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Der Israelit · 1932-08-25 · Heft 35 (25.8.1932) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 35 (25.8.1932)
Date
1932-08-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 35 Der Israelit 25. August 1932 Entgegnung. Non anderer jüdisch-pädagogischer Seite erhalten wir nachfolgende „Entgegnung" auf den Artikel des Herrn Kollegen Kurzweil. In der nächsten Nummer wird dann Herr Kurzweil das Schlußwort nehmen. Die Schriftleitung Der Kampf, den Herr Kollege Kurzweil erneut in dem Artikel vom 21. 7. 32 gegen die „Ideologie der Arbeitsschule" führt, stützt sich aus einige wenige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und auf eine Reihe falscher Behauptungen über Methodik und Ideologie der neuen Schule. Kerschensteiner und Petersen, von Herrn K. verächtlich als „Gardisten der Arbeitsschule" bezeichnet, sind bekanntlich Erziehungswissenschaftler, die in Fachkreisen internationalen Ruf genießen, und deren Pädagogik durch ails nicht auf monistisch-materialistischer Weltanschauung beruht. Das läßt sich an einer Fülle von Beispielen aus ihren Schriften beweisen Siehe z. B.: x) „Reform ist nicht Revolution. Heute ist doch nur eine in rationa listisch-utopiftischen Gedankenkreisen rückständig verbliebene streng marxistische Richtung Gegner dieser These und die letzte Pflegerin naturalistischer Anschauung". Wir schlagen Herrn K. vor, die einschlägige Literatur in dieser Hinsicht einer genauen Prüfung selbst zu unterziehen. Die beiden Kulturpädagogen dürften von einer Kritik die ganz offensichtlich durch keinerlei Sachkenntnis fundiert ist, nicht berührt werden. Lediglich im Interesse des Ansehens der jüdischen Lehrerschaft legen wir Verwahrung ein gegen Unterstellungen und Mißdeutungen über Grundlagen, Wege und Ziele der neuen Schulreform. Es ist nicht nötig, daß der auf Unkenntnis, Voreingenommenheit und ständischbildungsaristokratischer Haltung beruhende Kampf gegen die Arbeitsschule unterstützt wird durch Lehrer, denen der Sinn der heute notwendig gewordenen Schulreform noch nicht im geringsten klar geworden ist. Herr Kollege K. hat es sich reichlich bequem gemacht, wenn er sagt:- „Wir brauchen uns nicht weiter anzustrengen, um zu zeigen, daß die Lehrmethoden der Arbeitsschule und die Forderungen der zeitlosen Werte der jüdischen Schule stark divergieren." Dieser Satz deckt die Unlogik seiner Ausführungen klar auf. „Methoden" und zu erringende, zu verwirklichende „Werte" liegen nämlich auf ganz verschiedenen Ebenen, sind niemals unter dem Gesichtspunkt einer etwaigen Konvergenz oder Divergenz zu betrachten (f. unten). Ein und dieselben Ziel-Werte können durch einander entgegengesetzte Methoden erreicht werden. Zwei grundlegende Fehler begeht Herr.K., wenn er 1. Das Ziel der Arbeitsschule allgemein und insbesondere vom jüdischen Standpunkt aus ablehnen zu müssen glaubt, und wenn ihm 2. Die Uebernahme ihrer Methoden als Profanierung erscheint. Sehen wir uns genau die gegen die Arbeitsschule geltend gemachten Argumente an! Prüfen wir, ob sie einer Untersuchung standhalten; überlegen wir, ob Ziele und Wege der Arbeitsschule in Widerspruch stehen zu einer Weltanschauung, die wir mit Herrn K. zu teilen glauben! Zu 1.: Herr K. sagt, der Arbeitsschulbegrisf bestehe seit 150 Jahren, er habe sich seitdem gewandelt und könne demzufolge nicht einheitlich definiert werden. Man kenne die Gruppen und Grüppchen, die um Begriff und Ziel der Arbeitsschule kämpfen. Abgesehen von der Datierung — wir finden nämlich Forderungen der heutigen Arbeitsschulpädagogen schon bei Eomenius, also nicht vor 150, sondern schon vor 300 Jahren — ist das richtig. Aber sollte es Herrn K. unbekannt sein, daß geistige Werte nur im Kamps der Meinungen gewonnen werden? Bietet