Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1. September 1932 Der Israelit Nr. 36 Seite 5 voll und tief sind die Phänomene des Lebens, aber abgründigsten und geradezu grauenhaft tiefsten ist der Mensch selbst, sich selbst und anderen in seiner Unerforschlichkeit, in seiner Rätselhaftigkeit. Alle fragen und Probleme, die in Zeit und Raum auftauchen, sind im Grunde genommen nur, aus dem Dunkel und Urgrund dieser einen Frage hervorbrechende und nach Gestaltung ringende Formen, Symptome des in sich selbst wühlenden, unbändigen und unbeständigen Fragewesens Mensch. „Was ist der Mensch?" Gar vieles vermeint er zu wissen, und alles möchte er wissen, aber über sich selbst weiß er am wenigsten. Man werfe nur ja nicht ein, daß doch der Mensch und seine Wesenheit zur Genüge erforscht sei, daß seine wissenschaftliche Analyse doch ein klares Spiegelbild von ihm nach innen und außen biete. Da ist z. B. die Psychologie, die die Welt seines Bewußtseins, des dunklen Unter- und des Hellen Oberbewußtseins erforscht und erschließt. Da ist die Anthropologie, die die Summe seiner Körperlichkeit als Blut und Rasse zieht. Da ist die Soziologie, die den Menschen in seiner Vergesellschaftung und Anpassungskrast aufzeigt. Da ist die Physiologie, die seine Empfindungen bloßlegt, die Anatomie, die seine Zergliederung darstellt, die Medizin, die seinen Funktionen' im Organismus nachspürt, die Philosophie und Phantasie, die in sein Denk- und vocstellungsvermögen vordringt. Und da sollte der Mensch von sich selbst nichts wissen? Aber das ist, wie wenn jemand sagen würde, „ich kenne die geheimsten Gedanken meines Rachbarn, denn ich habe Beziehungen zu ihm." — Was die Wissenschaft auf allen Gebieten vom Menschen erforscht hat, sind nur Relationen, Verhältnismäßigkelten, von Beziehungen und Bedingtheiten, die immer wieder von anderen Beziehungen und Bedingtheiten abhängen und an bestimmte Voraussetzungen geknüpft sind. Erst wenn wir das Unbedingte vom Menschen wüßten, könnten wir sagen, wir kennen ihn. Keine Wissenschaft kann dir das aber sagen, kann dir sagen, was du, Mensch, an dir selbst bist, unabhängig vom Maßstab des verhältnismäßigen, was du z. B. bist in Absetzung des stets Subjektiven deines Bewußtseins, des immer Bedingten deiner Blutsgemeinschaft, des nur im vergleich zu den Anderen Bemessenen deines Selbstwertes; was du bist, ohne das Inobjektive deiner Empfindungen, usw. Rein, das kann dir keiner sagen. Und darum kann dir auch keiner sagen, wozu du bist, was dein Sinn ist und was dein Ziel. Schon zeitlich und endlich reicht dein Maßstab nicht bis in das allgemein Gültige, sondern nur höchstens bis zum Relativen des Ienachdem, geschweige denn, daß dir etwa darüber hinaus Erkenntnisse gegeben wären, die dir entstammen. Darum ist es nun einnial so, daß gerade der Mensch, wie kein anderes Wesen, das Rätsel aller Rätsel ist, das Geheimnis aller Geheimnisse, vom Unbegreiflichen das Unbegreiflichste, das Unikum, das Absurdissimum der ganzen Kreatur. Er ist das Ja und das Rein; die These und die Antithese; er ist das höchste und das Geringste der Engel und der Teufel, der Himmel und die Erde, das Paradies und die Hölle. Und ebenso wie er das alles ist, ist er das alles auch wieder nicht. Du kannst nie sein Wesen in einen zutreffenden Begriff fassen, in eine sichere Formel gießen, wie du ihn, so oder so, erfassen willst, entschlüpft er dir, wie sein Schatten, wenn du nach ihm haschst, wie das Phantom in einem Traum, das sich dir verflüchtigt, je mehr du, wenn du erwachst, darnach greifst, was ist der Mensch? Er weiß es nicht. Cs verhält sich damit, wie mit einem, der alle Rollen der Bühne durchläuft und im Spiele bald König, bald Bettler ist, bald Bürger, bald Bauer, bald Mensch, bald Tier und das und dieses und alles und jedes und am Ende selbst nicht mehr weiß, was er eigentlich in Absetzung alles dessen noch ist. Das Leben und Streben des Menschen auf Erden ist nur Spiel, nur Rolle, in Absetzung