Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 36 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 36 Der Israelit 1. September 1932 heit für die ganze Partei gemacht. Auch das würde uns nicht berühren, wenn nicht auch diese Ehrenerklärungen von dem Haßgesang mit dem bekannten Refrain begleitet wären. Lin gewisser Zusammenhang ist ja schließlich gegeben: Man predigt tagein, tagaus Kampf bis aufs Messer, Kampf gegen Juden/ gegen Fremdländische, gegen Andersgesinnte. Der primitive Mensch in der hintersten Ecke hört die Stimme seines innern Instinktes. Lc nimmt alles wörtlich und greift zum Mordbeil. Aus der Vaterlands liebe ist ein „Haß für das Vaterland" geworden, und dieser schafft sich im untersten Volke seine eigenen handgreiflichen Formen. Zeit wäre es, daß der Haßgesang übertönt werde von der Sprache des Genius, den das deutsche Volk in seinen besseren Teilen im nun ablaufenden Goethejahre heraufbeschworen hat — und von dem Morte Gerhard Hauptmanns, mit dem er Sonntag auf dem Frankfurter Römerberge Wolfgang Goethes Geist weckte: „Ls ist — bei aller kulturellen und konfessionellen Differenziertheit der Menschen — ein Himmel, der sich über die Crde spannt, es ist eine Lrde, die wir bewohnen, e i n Herz, das in allen Menschen schlägt und über uns allen ein G' t t im Himmel!..." Reine Luft! Viel besprochen — und auch verlacht wurde die Verordnung des kommissarischen preußischen Innenminister Bracht gegen Cntartungserf ch e i n u n g e n im öffentlichen Badele b e n , wie gegen Unsitten in Theatern, Varietees und Gaststätten und wider die sogenannten Schönheits-Konkurrenzen. Als ob der kommissarische Herr Innenminister heute gar keine anderen Sorgen hätte! Wenn es doch aber Menschen gibt, die heute keine anderen Sorgen zu haben scheinen, als durch ihr Benehmen Anlaß zu solchen Maßnahmen zu geben! . . . Lrnste Raturen, die über der politischen und wirtschaftlichen Rot jene Rot aller Röte: die sittliche Rot unserer Zeit, nicht übersehen, werden aber Bracht Dank wissen, daß er mit der Staatsgewalt in den Kampf eingreift, den die Besseren mit Hilfe der Kirchen aller Konfessionen seit Jahr und Tag vergebens führen. Für uns Juden bedürfte es eigentlich keiner neuen Rotverordnung zur Regulierung der Sitte und Sittlichkeit. Die alte und älteste aus der Thora nn» "ji nxi' nVi - Vinp *priö 'vn müßte genügen. Und dennoch würde man sich einer Selbstbeschönigung schuldig machen, wollte man behaupten, der jüdische Anteil an der Schuld, die durch jene Erlasse getilgt werden soll, sei gering. Auch an dem Unfug der Schönheitskonkurrenzen waren Juden und Jüdinnen aktiv und passiv beteiligt. Vom Sirandlcben wollen wir lieber schweigen, prozentual ist der jüdische Anteil an dem Racktkult gewiß nicht größer als der der andern. Aber wir rechnen nicht in Prozenten, wenn es um die Reinheit und Heiligkeit des jüdischen Lebens geht. Und wie groß oder klein dieser Anteil ist.— ec ist z u groß für das Volk, dessen Ahnen- und Adelswappen als einen der drei Sterne aufweist. Darauf ist bereits von den jüdischen Kanzeln und Pressetribünen aus genugsam hingewiesen worden. Leider ist nicht jede Presse gewillt, in dieser Beziehung die Mahner zu unterstützen. Eine Begebenheit aus den letzten Tagen: In einer bekannten Gemeinde der Tschechoslowakei fand der orthodoxe Rabbiner auf der Kanzel scharfe Worte gegen die in der Kleidermoöe und am Badestrände sich ausörückenden sittlichen Verirrungen unserer Zelt und drohte, die Fehlenden von den üblichen Chrenfunktionen in der Synagoge auszuschließen. So wenig Sympathien wir sonst für pressionsmittel aufzubringen vermögen, scheint uns doch die Maßnahme, Leute von der geöffneten Thorarolle fern zu halten, die die sittlichen Vorschriften eben dieser Thora gröblich und öffentlich verletzen, schon geradezu ein auch von den Betroffenen selbst anzuerkennendes Gebot des Anstandes. Eine Flut von Schmähungen entlud sich aber über das Haupt des „fanatischen Rabbiner", und es findet sich auch eine deutsche jüdische Zeitung, die unter Kultuckuciosa den Fall registriert, nicht ohne ihn mit einer