Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 35 (25.8.1932)
- Date
- 1932-08-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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"V aq<Mj!scj?c ueiiacje zum,; : r.D-a Organ -es Knn-es gesehestreuer Mischer Kehrer Deutlchian-s Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Pädagogische Streiflichter im Talmud. Von Rabbiner Dr. IN. Lewin in Hamburg. Im Talmud, dem eigenartigen Monumentalwerk, das der jüdische Geist in einem Zeitraum von sieben Jahrhunderten aufgesühri hat, finden sich eine große Zahl von Aussprüchen und Sentenzen und auch viele Erzählungen. die alle für das tiefe Verständnis unserer Lehrer in pädagogischen Fragen beredtes Zeugnis ablegen. Wir lesen sogar an manchen stellen kürzere oder längere didaktische Ausführungen ii zusammenhängender Darstellung^), die uns jedenfalls beweisen, wie sehr den alten Rabbinen die erfolgreiche Gestaltung des Unterrichts und zwar nicht nur hinsichtlich der Auswahl des Stoffgebietes, sondern auch nach Art und Form der Darbietung des Lehrstoffes am Herzen lag. Es wäre auch verwunderlich, daß der Talmud, der auf der Grundlage der Bibel, der schriftlichen Lehre, deren Satzungen nach allen Richtungen hm erörtert und sch'.ietzlich interpretier!, nicht die so bedeutsame bei jeder Gelegenheit wiederkehrende Mahnung nach eingehender Belehrung der Jugend zum Ausgangspunkte von wichtigen und interessanten Diskussionen hätte wählen sollen.-) Kann für uns aber wohl wirklich noch einen realen Wert besitzen, was vor IVo Jahrtausenden Denker als Idealforderungen der Pädagogik hingestellt haben? Werden diese auch nur einen Funken von Erleuchtung bringen können in einer Zeit, die gerade in den Belangen der Pädagogik eine außerordentliche Wandlung hervorgerufen hat? Oder ist es vielleicht doch so, daß das wahrhafte Gute und Brauchbare einer Idee immer fchon früher einmal in den ersten Anfängen irgendwo und irgendwie vorhanden gewesen, vielleicht nur im Gesichtskreise einzelner Erleuchteter, um dann nach langer Zeit von neuem aufzutauchen, jetzt aber nicht mehr als Spezialgedanke einzelner Bevorzugter, sondern als Forderung der gesamten Zunft, als System? Die Bedeutung, die dem Talmud nicht nur als religiöser Grundlage des Judentums, sondern auch als bedeutsamen Bildungssaktor des jüdischen Volkes zukommt, rechtfertigt es wohl, daß wir es versuchen, einige seiner pädagogischen Anschauungen zu erörtern. Sollten sich hie und da auch einige Anklänge an moderne Strömungen bieten, so erweist sich auch auf diesem Gebiete die Berechtigung des allzu bekannten Predigerwortes-. „Nichts Neues gibt es unter der Sonne." In der Mitte zwischen der streng bestimmten bis ins kleinste genau vorgezeichneten Erziehungsweise des Altertums und der von Rousseau geforderten Methode der freien naturgemäßen Entwicklung des Zöglings steht das Judentum. Dieses fordert auf der einen Seite die geistige und sittliche Einwirkung auf den in der^Entwicklung begriffenen Menschen, aus der anderen weite mahnt es, auf eines jeden Anlagen und Fähigkeiten zu achten und 1) So z. B. Erubin 54, Kiduschin 30, Baba b. 9; 21. 2) Es leuchtet wohl ein, daß die Bibel, wie sie auch sonst bei vielen ihrer Forderungen die Art ihrer Ausführung durch die Tradition, durch die mündliche Lehre feststellen läßt, sich auch in unserer Frage in der Hauptsache nur auf das Was beschränkt. Wir lesen wohl namentlich in den „Sprüchen" viele Werturteile über die Bedeutung der Erziehung und Belehrung der Jugend, wir erfahren aber kaum etwas Sicheres und Klares selbst über das Schulwesen im biblischen Zeitalter. Umso höher ist die Mahnung zu bewerten (Mischle 22,6): „Erziehe den Knaben gemäß seiner Wegrichtung." In diesem