die Geschichte des jüdischen Geisteslebens nicht unzählige Beispiele dafür? Ist es nicht gerade für uns jüdische Pädagogen Pflicht, uns mit den verschiedensten Strömungen der Arbeitsschulbewegung auseinanderzusetzen, wenn weite Kreise — und nicht die schlechtesten — sich um Klärung und Festlegung des Begriffes und Zieles beniühen? Haben wir Juden uns jemals Scheuklappen angelegt, wenn es galt, sich mit wesentlichen Zeitfragen in der Umwelt auseinanderzusetzen, wenn auch nur zur Durchsetzung oder Festigung unserer jüdischen Weltanschauung in ehrlichem Kampf? Außerdem sind sich die großen Pädagogen selbst der Schwierigkeiten und ihrer Ursachen bewußt. Dies geht aus folgender Aeußerung Peterfens hervor:2) „Die von Woche zu Woche schwerer fallende llebersicht der Zeitsragen ist Schuld daran, daß der einheitliche Zug der Bewegung oftmals abhanden kommt, daß andererseits die Reform an manchen Orten, besonders bei gewissen Fragen revolutionär aufbraust und über die Grenzen der Besonnenheit schäumt." Herr K. sagt weiter: „Eine reine Erziehung zur Sachlichkeit kann kein Mensch, der an G'tt glaubt, mit seiner Weltanschauung in Einklang bringen." Wir setzen entgegen2) Petersen: „Das Prinzip der Kontinuität bex) P. Petersen: „Innere Schulreform und neue Erziehung. Weimar 1925. 2) P. Petersen, a. a. O. lehrt uns über die Macht der irrationalen Bestand-1 in keinem Stand ist das Vereinswesen zu höherer Entteile des Staatslebens wie über die Macht der Tradition. I faltung und Blüte gelangt als beim Lehrerstand und auch der Sitte, der religiösen Ueberlieferungen und Ge-, kein. Stand hat durch seine Vereinsdisziplin mehr erbräuche..." Oder2) Kerschensteiner: „Ist aber nicht die reicht; als der der Jugendbildner. Und wenn es im positive Stellungnahme des Menschen zu den Kulturletzten Jahrhundert gelungen ist, den Volksschullehrergütern, zu den geltenden Werten das Grundmerkmal jeder I stand von seiner Aschenbrödelstellung zu einer geachteten Bildung?" Und als diese höheren Werte bezeichnet Position emporzuheben, so ist dies lediglich, der Soli- Kerschensteiner (a. a. O.): „Wissenschaft und Künste, G'tt darität seiner Mitglieder zu verdanken. Durch treuer und Vaterland, Wahrhaftigkeit und Treue, das seelische Zusammenhalten und brüderliche Gemeinschaft ist es G. Wohl des Nachbarn wie der ganzen Volksgemeinschaft." s. D. den jüdischen Jugendbildern Bayerns gelungen, Diese Anstimmen wahrlich schlecht in davon Herr ft. slizzierte Klangbild der „Ouvertüre des mo- S.™ 'sfW. „„„ „„ dernen Atb-mmimi" Lerder Hort man m andern Bezirken öfters von un- ' schönen Entgleisungen jüdischer Lehrer, die ein Faustschlag. Es wäre'nun eigentlich nötig, sich bis ins einzelne auf die immer so hoch gepriesene Kollegialität sind und ernst und gewissenhaft vom jüdischen Standpunkt her mit halte ich es für meine Pflicht, meine warnende Stimme den Weltanschauungen der großen Pädagogen der Moderne zu erheben, damit solche Fälle und Vorkommnisse . für, zu befassen, gegebenenfalls abzulehnen, was uns nicht! immer verschwinden mögen. Insbesondere kommt es häufig adäquat ist, aber auch anzuerkennen, was mit unserer vor, daß wegen der Nebenämter wie Sch'chitoh, Aus-, Auffassung übereinstimmt, doch würde das den Nahmen bildung der Barmizwohjungen, Prioatstunden etc. Koldieses Artikels sprengen. Wir glauben sogar, daß wir lissionen zwischen Kollegen eintreten, uns in diesem Punkte, was die weltanschaulichen Bedenken Ein' Lehrerschochet ist wegen einer Beerdigung für gegen die Arbeitsschule oder ihre Anerkennung betrifft, 172 Tage verreist. Er verspricht dem. Metzger, am mit Herrn K. einigen können müßten, da wir ja in reli-! Donnerstag Abend 10 Uhr die bestellte Schächtung vorgiöser Hinsicht auf demselben Boden stehen. zunehmen. Der Metzger