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Der Israelit · 1932-09-01 · Heft 36 (1.9.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 36 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 36 1. September 1932 Der Israelit SIE ZIEHEN UM? Fachmännische Beratung nur bei Ingenieur Ai. HEINRICH, Elektrotechnik Hanauerlandsfraße 38 Telefon 26382 Konz. d. Stadt. Elektr. Werke wie Tätigkeitsbericht, Wahlen, einige Referate, erweckten kaum das Interesse. der Teilnehmer. In der Debatte wurde Anlauf genommen, einen Kontakt zwischen der gesamten religiösen Jugend zu schassen. Rabbiner Brot beschwört die Jugend, dem Misrachi nicht den Rücken zu kehren. Eindruck machte aber nur eine Rede des Führers der sogenannten „Autonomisten", Dr. Gottesd i e n e r. Er übte so scharfe Kritik, daß seine Rede schon mehr eine Anklageschrift gegen Misrachi, auch so etwas wie Selbstabrechnung darstellte. „Wir wollen uns selbständig machen," ruft er, „weil uns die 30 Jahre Misrachi mit hohlen Phrasen und Illusionen genährt haben. Was besitzt der Misrachi nach dreißigjähriger treuer Gefolgschaft, oft unter schweren Opfern an Intellekt und Ueberzeugung, heute in Erez Jisrael? Nichts. 120 jüdische Niederlassungen gibt es in Palästina, davon gehört keine einzige uns. Wir haben mitgeholfen, die Sabbatentweihung im Jischuw zu finanzieren, all den Neligionsschändern Karriere zu bereiten, was haben wir für uns erreicht? Wieviel Misrachisten gibt es in Erez Israel? Bei den letzten Kongreßwahlen haben sie kaum tausend Stimmen in die Urne geworfen. Die Lehrer und Beamten der Misrachischulen allein, wären sie misrachistisch, müßten schon diese Zahl übersteigen. Als die Leitung des „Poale Hamisrachi" in Palästina sich anschickte, ein Sammelbuch herauszugeben, beeilte sich der N. F., die Ausgabe auf feine Kosten zu übernehmen, — um so eine Zensur auszuüben und alle „revolutionären" Artikel gegen die Leitung auszuschalten. Die AUsrachiführer in Erez Israel ließen sich das bieten. Allen Versprechungen zum Trotze läßt man die paar letzten Misrachikolonien zugrunde gehen. Die Reihen der Rabbiner, die früher im Misrachi saßen, lichten sich immer mehr, die Misrachischulen sind im Niedergang." Es sei daher höchste Zeit, schloß er, daß die Misrachijugend sich selbständig mache und sich in einer eigenen Partei sammele. Man suchte die Rede damit abzuschwächen, indem man sie als Racheakt gegen Farbstein dahinstellte, der den Redner aus einer Misrachischule beseitigt hat. Aber gerade dieser Fall bildet einen Skandal, von dem man nicht sagen kann, daß er ohnegleichen ist, denn er hat viele Präzedenzfälle. Gottesdiener, ein frommer, zuverlässiger Lehrer, wurde entfernt und an seiner Stelle kam ein Mann in die Schule, der alles andere eher denn Misrachist ist. Die Konferenz war eine schonungslose Selbstabrechnung. Die Verelendung in polen. .Warschau, 22. Aug. Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika, Samuel Dick st ein, der etwa zwei Wochen in Polen geweilt und Materialien über die Lage der Juden in diesem Lande gesammelt hat, schildert in der Warschauer jüdischen Tageszeitung „Hajnt" seine Beobachtungen in Polen und führt u. a. aus: Wo immer ich während meiner kurzen Anwesenheit in Polen geweilt habe, merkte ich ein systematisches I Zurückdrängen des jüdischen Elements von der Arbeit und der Produktion. Nur daraus ist die ungeheure Verarmung der jüdischen Bevölkerung zu erklären. In mancher Kleinstadt ist jeder zweite Jude auf öffentliche Mildtätigkeit angewiesen. In einer Stadt mit 500 jüdischen und nur etwa 40 polnischen Einwohnern bestand der Magistrat aus lauter Polen. Und dieser Magistrat sorgt dafür, daß kein Jude eine öffentliche Stelle bekleidet oder an öffentlichen Arbeiten beteiligt wird. Die Umsatzsteuern sind unerträglich. Man erzählte mir, daß ein jüdischer Händler, dessen Geschäftskapital 200 Zloty beträgt, mit 10.000 Zloty besteuert wird. Ein amerikanischer Jude besuchte seinen alten Vater in Polen. Am Tage seiner Ankunft erschien der Steuerexecutor und nahm ihm eine goldene Uhr und Kette ab für Steuerrückstande seines Vaters, die 10 Jahre zurückliegen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß in Polen ein verborgener Kampf gegen die Juden geführt wird in der Weife, daß man Die Woche. Berlin. Auf dem über 250 Jahre alten und seit langer Zeit unbenutzten jüdischen Friedhof in Oschersleben sind von bisher unbekannten Tätern vier Grabsteine gewaltsam umgeworfen und ganz oder teilweise zertrümmert worden. Remscheid. Im Warenhaus Tietz wurde am 24. eine Tränengasbombe geworfen. Als Täter wurden drei Frauen, die sich im Geschäfte befanden, sistiert. Eberswalde. Bei der Verhandlung wegen der Unruhen am Wahltage wurde Rechtsanwalt Joachim, der' Verteidiger der Mitangeklagten Reichsbannerleute, von uniformierten S. A.