Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-09-08 · Heft 37 (8.9.1932) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 37 (8.9.1932)
Date
1932-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450740--79048-2536789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

8. September 1932 Der Israelit Nr. 37 Seite 3 iit die Hintergründe der menschlichen Seele reichenden, allen rationalen Maßstäben unzugänglichen geistigen Haltung mit Statistik nicht beizukommen ist. Daß die Anschauungen des Kommunismus über die Iudenfrage, ausgesprochen sei es durch das Medium der Partei, die hier als anonymes Kollektivum auftritt, sei es durch den Mund Arthur Holitschers, die Gegensätze nur vertiefen können, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. Aber auch der an sich verdienstliche versuch,. den Nachweis zu führen, daß Judentum und Marxismus nicht wesensverwandt sind, kann auf allen Seiten nur einen Lächerlichkeitserfolg erzielen, wenn er so dilettantisch, so sehr von Wissen unbeschwert und in einem so schrecklichen Deutsch unternommen wird wie in dem Artikel Heinz L i e firn an ns. Dort wird z. B. behauptet, daß Hegel von uraltem preußischem Adel gewesen sei, daß die Alttestamentarier wohl den Armen kannten aber nicht den Bruder, oder gar daß es unter den Lenkern der russischen Politik kaum Juden gebe. Ein zweifelhafter Gewinn für die jüdische Verteidigerbank ist auch der unvermeidliche Max Dl a u m a n n , der mit etwas verkrampftem, sich selbst Mut machendem Temperament unter beträchtlicher Verwendung des antisemitischen Wortschatzes für seine hoffnungslose Marotte kämpft, und wenn man gar das Elaborat Lion Feuchtwangers liest, wird einem der Antisemitismus beinahe begreiflich. Vach diesem originellen Theoretiker des Judentums b eruht der Hauptvorzug der Juden auf der (angeblichen) Tatsache, daß sie nirgends bodenständige, nirgends verwurzelte Romaden sind, und ihre weltgeschichtliche Sendung besteht darin, (wörtlich) durch A n w e n d u n g v o n Literatur ein wichtiges Teil zum Gedächtnis der Menschheit beizustenern. Die Anwendung von Literatur, die der Herr Feuchtwanger hier vorgenommen hat, kann einen wirklich in tiefes Sinnen versetzen. Rach diesen Proben wird man erkennen können, daß die Vertretung der jüdischen Sache in dieser Diskussion -nicht gerade imposant ausgefallen ist. Erst Robert Weltfch bebt in einem von Klugheit, Wärme und vornehmer Würde erfüllten Aufsatz die Debatte auf ein angemessenes Riveau. Indem er, ohne sich positiver Kritik zu verschließen, übertriebene Angriffe abwehrt, weist er mit Rachdruck auf die metaphysische Grundlage des Iudenproblems hin: es mag sein, daß die bloße Existenz des Judentums dem heidnischheroischen Wunschbild der Völker im Wege ist. Allerdings erleidet seine von manchen Einsichten erleuchtete Betrachtung insofern einen banalen Abschluß, als er mit keiner anderen Lösung aufzuwarten weiß wie dem üblichen zionistischen Dogma von dem Allheilmittel Palästina. Aber hinter diesen unmotivierten Optimismus setzt, in dichterischer Hellsicht und von strengerer geistiger Ehrlichketi, Max B r o d in einem schönen, leider allzu kurzen Beitrag ein mahnendes Fragezeichen. (Schluß folgt.) es trotz allen Obstessens so sauber wie eben vorher. In Husum wird der Zug verkürzt. Darum wird das „Abteil für Reisende mit Hunden" zum Transport-Kupee; das Bellen übernimmt freundlichst der älteste Junge ... Das Schiff „Nußschale" Dagebrüll-Wyk fährt recht „gewiegt". Erstaunlich „seefest" erweist sich die kleine Schar, so unvorsichtig auch der Mundvorrat hineingegessen war. Die Augen der staunenden Kleinen öffnen sich weiter und weiter. Einige sehen doch sehr verdutzt um sich, wenn das Festland schon den Blicken entschwindet und die Insel noch nicht auftaucht. Endlich schweigen die Schiffsmaschinen und majestätisch treibt das Schiff an den Steg. Wie Erbsen aus der vchote quellen die Kleinen an Land. Einige erkennen die herrliche Stätte wieder; sie fangen an, Wegweiser der Genossen zu spielen. Ein halbes Stündchen Strandluft-Spazierweg, — und wir sind da! Eine ehrenvolle Einladung ins „Allerheiligste" der Oberin bringt mich um den Anblick der kleinen Gesichter beim Einzug in das Heim, das nun für einige Wochen ihr Zuhause bedeuten soll. Aber ein Tag Aufenthalt gibt alle Antworten ungefragt. Die herrlichen Speiseräume, die blitzend sauberen Küchen und Schlafraume, die deutsche Disziplin und die