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Der Israelit · 1932-09-01 · Heft 36 (1.9.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 36 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 36 Der Israelit 1. September 1932 Die Antwort der Religion. Bon 2. Raphael in Beckum. Den antireligiösen Feldzug, den der Marxismus im Abendland theoretisch und in den weiten Gebieten der Sowjetunion gegenwärtig praktisch durchzuführcn bemüht ijt, lediglich mit sensationellen und künstlich zurechtgemachten politischen Berichterstattungen zu „bekämpfen", — bedeutet: jeglichen Sinn einer Religion, und für uns speziell den Sinn und die Erhabenheit des Judentums banal entwerten lassen. Atheismus oder, wie das moderne und sehr abstchtlich in den Alltag hineingeworfene Schlagwort lautet, Gottlosigkeit uird Gottlosenbewegung erfordern, wenn man ihren „Fundamenten" wirklich eine positive Erschütterung beibringen will, zunächst eine kühle, leidenschaftslose Kenntnis über Entstehung, Weg, Formen, Ausdehnung dieser „Bewegung". Der marxistische Materialismus von Karl Marx (ein erstes wort des jungen Marx aus dem Jahre 1844: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik"!), dem heutzutage, teilweise leider aus rein antisemitischen Gelüsten, die „Schuldfcage" hundertprozentig aufgebürdet wird, war eigentlich schon ein Schlußstein in jenem groß aufgemachten philosophischen Lehrgebäude einer sogenannten „Aufklärungsepoche", angefangen bei den Enzyklopädisten im Frankreich des 18. Jahrhunderts, dann über die Betriebsamkeit der deutschen Philosophen Strauß, Ludwig Feuerbach, Stirner in das Zeitalter eines, krassen und unentwegten Liberalismus hinein; — es war jene „gute, alte Zeit". Die Prinzipien von der Majestät der „persönlichen Freiheit", von Individualismus auf allen Gebieten — Politik, Wirtschaft, Geschäftemacherci — zersetzten folgerichtig auch das Gebäude der Religion und des Glaubens, das in vieler Beziehung einer unsittlichen Gesinnung vom „Spiel der freien Kräfte" ja durchaus ablehnend gegenübcrstand. Die Religion sollte in die Zwangsjacke einer liberalistischen Denkweise gepreßt werden, mußte sich dem „Fortschritt" in Philosophie und Zivilisation „anpassen", — und so ist der wissenschaftliche Marxisnrus (der vom Wesen der Religion wenig und vom Wesen des Judentums überhaupt nichts zu erfassen und zu verarbeiten verstand) lediglich der Konkursverwalter geworden in einer Sache, die bereits recht gründlich von allen möglichen, selbst pseudo-gläubigen Seiten verwirtschaftet worden war. Heute wird alles „Reue" im System der Gottlosenbewegung auf Lenin (siehe die Zusammenstellung: W. Lenin „Ueber Religion", Kleine Lenin-Bibliothek, Band 4, Verlag für Literatur und Politik, Berlin-Wien) zurückgeführt. Der Groll ergießt sich auf eine derzeitige Regierungsform in Rußland; man schließt sich den Protestaktionen anderer Konfessionen an, aber man hat dabei in den Kreisen des positiven und gesetzestreuen Judentums das undefinierbare Gefühl, daß es sich hier nicht immer um ein tatsächliches religiöses Wollen, um einen neuen Aufbruch und um offensiven Geist des Judentums, sondern um politische Demonstrationen handelt, wir müssen hier vorsichtig sein, wir wissen, daß gerade das Judentum im Vorkriegsrußland hart bedrängt und verfolgt worden ist, — und letzten Endes darf bei aller begründeter