-Leuten angefallen, beschimpft und tätlich angegriffen. Die - Szene spielte sich vor dem Eingang des Gerichtssaales ab. Chemnitz. Der Sächsische Lehreroerein hat eine E-ingabe an das Bo l ksbil dungsmini st er i um gerichtet, die erschütternde Einzelheiten über die politische Verhetzung unter den Jüngern und jüngsten Schülern wiedergibt. Insbesondere seien die Kinder gegen die üdischen Mitschüler aufgestachelt und machen diesen das Schulleben zu einem Mar-, tyrium. Der Lehrerverein bittet um Erlaß klarer Bestimmungen, um dieser Vergiftung der Schuljugend entgegen zu arbeiten. Leipzig. Zu der vor einiger Zeit in der jüdischen Presse verbreiteten Mitteilung, daß das Leipziger Meßamt bei der Aufnahme von Aushilfskräften jüdische Bewerber ablehnt, teilt das Meßamt mit, daß diese Nachricht vollständig aus der Luft gegriffen sei. Unter den festbesoldeten Angestellten des Meßamtes sind in ziemlich großer Anzahl auch Juden beschäftigt. Da aber eine Anzahl von Ausstellern während der Messe Aushilfskräfte für ihre Stände benötigt und einzelne Firmen auf Zuweisung speziell jüdischer Angestellter oder aber auf nichtjüdische Angestellte reflektierten, muhte das Mehamt, um den Angestellten unnütze Wege zu ersparen, die Rubrik „Konfession" in ihren Fragebogen aufnehmen. Men. Rabbiner Dr. G r u n w a l d, der bekannte jüdische Historiker, wurde anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand vom Bundespräsidenten Miklas mit dem Ehrenzeichen der Republik ausgezeichnet. Paris. An der Universität Nancy hielt der polnische Professor L o t h eine Gastvorlesung. Loth ist ein bekannter Antisemit, der sein Anatomisches Institut in Lemberg für jüdische Studenten gesperrt hat. Aus diesem Grunde liehen sich mehrere Studenten an der Nancyer Universität bei der Vorlesung Loths zu Demonstrationen Hinreißen, mit dem Erfolg, daß nunmehr drei jüdische Studenten aus Polen aus der Universität und aus Frankreich verwiesen wurden. Budapest. Im Badeort G ö d a. d. Donau ist am 19. August Ing. Emanuel W e r n e r tödlich verunglückt. Werner, war Führer der zionistischen Jugend in Ungarn. Der tragische Fall ruft allgemeine Bestürzung hervor. Antwerpen. Zu der von der ITA. stammenden Notiz über eine antijüdische Boykott p r o p a ga nd a in Belgien wird uns von dort berichtet, daß in den Straßen Antwerpens von einer solchen Boykottbewegung nichts zu merken ist. Jerusalem. Im Hinblick auf die schlechte Ernte wird;,; dieses Jahr den Landwirten die Zehn st euer in Höhe von 70 Proz. erlassen. Leider erstreckt sich die Ermäßigung nicht a u f Zitrusfrüchte, so daß die .jüdischen Plantagenbesitzer dabei leer ausgehen. — Aus einem Bericht der Handelskammern in Haifa und Jaffa geht hervor, daß die Bautätigkeit in Palästina weiter anhält und daß aus diesem Grunde die Nachfrage nach Baubedarfsartikeln unvermindert rege ist. Auch zahlreiche Eisenwaren für hie Einrichtung von Fabriken werden gekauft. Im Zusammenhänge mit den Arbeiten an der Oelleitung nach dem Irak ist der Bedarf an schweren Vauwerkzeugen nicht unbeträchtlich. — Die hebräische Arbeiter - Tageszeitung „Davar" bringt Mitteilungen über die Errichtung einer Reihe weiterer Fabriken in Tel - Awiw , R am a th G an und in P et ach Tikwah zur Herstellung von Fruchtsäften, Kerzen, Stacheldraht für Zäune u. a. m. Bereits bestehende Fabriken haben den Betrieb erweitert. — Bei der Explosion eines Petroleumofens in der Zentralküche der Kolonie des Haschomer Hazair „Tiberia" haben drei junge Mädchen, Phalia Michelson, Michla Weiner und Rachel Katz, die ihre Ausbildung als Chaluzoth an der Ort-Schule und an der jüdischen landwirtschaftlichen Schule Lettlands genossen haben, den Tod gefunden. ihnen jeden Weg zum Leben versperrt. Von all,d'en Arbeitszweigen und Produktionsgebieten, in denen sie einst führend waren, blieben den Juden bloß Reste eines