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Der Israelit · 1932-08-25 · Heft 35 (25.8.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 35 (25.8.1932)
Date
1932-08-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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25. August 1932 Nr. 35 Seite 3 Der Israelit Jüdischen Kongreß der eine wanifestation des jüdischen Nationalismus sein soll! . . . Wohin soll dieser Rausch führen? kann man es verantworten, eine neue Auflage öer „Juden von Aicndorf" zu veranstalten, durch vorgaukeln von leuchtenden Zielen, von denen die Zionisten selbst aus all den Enttäuschungen, Hemmungen, Ltatschwierigkeiten und einzelnen Zusammenbrüchen es doch selber am Besten wissen, wie imaginär sie sind? was sollen die Irrlichter denen, die im Dunkeln tappen, straucheln, warten — und immer noch hoffen möchten? Und wir? Früher schon hat zwischen der Assimilation und dem Rationalismus ein großer Rest der T r e u gehl i e b e n e n gestanden, der nach einem halben Jahrhundert der Weglosigkeit seit achtzig Jahren wieder neu gesammelt und geführt ist. Diese Treugebliebenen wissen es anders um die Mission des Judentums: Eine Mission nicht als verblaßtes Phantom in der Stratosphäre, sondern für jeden Einzelnen in Israel; von ihm hinausgerufen mit dem täglichen Sch'ma, von ihm betätigt durch das tägliche Erlebnis der Tefilla, der Tefillin, der Zizzith und durch all die 615 Bindungen, die ihn an G'tt und den Geist der Geschichte fesseln, was ist der Haß als Augenblickserscheinung in der Summe der Ewigkeitswerte, die wir' durch das jüdische Leben täglich schaffen und der Welt erhalten?! -jxipx a^vn D’arnn pniw ]op ymi Die Stürme wehen schon seit Jahrhunderten und werden uns nicht umwerfen, solange wir nicht, klein und schwach geworden und die Stütze aus der Hand gelassen, selber umfallen. wir schreien unser Recht hinaus, als Menschen und als Bürger, wissen aber, daß d a s R e ch t, d a s m i t u n s g e b o r e n i st, uns keine Diktatur, keine Parlamentsmehrheit und kein verhetzter Pöbel nehmen kann. Eindringlicher als es je ein zionistisches Forum getan bat, prokla-! Mieren wir in täglichen heißen Gebeten unseren h i st oj r ischen Anspruch« uf Zion un dIerusa- 1 lern, wissen aber, daß bei allem Verständnis der Welt und gutem willen der Völker der Aufbau, an dem wir unter gewissen Voraussetzungen Mitarbeiten, eine Teillösung nur bleiben wird, aber Zerstörung bedeuten kann, wenn nicht G'tt mitbaut. rpi riaa1» xb dk in vmto sw. wir wissen schon aus den alten biblischen Zeiten, daß die Welle, die fluten muß ihich xb vpVN cnu v'i. sich doch an einem Punkte bricht und — Naturgesetz sagen die einen, g ' t t - licheswunder sagen wir — zurückweicht. Schon sah es in den letzten Tagen so aus, als sollte die woge alles überfluten, und sie mußte doch im letzten Augenblicke zurückströmen, wir unterschätzen nicht die Gefahr, aber über schätzen sie auch nicht. Vor allem überschätzen wir nicht die Grenzen unseres Könnens, die Grenzen unserer Selbsthilfe, wollen wir nicht aus dem dunklen Horizönte eine neue Katastrophe heraufbeschworen! Zur Strafe und zur Prüfung für Deutschland und für uns hat G'tt den Geist der Verirrung über die Welt und den Teil der Welt, der bislang von der Kultur am meisten belichtet war, geschickt. Bestehen wir diese Prüfung und hoffen wir, daß sie auch Deutschland besteht und überwindet. Wochenrundschau. Die sogenannte Genfer Welttonserenz und Sokolows Erfahplan. Die Konferenz, die Mr. Stephen w i f e, der allgemeinen Ablehnung seines planes ungeachtet, nach Genf einberufen hat, ist in den vorausgefehenen Formen abgewickelt worden. Der Cinberufer, Dr. Stephen wise, hatte Gelegenheit, in einer an feinen Pointen und eindrucksvollen Satzperioden reichen Rede sich an seiner Eloquenz zu berauschen, die Lage des jüdischen Volkes im allgemeinen der Welt darzustellen und die Gegner seines weltkongreß-planes als vom Ghettogeist befangene, mehr oder minder assimilatorisch verseuchte Feiglinge zu kennzeichnen. Kräftiger noch als von seiten des Cinberufers geschah dies durch seine witarbeiter. Daß man aber die kaum zu begreifende Unverfrorenheit hatte, eine Tagung, hinter der faktisch nur einzelne zionistische Gruppen ftakrdetl und niemand weiter, vor der Welt als die Vertretung von „12 Millionen