Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-08-18 · Heft 34 (18.8.1932) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 34 (18.8.1932)
Date
1932-08-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450737--79012-2536750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 Nr. 9 Der Israelit Blätter 18. August 1932 Gemeinsame Ausflüge in jüdischen Zugendverbänden. Aus Jugendtreffen wirö uns geschrieben: Es ist nun leider schon seit Jahren ein fester Brauch, daß Jungen und Mädchen auch in orthodoxen Jugendverbänden ein- und auch mehrtägige. Ausflüge gemeinsam veranstalten. Ob diese Gepflogenheit dem jüdischen Gesetze entspricht, will ich kurz zu klären versuchen. Es kommen hierbei zwei Fragen in Betracht: die des iivrr rin’, während die zweite die des n-vas? *vtmn ist. Ich muß nicht besonders betonen, daß der erste Jfsur bei solchen Ausflügen nur selten eintreten wird, da wohl angenommen werden darf, daß kein jüdischer Junge und kein jüdisches Mädel sich gemeinsam in einem geschlossenen Raum aufhalten, wie man auch hoffen darf, daß man bei Spaziergängen nicht solche Wege geht, die von fast keinem Menschen beschritten werden. Geschähe das dennoch, so wäre schon in diesem Punkt ein Jssur der Tauroh zu verzeichnen. Was NUN den zweiten Punkt betrifft, so muß ich kurz folgendes feststellen. Man scheint im allgemeinen der Meinung zu sein, daß der Jssur des rrray -nmn „nur" ein pan -noN ist. Dem ist aber nicht so. Dieser Jssur ist ein nw'-iixi yiok- Wenn ein Junge (oder ein Mädel) auf Grund eines gemeinsamen Zusammenseins in Gedanken irgendwie sinnlich affiziert wird, so muß er sich aufs strengste bemühen, solche Zusammenkünfte zu mett den, da er sonst einen Jssur der Tauroh Übertritt. (Siehe Ewen Hoeser?1). Aus dieser Darstellung kann man erkennen, daß -r.s sich hier um einen, wenn man jo Jagen darf, „subjektiven", nur durch das eigene Bewußtsein feststellbaren Jssur handelt. So ist es also Aufgabe eines jeden pflichttreuen Juden, sich in dieser Hinsicht genau zu prüfen und lieber etwas mehr zu unterlassen, als daß er auf Grund einer zu hohen persönlichen Meinung von sich selber sich mehr zumutet, als er wirklich vertragen kann. Meines Erachtens kann kein junger Mensch ehrlicher Weise von sich sagen, er stehe auf einer so hohen Stufe, daß er sich von allen sinnlichen Gedanken frei wissen kann. Deshalb ist die Ausgabe der jüdischen Verbände eine doppelt schwere. Erstens sind sie verpflichtet, jedem Einzelnen der Geführten mitzuteilen, daß bei solchen Ausflügen ein Jssur der Tauroh auf dem Spiele steht. Tun die verantwortlichen „Führer" das nicht, fo nehmen sie stillschweigend alle Jssurim auf sich. Können diese Führer aber eine solche Verantwortung tragen? - Nun bringt man drei Gegenargumente vor: 1. Warum schweigen die Rabbinen? 2. Man ist heute durch Gewöhnung abgestumpft. 3. Wir wollen Schlimmeres verhüten. Punkt 1: Die Rabbinen müssen schweigen, da man annehmen darf, daß jedem „Führer" die Jssurim bekannt sind. Wenn die Jugendsührer die Verantwortung dennoch übernehmen, so glauben die Rabbiner offenbar, durch einen Psak, der doch nicht beachtet wird, nichts Gutes zu stiften. Punkt 2: Wenn wir gegen allen sinnlichen Reiz stumpf wären, dann möchte ich gerne wissen, warum die Beteiligung bei gemeinsamen Ausflügen prozentual so viel größer ist, als an den getrennten. Sollten auch diejenigen, die nur des „Gemischten" wegen mitgehen, ihrer so sicher sein? Ich glaube, es wäre ein Hohn, wenn man in diesem Falle noch von ehrlicher Ueberzeugung reden wollte, lieber spreche man von übermächtiger Leidenschaft, die bewußt zur Aweroh führt, dann ist man wenigstens ehrlich. Punkt 3: Wir wollen