Abwehr der religionsfeindlichen Strömungen nicht übersehen werden, daß schließlich nur der mit den Bindungen der Tradition verknüpfte jüdische Rlensch das moralische und jüdische Recht zum Kampf gegen Unglauben und religiöse Zerrüttung hat, — niemals aber eine liberalistische, den Ur-Bau des Judentums selber auflösende und atomisicrende Gesinnung. Die Sünden fangen nicht bei Lenin und nicht bei der Gründung eines Atheistenbundes an, sondern vielmehr in der Duldung eines „freien" Geistes, den wir unter uns groß gezogen haben. Eine süddeutsche katholische Zeitung erinnerte vor einem Monat daran, daß es zu Beginn unseres Jahrhunderts war, als in einem philosophischen Kolleg einer deutschen Universität der Dozent, ein damals viel genannter Ordinarius "der Philosophie, seine Vorlesung mit folgender Mahnung an seine Hörer schloß: „Meine Herren, ich habe mir zur Ausgabe gestellt, jeden G'ttesglauben zu zerstören. Litte, helfen Sie mir dabei!" An solche traurigen Vorkommnisse muß man denken, wenn man ernsthaft, folgerichtig und frei von politischen Rebengedanken an die Probleme der Gottlosenbewegung Herangehen will. Zu begrüßen ist deswegen das grundlegende werk, das Dr. Adolf Z i e gl e r vor kurzem hat erscheinen lassen. („Die russische Gottlösenbewegung". Eine authentische Darstellung mit reichem, in Deutschland erstmals veröffentlichten Bilöermaterial. 248 Seiten. Gebunden Mk. 4.50. Verlag Josef Kösel u. pustet, München 1952). In außerordentlich sachlicher weise erhält man hier zum erstenmal einen lückenlosen Einblick in den gesamten, oft wahrhaftig nicht unkomplizierten Fragenkomplex, angefangen bei den Grundlagen der russischen Gottlosenbewegung, bei der Behandlung der marxistischen Theorien von Karl Marx, von den russischen Marxisten und von Wladimir IIjitsch Lenin. Erschütternd wirkt das Buch gerade durch seine Sachlichkeit. Die Zitate und. Dokumente sprechen eindringlicher, als lautes protestieren. Die Bilder in den diversen, russischen antireligiösen Zeitschriften sind teilweise rigorose Blasphemie, — teilweise aber für unsere Begriffe kindisch und läppisch, und man staunt über so viel Einfalt der Gottlosenkämpfer. Man rechnet eben mit der „Einfachheit" der russischen Seele. Die Masse des Volkes, eben noch betäubt durch den gewaltigen Analphabetismus und geblendet von den Parolen politischer und wirtschaftlicher Reuordnung, mag den naiven Bildchen und Karikaturen irgendwelches Gefallen abgewinnen, obwohl auch hier zahlenmäßig die atheistischen Verbände keine erheblichen Lorbeeren aufzuweisen haben. Unser Interesse lenkt sich besonders aber auf das vierte Kapitel des Buches: die jüdische Gottlosenbewegung in Sowjetrußland. Es ist beschämend, wenn Dr. Ziegler die lapidare Feststellung machen muß, daß die Gottlosenarbeit unter den Juden Erfolge zu verzeichnen hat. Erfolge, — das bedeutet in diesem Zusammenhang: Mangel an jüdischen Energien, am jüdischen Willen zur Religion. Denn gerade hier wirb der Kampf um G'tt nicht von irgendwelchen „äußeren" Instanzen oder Behörden oder gar Regierungserlaffen hervorgerufen, — sondern in erster Linie von innerjüdischen, „aufklärerisch" orientierten Gruppen, die hauptsächlich um die antireligiöse jiddische Zeitschrift „Der Apikoires" stehen. Den zersetzenden Einflüssen dieser jüdischen Kreise fehlt eben ein positiver jüdischer Gegenstoß von Format, eine