Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1932)
- Date
- 1932-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 37 Der Israelit 8. September 1932 Diskussion über den Antisemitismus. Von Dr. Warimilian Landan in Aerkin. l. Die Iudenfrage ist heute aktuell, und so hat ein rühriges Verlegertum — die Zeichen der Zeit erkennend — sich ihrer flink bemächtigt. Diskussionsbücher über die Iudenfrage wachsen aitenthalben empor wie Pilze nach dem Regen. Unter dem zugkräftigen und zugleich volkstümlich anheinrelnden Titel: „D e r I u d i st s ch u l d?" bringt jetzt der Zinnenverlag, Lasel, ein Sammelbuch heraus, das sich der Mitarbeit von nicht weniger als 59 Autoren erfreuen darf und das (nach den Absichten der Perausgeber) eine neutrale Plattform darstellen soll, auf der Gegner und Fürsprecher der Juden Gelegenheit haben, ungehindert zu Worte zu kommen. Wenn die Perausgeber (im Vorwort) sich der poffnung hingcben, daß dieses Luch in erheblichem R'iaße zur Klärung der Volksmeinung beitragen werde, so wird man in Bezug auf die Erfüllung dieser poffnung etwas skeptisch denken dürfen. Aus diesem chaotischen, mißtönenden Stimmengewirr, in welchem jeder sein Sprüchlein aufsagt, ohne sich um irgend welche gemeinsamen Fragestellungen zu künnnern, wird der Wißbegierige, der über das Wesen der Iudenfrage ernstlich belehrt werden will, gewiß nicht klug werden. In den: Luch sind wohl viele und divergierende Meinungen über die Iudenfrage örtlich gesammelt, aber sie sind nicht auf die Ebene einer geistigen Auseinandersetzung cmporgehoben worden. Gegner und Freunde der jüdischen Sache reden hier hoffnungslos aneinander vorbei. Was die Gegner betrifft, so treten zunächst in stattlicher Anzahl die Vertreter jenes unentwegten und bedingungslosen Antisemitismus auf, der in bezug auf Verunglimpfung und moralische Besudelung des jüdischen Ramens wohl die Grenze dessen erreicht, wessen menschliche Phantasie überhaupt fähig ist. Auch eilt durch häufige Lektüre der Razipresse abgehärtetes Gemüt wird doch überrascht durch den geradezu manischen Paß, der aus den Aeußerungen dieser Zeitgenossen spricht. Die Juden sind die (Quelle aller Uebel, ja sie sind das Löse selbst. Sie haben alle Revolutionen und Finanzkatastrophen der Weltgeschichte angezettelt, und die ganze Gcistesgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts ist eigentlich ein jüdisches Komplott. Sie haben sowohl den Kapitalismus wie den Bolschewismus erfunden, und sie sind verantwortlich für die Inflation und den Zusammenbruch des Stinncskonzerns so gut wie für die Rlode des Bubikopf und des flachen Busens. Die Juden kennen keine religiöse Mystik, und das Wesen der Seele ist ihnen fremd und verschlossen. Der mit vielen Würden bekleidete Professor Werner erklärt den Talmud für „das Luch einer ausgesprochenen Dicsseitsreligion, die, materialistisch durch und durch, von Ewigkeit und Seligkeit nichts weiß." Und der Univcrsitätsprofessor Siegfried passarge, eine Zierde unserer Wissenschaft, weiß es noch besser: Die jüdische Religion erhebt sich kaum über den Zauberglauben der Wilden, die jüdischen Feste bezwecken Ablenkung von Elend und Armut „durch Vergnügungen mit Essen und Trinken und besonders Befriedigung der Sinnlichkeit"; es ist eine Tatsache, daß der Jude gern mit Verbrechern unter einer Decke steckt, und einfach selbstverständlich ist es, daß er im Kriege innerlich auf des Feindes Seite steht und jede Gelegenheit benutzt, verrat zu üben. Wie dieses wahnwitzige Gelalle eines Mannes, der an einer deutschen Universität einen Lehrstuhl innehat, und dem auf seinen: Fachgebiet immerhin wissenschaftliche Meriten nachgesagt werden, zu erklären ist, wird vielleicht nur der Psychiater sagen können. Die praktischen Folgerungen, die aus diesen Theorien gezogen werden, sind natürlich dementsprechend. Während passarge hofft, daß der Jude bald in Erniedrigung und Armut seine ruhelose Wanderschaft wieder antreten wird, proklamieren andere die Rotwendigkeit der Deklassierung der Juden zu einer Art Parias, und eine geradere Ratur wie die eines Mannes mit dem wohlklingenden Ramen (D t - tokar Stauf von der March droht sogar in nicht mißzuverstehenöer Weise mit einem „ausgiebigen" Pogrom. Die Iudenfrage ist nichts weiter als eine Machtfcage, erklärt der Razigraf R e v c n t l o