Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 36 Der Israelit 1. September 1932 Besuch in Tanger. I. Um fünf Uhr morgens laufen wir die Reede von Tanger an. Es ist noch finster und die weißen Häuser der Stadt sind kaum sichtbar, Nur Lichter blinken hier und dort und der Leuchtturm am Kap gegenüber läßt in kurzen Abständen seine Lichter spielen. Die Schiffspassagiere schlafen noch. Draußen am Bug steht nur das auf der Hochzeitsreise sich befindende Wiener Paar. Sie wollen als erste in Tanger sein. Ein würziger, merkwürdiger, waldähnlicher Duft weht vom Lande her. Das Wiener Paar und ich stellen fest, daß diese Einfahrt hier das schönste unserer bisherigen Reise ist. Von der Kapitänbrücke hört man kurze Kommandorufe. Die Schiffsglocke wird dreimal angeschlagen, der Anker fällt in die Tiefe, wieder die Schiffsglocke und der Anker gräbt sich tiefer. Nun liegen wir fest. Violette Streifen am Horizont. Urplötzlich fast schwindet die Dunkelheit. Gegenüber, von Gibraltar her, leuchten Sonnenstreifen auf. Alle Farben spielen durcheinander. Tangerisches Hühnergegacker und Hundegebell dringen vom Lande her. Die Häuser werden sichtbar und nun liegt Tanger vor uns, schöner noch als die Propagandaschriften der Schiffsaefellfchaften es uns ausgemalt. Bräunlichgrün hebt die Bergkette ringsum sich vom Horizont. Tiefblaues Meer liegt wie Spiegel glatt vor uns und die weißen Bauten leuchten märchenhaft zum Schiff herüber. II. Tanger hat etwa sechzigtausend Einwohner und davon sind ein Viertel Juden. Marokkanische Juden, die noch während der Zeit des ersten Tempels nach Marokko kamen, die das babylonische Exil also übergingen. Und spaniolische Juden, die Nachkommen der 1492 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden, die dann-teilweise in Marokko ihre zweite Heimat suchten und fanden. Das alles aber sieht man nicht, wenn man durch das Bab-el-Marfa die Stadt betritt. Ich habe mir im Hafen gleich einen marokkanischen Führer genommen. Neun englische Shilling verlangt er und dann wird er den ganzen Bormittag sich mir widmen und mir die Schönheiten der L-tadt zeigen. Er spricht nur gebrochenes Französisch. Neun Shilling finde ich etwas reichlich viel und biete vorsichtshalber drei. Er murmelt etwas vor sich hin: ein Konlpliment für mich ist es bestimmt nicht. In Palästina hatte ich arabisch fluchen gelernt und ich krame mit diesen Kenntnisst.m restlos aus: Sift sifttenen ibn mussafed! und Sift sifttenen telaata. Und wir einigen uns, er wird mittags vier Shillings von mir bekommen. Vielleicht ist das auch noch zu viel. Aber wer kennt sich in marokkanischen Seelen aus? An der großen Moschee, an der englischen Post vorbei, zum kleinen Markt, der auf arabisch Suk-el-Dachl heißt und hier kurzweg Socco genannt wird. Eierhändler, Gemüse- und Melonenverkäufer sitzen in Gruppen auf dem Boden, rufen uns zu, fordern zum Kauf auf, lachen, wenn man den Kodak gegen sie zückt, strecken die Hand aus, um Backfchisch zu erhalten. Frauen, tiefverschleiert, stehen am Brunnen und pumpen Wasser in Kannen und alten Petroleumbüchfen. Die Straße steigt und fällt dann leicht. Mein Führer hält vor einem arabischen Kaffeehaus an. Ob ich ein Täßchen arabischen Kaffee trinken möchte? Zu seiner Enttäuschung verneine ich. Wir gehen weiter durch die Stadt. Durch die Altstadt zum Justizgebäude, zum Palast des Sultans. Die Zitadelle. Herrliche Aussicht auf die Straße von Gibraltar. Und wieder durch schmale, krause Gassen hinauf und hinunter zum Markt, um zur anderen Seite der Stadt zu kommen. Esel und Maultiere mit Stangen, Brettern oder Säcken schwer beladen. Männer tragen schwere Körbe. Frauen wiegen mit Kannen und Blechbüchsen zum Brunnen sich hin. Hundegekläff, Wasserverkäufer brüllen: „Lemon!" Verkäufer von Postkarten und Süßigkeiten schreien ihre Ware aus. Lastträger geben gurgelnde Schreie von sich und