höhnischen Bemerkung an die Adresse des „Eiferers" zu verbrämen. In einer Zeit, da uns ein Baöeantifemitismus sogar das Anrecht auf freie Luft zu schmälern sucht, sollten wir es uns doppelt zur jüdischen und menschlich sittlichen Pflicht anrechnen, See und Sonne rein zu genießen und nicht erst Rotverorönungen abzuwarten, umdurch Einfluß und Beispiel, von Kanzel, und Katheder und der Pressetribüne herab, der sittlichen Rot unserer Tage — der einzigen Rot, die nicht in der Lage, sondern im Menschen selbst begründet ist — mit gemeinsamer Kraft zu steuern. Was kann gegen den Boykott geschehen? Wir sprachen vor kurzem an dieser Stelle von der gefährlichsten Waffe im wirtschaftlichen Kamps gegen die Juden: dem Boykott. Runmehr veröffentlicht die S ch u tz g e m e i n s ch a f t der Großbetriebe des Einzelhandels und verwandter Gruppen eine Sammlung von Material über die wachsende politische Boykottbewegung gegen den Einzelhandel im allgemeinen und die Warenhäuser, Konsumvereine und Großfilialbetriebe im besonderen. Dieser Boykott, von dem in der Großstadt weniger zu merken ist, als in den kleineren und mittleren Provinz- und Landstädten weist eine mannigfaltige Skala auf. Angefangen von der mündlichen Propaganda in politischen Zirkeln geht sie über Rötigungsversuche bis zur öffentlichen Brandmarkung in den parteiblättern der radikalen Rechten und macht, wie zahlreiche Beispiele der letzten Zeit beweisen, auch vor der Terrorisierung der Käufer mit Tränengasbomben und ähnlichen Kampfmitteln nicht halt. Die Art, in der von der einfachen Warnung an die Käufer bis zur Gewaltanwendung hier gearbeitet wird, zeigt, daß systematisch diesen wichtigen Vertretern des Handels der Lebensnerv abgeschnitten werden soll. Daß andererseits die Frontstellung gegen die Großbetriebe des Einzelhandels nur den wahren Kern des Boykotts verschleiern sott, geht daraus hervor, daß der politisch oder konfessionell mißliebige kleine Geschäftsmann mit denselben Mitteln von den Radikalen verfolgt" wird wie der Großbetrieb. Insbesondere tut sich hier die Kampfgemeinschaft der RSDAP. hervor, die einerseits den Einzelhandel, Handwerker, Gewerbetreibenden, kurz den Mittelstand, zum Boykott der Warenhäuser aufruft, auf der anderen Seite aber alle Spielarten des politischen Terrors gegen dieselben Leute anwendet, die nicht gewillt sind, ihre politische Ueberzeugung aus geschäftlichen Gründen freizugeben. Besonders befremdet, daß -auch Behörden mit halbamtlichem Charakter, wie Handwerksämter, diesen Kampf auf ihre Fahne geschrieben haben und in unzweideutiger Weise das Gebot der politischen Reutralität verletzen. Die Anrufung des Gerichts hat nicht sehr viel Erfolg gehabt, weil an sich der Wirtschaftsboykott im Wirtschaftskampf als zulässig angesehen wird. Zudem kommen Gerichtsurteile, ja selbst einstweilige Verfügungen, meist zu spät. Die Schutzgemeinschaft der Großbetriebe des Einzelhandels erwägt daher, ob sie nicht gegen die Auswüchse des Wirtschaftskampfes, der zur Gefährdung von Leben und Gesundheit des Publikums und der Angestellten führen muß, die R o t g e s e tz g e b u n g des Reiches zu Hilfe rufen soll. Mensch und Prophet im Rhythmus der Zeit. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. Riemand im Leben kann eins verborgen bleiben: daß das Leben voll der Fragen und Rätsel ist. Wie eine Sphinx mit zahllosen Gesichtern starrt es uns an und ruft nach Deutung, nach Lösung. Wir sind in dieses Dasein wie in ein Meer von Unbegreiflichkeiten hineingestellt. Wenn wir uns nicht irgendwie zurechtzufinöen suchen, schlagen die Wellen über uns zusammen und verschlingen uns. Voll Staunen und Schrecken werden wir täglich und stündlich gewahr, wie arm an Verständnis wir sind. Alles erscheint uns, wenn wir ihm nicht aus Eigenem einen Sinn unterlegen, verworren und verwirrend. Existenz .und Schicksal tauchen vor uns niemals in überblickbarer Klarheit, in voller Offensichtlichkeit auf. Immer bleibt noch ein Rest unentwirrbarer Rätselhaftigkeit übrig. „Wie, wann und wo? Die Götter bleiben stumm!" sagt Goethe. „Du halte dich ans Weil, und frage