entschiedene Antwort der Religion, selbst wenn diese religiöse Offensive zum Martyrium führen sollte.'Dem blinden unjüdischen und religionsvernichtenden Fanatismus muß einzig und allein die in sich durchaus gefestigte Ueberzeugung von der Größe und der Wahrheit des Judentums gegenübecgestellt werden. Judentum muß zum Granit werden. Wenn man sich nämlich diese kleinlichen und höchst geschmacklos anmutenden Radelstiche und Anrempeleien der sogenannten Gottlosen genauer ansieht, dann muß man darüber staunen, daß mit so wenig Geist und Talent antireligiöse Erfolge zu erzielen sind! Vielleicht fehlt dem russischen Judentum, das iit seiner überwiegenden Mehrheit gläubig ist und bloß von propagandistisch raffinierten und geschulten Drahtziehern in seinen eigenen Rufen nach G'tt übecschrieen wird, die sichtbare, geistige Unterstützung durch die religiöse Kraftquelle der Weltjudenheit. Aber wo ist diese Kraftquelle? Dieses wahrhaft jüdische Zentrum? Der religiös-jüdische Geist unsrer russischen Glaubensbrüder kann nur gestärkt werden, wenn in den Ländern ohne antireligiöse Regierungspraktiken unser Judentum zum eigenen Wesen, zu seiner lebendigen Wirklichkeit zurückfindet. Dr. Ziegler hat sein Buch für weiteste Kreise geschrieben. Das Buch muß überall Verbreitung finden; denn es zeigt uns über seine Wissenschaftlichkeit hinaus die Forderung, den Gottlosen und ihren Tendenzen eine überlegene religiöse Gesinnung entgegenzusetzen. Das gilt für die christlichen Staaten und Gemeinschaften, — das gilt für das Judentum. Die Gottlosen lieben Brutalität in der Propaganda, — diese Methoden und Manieren nachzuahmen, ist mit religiösem Willen nicht zu vereinbaren. Und hier wollen wir nicht in die Betriebsamkeit der Intoleranz verfallen, obwohl gerade die verbände der Gottlosen Posaunenklänge. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Das Leben ist der Erdengüter höchstes nicht. Ganz gewiß nicht, wenn es für das Größte und Erhabenste preisgegeben wird, ein Opfer ist zur Heiligung des gütlichen Namens, wenn mit dem Hingeben der Zeitlichkeit die Ewigkeit erkauft wird. Jene Edlen und Frommen, die ihr Selbst Preisgaben, um mit ihrem Blute ihren Glauben an den Einig-Einzigen zu bezeugen, die durch ihre T a t ihre Lehre bekräftigt: 'pVx 'i nrr nanxi, *]PD3 Vaa „Deine Liebe zu dem Ewigen deinem G'tte darf nimmer aufhören, ie?dj' n« Vaa «in iV’dx selbst wenn es gilt, dein Leben deinem Glauben gemäß hinzugeben, haben ihrem Volke für alle Zeit den rechten Märtyrermut eingeflößt und das Prophetenwort gedeutet: »f/u» *i>xn du* p»i ui»' mm 'Xi'ni nx ’» Danmn xin 'jx ’asx „Ich bin stets Ich!" Das ift's, was euch trösten muß. Wer wärest du, wenn du dich fürchtetest vor dem entarteten Menschen, der dahinsterben wird oder vor dem Menschensohne, der wie Gras hingegeben wird?" Unsere ganze Geschichte, unsere beispiellose Vergangenheit zeugt von solchem Opfermute, der nicht zurückschrickt, wenn Frevel und Fanatismus auch das Aeußerste wagen, selbst mit Menschenleben ihr grausiges Spiel treiben. Auf sie, die Heldenmütigen in Israel, wenden unsere Lehrer das Wort an: firmi mm cvxvn nnm rpa xiax Vnnn nnm am rvax mmn nnn ,d»t M’pai naix «1,1 on'Vs?i?px'a» '«» i’iamym nnnVna n’jaxn „Statt des Erzes laß ich einkommen Gold, statt ’npa «V des Eisens einkommen Silber, statt des Holzes Erz, statt der Steine Eisen." Wo