Juden" hinzustellen, könnte ein Lächeln abnötigen, wenn es nicht in allen Lagern, auch unter den nichtjüöischen Journalisten, immer manche Leute gäbe, die sich von der Sicherheit, mit der solche Bluffs vorgetragen werden, imponieren lasten. | wir wollen beileibe nicht verkennen, daß wänl nern wie Stephen wise und Rachum Goldmann die Rot ihrer jüdischen Brüder aufrichtig zu Herzen geht -und daß die Empfindung, durch eine große allge-! meine Kraftanstrengung, gewissermaßen durch einen! organisierten Aufschrei des ganzen jüdischen Volkes >an das Weltgewissen zu appellieren, eine naheliegende und natürliche ist. Aber man braucht nur I einen Augenblick die v e r'n u n f t zu Worte kom- I men zu lassen, um einzusehen, daß trotz alledem mit einer verstärkten 'Auflage der leeren Genfer Demon- Aleines Feuilleton. Eine neue agudistische Zugend-Zeitfchrifk. Durch Uebernahme des bisher vom Verband gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine Bayerns herausgegebenen Nachrichten-Glattes ist es der agudistischen Jugendorganisation Deutschlands gelungen, dem schon lange gehegten Wunsche, im Besitze eines eigenen, den Agudoh-Gedanken in Gesinnung uno Tat proklamierenden Organes zu sein, entsprechen zu können. Die erste Nummer liegt bereits vor und sie erweckt den Eindruck einer seriösen jüdischen Zeitschrift, die es durchaus verdient, in allen Kreisen der deutschen Orthodoxie zum mindesten Beachtung zu finden. Wir halten es daher für eine Selbstverständlichkeit, daß alle deutschen Agudisten, sofern sie ernstes Interessefür ihre Bewegung haben, die Herausgabe dieses Blattes dadurch ermöglichen und fördern, daß sie vor allem selbst regelmäßiger Abonnent werden und darüber hinaus andre Bezieher werben. Der Bezugspreis von Mk. 0.75 vierteljährlich, der dem Verlag in Fürth (Bay.), Königstr. 137V», Postscheckkonto 9677, eingeschickt werden mutz, ist so gering gehalten, datz er es auch heute jedem ermöglicht, die Zeitschrift umgehend zu bestellen. E. St. (Karin Michaelis über die Juden in Dänemark). In der „Neuen Pariser .Zeitung" bespricht die berühmte Schriftstellerin Karin Michaelis das Puch „Antisemitis-, mus" von Richard Eoudenhove-Kalergi und schildert in diesem Zusammenhang folgendermaßen die Beziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in Dänemark: Mit Stolz muß ich sagen, datz wir in Dänemark schon seit mehreren Menschenaltern frei sind von jenem Bazillus, der sich Antisemitismus nennt. Nie fragt man bei uns. ob einer Jude ist. Bei uns wäre es unmöglich, was Tag für Tag im sanften Oesterreich geschieht, daß die Studenten ihre jüdischen Kollegen mit Stöcken und Eummiknütteln von der Universität fortjagen. Bei mir zuhause weiß nran nichts von den unmenschlichen Greueln in Rumänien, in Bulgarien, in der Ukraine. Und kein Mensch kann sich einen Pogrom vorstellen. Wir wissen nichts davon, aber ich mutz, mein Loblied zu Ehren meiner Nation einschränkend, sagen, wir wollen nichts davon wissen. Wir schieben den Gedanken, der uns unbequenr ist, so fort, als ereignete sich alles auf einem anderen Planeten, mit dem wir Unmöglich in Verbindung treten können. Wenn wir in Dänemark so fortgeschritten sind, wie es jetzt unleugbar der Fall ist, so ist es möglich, daß wir bas der Qualität der Juden verdanken, die wir bei uns ausgenommen haben. Die Juden haben uns von ihrer Tüchtigkeit, Vitalität und Ausdauer abgegeben: ihre Freigiebigkeit ist nicht ohne Einfluß aus uns geblieben, wir haben sie dafür aus der Enge ihrer Anschauung befreit, (leider! Red.) ihnen von unserer heiteren Weltweite und leichtbeschwingten Lebensform mitgeteilt. .. . Ich kenne viele Juden, die den Geboten der Bergpredigt eher nachleben als wir Christen. (Das ältrste Schriftstück in jiddischer Sprache publiziert). Dr. Salomon Birnbaum, ein Sohn Dr. Nathan Birnbaums, hat in den „Beiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur" Bd. 56, Heft 1 und in „Teuthonasta", Jahrgang 8, Heft 3—4, eines der ältesten datierten Schriftstücke in jiddischer Sprache publiziert und behandelt. Es handelt sich um ein mitteldeutsches Manuskript aus dem Jahre 1396—97 „Schrift von der Kunst des Aderlassens und der Adern nach den Schriften der stration unter der Flagge eines Weltkongresses auch nicht der leiseste Erfolg erzielt, wohl aber die Geschäfte der offenen und verkappten