fordern damit zum aufpassen und ausweichen auf. Ich komme meinem Führer kaum nach. Frauen, in weißen schleppenden Gewändern gehüllt: nur die Hände sind sichtbar: die inneren Handflächen sind braun, die Fingernägel und Fingerspitzen mit Hennapulver rot gefärbt. Bettler und kleine marokkanische Jungen drängen sich heran und wollen Bakschisch. „Mafisch!" sage ich und man versteht, daß ich keine Lust verspüre, Gelder zu verteilen. Und zu meiner Unterstützung ruft mein Führer ihnen zornig: „Nallah! Nallah!" zu, was besagt, daß sie sich zum Teufel scheren mögen .Das ist das marokkanische Tanger. Nun sind wir wieder am Socco. Ich möchte das jüdische Wohnviertel kennen lernen. Ich frage nach einer Synagoge und man führt mich in eine auf der Fuenda nueva, die sich Synagoge Benatar nennt. Ich gehe hinein: ein tagheller Raum, eine Menge Lampen hängen von der Decke herunter. Es ist zwar spät am Vormittag und doch sind noch viele Beter da: meistens ältere Leute, doch auch zwei Jungen. Ich begrüße sie mit dem Schalom-Gruß und sie nähern sich mir und fragen, ob ich Jehudi sei. Ich bejahe, doch sie zweifeln. Ich ziehe zum Beweis mein Arbakanfoth hervor und zeige es ihnen. Sie lachen und glauben. Einer der beiden Jungen bietet sich an, mir das jüdische Tanger zu zeigen. Er besucht die Schule der Alliance und spricht französisch. Er schreibt mir auch seinen Namen auf: Jizchak Verdigo. Ein spaniolischer Jude. Ich nehme dankend an. Wir gehen erst von Synagoge zu Synagoge. Jizchak zeigt mir, daß auf! jedem Platz der Name des Platzinhabers mit kleiner Visitenkarte angeheftet ist. Und wie mir der Hechal gefalle? Er ist wundervoll. Kein Porauches davor, wie bei uns, eine schöngeschnitzte Holztür scheint uns entgegen. Wir gehen durch die jüdischen Gassen. Von Laden zu Laden. Und Jizchak kann mir von Jedem sagen, ob er Jude, Christ oder Moslem ist. Die Juden tragen als Kopfbedeckung einen schwarzen Fez. Die Moslems und arabischen Christen einen roten. Auch tragen viele Juden schwarze Obergewünder. Einzelne sitzen lesend oder betend vor ihren Läden in der auch den Marokkanern eigenen Art, indem sie sich auf ihre eigenen Fersen niedersetzen; oder sie schreiben in dieser Stellung, auf ihrer linken Hand ein Heft oder ein Blatt Papier, mit Tinte und Feder. Ihre Sprache ist das Spaniolische und Arabische, aber auch hebräisch sprechen die meisten, doch stark vermengt mit Fremdwörtern. Und sie schreiben das Arabische mit hebräischen Lettern, ganz wie zu den Zeiten des Maimonides. Jizchak Verdigo stellt mich einem Verwandten vor. Der glaubt nicht, daß ich Jude sei. Ich spiele wieder die Arbakanfoth-Szene. Er gerät in Ekstase, fällt mir um den Hals und ruft: kulanu achim! Dann küßt er mich, erst auf die linke, dann auf die rechte Backe, wie das unter Freunden wohl üblich ist. Was bleibt mir übrig, ich bin in einer fremden Stadt: ich küsse wieder. Dann aber fühle ich rasch meinen Rock ab, ob auch meine Geldtasche noch da ist, denn die Umarmung war für europäische Begriffe etwas stark. Aber es ist^.glücklicherweife alles noch da und es war nicht recht von mir, so unrechte Gedanken in mir aufkommen zu lassen —: es war ein wahrer Bruderkuß. Dann bittet er mich, in sein Haus zu kommen. Ich gehe hinein, im bläulich gekalkten Zimmer ist seine Frau, die stehend ihr Kind säugt. Der „Bruder" verschwindet einen Augenblick im Hintergrund des Zimmers und kommt dann mit ein paar Tefillin, die er mir schenken will. Ich lehne dankend ab, er drängt, es ist so schwer, immer nein zu sagen, aber was soll ich tun? Ich schenke der Frau etwas Geld für das kleine Kind. Sie legt das Geld auf das Kind in der Wiege und sagte ein paar Worte dazu, die ich nicht verstehe. Jizchak führt mich in ein schön aussehendes Haus, dessen prachtvoller Jnnenhof mit Mosaiksteinen ausgelegt ist. Das Haus gehöre, einem fpaniolischen Kaufmann. Eine