ruinierten Handwerks und eines untergehenden Handels. Sie sind wie in Käfigen zusammengepfercht und dem Ersticken nähe. Sobald er nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt sein werde, will Samuel Dickstein Wege zur Rettung der polnischen Judenheit suchen. polnische Briefe. IV. B Rzeszow, 17. Aug. Die Kultusgemeinden sind in Polen keineswegs das einzige Terrain, wo die erhitzten Partei-Zugführer ihre Kampfeslust entladen können. Eine wüste Hetze, die die Atmosphäre in der jüdischen Gesellschaft geradezu vergiftet und verpestet, wird getrieben in den — Zeitungen. Kein Heiligtum ist zu teuer, daß es unantastbar wäre, daß es nicht eines schönen Morgens in einer jüdischen Zeitung angegriffen werden dürfte. Ja, seit Jahren wird systematisch daran gearbeitet, daß die kostbarsten Werte, die dem jüdischen Volk und Geist eigen sind, von ihrem hohen, im Laufe der Jahrhunderte errungenen Piedestal, roh.'heruntergerissen werden. Nichts und niemand wird geschont. Alles ist für vogelfrei erklärt worden. Natürlich sind die religiösen Werte und Autoritäten die ersten, an die man sich mit der angeborenen Zerstörungsfreude heranmacht. Den Ton gibt hier die Warschauer Tageszeitung „Hain t" an, die füglich Schule gemacht und eine Reihe von treuen Nachahmern gefunden hat. Je größer z. B. eine rabbinische Autorität in Polen ist, desto heftiger wird sie im „Haint" bekämpft. Und eigentlich ist „bekämpft" nicht der richtig angewandte Ausdruck. Vielmehr sollte es heißen: „beleidigt", „verleumdet". oder „geschändet". Einen größeren Nachhall hatte letztens der niederträchtige Angriff auf den in Polen und auch außerhalb Polens hochverehrten Rabbi Chajim Oser Grodzenski aus Wilna, auf den ein boshaftes, anonymes Individuum in den Spalten des „Haint" einen ganzen Kübel Schmutz und Verleumdungen auszugießen sich erlaubte. Dadurch wurde sogar der immer friedensliebende sanftmütige „Chofez Chajim" aus dem Gleichgewicht herausgebracht. Und voll heiliger Empörung und Erbitterung ob der in den Kot gezerrten Thoragröße ließ der älteste Rabbi von Polen einen öffentlichen Ruf ergehen, in dem er auf die Vorschrift hinwies, die in ähnlichen Fällen den Lästerer mit dem Banne bedroht. Auch ausländische Rabbiner schlossen sich dem Protest an. Der amerikanische Rabbinerkongreß ließ Rabbi Chajim Oser Grodzenski eine ermutigende Vertrauenskundgebung zukommen. Das palästinensische Rabbinertum mit Oberrabbiner Kuck an der Spitze forderten den „Haint" öffentlich auf, die Vorwürfe gegen Rabbi Chajim Oser Grodzenski zurückzunehmen. Aber daß dies nicht geschah, ist selbstverständlich, grade wie es natürlich erscheint, daß in derselben Zeitung weitere Rabbiner mit Schmutz beworfen wurden. Man könnte ruhig sagen: es gibt keine Thoragröße, die bereits vom „Haint? oder dessen schriftstellerischem Gefolge' nicht verleumdet und beschimpft worden wäre. Ist eine da, dann ist sie sicherlich keine Thora groß e ... Soll es uns wunderndaß derartiger Unfug mit dem gedruckten jüdischen Worte getrieben wird? Nein. Das ist die natürliche Folge der Erziehung, die I. Grünbaum dem jüdisch-öffentlichen Leben in Polen schon seit Jahren gegeben hat. Wenn nun der verantwortliche Führer mit derartigem Beispiel vorangeht, ist es selbstverständlich, daß in der Presse die wüsteste Hetze getrieben, die gehässigste ^Redensart gebraucht wird, daß in der Polemik die Gegner mit förmlichen Verbrecher-Epithetons bechenkt, mit den niedrigsten Schimpfworten besudelt werden. Alle Schranken der Ethik und Moral sind niedergerissen worden. Jedes Gefühl der Verantwortung ist geschwunden. Es kam schon so weit, daß in der Hitze des Gefechtes, im Wahlkampfe von 1930, der „Haint" 'eine Leser offen aufforüerte, bei den Senatwahlen in der Lubliner Wojwodschaft für keine jüdische Liste zu st i m m e n! Die zionistische Liste war nämlich aus formellen Gründen für nichtig erklärt worden und als einzige jüdische Liste mit den besten Aussichten, ein Marn dat zu erlangen, verblieb der Wahlvorschlag der mit der Agudgs Jisroel verbündeten Wirtschaftsgruppen. Um dies zu vereiteln, gab der „Haint" seinen Lesern den wohlgemeinten Rat, für alle Listen, also sogar für die antisemitische, nach Belieben zu stimmen, nur nicht für die jüdische! So weit ging die Verblendung, der wilde

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