Antisemiten in allen Lagern aufs beste besorgt werden würden. Das sieht selbst ein wann wie Rachum Sok o l o w ein, der in einem im hebräischen „Haolam" erschienenen Aufsatz unter dem charakteristischen Titel JiKtn nniyn na« der Weltkongreß-Idee gegenüber einein sehr gesunden Skeptizismus entwickelt, wobei allerdings offensichtlich auch ein wenig die Befürchtung mitspielt, es könne ein solcher Weltkongreß eine unliebsame Konkurrenz der Zionistenkongresse werden. Aber die Gedanken, die Sokolow in dem erwähnten Aufsatz entwickelt, sind nach einer anderen Richtung von Bedeutung. Sokolow wendet sich gegen die rein palästinenstsche Auffassung des Zionismus, der — weit über das palästinensische Siedlungspcoblem hinaus — seine ursprüngliche Aufgabe nicht vergessen dürfe: auch in der ganzen Diaspora das jüdische Volk zu einem einheitlichen, von nationalem K u l t u r bewußt s e i n getragenen, unbedingt solidarischen G e s a m t o r g a n i s m u s z u - f a nl m e n z u s ch m i e d e n. Rachdem Sokolow so-- mit dasjenige, was die eigentliche Gefahr des Z i o n i s m u s für das geschichtliche Judentum bildet, nämlich die Schöpfung eines die R e l i g i o n nicht m e h r a l s Z e n t r u m seines Daseins betrachtenden modern-politischen. „jüdischen Volkes" mit großer Schärfe herausgearbeitet hat, sucht Sokolow die aktuelle Konsequenz aus seinen Gedankcngängen zu ziehen, indem er darlegt, daß es gegenüber dem Anschwellcn des Judenhasses in allen Ländern die heiligste Pflicht des Z i o n i s m u s sei, eine zentrale Abwehr stelle, also zwar nicht einen Weltkongreß, aber ein w e l t k o m i t e e zu schaffen, das ständig die Gesamtlage des jüdischen Volkes prüft und die Abwehrkräfte durch straffe Zusammenarbeit steigert. Sokolow wäre selbstlos und — diplomatisch genug, die Anregung zur Bildung eines solchen permanenten Komitees einer n i ch t z ionist i s ch e n Körperschaft, wie z. B. dem Board of Deputies in London zu überlassen. Er ist sich darüber klar, daß nichtsdestoweniger in einem solchen Komitee der Ratur der Sache nach der zionistische Grundgedanke in kurzer Zeit der herrschende sein würde; dafür sorgt die stärkere Aktivität der Zionisten einerseits, auf der anderen Seite aber auch die in der Sache liegende Uebereinstimmung zwischen der religiösliberalen und der zionistischliberalen Auffassung des Judentums, zwischen der individuellen und der nationalen Anpassung an die Woderne. Je stärker die Iudenfeindschaft wächst, desto mehr muß der Gegensatz, der auf außenpolitische m Gc- Aerzte." Das Original befindet sich im Archiv der Stadt Köln. (Zum 60. Geburtstag Prof. Dr. Moritz wobernheim). Die „Gesellschaft zur Förderung -der Wissenschaft des Judentums", deren Leitung seit mehr als einem Jahrzehnt in den Händen von Prof. Dr. Sobernheim liegt, hat zu Ehren des 60. Geburtstag ihres Vorsitzenden das Juli/August-Heft ihrer Monatsschrift zu einer stattlichen Festgabe für den Jubilar ausgestaltet. Aus dem reichen Inhalt feien folgende größere wissenschaftliche Arbeiten angeführt: Ludwig Blau, Der Gruß im Scheidebrief; Michael Euttmann, Gebot und Mysterienhandlungen,- I. Schirmann, Die poetischen Genizafragmente in der jüdischen Eemeindebibliothek in Berlin; I. Heine mann, Die Erforschung 'des jüdischen Denkens im Mittelalter; Eugen Mittwoch ,Briefwechsel zwischen David Kaufmann und Paul Georg von Möllendorsf; A. Büchler, Die Erlösung Elisa ben Abujas aus dem Höllenfeuer. (Wir deutschen Juden 321—1932). In gefälliger, auf Volkstümlichkeit berechneter Ausstattung gibt der rührige „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", in dieser Broschüre eine ganz kurze Zusammenstellung des Materials, das die landläufigen antisemitischen Anwürfe widerlegt. Ausgegangen wird von der Tatsache, daß schon 321, also vor mehr als 1600 Jahren die Juden in Deutschland wohnten und daß sie noch vor der Niederlassung der germanischen Stämme r'm Westen Deutschlands ihre Gemeinden hatten. Alsdann wird nacheinander das ganze Arsenal der antisemitischen Rassenkämpfer durchgegangen und, unterstützt durch charakteristische Bilder und graphische Darstellungen, zurückgewiefen. Die Frage ist nur, inwieweit es gelingt, derartige populäre Darstellungen wirklich in die verseuchten Volksmassen hineinzubringen.

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