Gewissenhaftigkeit in allem Jüdischen, — das ist, in allem gesagt, der gute Geist des Heimes, den man zu jeder Zeit und Stunde spürt. Nach jeder Mahlzeit erklingt das Tischgebet in Andacht und Ordnung. Kein Kind kommt ohne Händewaschen an den Tisch. Der Tag beginnt mit Morgen-Gymnastik im Freien. Er endigt mit gewissenhaftem, ängstigendem Fiebermessen. Ein günstiges Resultat wird mit obligatem Halloh quittiert, und meistens ist das Resultat günstig und verspricht dem Kinde einen „morgen wieder lustigen" Tag. Mein Töchterchen will sich einen Siddur leihen und sieht bald vielseitige Auswahl. Die junge Besucherin ge- MocyenrunÖ»cyclu. Eine Pekidim Akkion. ,Als die älteste aller Organisationen der ganzen Welt, die die Unterstützung unserer Brüder und Schwestern im Heiligen Lande bezwecken, darf die Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung es als ihr Recht geltend machen — ohne eine andere gleichgesinnte Organisation zu schädigen — daß ihr diejenigen Spenden, worauf sie seit Jahrzehnten ein Anrecht hat und die sie nicht entbehren kann, nicht entzogen werden, soll nicht das ganze Werk einer schweren Erschütterung ausgesetzt werden." Diese Worte lesen wir in einem Aufrufe der Deutsch-Holländischen Palästinawaltung an die jüdische Oeffentlichkeit, sie durch Spenden und regere Sammeltätigkeit in die Lage zu setzen, ihre Hilfsarbeit im Heiligen Lande fortzusetzen und ihre mustergültigen Institutionen zu erhalten. Unterstützt wird der 'Appell von einer „Erklärung" namhafter 'Rabbiner in Holland und Deutschland, in der festgestellt wird, daß es in den Gemeinden Deutschlands und Hollands seit mehr als einem Jahrhundert Gebrauch war, Ehalloh-Gelöer, Spenden für Rabbi Mcir bal Haneß, Machazis Hafchckcl-, Warnas Iad- und die für Erez Iisroel bestimmten Iiskor-Gclder den Zwecken der pekidim und Amarkalim zuzuführen, daß die vor 50 Jahren gegründete „Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung" in die Rechte und Pflichten der pekidim und Amarkalim getreten und als identisch mit ihnen anzusehen sei. Es bedarf unsererseits keines Wortes, um die pekidim cinzuführen und ihre Institutionen zu empfehlen. Die „rote Büchse" war und ist wirklich seit hundert Jahren integrierender Bestandteil des religiösen jüdischen Hauses, die das geweihte Ehallogcld aus der reinen Hand der jüdischen Hausfrau aufnahm, als Tribut der Liebe für das Heilige Land. Unterstreichen möchten wir nur die Parenthese „Ohne eine andere gleichgesinnte Organisation zu schädigen!" Die Aufgaben in Palästina sind auch, und erst recht, für die Orthodoxie so vielfältig und so weit gestreckt, daß Raum genug für zwei oder mehrere Instanzen zur segenschaffcnden Betätigung da ist. Das S ch u l w e r k der paläst i n a - E e n t r a l c stellt sich jedem, der einmal Gelegenheit hatte, die ersten Ansätze und Erfolge auf diesem Gebiete in Erez Iisroel zu sehen, als Rethört bald zum wimmelnden Häuflein dazu. Beim Besichtigen des Hauses am ersten Tage sehe ich einen im Bette gebliebenen großen Jungen mit Mützchen und — Gemoro. Am anderen Tage sehe ich aber auch ihn mit der munteren Schar der Größeren die Meeresluft genießen. Eine geheimnisvolle Atmosphäre umgibt die Vorbereitungen zu morgen. Wir haben nämlich den Tag vor Lagbeomer. Die Kinder dürfen nichts wissen. Wir Besucher dürfen auch nur ahnen ... Ueberflüssig zu sagen, daß selbstredend jeden Tag bei der ersten Mahlzeit geaumert wird, laut, gemeinsam, ohne Brocho. Denn zur Aumerstunde hier im „hohen Norden" liegt schon alles in den Betten und träumt von einem noch schöneren kommenden Tage. In den Schlafräumen aber herrscht Schweigen, auch schon vorm Nachtgebet. Die kleinen Mündchen sollen ihre Kraft zu morgen sparen, zum Essen wie auch zum Reden. Unsere kleine Verwandte hat „Urlaub", uns Wald, Park, Strand und Kuranlagen zu zeigen. Wenn die Heimkinder ihre gemeinsamen Wege marschieren, singen sie ein Lied mit Refrain „Wir sind die Kinder, — aus dem I. T. B." — nach bekannter Turnmelodie. Kein Wunder, daß im Briefe eines Kindes aus dem Heim an uns der Satz gestanden hatte: Hier vergeht ein Tag, wie in Berlin eine Stunde, denn auch wir hatten fast die Abfahrzeit versäumt. Noch tagelang werde ich meinem Töchterchen „Andenken aus dem Wyker Heim" kochen müssen, wo wir als freundlichst geladene Gäste das herrliche Essen hatten kosten dürfen und sehen konnten, wie von allem nachverlangt und gern nachgeteilt wurde. Endlich