kann aber Ersatz werden für. R. Akiwo und seine Gefährten? Da gilt: „Und wenn ich auch ungeahndet gelassen —, ihr Blut lasse ich nicht ungeahndet." Wo Menschenleben nicht geachtet wird und unschuldig Menschenblut dahin fließt, schreit die Sünde zum Himmel und wird fluchbeladen die Erde, die nach Sühne heischt. Da ist eine Verrohung der Herzen und Verwilderung der Gemüter, da lösen sich alle Bande des Rechts und der Moral und wird wankend der Boden, auf dem wir uns bewegen. Eine solch' furchtbare Zeit erleben wir in unfern Tagen. Die ganze Menschheit sollte aufhorchen und hören und lesen das Kapitel der Sühne wegen unschuldig vergossenen Blutes. An die Großen, an die Führer und Richter ergeht da die Satzung, daß sie das Opfer bringen naiiyn nVrs?n Vs? omm nx ixnm Wnn V« D'aipn svin myn ’spr Vai ,i«i kV ippyi nrn Din nx na dp kV ipt ii»ki nyi Vma „Und alle Alten jener Stadt, als die zu dem Erschlagenen die Nächsten sind, sollen ihre Hände waschen über dem im Bachgrund entnackten Kalbe und sollen anstimmen, sollen sprechen: Unsere Hände haben dieses Blut nicht verschüttet, unsere Augen haben es nicht gesehen." Ganz gewiß bedeutet das nicht, daß dies Bekenntnis, die es sprachen, erst vom Verdacht befreien sollte, am Blutvergießen mitbeteiligt gewesen zu sein. Die Gewissen sollte es aber aufrütteln, ob nicht vielleicht doch irgend eine Schuld auch sie träfe, wenn sie etwa achtlos an mancher Verirrung und Verwirrung vorübergingen, hier vielleicht nicht genug die Not beachteten, die leicht zum Verbrechen führen kann —, dort dem Gefährdeten den notwendigen Schutz versagten. Das Gefühl der Verantwortung muß mehr denn je auch in unfern Tagen allenthalben geweckt werden, wo wahrlich nicht nur ein Sühneopfer zu bringen wäre. Was wir da erleben, muß wie ein Posaunenton durch alle Lande tönen und die Herzen und Seelen bewegen, daß wieder die Einsicht zurückkehre und das furchtbare Spielen mit dem Menschenleben aufhöre. Die Bedingung für die Rückkehr zu geordneten Rechtsverhältnissen ist die Forderung, daß jeder in dem andern den von G'tt mit Leben und Freiheit Begnadeten sehe, der ihm gleich ein Recht hat, auf G'ttes schöner Erde zu leben und zu streben. Das ist der Sinn des hl. Schriftwortes: ,'i '3'5?a iv'.i n®s?n 'a iaipa ’pm am *>s?an nnxi „Du wirst das grundlose Blutvergießen in deiner Mitte beseitigen, wenn du tust, was recht ist in den Augen G'ttes". Das ist der Maßstab für das wahre Recht. Es muß bestehen können, vor G'ttes Thron. Kein Feilschen darf es da geben, keine Liebdienerei und kein Ansehen der Person und der Partei. Jedes Unrecht, das aus dem Haß keimt, wird ein neuer Keim zu weiterem und größerem Unrecht und wendet sich gegen den, von dem es ausgegangen ist. Wer Wind sät, muß Sturm ernten. Möchten es alle vernehmen und beherzigen, was jüdische Weisheit verkündet: pix pV'xvi nvian ds? npix pvis? p pixa pni ppviss? pta ,ni'3S?11DN „Wenn die zum Nichten Berufenen ihres hl. Amtes ist Wahrheit und Gerechtigkeit walten, so üben sie wahre Liebe an den Menschen und retten sie von Gefahren px'xim 2"nn dj?i iVe? nx Vvi3v> 'Karn ds? arme? ds? npix pvis? >. tp nnn» Vn ihre Liebe erstreckt -sich nicht nur auf den, dem sie. zu seinem Rechte verhelfen, sondern auch auf jenen, den sie davor schützen, daß Unrechtes Gut sein Anteil wird."

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