v, und der Major Buchrucker sekundiert ihm mit militärischer (Offenheit: Es kommt nicht darauf an, gerecht zu sein — besonders wo es sich um Ausländer handelt. Trotzdem wird der tieferblickende Beobachter sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß der Paßwelle, die ihm da entgegenschlägt, doch irgend ein objektiver Tatbestand zugrunde liegen muß, daß im Verhältnis zwischen Juden und Wirtsvölkern — hier zwischen Juden und Deutschen — irgend etwas nicht in Ordnung ist, und daß die mit sich überschlagender Stimme herausgestoßenen Schmähungen anmuten wie das krampfhafte, verzweifelte Umstchschlagen eines, der sich von einer angeblichen und unsichtbaren Gefahr bedroht wähnt und nicht recht weiß, wie er sich ihrer erwehren soll. Es muß da — über alle Rützlichkeitserwägungen hinaus — eine tiefe, geheime, elementare Angst vorhanden sein, von der der deutsche Mensch — und nicht bloß der deklarierte Antisemit — im Innersten beherrscht ist. Das erklären jeder auf seine Weise, mehr oder minder sachlich, mehr oder minder vornehm die wenigen nichtjüdischen Mitarbeiter des Luches, mit denen eine Diskussion überhaupt lohnt, sowohl die ausgesprochen judengegnerisch eingestellten Menschen wie Wilhelm Stapel, Max I u n g n i ck e l, -Franz Schauwecker und auch pans B l ü h e r, der mir trotz allem noch kein hoffnungsloser Fallzu sein scheint, als auch die von einer neutralen paltung ausgehenden wie Werner S o m b a r t, Oskar Maria Graf und der Katholik Permann Josef W e h r l e. Der Grundton in den Ausführungen dieser Gruppe ist durchweg: Ablehnung der jüdischen Mimikri, der Anpassungssucht, des vertuschenwollens um jeden Preis. Der Jude soll nicht ein anderer sein wollen als er ist, er soll Mut haben zu sich selbst, er soll seine Art bejahen. Ihre Gravamina richten-sich nicht mehr gegen das Judentum schlechthin, sondern nur gegen einen bestimmten Teil: gegen den schlechten Typus des assimilierten liberalen Juden. Sie geißeln seinen Mangel an Distanz, seine terroristische Ungeduld, die eigenen Ideale und Vorstellungen den langsamer denkenden Völkern vorschnell aufzuzwingen, seine Wurzellosigkeit, die ihn seine Energien in den luftleeren Raum verschwenden läßt, und seine in keiner Gemeinschaft ruhende, stillo-se, im letzten ihn selbst zerstörende paltung. Die A s s i m i l a t i o n s j u d e n, erklärt Franz S ch a u w e ck e r, bestimmen die Vorstellung, die nran vom Juden hat. Sie sind die, die man meint, wenn man Jude sagt. Und sie sind es, fügt er hinzu, denen wir den Antisemitismus in jeder Form zu verdanken haben. Roch einen Schritt weiter in der Erkenntnis geht der Katholik Permann Josef W e h r l e, indem er den religiösen Kern des ganzen Problems enthüllt und neue Trennungslinien zieht: nicht mehr Christ oder Richtchrist, sondern religiös denkend oder nicht — darauf kommt es an. In etwas verschobener Ebene, von seinem Weltbild aus gesehen, drückt Wilhelm S t a p e l es so aus: Konservative Deutsche und konservative Juden könnten eine Ordnung finden, die jedem sein Recht gäbe. Jeder würde in seinem Stande leben. Leider muß gesagt werden, daß auf der projüdischen Seite die Bemühungen um eine vertiefte Behandlung des Problems nicht sehr weit gediehen sind. Die Ausführungen etwa des Grafen E o u d e n - Hove-Kalergi oder des Abgeordneten S o l l - m a n n sind zwar wohlgemeint und in ihrer anständigen Gesinnung erfreulich, führen aber in Ermangelung neuer Gedanken die Diskussion nicht weiter, und für die unverbindlichen im Grunde nichtssagenden Laufenen Franz -Bleis und peinrich Ri a n n s ist die jüdische Frage beiden — Juden wie Antisemiten — eine viel zu ernste Sache. Auch die sachlichen, kenntnisreichen, an stch unwiderleglichen Beiträge Clbogens, Theilhabers, Zielenzig e r s, Böhms, die in rührendem Optimismus zum hundertsten Riale versuchen, verschiedene Details der antisemitischen Vorstellungswelt richtigzustellen, verkennen die Tatsache, daß einer so elementaren, Die Pflanzung eines “HX. (Ein Symbol der np*l2- Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O. S. Vielbehandelt ist der talmudische Satz Beza 15b, der folgendermaßen lautet: „R. Jochanan sagte im Namen des R. Eliefer b. R. Simon: Wer den Willen hat, daß feine Güter ihm bleiben, der pflanze eine Eiche (“-m)» denn es heißt: „Mächtig (mix) in