davon kann keiner etwas von sich sagen. Jeder kennt sich und den anderen nur in Einsetzung dessen, was ihm hier zu tun und zu treiben zugeteilt ist. Des Menschen ganze Kraft erschöpft sich im Scheinen und Erscheinen, verhohlen bleibt ihm der letzte Grund. Resigniert muß er — wenn er ehrlich ist — mit Daniel bekennen: „Verborgen und versiegelt sind die Dinge bis an die Zeit des Endes," und mit Kohelet ausrufen: „Ich dachte zu erklügeln, was mir fern ist. Fern bleibt, was fern war, und tief, tief, wer will es finden." Der Mensch ist darum die tragischste Figur der Schöpfung. Auch alle anderen Wesen der Ratur wissen nicht mehr von sich, wissen nur soviel, als ste eben zu ihrem Leben brauchen, nach mehr steht ihnen aber nicht der Sinn, darüber hinaus geht nicht ihr Streben. Der Mensch indessen geht in seinein Streben darüber hinaus, er geht im Mehrwissenwollen über die Grenzen, die ihm gezogen sind. Er rüttelt an Ketten eines ewigen Gebundenseins. Sein Wollen geht über sein Können. „Unendliches Streben in endlichen Gliedern", wie ein Dichter sagt, und daran zerschellt er, das ist seine Tragik. Wie Goethe den Faust sagen läßt: „Und sehe, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen." (Fortsetzung folgt.) K-mspovaenre« * ßacbriebteti. Deutsches Reich. Die geheimnisvolle jüdische Glaubensgemeinschaft Deutschlands. Berlin, 24. Aug. Nationalsozialistische Zeitungen, unter ihnen der „Völkische Beobachter", drucken ein Flugblatt ab, das in einigen Teilen Deutschlands vor der Wahl ohne Namensnennung und ohne den presse g e s e tz l i ch e n Bestimmungen zu entsprechen, verteilt wurde. In diesem Flugblatt fordert eine angebliche „Jüdische Glaubensgemeinschaft Deutschlands" die jüdischen Wähler auf, ihre Stimme für die Kommunistische Partei abzugeben. Das Flugblatt ist, wie uns der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mitteilt, eine grobe Fälschung. Schon die Statistik, mit der der jüdische Anteil an der Sowjetregierung aufgezeigt werden soll, weist auf die Herkunft dieser Fälschung hin. Eine Organisation, die sich „Jüdische Glaubensgemeinschaft" betitelt, gibt es nicht. Mit Rücksicht auf die zahllosen Terrorakte, die von durch solche Lügen verhetzten Menschen auf deutsche Juden verübt werden, hat der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen. Glaubens den Sachverhalt dieses plumpen Wahlmanövers dem Herrn Reichsinenminifter übermittelt und gebeten, die Voraussetzung einer amtlichen Auflageberichtigung zu überprüfen. Die ganze Veröffentlichung hat selbstverständlich keine andere Unterlage als die Absicht, die Juden zu verdächtigen und in der Oeffentlichkeit den Anschein zu erwecken, als ob eine offizielle Vertretung der deutschen Juden hinter der Kommunistischen Partei stände und damit für alles das-verantwortlich sei, was unter dem Namen der Kommunistischen Partei wirklich und angeblich geschieht. Der Schutz der Kölner Synagogen. K ö l n, 26. Aug. Der Anschlag auf die Synagoge in der Roonstraße, die verschiedentlichen Angriffe auf. Besucher anderer Synagogen sind in den Verwaltungskörperschaften der beiden Synagogengemeinden Kölns Gegenstand eingehender Beratungen gewesen. Die Ergebnisse dieser Beratungen sind den zuständigen Behörden vorgetragen worden, die volles Verständnis und weitgehende Hilfsbereitschaft gezeigt haben. Die Synagoge d er Adaß Ie - s ch u r u n steht zu den G'ttesdienstzeiten unter polizeilrchem Schutz. Der erste Vorsitzende der Synagogengemeinden, Rechtsanwalt Dr. H. Frank, hat dem kürzlich im Hofe der Synagoge Ueberfallenen sein Mitgefühl ausgesprochen und ihm jede juristische Hilfe bei der Verfolgung der Täter zugesagt. Der Bombenanschlag aus die Synagoge in der Roonstraße hat, wie das „Kölner Jüdische Wochenblatt" mitteilt, der Kultuskommission Gelegenheit geboten, in einem Exposee bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu entwickeln. Zum G'ttesdienst an den bevorstehenden Hohen Feiertagen sollen nur Personen zugelassen