würdige, alte, schwarz gekleidete Dame sieht vom Balkon, der rings um den Hof läuft, herunter. Jizchak erzählt, der Herr käme aus Allemania und sei Jehudi. Die Dame bittet mich, ihre Wohnung anzusehen. Eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung. Statt Stühle liegen Sitzkissen auf dem Boden. Alles wundervolle marokkanische Handarbeit. Ein Täßchen Kaffee für uns. Und noch ein Täßchen. Dann kommen Alfonso und Dinorah, zwei Enkelkinder der Dame, ins Zimmer, und welch ein Zufall: beide fahren heute Mittag mit ihrer Mutter im gleichen Dampfer nach Marseille, sie wollen nach Licho zur Erholung. Wir werden also zwei Tage zusammen sein. Der kleine Junge Alfonso hat eine bunte, bastgeflochtene Mütze auf. Als ich ihm sage, seine Mütze gefiele mir, setzt er sie ab und will sie mir schenken. Ein Kavalier! Und nun schnell noch in die Basare zum Einkauf von kleinen Geschenken: Lederkissen, Gürtel, Handtaschen, alles aus feinstem Leder, die Spezialität des Landes. Mein marokkanischer Führer erhält seine vier Shilling und trollt sich hinweg. Jizchak, der bei mir geblieben ist, fragt, ob ich seinen Großvater mütterlicherseits besuchen wolle, er sei Thoraschreiber und Sohn eines Dajan. Ich danke und sage: „Das nächste Mal!" Und dann verläßt mich auch Jizchak, nachdem ich ihm Photoabzüge von den aufgenommenen Bildern versprochen habe. . Auf dem Weg zum Schiff treffe ich einen Basarinhaber, bei welchem ich vorher Geschenke kaufte. Nun kann ich die gleichen Sachen vierzig Prozent billiger haben, denn für die Sachen, die ich vorhin kaufte, muß er vierzig Prozent meinem Führer (der mir im Herunterhandeln so half!), abliefern. Der Führer habe sich seine Provision übrigens schon geholt. Die Händler sind, auf die Schlepperdienste der Führer angewiesen und manche verlangen bis 50 Proz. „Provision". Und darüber nachdenkend, welche Lust es sein müsse, hier Fremdenführer zu spielen, gehe ich langsam an Bord der „Tjerimai", die mich wieder nach Europa bringen soll. H. K. Ein Buch des Gedenkens für Rabbi Chajim Sonnenfeld Vst- Die Artikelserie aus der Feder des bekannten orthodoxen Führers in Jerusalem, Rabbi Mosche Blau, über das Leben und Wirken Rabbi Sonnenfelds liegt, in einem schönen Buch von 106 Seiten zusammengefaßt, vor uns.*) Es ist ein Buch der Liebe und des treuen Gedenkens, zugleich eine Sammlung von historischen Dokumenten, die dem Palästinafreund das jüdische Gesicht Palästinas zeigen und dem späteren Chronisten noch eine Fülle von Material bieten wird. *) inirm kyi»?. Abschnitte zur L e b e nsgeschichte von Rabbi Chajim SonnenfeldOberrabbiner der Aschkenasim - Gemeinde in Jerusalem. Sechzig Jahre aus der Geschichte des orthodoxen Judentums in Erez Jisroel. Verfaßt und redigiert von Rabb. Mosche Blau. Verlag Redaktion Kol. Jisrael, Jerusalem, P. O. B. 513. Das Buch, das auf dem Dorderblatte ein ausgezeich-, netes Bild des Rabbi trägt, beginnt mit den Kundgebungen aus Anlaß des Ablebens des großen Zionswächters und schließt mit einer Schilderung seiner letzten Stunden, der Bestattung und einer Wiedergabe der Beileidskundgebungen aus aller Welt. Dazwischen finden wir eine vollkommene Biographie des Rabbi, sehen ihn als Kind in seiner Geburtsstadt Verbo, in seinen Lehrjahren in Ungoar und Preßburg, bei seinem Lehrer in Kobersdorf, bis zu seiner Einreise in Erez Jisroel, wo sechs Jahrzehnte der Führung und des Kampfes für die Fahne der Thora seiner harrten. In losem Zusammenhänge reihen sich aneinander Skizzen aus seinem Leben und Wirken, aus seiner Lehrmethode und Lebensgewohnheit, seiner Kraft und" seiner Freude bei der Ausübung einer Mizwoh, seiner Gefahren trotzenden G'ttesfurcht, seiner Klugheit und Selbstlosigkeit, vor allem seiner Erez Jisroel-Liebe, alles in fließendem Hebräisch und stellenweise in künstlerischer Gestaltung. Wir haben ein gut Teil dieser Schilderungen jüngsthin