Satze ist vielleicht die Forderung unserer modernen Jndividualpädagogik in ihrem ersten' Keime vorhanden. diesen gemäß den Unterricht zu gestalten. Dem Individualismus, wie ihn die Bibel bereits fordert (s. Anm. 2), haben die Weisen des Talmud mit besonderem Nachdruck das Wort geredet. Sie klassifizieren die Menschen nach der Verschiedenheit ihrer Anlagen und Verstandeekräste1 2 3 * * * *), und beleuchten durch anschauliche Bilder J), wie sich die Schüler bei der Rezeption des dargebotenen Stoffes voneinander unterscheiden. Das soll jeder zum Lehren Berufene wohl wissen, um nicht für alle schablonenmäßig dieselbe Methode anzuwenden und auch nicht nur seine Schüler zur rezeptioen Aufnahme zu führen, sondern auch durch sachgemäße, geschickte Anregung und Führung zur Mittätrgkeit zu erziehen^). Erst dann erfüllt der Lehrer seine Aufgabe recht, wenn er das Eigenwertige des Einzelnen erforscht und dies als dessen Sonderart pflegt und stärkt. „Der Mensch lerne die Gegenstände, nach denen sein Herz begehrt", heißt es bei unsern LehrernG). Klingen diese Worte nicht ganz modern? Ist das nicht weitgehendste Freiheit die hier für den Schüler gefordert wird? Sie mahnen auch darum in einem sinnigen Volkswort: „Was eine Leuchte werden soll, gibt sich schon in seinem Ursprung zu erkennen!"^) Diesen „Ursprung" muß man aber kennen, um ihn sorgsam zu pflegen und nicht durch falschen Einfluß zur Verkümmerung zu bringen. Der gleiche Gedanke leuchtet auch aus der Deutung hervor, die das Schriftwort erhält: „Berühret nicht meine Messiafse" — darunter sind die Schulkinder zu verstehen! 8) Ein jedes Kind hat etwas an sich, was erlösend wirken kann, wenn es zur Entfaltung kommt. Diese Erkenntnis verpflichtet zu sorgsamer Beachtung und Pflege der Schüler und stellt an den Lehrer die Forderung, sich unentwegt in das Seelenleben des Kindes zu versenken. Hier muß dchn Lehrenden eine gewisse Dioinationsgabe eigen fein. Geradezu werden die Lehrer als Propheten gewertet, indem auf sie das Schriftwort bezogen wird8): „Meine Propheten mißhandelt nicht." Etwas vom Propheten soll jeder Lehrer an sich haben, er soll vorausschauen können, die Eignung dazu besitzen, um sich als den Weisen zu bewähren, der das Entstehende, das Werdende (im jungen Menschen) erkennt9!" In diesem Sinne gilt auch das Wort: „Der Weise steht noch höher als der Prophet10)." In unserin Zusammenhangs fei auf die Erzählung hingewiescn"), nach der aus der klaren Auffassung einer Bibelstelle seitens eines Schülers auf dessen zukünftige Größe geschlossen wurde. Die Folgezeit hat diesen Schluß völlig bestätigt, und so ist diese Ueberlieferung als eine neue Mahnung zur möglichst weitgehenden individuellen Behandlung der Schüler zu werten. (Fortsetzung folgt). «Wozu gehen wir denn sonst in eine jüdische Schulet" Ich wollte nur skizzenhaft die Möglichkeiten zusammenstellen, die aus dem jüdischen Leben heraus den gesamten Unterricht einer jüdischen Schule segensreich befruchten könnten. Daß die Beispiele ins Unermeßliche vermehrt werden könnten, ist eigentlich überflüssig, nochmal gesagt zu werden. Nun erheben sich aber Einwände: 1. Wir müssen uns nach dem vom Staat vorgefchriebenen Lehrplan richten: 2. wir haben keine Lehrbücher jüdischen Inhalts, keine 3) Aböl 5,12. i) Abot 5, 15. 5) Diese wichtige pädagogische Forderung läßt sich schon aus der Bennung der Lehrperson als „Moreh" leiten. Dieses Wort bedeutet: Richtung Gebender, Weg Weisender. c) Aboda s. 19 a. 7) Berach 48 a. 8) Sab. 119 b. 9) Abot 41. 