Judentums nn«ian nw „der Erstling seiner Ernte" genannt und soll den Erstlingsfrüchten vergleichbar heilig fein zur Verherrlichung des Höchsten. Nicht vereinzelt brachte man die Früchte hinauf. Alle zu einem Bezirke, zu einem ia?a vereinigten Städte schloffen sich zusammen, blieben aus den freien Plätzen der Bezirksstadt über Nacht und warteten auf den Ruf des Führenden: ^pb« n na b« p’x nVs?ai ia'p „Auf, laßt uns wallen gen Zion, hin zum Heiligtum G'ttes." In der Vereinigung liegt die Kraft, und nur dann erklingt für Israel der Ruf: „Nach Zion hin," wenn wir alle vom Stamme Juda geläutert und veredelt durch das reine unverfälschte Judentum uns auf unsere Pflicht und Aufgabe besinnen. Das Sehnen nach Zion muß gipfeln in unserm Verlangen, würdig zu werden des Wiederaufbaus des Hauses unseres G'ttes. Gilt für die aman die Satzung: n’B?i pnp piyn, mit ihnen ist Opfer und Lied verbunden, so ist das auch die Norm, wie wir unser Judentum gu erfüllen haben. Es fordert den' ganzen ungeteilten Menschen, dem kein Opfer zu schwer sein darf. Entsagung zu üben, wo die hl. Lehre es fordert, die Leidenschaften und Triebe zu überwinden, um des Ewigen und Heiligen teilhaftig zu werden, das heischt gewiß Opfer, die wir aber mit frohem, freudigem Herzen bringen sollen, daß auch uns nimmer die Ueberzeugung fehle, hier liegt die Wurzel unserer Kraft und Weihe, wenn wir mit dem königlichen Sänger unentwegt im heiligen begeisterten Lied den Namen G'ttes preisend ausrufen: herigen Rabbinerbildungsanstalten gemacht hatten, fürchtete man eine Zurückdrängung von Talmud und Halacha durch die anderen Disziplinen, besonders auch mangelnde religiöse Festigkeit der in solchen Anstalten ausgebildeten Kandidaten. Mt diesem Bedenken wurde aber die Rotwendigkeit nicht aus der Welt geschafft, daß die geistigen Führer der deutschen Gemeinden außer gründlichen Kenntnissen in v"L? mpoisi auch ein gediegenes Wissen in den anderen jüdischen Disziplinen, wie Bibel mit ihren Kommentatoren, der jüdischen Geschichte unh Religionsphiloj'ophie haben mußten. Eine planlose Aneignung dieser Disziplinen ans nichtjüdischen oder aus jüdischen Traditionen widersprechenden Duellen barg die größte Gefahr für die religiöse Ueberzeugung der künftigen Rabbinen in sich. Das Problem der Ausbildung deutscher Rabbiner erfaßte wohl niemand tiefer als der Wann, den wir noch heute „unfern Rabbi" nennen, R. Csriel Hildesheimer der in Wjähriger Tätigkeit in Halberstadt und Cisenstadt Schüler zu Rabbinen herangebildet hatte, und seit 1869 durch besondere g'ttliche Fügung wieder für das deutsche Judentum in Berlin wirkte, von Beginn seiner Berliner Tätigkeit anwar sein plan, hier ein Rabbinerseminar zu gründen. Rach Ueberwindung mancher Hindernisse konnte ec, unterstützt von einer Reihe verständnisvoller Freunde in ganz Deutschland, am 1. Eheschwan 5634 (Rovember 1875) unser orthodoxes Rabbinerseminar eröffnen. Die Persönlichkeit des Gründers war die beste Bürgschaft dafür, daß seine Anstalt eine wirklich orthodoxe sein würde. In vollem Verständnis für den inneren Wert, den eine gründliche wissenschaftliche Behandlung aller jüdischen Disziplinen hat, war er entschlossen, seine Anstalt zur Stätte jüdisch-wissenschaftlichen Studiums zu machen. Bei der Eröffnung des Seminars sagte er*): „Cs hat sich seit dem letzten Jahrhundert teils eine ganz neue jüdische Wissenschaft Bahn gebrochen, teils das Bedürfnis unabweislich gemacht, manche schon vorher kultivierte Zweige der jüdischen Wissenschaft wie die Exegese und Geschichte unter ganz neuen Gesichtspunkten und mit Benutzung ungeahnter neuer Fundgruben zu betreiben. Wir werden diese Disziplinen in den Kreis unserer Lehrobjekte ziehen, sie mit Liebe pflegen und mit vollem wissenschaftlichen Ernst behandeln." Sein bedeutendster Schüler und Mtarbeiter, sein späterer Rachfolger, unser Lehrer R. David Hoffinann V"2T' bemerkte nach Jahren zu diesen programmatischen Worten, „daß die hier ausgesprochene Ansicht entschieden Protest einlegt gegen diejenige Richtung, die, wenn sie auch die Beschäftigung mit der Wissenschaft, den Problemen der Jetztzeit empfiehlt, dies bloß als ein notwendiges Rebe! betrachtet, weil es, wie irrtümlich vorausgesetzt wird, dem Thorastudium hem- ') Bergs. Jeschurun VII 1920, 6. 498 ’V‘ '3'« nnas? «Vi 'ami-a »3 n *]aan« „Ich erhebe Dich, Allgütiger, weil Du mich herausgezogen und nicht meinen Feinden Freude an mir gegeben". Es ist auch nicht so, wie unsere Feinde und Lästerer unser Judentum sehen, als ob dieses nur Opfer fordert, die seinen Bekennern eine Last nur wären, und Weltflucht verlangt, die keine frohe Lebensstimmung aufkommen läßt. Die kennen und wollen nicht kennen das Psalmenwort: nnava oV.n n« inas? „Dienet dem Herrn in Freude" und auch nicht die wiederholte Mahnung unserer nun: rsa -fr im iv« aivn ^aa nnavi „Freue dich all des Guten, das dir gegeben und deinem Hause der Ewige dein G'tt, du und der Lernte und der Fremdling, der in deiner Mitte ist." Freude und innere Beseligung sind wahrlich köstliche Früchte, die am Baume des Judentums reifen für jeden, der sich unter seinem Schatten birgt und der in den rmra, in den mannigfachen religiösen Satzungen die notwendigen Behälter der erhabensten Wahrheiten und Ideen unserer Lehre begreift. nava nas?i „Lege ja die Früchte in den Korb," fordert die Schrift als verpflichtend, wie unsere Alten lehren: '>a ti'aiytsv aa^a. Die ran-on-Früchte sind in ein Gefäß zu legen. Auch die edelsten, reinsten Gedanken, die herrlichsten Früchte unseres Judentums, würden nicht faßbar fein, nicht veranschaulicht werden ohne die Gebote als ihre Träger und als ewige Mahner an G'tt und seinen Willen und als Psadweiser zu unserer Aufgabe und Bestimmung. Je mehr wir uns dessen bewußt bleiben, desto wirksamer kennen wir dü unsere Pflicht, durch n«np durch eifriges Sichversenken in' den Geist unserer Lehre, durch ,n*ian durch immer neues Bekenntnis zu den Idealen unseres Glaubens im Zusammenhang mit unserer Vergangenheit zu verharren und nach der Verwirklichung unserer Ziele zu streben und das Geschlecht der Zukunft, die Jugend, dahin zu erziehen, daß Israels Söhne und Töchter sich als selbst-