werden, die sich ausweisen können. In der Synagoge selbst sollen Kriminalbeamte anwesend sein, um jede Störung von vornherein zu verhindern. Vor der Synagoge werden Schu¬ NERA MONTI die berühmte Berliner Künstlerin mit ihrem hervorragenden Herren-Ensemble im RUMPELMAYER zum 1. Mal in Frankfurt! pos patrouillieren, die jede Ansammlung verhindern sollen. Der Polizeipräsident hat erklärt, daß er für die Sicherheit jedes friedlichen Bürgers alles Notwendige stets veranlassen werde. In einer Sitzung der konservativen Kultuskommission wurden ähnliche Maßnahmen auch für die anderen Synagogen erörtert. Reue antisemitische Ausschreitungen in Beuchen. V e u t h e n, 25. Aug. Am Mittwoch, den 24. August, abends kam es hier abermals zu Kundgebungen, die zum Teil einen antisemitischen Charakter trugen. Die aus Breslau eingetroffenen SA-Leute zogen in geschlossenem Trupp auf dem Bürgersteig durch die Hauptverkehrsstraßen, sangen nationalsozialistische Lieder und pöbelten jüdisch aussehende Passanten an. In der Bahnhofstraße versuchten Arbeitslose, ein jüdisches Abzahlungsgeschäft zu plündern, sie wurden von der Polizei daran gehindert. Gegen Mitternacht war die Ruhe wiederhergestellt. Oesterreich. Weltkonferenz der Nevisionisii'n. Wien, 31. Aug. In dieser Periode der „Weltkonferenzen" dürfen auch die Revisionisten nicht fehlen. Sie kamen in Wien zu einer großen Heeresschau um Jabotinski und Groß mann zusammen. Palästina allein stellte 21 Delegierte. Jabotinski eröffnete die Konferenz mit einer Rede, in der er „die moralische Offensive gegen Englands Palästinapolitik auf internationalem Boden" ankündigte. Wie er sich diese Offensive denkt, darüber sagte er wohl einiges, aber klar waren seine Ziele nicht. Moralische und internationale Wege! Es sind heute Imponderabilien, unter denen sich Jedermann denken kann, was er will. Meier Groß mann warf in seiner Rede einen Ueberblick über die letzten zwei Jahre Revisionismus und konstatierte, daß die Bewegung nunmehr von bloßer Opposition zu positiver Leistung übergeht. Die Parole heiße: Denken, lernen und arbeiten! Im Laufe der Verhandlungen ergaben sich Zerwürfnisse zwischen einzelnen Gruppen innerhalb des Revisionismus. Die Palästinenser unter Führung von A ch i - m e i r taten sich zu einem Klub der Revision i st e n - M a x i m a l i st e n zusammen. Andere nennen sich „Vereinigter aktivistischer revisionistischer Block". Die erstere Gruppe fordert den Austritt aus der zio - n i st i s ch e n Weltorganisation. Zur Stunde scheint es aber eher, daß dieser Achimeir-Block aus der Revision! st ischen Organisation austreten wird. Die Aktivisten wollen unter der Führung Jabotinskis Opposition innerhalb der zionistischen Organisation entfalten. Besonders scharfe Worte fand Großmann in seinem Organisationsreferat gegen die Friedensstörer und Vertreter der Spaltung. Er beschwört alle zur Eintracht mit der Ankündigung eines „S ch w a r z b u ch e s " von Jabotinski, in welchem „der Wortbruch Englands festgestellt und das Weltgewissen aufgerüttelt werden soll." Für einige Minuten ist die Eintracht mit einer einmütigen, begeisterten und lang anhaltenden Ovation erreicht. Diese gilt aber nur dem Schwarzbuch, nicht den Führern. Denn schon in der nächsten Sitzung läuft die Palästina-Delegation Sturm gegen die Union der Revisionisten und ihr Vorstandsmitglied Richard Lichtheim. Sein Verbrechen besteht darin, daß er, nach Pressemeldungen, eine Zusammenarbeit mit der zionistischen Weltorganisation gefordert hätte. Es wird kategorisch das Ausscheiden Lichtheims aus dem Präsidium gefordert. Don Großmann und anderen wird Lichtheim verteidigt. Polen. von der Konferenz der Misrachi-Jugend. Warschau, 26. Aug. Die hier stattgefundene Konferenz der Misrachijugend war im Ganzen ein Protest gegen die zionistische Politik und eine Kampfansage an die Misrachizentrale, die sich von der zionistischen Organisation am Gängelband herumführen läßt. Alle anderen Punkte der Tagesordnung,