schlägt die Abschiedsstunde. Nur ungern trennt man sich von der gastlichen, heimischen Stätte. Dieses Mal nimmt uns ein stattlicher Dampfer an Bord, und noch in den Anfang des Maschinenlärms vom gesegneten Eiland herüber schallt es: tungswerk erster Ordnung dar. Daneben unterhält aber die p e k i d i in v e r w alt u n g in Jerusalem eine aus ganz modernen und dennoch streng jüdischen Prinzipien ausgebaute, von einem Frankfurter, Herrn Direktor Baruch R a b i n o w i tz, geleitete M ittclschule, die — nicht zuletzt deswegen, weil sie in der Hauptsache für Sephardimkinder berechnet und den Hemmungen des Ehercm nicht unterliegt, — sich zu einer Mnsteranstalt von allgemeiner Anerkennung ausgebildet hat. 'Auch die Palästina-Eentrale erfaßt mit ihrem Schulwerke in Jerusalem wie in Tiberias Kinder ans orientalischen Familien. - In Jerusalem unterhält sie für Scfardim und Aschkenasim getrennte Schulen. Die in sich geschlossene p e - k i d i m - S ch u I e in Jerusalem, die bei einem ausgedehnten Profanprogramm in Bezug auf die pflege des jüdischen Geistes und der jüdischen Disziplinen sich von den Aguda-Schulen nicht im mindesten unterscheidet, kommt einem weiteren Bedürfnis nach, während das Schulwcrk der p. E. zum Ziele hat. die Kinder, fefardifche und afchkcnasifche, von der Straße weg. aus den Fangarmen der Mission und der areligiöfen jüdischen Schulen heraus zu holen und sie, in voller Anpassung an die Verhältnisse und vor- , aussetzungen des Landes, dem Glauben und der Lehren der Väter zu erhalten. Beide Ruancen arbeiten bei getrenntem Marsche zusammen zur geistigen Rettung des jüdischen Kindes, also zur Rettung unserer Zukunft im Heiligen Lande, und beide Schultypen reichen nicht aus, um der geistigen Rot des jüdischen Kindes in Palästina nur annähernd zu steuern. Einige tausend Kinder sind erfaßt, Zchntauscnde könnten es sein. Man sieht, es gibt Spielraum genug für zwei Organisationen, und der jüdische Wobltätigkeitssinn sollte ausreichen, beide Ouelien, aus denen sich Segen für u n f e r Erez Iisroel ergießt, so zu nähren, daß sie nicht versiegen. Es kommt hinzu, daß die aus der alten pekidimorganisation hervorgegangene „Deutsch-Holländische palästinavcrwaltung" außer dem Schulwerke noch eine ungemein ausgedehnte tzilfs- und Unterstützungsarbcit in Palästina im Großen und im Kleinen entfaltet. Die altbelicbtc „rote Büchse" darf im jüdischen Hause nicht fehlen, sie darf auch nie leer bleiben! Die MnMge-Woche. Der Weltverband „Schomre Schabbos" macht die jüdische Oeffentlichkeit darauf aufmerksam, daß zur Zeit bei verschiedenen europäischen und amerikanischen Parlamenten Gesetzentwürfe vorliegen, die Wir sind gebräunt vom Scheitel bis zur Zeh, — Wir find die Kinder aus dem I. T. B.! sisiili (Zur Beurteilung der amerikanischen Iudenheik.) Von den 4L, Millionen Juden der Vereinigten Staaten von Amerika gehören fast sämtliche (nämlich 95 Proz.) einer der 3118 Synagogengemeinden an. — Glänzend ist der Eindruck, wenn man sich den Vauwert der Synagogen vorstellt. Doch geradezu niederschmetternd sind die Zahlen für den Besuch der spärlichen Stunden der Neligionsfchulen dieser Synagogengemeinden. Von rund 800 000 Kindern im schulpflichtigen Alter besuchen nur 120 000 die Religionsschulen. Das ist noch nicht der.sechste Teil! Dieser sechste Teil erhält zumeist einen Unterricht, bei dem hebräisches Lesen und flüchtige Kenntnis der Bibel und des Gebetbuches die Resultate sind. — Seit Jahren geht man zu den Juden Amerikas, deren ältere Generation meist noch im jüdischen Milieu Osteuropas groß geworden ist, um Geld zu holen. Um dieses Geldes willen werden dann in glänzenden Meetings und' Banketts Lobreden auf das jüdische Herz der amerikanischen Judenheit gehalten. Doch niemand hat unter allen Schönrednern den Mut gehabt, von dem rapiden Schwinden des jüdischen Geistes, von der Fäulnis unter einer repräsentativen Außenseite zu sprechen, — und ohne jüdischen Geist wird es einmal auch kein jüdisches Herz mehr geben. — Jetzt, in der großen Wirtschaftskrise, dürfte der psychologische Moment gekommen sein, unter den amerikanischen Juden für die jüdische Seele ihrer Kinder zu werben. S. G., T.-A. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. S ch a chnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag oes Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon Druckerei, Frankfurt a. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.