der Höhe ist der Herr." (Pf. 93, 4.) Oder auch: xiin gleicht seinem Namen, wie die Leute sagen: Was bedeutet rriin? Das, was bleibt von Geschlecht zu Geschlecht ('in 'inH. Und so wird auch in einer Baraita gelehrt: Ein Feld, auf dem eine Eiche (m«) steht, wird nicht entrissen und nicht geraubt und seine Früchte bleiben behütet." So weit unser Satz. Zu seiner Erklärung diene, daß, wie Raschi kommentiert, in» ein wertvoller Baum ist, der nach dem Namen des Besitzers genannt wird und das Feld kenntlich macht, so daß das Eigentum leicht festgestellt werden kann, auch wenn der Eigentümer zeitweilig außer Landes gegangen ist und sein Grundstück unbewacht gelassen hat. Waren doch in jenen unsicheren Zeiten, in denen es überdies kein Katasteramt und kein Grundbuch gab, derartige markante Kennzeichnungen zur leichteren Feststellung der Besitzverhältnisse von besonderer Wichtigkeit. Neben diesem seinem wörtlichen Sinn schließt jedoch der Satz noch einen symbolischen in sich. Das Pflanzen eines nx ist als Gleichnis aufzufassen für die Uebung des Wohltuns, ähnlich wie (Sota 10b) der Talmud das Pflanzen eines (1. M. 21, 33) bildlich auffaßt und es z. B. als Gaststätte deutet, in der die Wanderer ausgenommen und gelabt wurden. Die Frage ist jedoch, woran der Talmud anknüpft, wenn er ms als ein Gleichnis für das Wohltun anwendet. Aruch, Stichwort Tn«, und Rabbenu Ehananel finden diese Anknüpfung IN dem vom Talmud als Schriftbeweis angeführten Psalmenvers: „Mächtig (thr) in der Höhe ist der Herr." Sie sagen: Er soll damit Wohltun üben, denn dies ist wertvoll in den Augen des Herrn in der Höhe, wie es heißt: „Wahrheit sproßt aus der Erde und Wohltun schaut vom Himmel." (Ps. 85, 12.) Sie verweisen ferner auf die talmudische Erzählung vom König Monobaz, der alle seine Güter an Arme verteilte und seinen Verwandten, die ihm darüber Vorwürfe machten, erwiderte: Meine Väter sammelten für das, was unten ist. Ich aber sammle für das, was in der Höhe ist (B. Batra 11a) Aruch und Rabbenu Ehananel sehen also den Drasch des Gleichnisses darin, daß ttk ein Hinweis sei auf das, was n-nna *vhn wertvoll in der Höhe ist, nämlich njns- Ohne nun gegen diese sinnreiche Erklärung polemisieren zu wollen, glaube ich, daß noch ein anderer Weg gefunden werden kann, um die Auslegung, auf die der Talmud abzielt, zu erklären. Meines Erachtens müssen wir hier eine R'iv»'» zu Hilfe nehmen, d. h. eine Deutung des Wortes nach seinem Zahlenwert. Derartige mit Hilfe von Vuchstabenberechnung.en gewonnene Vergleiche finden sich in Talmud und Midrasch so häufig, daß es sich erübrigt, allgemeine Beispiele hierfür anzuführen. Es liegt, wie ich glaube, auch hier eine R'ivv'2 vor, und zwar ist an den Satz Mischle 11, 4 gedacht: „Nicht nützet Habe am Tage des Zornes niaa np*isi doch Wohltun rettet vom Tode." Der Zahlenwert von -pk und von npnxi ist gleich, er beträgt 205. Daß auch die Kopula Waw von npir, mitgerechnet wird, ist nichts Ungewöhnliches, da bei solchen Berechnungen des Zahlenwertes eines Wortes vielfach sowohl die Präposition als auch die Kopula mitgezählt wird. Um nur einige von vielen Beispielen dieser Art zu geben: Nach Ehulin 139b ist in ertKi (1. M. 6, 3) der Zahlenwert von rwa enthalten. Nach Schir Haschirim rabba zu 2, 4 sind die 49 verschiedenen Gründe der Schriftauslegung in dem Wort ■foii angedeutet. In gleicher Weife sind wir berechtigt, anzunehmen, daß auch npisi mit dem Waw als Gimatria gebraucht wurde, um “hr zu symbolisieren und auf den bleibenden Wert des Wohltuns hinzuweisen. kleines Feuilleton. Line Stätte jüdischer Gesundung. Von Berla Lohen in Friedrichstadl. Unser allzu unbedeutender Friedrichstadter Bahnhof hat oft weitgereiste Leute auf Durchgangsverkehr. Die ganze „Marschenbahn" wird lebhafter als sonst: Die Berliner und Hamburger Kinder für das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk auf Föhr. Wer auf einer! „Marfchen"-Station ins Transport-Kupee zusteigen darf, hat schon einen schönen Vorgeschmack von der Ordnung, und Liebe, mit der dieses Heim geleitet wird. Nach durchreister Nacht findet man kein Kind in schlechter Stimmung. Wenn Heimweh oder Müdigkeit einem kleinen Knirps Tränen abnötigt, hat die „gute Tante" Begleiterin bald den Schmerz mit gutem Zureden gelindert. Und wenn beim Umsteigen das Kupee verlassen wird, ist