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Der Israelit · 1932-09-01 · Heft 36 (1.9.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 36 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit 1. September 1932 einen solchen Kampf fast aufzwingen möchten. Lei ligion (der Verfasser nennt hier das Christentum) GÜct- Humanität, Duldsamkeit und „Freiheit", — hat er euch einen Irrweg geführt. Lun verschießt ihr die Führer der Religionen sollen eine Massenbewegung euer vieles Pulver umsonst." der religiösen Kräfte organisieren; und das wäre des | Im letzten Teil seiner Schrift wendet sich der Ver- 'iampfes wert. Die Religionen haben im Ringen um Fässer der Bedeutung des Freidenkertums für den die Gestaltung der Zeitfragen, um Formung von Ge- Glauben und der Antwort des Glaubens an das j et!schuft und Wirtschaft noch nicht das letzte Wort gesprochen. Damit dieses Wort aber so gesprochen wird, daß es selbst von den Aermsten und Elenden, von allen verzweifelnden heute verstanden und begriffen wird, — darum fyat uns G'tt diese Bewegung der „Gottlosigkeit" mitten auf den weg gestellt. Verkündigung und Verwirklichung des G'ttesgesetzes verlangt, ohne ein Wort des Tadels oder des Unmuts für die Gottlosenbünde zu gebrauchen, auch p a st o r W a l t e r Birnbaum, ein protestantischer Theologe, Leiter der Wichern-Vereinigung zu Hamburg, in seiner mutigen Broschüre „Wider die Front des G o t t l o s e n t u m s " , A b - wehr oder. Verkündigung? (erschienen 1951 im Stiftungsverlag zu Potsdam). Der Verfasser gibt, ohne jemand wehe zu tun und daher im Geiste echter Religiosität, einen guten Ueberblick über den Aufmarsch des heutigen Freidenkertums und über die treibenden Kräfte und ideologischen Hintergründe. „Rie darf der Kampf gegen das Gottlosentum ohne gründlichste Kenntnis des Gegners geführt werden," sagt er (Seite 15) und bringt eine gemein- Antwort a n d i e verständliche Abhandlung über den Marxismus und den historischen Materialismus. Den Klassenkampf, der um die soziale Befreiung der proletarischen Schichten geführt wird, ist der verzweislungsschrei einer in Zersetzung geratenden Existenz. „Und wen dieser Schrei der Verzweiflung nie erschüttert hat, der ist nicht geschickt zur Auseinandersetzung mit denGottlose n." ' (Seite 25.) Pastor Birnbaum kritisiert die Religionsauffassung des Marxismus. „Der Religionsbegriff der marxistischen Freidenker enthält einen richtigen und wichtigen Gesichtspunkt über die Form alles geistigen Lebens und einige einzelne richtig beobachtete Cntartungsmomente des Christentums, verbindet sie aber zu einem falschen Gesamtbild und legt ihm einen falschen Wesensbegriff Freidenkertum zu. Hier findet er aufrechte Worte und erklärt, daß die Religion in den Dienst der Zeit und ihrer realen Auseinandersetzungen zu treten hat, nicht aber als (wenn auch oft nur scheinbare) „Machtposition" einer Parteigruppierung oder einer politischen Bewegung (man denkt an das Schlagwort der Verkuppelung von „Kirche und Faschismus", — ein Lieblingsthema marxistischer Volksredneri). Die Religion muß den Weg zu den Sorgen und seelischen Problemen des Proletariats finden, die Verbindung ausnehmen mit den tatsächlichen materiellen und ideellen Verhältnissen, — sie muß Verkündung werden. Der Verfasser, dem man für seine taktvollen und konsequent durchdachten Ausführungen uneingeschränkt dankbar sein muß, fragt zuletzt: „Rußland? — Durch deutsche Philosophen hat es seinen Atheismus bekommen . . ." Und meint: es müsse aus Deutschland wieder eine neue Cpoche des Glaubens bekommen. Was sollen wir tun? Richt Haß und Empörung, — sondern positiven religiösen Aufbau und Arbeit an der Verwirklichung im eigenen Lager. Line andere Gottlosen gibt es nicht. Wochenrundschau. And schließe die Fenster hinter dir... Als am vorletzten Dienstag nachmittag in B e u t h e n die fünf Todesurteile gegen die ugrunde, indem er es in seine Geschichtstheorie hin- Mörder von potemba verkündet wurden, hatten fämteinpreßt." (Seite 47.) Hinzufügen könnten wir» daß jliche jüdische Geschäfte ihre Rolläden heruntergelasder Marxismus erst recht verständnislos dem Bereich fen, auch viele jüdische privathäuser hatten Türen des jüdischen Lebensprinzipes mit allen seinen ent- und Fenster geschlossen. So meldeten die Zeitungen scheidenden sozialen