Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-09-08 · Heft 37 (8.9.1932) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 37 (8.9.1932)
Date
1932-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450740--79049-2536790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 Nr. 37 Der Israelit 8. September 1932 die obligatorische Linführung der Fünf-Tagewoche zum Gegenstand haben. Dabei spielen natürlich, ebenso wie bej der Linführung der freiwilligen fünftägigen Arbeitswoche in einzelnen wirtschaftlichen Betrieben, rein ökonomische Rücksichten mit, der Wunsch, teilweise Generalspesen zu sparen, teilweise die 'Arbeitslosigkeit im allgemeinen zu verringern. von besonders großer Bedeutung könnte die Linführung der Fünf-Tagewoche für dasjenige europäische Land werden, in dem die weitaus größte Zahl der sabbattrcuen Juden wohnt, für Polen Unglücklicherweise bat der Gesetzentwurf jedoch dort bisher eine Form erhalten, die den religiösen jüdischen Interessen wenig dienlich ist. Ulan will in Polen, soweit wir unterrichtet sind, eine 40stündige wöchentliche Arbeitszeit einfübren, also der S t u nd e n z a h I nach die Fünf-Tagewoche, jedoch vor schreiben, daß diese 40 Stunden gleichmäßig, nicht auf fünf, sondern auf sechs Wochentage ver teilt werden müssen. Ls erscheint unverständlich, welchen Sinn eine solche Ulaßnahme haben soll. Für den Unternehmer, dessen Cxistcnzfähigkeit zu erhalten doch im ureigensten Interesse des Staates liegt, ist es natürlich wirtschaftlich bedeutend vorteilhafter, an 6 Tagen 8 Stunden zu arbeiten, als wenn er ge zwungen wird, seinen Betrieb 6 Tage lang im Gang zu halten und die d.rmit verknüpften erhöhten Spesen mannigfacher Art zu tragen. Ulan sollte glauben, daß eine entsprechende Abänderung des Gesetzentwurfes, die dem Unternehmer Spielraum läßt und ihm die Freiheit gibt, die 40 Arbeitsstunden nach Belieben über die Woche zu verteilen, erreichbar sein müßte. Dann träte allerdings die gebieterische Aufgabe an diejenigen orthodoxen Fabrikanten' in Polen heran, die heute auf Grund eines religionsgesetzlichen irv>,i ihre Betriebe am Sabbat weitergehen lassen und die infolgedessen keine jüdischen Arbeiter einzustellen imstande sind, endlich einmal dieser jahrzehntelangen Schmach ein Cnde zu machen, ihre Betriebe, ohne daß ihnen daraus das geringste Opfer erwächst, am Sabbat zu schließen und dadurch auch den hungernden orthodox-jüdischen Arbeitern Polens Gelegenheit zu ehrlicher Arbeit zu verschaffen. Cs ist aufs dringendste zu wünschen und zu hoffen, daß es den orthodoxen Sejmabgeordneten Polens gelingt, diese sachlich durchaus begründete Abänderung des Gesetzentwurfes durchzusetzen, die dann die Grundlage für eine neue Aera religiösen Lebens unter der jüdischen Arbeiterbevölkerung Polens bilden könnte. Alan braucht dabei keineswegs zu befürchten, daß nun etwa die jüdischen Fabrikanten ihren altangesessenen christlichen Arbeiterstamm Hinauswersen würden, eine Maßnahme,' die sich sowohl aus menschlichen als aus wirtschaftlichen und politischen Gründen durchaus verbietet, wohl aber würde a l l m ä h - l i ch doch eine neue Gelegenheit geschaffen, um auch den Schomre Schabbos in höherem Alaße als bisher Gelegenheit zur ehrlichen Existenz zu bieten. Aalschspiel ver Zahlen. Die soeben amtlich veröffentlichten Ziffern der letzten Volkszählung in Polen weisen eine Abnahme von 200 000 jüdischen Seelen im vergleich zu der Volkszählung von 1921 auf. Damals gab es drei Alillionen 200 000 Juden, heute glatt drei Alillionen. Die polnische Bevölkerung insgesamt ist im gleichen