auf der Romanseite unseres Blattes mit Genehmigung des Verfassers wiedergegeben. Es kommen im ersten Teile des Buches hier viele interessante Schilderungen und hochwertige Angaben noch hinzu. Was dann folgt, ist ein großer Ausschnitt aus der Geschichte Palästinas feit der Umwälzung nach dem Weltkriege. Balfour-Mandat, Nationalheim, Waad- Leumi, Oberrabbinat, Gemeindegesetz und Gemeindeorganisation. Das orthodoxe Judentum in Jerusalem steht auf der Wacht. Und mit all den Dingen, um die es zu kämpfen geht, ist der Name Rabbi Chajims so eng verbunden, daß es zuweilen aussieht, alshätten die Sturmgarden gegen das alte Zion nur einen Gegner: Rabbi Chajim Sonnenfeld. Sie stürmen gegen diese Mauer an und stoßen auf Granit. Rabbi Chajim ist in der Sache unbeugsam; mit dem Zauber seiner Persönlichkeit und seiner kindlichen Liebe für jeden einzelnen, auch für die Gegner, entwaffnet er aber auch die grimmigsten Widersacher. Er, der Mann, der nach Art der ältesten Lehrer, lehrte und führte ohne Amt und Titel, sträubt sich gegen den Gedanken der Ernen- , nung zum Oberrabbiner für die Aschkenasimgemeinde. Da aber die Freunde, an deren Spitze Rabbi D i s k i n, drängen, die Stunde gebieterisch zwingt, nimmt er die Würde des Amtes an, dessen Bürde er schon längst getragen hatte. Auch des Mitkämpfers, Professor de Ha an, wird gedacht. Das schwere Ringen der Orthodoxie um die Selbständigkeit ihrer wichtigsten Institutionen, wie Schechita, Mazzo usw., die Agitation für den Austritt der frommen Elemente aus der Gemeinde, die das Frauenwahlrecht eingeführt hat, alles, was auf diesem Gebiete erfolgt und erreicht wird, ist das Werk des großen Mannes, dem dieses liebevolle Buch des Gedenkens gewidmet ist. Einige weitere Züge aus dem Charakter Rabbi Sonnenfelds: Einmal geschah es, daß eine Touristengesellschaft in Jerusalem den Wunsch äußerte, bei Rabbi Sonnenfeld den Sederabend zu verleben. Gewiß wollten sie es nicht umsonst verlangen und überreichten der-Rabbinerfrau fünf Pfund, womit der Rabbi, zum Erstaunen seiner Umgebung, sich einverstanden erklärte. Am ersten Jerusalemer Chaul Hamoed-Tage (da für die Fremden noch Feiertag ist), erschien Rabbi Chajim im Hotel der Gäste und legte ihnen die fünf Pfund unter die Tischdecke. Wegen des Feiertages konnten sie sich nicht dagegen wehren. „Aber der Rabbi war ja mit der Bezahlung einverstanden," wagte einer einzuwenden. „Ich mußte so tun," gab er lächelnd zurück, „damit sich meine Gäste bei mir ganz heimisch fühlten." Als gegen Ende des Krieges die Jüdische Legi o n gebildet wurde, ging eine wahre Kriegspsychose durch die Reihen der Jugend, auch in Jerusalem. Der Sohn von Baron Rothschild in Paris kam, kaum daß Jerusalem von den Engländern genommen war. nach Jerusalem und warb in eigener Person für die Legion. Rabbi Chajim war der einzige, der sich mit seiner ganzen Autorität der Bewegung entgegenwarf und die Jugend seines Kreises vor dem blutigen Abenteuer warnte. Baron Rothschild stellte den Rabbi zur Rede. Ob er nicht fürchtete, mit diesem Verhalten den Unwillen der englischen Regierung zu erregen? „Nein," gab Rabbi Chajim zur Antwort. „Wir gehorchen der Regierung. Im Momente, da sie von uns derartiges verlangt, bin ich selber gern bereit, mitzuziehen. Da sie es aber bis jetzt nicht verlangt hat, so glaube ich, daß sie im Innern selber von dieser Legion nicht sehr erbaut ist." Rabbi Chajim war damals der einzige, der das im ersten Augenblick erkannt hatte, wozu die Revisionisten ein Jahrzehnt brauchten ... * * Als Rabbi Chajim einmal tiefbesorgt wegen der schweren Erkrankung eines seiner geliebten Kinder dcch h'erging, rief ihm einer der. Radikalen zu: „Das ist die! Strafe für euren unerbittlichen Kampf gegen unfern Sache." „Nein," gab der Rabbi ruhig zurück, „die Strafe dafür, daß ich den Kampf nicht schon zwanzig Jahre früher ausgenommen habe."