wird zappelig und 'bestellt 3'/z Zu 2, «an, «Den. Meinung wi- S-rr ftvilege WL Wt DZTL^d« ^!»L' K. sind wir aber, was die Methoden betrifft. Wir Aennutz sofortberert sind der Ansicht, daß nicht die Form, sondern der Inhalt ^LZdiaen iw be? SWkTnm gewußt daß man lat T^d^Melb'oä' ikIÄ Sr unfB lbas^ 4? oetrtdfeS daA Lag hier b°fc wir ,ede Methode gut heißen, die sicher und schnell j Grund vor, sich auf Kosten des Kollegen zum Sklaven IN einer der leweiligeii «It-rsstiisentsprechenden Form . M-dners « denrndi-r-iiv .00 ^[djci Weltanschauung ihr Zn einer andern Gemeinde ist der Metzger mit dein Hl'!*• ®!£t5?b'Wtr0ttWr 6' “$ Lehrerschochet unzn,-jeden, weit er ihm nicht altekoscher woltanschau ichen Begründung sie liegen. °>i° schon eben „ bem ftoH/ ' nerständigen. u°" /b°"° ""d bedürfen daher ein Nachbarkostege die Roite eines mlv nur -me- Zw-itmabigk-it-nachw-if-s. fffljers, bis ein Leiiiervereinsvorsitzeuder Remedm schafft. Wir möchten an Herrn K. die Frage richten, ob Desgleichen führt die Ausbildung von Barmizwoher in seinem jüdischen Anfangsunterricht Fibeln benutzt? jungen oft zu Reibereien zwischen Amtskollegen. Kommt Das wäre nämlich eine Inkonsequenz in seiner Haltung, zu mir eines Tages ein Mitglied meiner Nachbargemeinde („Gleiche Methodik für jüdisch und profan"!) Da unsere und ersucht mich, seinem Jungen Barmizwohunterricht zu Vorfahren ja wahrscheinlich aus der min direkt und erteilen. Ich lehne den ehrenvollen Antrag ab und benicht aus Fibeln das 'a « erlernten. Oder benutzt Herr K. spreche den Fall mit dem verstoßenen Amtsbruder der etwa beim maa -Lernen wie unsere umiax max ein Talg- Nachbargemeinde. Es gelingt mir, eine Einigung zwischen licht und verwendet nur zum Lesen seiner Zeitung, das diesem und dem ihm feindlich gesinnten Gemeindemitglied vielleicht von einem ausgesprochen monistisch-materialistisch zu erwirken. eingestellten Naturwissenschaftler erfundene elektrische Licht, Ilnd nun der entgegengesetzte Fall. Ein Lehrerschochet um mi m nicht gleiche Mittel bei Jüdischem und Profanem nimmt zu Unrecht eine Schächtung bei einem Metzger in Anwendung zu bringen? der Nachbargemeinde vor. Bei dieser Gelegenheit er- rit. ci r. 77.^ - fährt der dienstbereite Kollege, daß der Sohn des Metzgers ernsthafte Diskussion m Fragen der Unter- D£m i3cm zuständigen Lehrer zur Barmizwoh vorgebildet rrchtsmethode können wn uns erst dann, vielleicht.emlasien, >„de. Als gefälliger Mensch will er sich von dem Stande f^er+ eInC ^^mch^protokolle veröffentlicht. ^er Ausbildung des bewußten Knaben überzeugen, und Wir konnten gegebenenfalls dann die un,ngen daneben ^det, daß derselbe sehr schlecht vorgebildet, ist, was sich aus dem Mangel jedes musikalischen Gehörs und jeglicher Zum Schluß möchten wir Herrn Kollegen K. bitten, Aussprache des Barmizwohjungen erklärte. Der fremde seinem Schlußzitat gemäß nHsab xin pu mm V» unrnx Lehrer garantiert eine bessere Ausbildung und setzt es den nnx in allen Stücken walten zu lassen, auch bei der durch, daß ihm die hohe Mission der Weiterausbildung Anführung profaner Literatur. Wir weisen darauf hin, des Jungen übertragen wird. Der Tag der Barmizwoh daß es üblich ist, in Arbeiten, die Dinge von so schwerkommt. Der tüchtige Lehrerpädagoge stellt sich als Gast wiegender Bedeutung behandeln, Behauptungen und Zitate in der fremden Gemeinde ein, um sich zu überzeugen, mit Stellenangabe zu belegen, damit für alle Leserkreise daß da wo nichts ist, auch der Kaiser das Recht verloren die Möglichkeit der Nachprüfung gegeben ist. hat. Der fremde Lehrer als Grenzverrücker seines Nachbar- Die Zitate aus dem jüdischen Schrifttum, die Herr Wegen macht aus jedermann einen jämmerlichen Ein- Kollege K für die Arbeitsschule ins Feld führt, könnten z^rer Lehrer muß wegen schwerer