Zeiträume von 27 auf 32 Alillionen angestiegen, was ist passiert? Alan erschrickt ja förmlich. Aber es ist G. f. D. kein Grund zum Erschrecken, wenn sonst Zahlen reden, so l ü g e n sie hier, und wer für dieses Hexeneinmaleins verantwortlich ist, darüber könnten die Iüdischnationalen Auskunft geben. Alan hat es nämlich von dieser Seite öurchgesetzt, daß aus den Fragenbogen nicht die Religion, sondern die Sprache zur Grundlage der Nationalität gemacht wird, ergo sind nur diejenigen Juden, die I i ö ö i s ch oder Hebräisch als Umgangssprache angeben. Wer polnisch oder russisch oder deutsch oder sonst irgend eine andere Sprache spricht, oder — auch solche soll es geben — wer glaubt, aus Prestigegründen schamhaft verschweigen zu müssen, daß in seinem Hause das „Mammelofchen" herrscht, ist im Sinne der Volkszählungfragebogen kein Jude. Somit sind kurzerhand 200 000 Juden verschwunden, ohne daß dabei, G'tt behüte, an ein Erdbeben, einen Pogrom, oder nur einen Geburtenstreik gedacht wer den muß. ch - An diesen Erfolg der „Sprache" dürften die nationalen Iiddischisten und Hebraisten — es han delt sich in Polen in der Hauptsache um die ersteren — kaum gedacht haben. In unserem Verlag erschienen soeben Die sexuelle Not in jüdischer Schau Von Dr. med. Jacob Levy 82 Seiten, steif broschiert, RM. 0.50 Lebenskampf und Weltanschauung Eine Erkenntnis und Aufrüttelung von Oberrabbiner Dr. Altmann 29 Seiten, steif broschiert, RM. 0.50 Zwischen Ruinen und Aufbau in Erez Jisroel Eindrücke einer Erez Jisroel-Reise mit der Palästine-Centrale der Agudas Jisroel von S. Schachnowitz 77 Seiten, steif broschiert, RM- 0.50 Zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen, sowie auch direkt vom Verlag gegen Überweisung der Beträge auf Postscheckkonto Frankfurt a. M. Nr. 19802. Porto innerhalb Deutschlands für jede einzelne Broschüre RM. 0.10, für alle drei zusammen RM. 0.15. Mensch und Prophet im Rhythmus der Zeit. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung.) Und doch hat diese erschütternde Tragik des Menschen, die im Grunde genommen die Weltge- 'chichte ausmacht, auch noch eine große andere Seite. Sie zeigt die große andere, höhere Form des Menschen, den Uebermenschen. Gerade dieses Auslchherauswollen, Uebersichhinausstreben, dieses Rebellieren und Rütteln an Grenzen, dieses Sichaufbäumen und Auflehnen gegen unbarmherzige Schranken, dieses Sichverzehren am Unmöglichen, das der Philister nicht kennt und siehi oder darüber hinwegsieht, sobald es Schwierigkeiten bereitet, dieses Reich des Lraftwollens ist des Uebermenschen Domäne. Alle Helden der Weltgeschichte sind entweder tragische Gestalten, sind Uebermenschen, besser gesagt, Opfer ihres Uebermenschentums, oder sie sind überhaupt keine Helden. Der Uebermensch ist die ragende Figur aller großen Epochen. Der Uebermensch ist mehr als das Genie. Dieses bewegt sich geschickt und.erfolgreich im Kreise der gezogenen Grenzen, geht deduktiv vor, jener aber handelt induktiv, erweitert die Lipie, bezw. will sie erweitern, und gelte es auch die'^gezogenen Grenzen zu sprengen. So läßt wiederum Goethe den Erdgeist zu Faust, der vor seinem übermenschlichen Vorhaben anfangs noch selbst erschrickt, vorwurfsvoll sagen: „Welch erbärmlich Grauen saßt Uebermenschen dichl", d. h. wie kannst du als Uebermensch vor etwas zurückbeben wollen! Nietzsche stellt bekanntlich ebenso dem simplen, sogenannten Herdentier Mensch das Ideal des kraftbewußten . Uebermenschengegenüber. In dessen Züchtung — die er vorschlägt — steht er das Endziel der menschlichen Entwicklung. Und in der Tat