und wirtschaftlichen Forderungen kurz und sachlich. gegenübersteht, und daß wir als Juden völlig die Ar-> In-Brcsl au und anderswo-in Schlesien, wo gumentation des Pastors Birnbaum für unsere Dis- . es Juden versäumten, dem Beuthener Beispiel zu solkussionen mit den „Feinden" der Religion übernehmen dürfen: „Euer Eingriff auf die Religion trifft uns überhaupt nicht. In den Stellungen, auf die ihr euer Trommelfeuer richtet, sitzen wir nicht. Wir gen, gab es viel zerbrochenes Glas vor Gefchäfts- und Privathäusern, die jüdische Schilder trugen. In Breslau nahmen die Straßenunruhen auch an den folgenden Abenden schon beinahe pogromcharakfeben ganz anders aus, als ihr meint. Marx hat \ ter an. Man begnügte sich nicht mehr mit Fenstereuch viel Gutes gesagt, aber in Bezug auf . . . Re-!scheiben, sondern schlug auch auf jüdische Schädel ein Nr. 36 Seite 3 und plünderte jüdische Läden aus (letzteres wurde von mitlaufendem Gesindel besorgt.) Die Polizei hatte zu tun. Dabei ist zu bemerken, daß im ganzen Beuthener Prozeß kein einziger Jude als Mitspieler oder auch nur als Statist figurierte. Der ermordete pietzuch war ein Pole deutscher Staatsangehörigkeit, die Mörder treue Mitglieder der S.-A. Auch die Gerichtsherren, vom Vorsitzenden, Anklagevertreter, Verteidiger bis zu den Zeugen, hören nicht auf jüdische Ramen. Wahrscheinlich gibt es in potemba, das nun zur traurigen Berühmtheit gelangt ist, gar keine Juden. Die Richter haben Recht gesprochen im Sinne und nach dem Buchstaben einer Rotverordnung, die zum Schutze von Leib und Leben des deutschen Bürgers von einer Rechtsregierung erlassen wurde, die den Ramen „Iudenregierung" gewiß nicht verdient. Warum müssen also bei der Urteilsverkündung die Fensterscheiben der jüdischen Häuser und hinter ihnen die Juden selbst erzittern? Die sogenannte „Iudenpresse", („Frankfurter Zeitung", „Berliner Tageblatt", „vosstsche Zeitung"), traten einstimmig für eine Begnadigung der Mörder ein und wiesen sogar den weg, auf dem eine Aufhebung des Urteils juristisch möglich wäre, von der wirklichen jüdischen Presse schreibt die Zeitung, die der Fall unmittelbar angeht, die „C. ^.-Zeitung" im Zusammenhänge mit den verurteilten von „Opfern einer hemmungslosen Verhetzung, die Mitleid verdienen". Und dennoch proklamiert der „Angriff" und nach ihm auch der „völkische Beobachter": „Die Juden sind schuld!", um an diese Behauptung Beschimpfungen und Drohungen anzuknüpfen, wie sie auch in dieser Presse nicht alltäglich sind. Woran ist der Jude schuld? An der Verhetzung und Verwilderung, bei der er doch nur Objekt und Opfer ist? An.dem Blutdurst bis zum Wahnsinn getriebener Parteigänger, die in den Rachtfrieden eines Rachbarhauses eindringen und dort eine „Bartholomäusnacht" im Kleinen veranstalten, wie sie sie im Großen von den Parteiführern Tag für Tag vorgezeichnet erhalten? Ist der Jude schuld daran, wenn die Dinge in Deutschland so weit gediehen sind, daß der Staat nur noch mit Hilfe von Sondergericht un6 Scharfrichter sich und seinen Bürgern Ruhe und Sicherheit verschaffen kann? Drastischer kann die jüdische Tragödie in Deutschland nicht gezeichnet werden, als durch die Glasscherben vor den jüdischen Häusern in Beuthen und Breslau. Aus dem Scherbeugeklirre hören wir noch einmal die für alle Fälle gütige prophetische Mahnung: ynya -raoi p-nn? an '»p Man hat den Mördern von potemba von höchster Parteiseite hinterher die Gloriole der Märtyrer aufgesetzt, hat sie „Brüder", „Kameraden" genannt und aus ihrer bestialischen Tat eine Ehrenangelegen- Wir vollends, Israel Kinder, mögen jenen Schofarton, j den wir hinausklingen hören möchten zu allen Klaffen | und Schichten der Mnefchheit und in ihrer aller Seelen! und Herzen widerhallen, vor allem mit Ohr und Herz vernehmen, daß er uns zurückführe zu G'tt und uns in unferm Glauben festige und die Ueberzeugung sstärke /pi-rr 'i ns? nwn snnw ivm ntz?yn '2 „Du sollst das Rechte tun, — das in den Augen G'tt recht ist, darum fei ganz mit dem E. deinem G'tte." Sind wir G'ttes, bekennen wir uns zu ihm und weihen wir seiner Verehrung unsere ganze ungeteilte Kraft und Fähigkeit, dann sind wir gegen jedes Unrecht gewappnet und sind Recht und Wahrheit und Menschenliebe die leuchtenden Sterne unseres Daseins ... kleines Feuilleton. Die Beziehungen der Psychotherapie zur