10) Baba b 12 a. n) Eit. 58 a. - Stoffzusammenstellungen. Zu beiden Punkten kann man t nur sagen: es stimmt. Es ist richtig: wir haben keinen - jüdischen Lehrplan für den gesamten Unterricht, — ich i weiß wenigstens nichts davon —, es ist meines Wissens i auch nie der Versuch gemacht worden an modernen > Schulen, einen solchen einzuführen. Wir müssen also den : öffentlichen Lehrplan zur Richtschnur nehmen und — : aus der Not eine Tugend inachend — wir wollen es; auch. Es ist durchaus nicht so gemeint, daß wir Goethe, i Schiller, Friedrich den Großen, Luther u. a. m. am , liebsten im Lehrplan gestrichen sähen. Je mehr eine ' Persönlichkeit aus einem uns fremden Kreis hervorgetreten ist, um so mehr haben wir zu fragen: wie steht die Persönlichkeit zu uns Juden, wie müssen wir uns zu ihr stellen. Es zeigt sich gerade da die fast immer gegebene Möglichkeit einer Anknüpfung an unser Interessengebiet. Wir müssen nur, so viel wie irgend möglich, Jüdisches hinzutragen, den Lehrplan jüdifch durchsetzen und durchdringen. Mehr Sorgen bereiten uns die Lehrbücher, an die wir gleichfalls, wohl in allen Schulen, gebunden sind; Bücher mit Weihnachts- und Ostergeschichten, ob das Lese-, Rechen- oder Liederbücher sind; Bücher, in denen jedenfalls doch nichts Jüdisches zu finden ist. Hätten wir aber jüdische. Lehrbücher für die profanen Fächer, dann wäre es fraglich, ob die Einführung genehmigt würde, selbst bei einer entsprechenden Bemühung mit dem Argument, daß man unseren jüdischen autorisierten Schulen nicht gut christlich-kirchliche Bücher aufzwingen könne. Aus diesem Dilemma heraus aber kommen wir dann zu dem Wunsch, dessen Verwirklichung vielleicht das Ideal wäre: jüdische Lese-, Lieder-, Rechenbücher zu haben, in die aber all das Wissenswerte ausgenommen wird, was der Umgang und das Leben in unserer Umgebung erfordert. Nun der Einwand: wir haben keine Stoffsammlungen mit entsprechendem Inhalt. Ich besitze auch keine und kenne nur wenige. (Vielleicht übernimmt die Redaktion einmal die Sammlung und Veröffentlichung einschlägiger Stoffsammlungen und Lehrbücher.) So bedauerlich es nun ist, daß uns die Führung vollständig jüdischer Bücher und Lehrpläne versagt, die Verwendung wenigstens, jüdisch durchsetzter Werke unmöglich bleibt, so unbegründet ist aber auch der Einwanö: wir können infolgedessen unseren Unterricht nicht mit unserem Gedankengut durchsetzen und beleben. Wir müssen es aber tun, wir wollen es und — wir können. Nur müssen wir uns den Stoff selbst Zusammentragen, selbst sichten. Wie es geht, dafür habe ich oben einige Beispiele gegeben. Aber es bleibt unsere Pflicht, alles zu unternehmen, gerade in Ermangelung geeigneter Hilfsmittel, was die jüdische Schule als solche fördern kann. Und jetzt scheint es mir die richtige Zeit; jetzt, wo Schulen zu stürzen drohen, müssen wir die Mängel aufdecken, die unser Schulwesen zermürben, damit man nicht frage: wozu denn haben wir eine jüdische Schule? Eines scheint mir aber sicher: wenn ein Schüler einen derart jüdisch durchsetzten Bildungs- und Erziehungsweg durchlaufen hat, dann muß er soviel vom Geiste der min in sich ausgenommen haben, daß er gar nicht anders kann, als sich stets als Jude zu fühlen. Und eben diese Möglichkeit, ich sage fast Sicherheit, die uns Lehrern an jüdischen Volksschulen dadurch geboten ist, daß Eltern ihre Kinder uns zur teilweisen oder ganzen Ausbildung — man denke, von 6 bis 14 Jahren — vertrauensvoll in die Hand geben, stellt uns die dringende Aufgabe, unsere Schulen zu wirklich jüdischen, auch außerhalb des Religionsunterrichts, aufzubauen. Daß unsere Kinder gerne mitmachen, habe ich erlebt, als kürzlich ein Kind spontan in einer Stunde sagte: „Wir schreiben in letzter Zeit lauter jüdische Aufsätze." Darauf ein andres, aus frommem Hause: „Die sind ja auch viel schöner!" Und dann ein drittes Kind, dessen Eltern die Orgelschule besuchen: „Wozu gehen wir denn sonst in eine jüdisch e S ch u l e! "