fängt der Mensch erst an, wahrhaft Mensch im höheren Sinne zu sein, wenn er' die Grenzen seines Ueberstchhinaus nicht einfach stumpfsinnig Hinnimmt, sondern sie als beengend empfindet und sich schmerzlich daran stößt. Erst daran lernt er begreifen, eigentlich Bürger zweier Welten zu sein, einer die ihn eben in Grenzen einschließt und gefangen hält, und einer anderen, die er als unbegrenzte Freiheit wenn auch nicht kennt, so doch ersehnt und sich von ihr angezogen fühlt. Man kann darauf als Gleichnis die Parabel von dem Fisch im Wasser anwenden, der in seinem Elemente schwimmt und nicht ahnt, daß es noch ein anderes Clement gibt, das Trockene, bis er mit seinem Kopfe an des Wassers Grenze, an das harte Ufer stößt. Jetzt dämmert in ihm die Vorstellung auf,, es muß doch noch auch ein Grenzjenseitiges über mein Element, dem Wasser, hinaus geben. Man sagt, daß der Schrei des Menschen nach dem Führer, der durch die ganze Menschheitsgeschichte hallt und eine eingeborene Idee des ewig sich in der Enge fühlenden Menschen darstellt, nichts anderes sei, als der Schrei nach dem Hinaus über sich, der Schrei, nach dem Uebermenschen. Aber die Frage ist, ob dieser schrankenlose Individualismus des wollens tatsächlich auch zum Können, eben zur Aufhebung der Schranke führt und führen kann. Ob diese über jede Norm hrnwegstrebende, zur Willkür des Machtideals aufrufende, eine Umwertung aller werte vorhabende Ausschau nach dem Uebermenschen, auch nur rein ideal gesehen, eine Lösung des Problems Mensch bedeutet und bedeuten kann. Denn was ist schon mit der Aufstellung des Begriffes Uebermensch getan? Kann er jemals Realität werden, kann er jemals mehr als eine bloß ansprechende dichterische Figur sein, kann es Uebermenschen auch wirklich geben? Angenommen, die Züchtung und Entwicklung des Menschen nimmt eine sehr hohe Stufe an, kann er trotzdem jemals über seine naturmäßigen Grenzen hinaus und eine letzte Antwort auf die letzten Fragen geben? Der Idealmensch wird sich nur machtvoller gegen die Grenzen des erbärmlichen menschlichen Nichtwissens auflehnew und um so mehr ^das Menschentum zu vollenden suchen, je mehr er es zu überwinden bestrebt sein wird. Das ist aber auch alles. Denn Nurmensch wirk auch der Idealmensch immer bleiben, und das heißt nichts anderes, als-ein-Muß des Verzichtes auf die letzten Probleme etwa eine letzte Antwort zu geben. Befragen wir doch die Geschichte. Haben die Großen und Größten aller Zeiten und Zonen, die Geistes- 'türmer, die wagemutigen und Kühnen, die Erfinder, Entdecker und Führer aller Art, die letzten Schranken der menschlichen Enge gesprengt? was sie Hohes und wertbleibendes, Befreiendes und Tüchtiges geleistet und bewirkt haben, bewegt sich immer nur innerhalb der Welt des Immanenten, des Grenzeingeschlossenen, das Sinngebenöe darüber hinaus haben sie nicht gesunden. Bis in die Ueberwelt des Intelligiblen ist kein Sterblid)er aus dem Eigenen heraus je vorgedrungen. Niemand hat den Schleier gehoben, der über alles im wahrhaft Seienden Ruhende gebreitet ist. Alles wissen und Experimentieren ist letzten Endes Tasten, vermuten und Deuten in Zeit und Raum, nur phänomenalität, einseitige Faßbar-,!At, dem Denkenkönnen und der Sinnesmöglichkeit des eben an Grenzen gebundenen Menschen angepaßt und eingeorönet, ein Haufen von Irrtümern, die die Wahrheit verbergen, statt sie zu erschließen. Keinen Uebermenschen hat es darüber hinaus gegeben, denn darüber hinaus kann es nur eines — und darauf kommt alles an — geben, Gnade, Offenbarung. Das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.