nicht warum!" . Aber, sie fragen alle: „Warum?" Denn es ist die Fülle des Erdrückenden, dessen sie sich nicht erwehren, und das sie sich nicht erklären können. Richt, daß es an Antworten fehlte. Aber, du magst Tausende davon geben — und es gibt deren vielleicht noch mehr —, es wachsen immer wieder neue Fragen empor, wie Er Hydra^öie Köpfe doppelt nachwachsen für den einen, den man ihr abschlägt. Gerade das Wie? Wann? Wo?, das Woher? Wohin? Wozu? läßt uns nicht zur Ruhe kommen. „Was sind wir?", klagt ein altes Gebet, „was ist unser Leben, was unser Tun, was unsere Hilfe, was unsere Kraft, was unsere Macht?" Ein frappierendes Sinnbild für dieses Sichnichtauskennen des Menschen, dieses ewige Suchen und Tasten nach Sinn, nach Klarheit, nach Aufschluß, nach Ruhe, bietet ein eigentümlicher Akt in unserem täglichen Gebetritus. Rachdem man das Sch'ma sitzend oder stehend, die Schmone-Esre stehend, das Tachnun wieder sitzend und mit dem Kopfe hingelehnt, verrichtet hat, steht man am Schlüsse des Tachnun wieder auf und spricht die Worte: „Wir wissen nun nicht mehr, was wir noch tun sollen." Geht es uns im Leben anders? Wie mancher weiß nicht mehr, was er noch tun sollte. In allen Stellungen und Lagen versucht man es, aber es kommt immer auf den Ausruf hinaus: „Wir wissen nicht mehr, was wir noch tun sollen!" Insbesondere paßt das treffend auf uns als Juden. „Wir wissen nicht mehr, was wir noch tun sollen." Wir sitzen, wir stehen, wir liegen, wie stehen wieder, wie das der Wechsel und Wandel unseres unbeständigen Schicksals mit sich bringt, aber niemals sind wir recht, in keiner Situation gibt man sich mit uns zufrieden. Sind wir bescheiden und zurückhaltend, d. h. wir sitzen und verhalten uns stille, sind auf uns selbst bedacht und laufen nicht mit den anderen um die Wette, dann ist es in ihren Augen nicht gut, dann heißt es: „Seht doch, die Juden sind rückständig, sie schließen sich aus, sie passen sich uns nicht an, sie sind Ändere, sie sind Fremde!" Stehen wir auf, ö. h. wir erheben uns zur Stufe der gleichen 8 Interessen und Ziele wie die anderen, zur gleichen 8 Höhe von Leistung und Anspruch, wir wollen mit- 8 tun und mithalten, dann — o wehe! — ist es wieder, 8 und zwar erst recht nicht gut. Wir sind dann die lästi- 8 gen Aufdringlinge, die gefährlichen Mitkonkurren- 8 ten, die Anmaßenden, die man mit Argusaugen an- 8 schaut, mit scheelen Blicken verfolgt, die man nieder- 8 drückt und demütigt, bis sie darniederliegen und das 8 Haupt sinken lassen. Aber auch dann lassen sie noch 8 nicht von uns ab, geben sie sich nicht zufrieden, sie 8 verachten uns dann und schmähen uns als die Ausgestoßencn, die im Tiefstand Verharrenden. Raffen wir uns darum endlich wieder auf. und wehren uns gegen Schimpf und Schmach und nehmen Bedacht auf unsere Ehre und Würde, dann, o dann, ist wieder Feuer im Dach. Dann tun sie verletzt und gereizt und schreien in die Welt hinaus: „Seht,'der Jude ist anmaßend, er rebelliert, er lehnt sich auf, er duckt sich nicht genug, er steht schon wieder aufrecht!" Wahrlich, wir wissen-beinahe nicht mehr, wie wir es machen sollen. Richt klein, nicht groß, nicht arm und nicht reich, nicht demütig und nicht aufrecht, nicht liegend, nicht sitzend, nicht stehend, was sollen wir tun? Aber, das ist es ja gerade, was sollen wir tun? Weiß das der Mensch überhaupt, und wie soll das der Jude wissen? Was sollen wir tun? Wissen wir Menschen denn im Grunde jemals, was Sinn und Lage von uns fordert? was wissen wir denn überhaupt von uns? Was weiß der Mensch von sich? Oberflächlich sehen sie gewöhnlich die Fragen und 8 Rätsel, die sie umschwirren, in dem Umkreis um sie, 8 draußen, in dem, was sich um sie herum abfpielt. In 1 ich und an sich schauen sie nicht und suchen sie nicht,l I da ist ihnen, wie sie meinen, alles klar. Aber, acht 8 das größte Rätsel ist ja nicht das Herum und Daran 8 um den Menschen, das größte Rätsel ist der Mensch 8 selbst. Er an sich und in sich ist das mächtigste Frage- 8 Zeichen. „G'tt, was ist der Mensch!" lautet schon ein 8 vieltausenöjähriger Psalmseufzer. Gewiß, geheimnis- 8