Seelsorge. Der berühmte schweizerische Psychoanalytiker, Dr. E. G. Jung, veröffentlicht einen von ihm im Mai ds. Js. vor der Elfässischen Pastoralkonferenz in Straßburg gehaltenen Vortrag, der die Beziehungen der Psychotherapie zur Seelsorge behandelt. (Verlag Rascher u. E i e. A. G., Zürich). Der Vortrag weist vor allem in einer auch dem Laien einleuchtenden Klarheit den Fortschritt nach, den die Jung'sche Psychotherapie gegenüber den Einseitigkeiten der Freud'schen Neurosenlehre, die alles auf den Sexualtrieb zurückführt, und gegenüber der Adler'schen Trieblehre aufweist. Jung zieht die Konsequenz aus der von der Medizin zu ihrer j eigenen unangenehmen Ueberraschung zu Beginn dieses > Jahrhunderts und nicht zum wenigsten durch Freud! selber vorgenommenen Wiederentdeckung der Seele. Die künstliche und wahrheitswidrige Einschränkung des Seelenbegriffs durch materialistische Voraussetzungen, wie sie insbesondere für Freud charakteristisch ist, stellt dabei lediglich eine Inkonsequenz dar, die die Wahrheit scheut. Freud und Adler treiben Psychologie für Menschen, die keine geistigen Ansprüche oder Bedürfnisse zu haben glauben. In Wirklichkeit ist Psychoneurose im letzten Verstände ein Leiden der Seele, die ihren Sinn nicht gefunden hat, und diesen Sinn zu finden, ist die ganze Aufgabe der Therapie. Der Patient krankt daran, daß er keine Liebe hat, sondern bloß Sexualität, keinen Glauben, weil ihn die Blindheit schreckt, keine Hoffnung, weil ihn Welt und Leben enttäuscht haben und keine Erkenntnis, weil er seinen eigenen Sinn nicht erkannt hat. Ueber die Möglichkeit der Therapie durch den Arzt, der, wenn er wirken will, hier zum Seelsorger werden muß, gibt sich Jung keinem allzu großen Optimismus hin. Das Problem der' Heilung ist ein religiöses Problem, und Jung.ist der Meinung, daß der Heilungsprozeß nur erreicht werden kann dadurch, daß man den Kranken zur völligen Vereinsamung kommen läßt und damit Kräfte in ihm weckt, die über das Bewußte hinausgehen. Die Eigentätigkeit der Seele muß erwachen, oft bis zur Wahrnehmung innerer Stimmen oder visionärer Bilder, bis zu einer wahrhaften Urerfahrung des Geistes. Oft komme die Genesung einfach durch einen tiefen Eindruck, den der Patient erhält von der selbständigen Art, wie die Träume sein Problem behandeln, oder ein anderes Mal trete in seiner Phantasie eine Wendung auf, auf die das Bewußtsein nicht im geringsten gefaßt war. Man sieht hier, in wie starkem Maße der ehrliche Psychotherapeut sich auf anregende und helfende Tätigkeit beschränken muß und wie sehr er auf Kräfte angewiesen ist, die im Uebersinnlichen und Unbewußten schlummern. (Dreyfus-Ehrung in Port Haliguen.) Die Liga für Menschenrechte wird demnächst in Port Haliguen bei Quiberon an der Stelle, wo Oberst Alfred Dreyfus nach der Rückkehr von der Teufelsinsel landete, eine Gedenktafel anbringen lassen. Dreyfus kam in Port Haliguen an Bord des Dampfers „Sfax" am 30. Juni 1899 an. Am 7. August wurde vor dem Kriegsgericht in Rennes die Verhandlung in dem Wiederaufnahmeverfahren eröffnet. Das Gericht sprach Dreyfus mit 5 gegen 2 Stimmen abermals schuldig, empfahl ihn aber unter Anrechnung mildernder Umstände der Gnade des Kriegsministers. Am 19. September 1899 wurde dem damaligen Hauptmann Dreyfus durch einen Erlaß des Präsidenten der Republik die restliche Strafe nachgesehen, aber erst am 12. Juli 1906 hob der Oberste Gerichtshof das Urteil gegen Dreyfus auf und ordnete feine sofortige Wiedereinreihung in die Armee ein. Dreyfus wurde zum Major befördert und zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Gleichzeitig wurden gerichtliche Schritte gegen die an seinem Unglück Schuldigen eingeleitet. (Dubnows Jüdische Geschichte für Kinder.) In Berlin erschien soeben in jiddischer Sprache ein neues Buch von Professor Simon Dubnow: „Jüdische Geschichte, erzählt für Kinder", das auf 288 Seiten einen Abriß der jüdischen Geschichte seit uralten Zeiten bis auf den heutigen Tag gibt. Der Band ist für den Schulwie für den Selbstunterricht gedacht. — Gerade Dubnows Darstellung der uralten jüdischen Zeiten ist dazu angetan, das Kind der Bibel zu entfremden, es mit dem Geiste der G'ttes- und Thoraleugnung zu durchdringen. Das Buch ist eine Gefahr für unsere Kinder!

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