Erkrankung wir beliebig vermehren. Es kommt nicht daraus an, ^fort seine sämtlichen Funktionen ausgeben. Ein jüngerer. Zitate anzufuhren, sondern deren Forderungen zu ver- ^^harkollege, der auf" die vakant werdende Stelle rewirklichen: , _ , ■ flektiert, übernimmt die Funktion des Religionslehrers •~nffy»n X7X «man X7- und Schochets. Der alte Lehrer tritt mit aller Energie Wir sind wahrscheinlich mit Herrn K. einig, wenn dafür ein, daß der vikarierende Junglehrer sein Nachwir mit Bedauern feststellen müssen, daß nicht alle pädafolger werde. Er vermag jedoch nicht, die Torheiten des gogischen Forderungen der min von jüdischen Lehrern jungen Bewerbers zu verdecken. Derselbe sucht seine in jüdischen Schulen erfüllt werden. Leistungen in der Schule dadurch in ein günstiges Licht . - r . , cm. , > zu setzen, indem er die seines Vorgängers, vielleicht Diese Entgegnung, sowie un>er Wirken überhaupt Recht, heruntersetzen. Auch prahlt er dem Synagogengeht aber dahm, alle neuen alten pädagogischen^ Fordebesten gegenüber wiederholt, daß er über ein weit ^ugen der-rnm in die Prarls ,u>nzusetzen, auch wenn jüdisches Wissen verfüge, als der abgehende die nichtiudyche Umwelt sie inzwischen auf ihre Fahnen ^h?er. Er mag auch mit diesem Argument in Rechte schrieb, ^a gerade das durfte uns doch wohl eher Zu g^esen sein, aber klug war er sicher nicht, noch weniger Anerkennung als zur Ablehnung führen. üollegialikäk unter Lehrern. Aus der Erfahrung eines Ruhelehrers. Fr. kollegial. Denn die Gemeinde war einstimmig darüber empört, daß der Junglehrer ihren seitherigen Führer denunziert und versagte ihm die Gefolgschaft. Wie häßlich die Außenwelt über die Uneinigkeit der Lehrer urteilt, beweist eine Notiz aus dem Protokollbuch der Portugiesisch Jüdischen Gemeinde in Hamburg vom Jahre 5412 (1652). Die Vorsteher der Talmud Tora melden, daß tn Teuer ist mir der Freund, doch auch, . m , ,T, .rj- -. der Feind kann mir nützen, zeigt mir der I genannter Lehranstalt, em^Wortwechsel zwischen den Ru- Freund, was ich kann, lehrt mir der Feind, (Lehrern) David Israel "nd Abraham Meatob was ich soll Schiller stattgefunden habe. Bei unserer Untersuchung stellt sich „Wie gut und wie angenehm ist's. herarw, daß Meatob und nicht David Israel der wenn Brüder in Eintracht zusammen Schuldige war. Da m einer derartigen Anstalt Preng wohnen" auf Ordnung und Ruhe zu sehen ist, und die Lehrer , ' . . . hierin mit gutem Beispiel voranzugehen haben, indein Die Geschichte und Erfahrung zeigt uns Beispiele ste sich einander mit Liebe und Achtung begegnen, wurde edler, selbstloser Freundschaft. Der edle Königssohn Jo- Meatob vorgeladen, um sich zu rechtfertigen. Als ihm nathan sieht in seinem Freunde David seinen Rivalen -er Präsident mit Recht wegen des Dorgefallenen Vor- und wahrt ihm doch seine treue Freundschaft. Es ist wohl würfe machte, antwortete er in einer solchen Weise, daß auss freudigste zu begrüßen, daß Menschen mit gleichen es dem Vorstände angemessen erschien, ihn vorläufig aus Bestrebungen und Wünschen sich zu Vereinen, Innungen seinem Amte zu entlassen. Man ließ ihm solches durch und Verbänden zusammenschließen. Insbesondre sollte den Vorsteher der Talmud Tora mitteilen, damit er die gerade der von allen Seiten , bekämpfte Lehrer es sich Lehranstalt bis auf Weiteres nicht mehr . betrete. Ein angelegen sein lassen, mit seinen Amtsbrüdern ein friedhartes, aber gerechtes Urteil. ' ' liches, freundschaftliches Verhältnis zu unterhalten. Wo-lj Drum möchte ich allen Amtsbrüdern nochmals das Wort des Psalmisten ans Herz legen: Wie gut und wie 2) G. Kerschensteiner: „Begriff der Arbeitsschule", s lieblich ' ist's. wenn Brüder einträchtig zusammenwochnen: Leipzig. Berlin 1930. Seite 65.

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