Schlimmeres verhüten. Mit der Phrase des „Schlimmeren" will man behaupten, daß man sonst die jungen Menschen eher aus Abwege dränge. Und deshalb lieber einen bewußten Jssur? Ich frage alle diejenigen, die glauben, solche Dinge verantworten zu können, mit welchem Rechte man dann überhaupt noch „Schaalaus" macht. Man muh ja doch immer befürchten, daß derjenige, der einen Jssur gepaskent bekommt, in Zukunft nicht mehr fragen wird. Sollte man also in allen Fällen, um „Schlimmeres zu verhüten", Konzessionen machen? Wo käme dann unsre Tauroh hin? In Wahrheit ist es ja anders. Ich bin davon überzeugt, daß die meisten sich dessen gar nicht bewußt sind, welche Jssurim sie aus Kosten der orthodoxen Organisation tun. Ich habe dafür Beweise. Als ich kürzlich einem jungen Agudisten die Gründe klar machte, aus denen ich mich nicht an solch zweifelhaften Unternehmungen beteiligen wolle, da sagte er mir: „Auch ich habe keine Lust, etwas Unrechtes zu tun und kann auch nicht von mir behaupten, daß ich meiner so sicher sei; deshalb bleibe auch ich in Zukunft von solchen Ausflügen fern." Kaum meldete er sich von dem anberaumten Ausflug ab, als auch schon /eine große Aufregung entstand über meinen schlechten Einfluß. Als ich die Herren bat, sich doch bei dem zuständigen Rabbiner über den Din zu erkundigen, da antworteten sie mir: „Wir fragen nicht; wenn es Unrecht ist, möge der Rabbiner die Initiative selber ergreifen." Warum die Rabbiner dies nicht tun, erklärte ich schon oben. Schließlich sei noch bemerkt, daß die Argumente Nr. 2 und Nr. 3 einander widersprechen. Mit der „Abstumpfung" kann es nicht weit her sein, wenn man, um „Schlimmeres zu verhüten", direkte Jssurim konzedieren zu müssen glaubt. Zu allen Zeiten gab es junge Menschen, die in der Zeit der Entwicklung stärkere Kämpfe hatten, als ihre gleichaltrigen Kameraden. Doch niemals forderte man die Kräftigen aus» Unerlaubtes zu tun, um den Schwächeren das Leben zu erleichtern. Daher fordere ich von jedem pflichtbewußten Führer, alle Geführten darauf aufmerksam zu machen, welchem Jssur man bei solchen gemeinsamen Ausflügen ausgesetzt ist, wenn man seiner nicht ganz sicher ist. Dann tragen die Führer wenigstens nur noch Verantwortung für ihre eigene Person, was grade genug ist. Ich möchte zum Schluffe betonen, daßman aus den obigen Ausführungen nicht schließen soll, baß MM nunmehr jeden gesellschaftlichen Verkehr zwischen Jungens und Mädchen unterbinden müsse. Nein, möge jeder das tun, was er ohne „subjektiven" Jssur mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Es wäre zu wünschen, daß man in einer so sturmbewegten Zeit wie der unseren alles daran setze, um die Jugend immer jüdischer zu machen. Denn wie können wir gegen alle Angriffe standhalten, wenn nicht G'tt für uns kämpft? Dann müssen aber in erster Linie die jüdischen Organisationen ihre Jugend zur Gewissenhaftigkeit erziehen. Das geht nicht auf dem Wege der Konzessionen, der nur zur Halbheit führt. Wer diese ablehnt, und Reinheit sucht, darf des Beistandes G'ttes sicher sein: i.ivv rran- I. L. Anmerkung der Schriftleitung. Das Thema, das in der vorstehenden Zuschrift angeschnitten wird, trägt einen recht ernsten Charakter. Die Schwierigkeit liegt darin, daß es sich bei den Ausflügen und Veranstaltungen der Zugendvereine ja nur um ein Teilproblem handelt, das richtig gewürdigt nur werden kann im Zusammenhang mit der Tatsache, daß die westeuropäische Orthodoxie in Bezug auf die gesellschaftlichen Beziehungen der Geschlechter zueinander — teilweise auch im beruflichen Leben — vielfach leider andere Wege gegangen ist, als sie der Schulchau Aruch vorschreibt. Nun gibt es hierbei gewisse Grenzsälle, bei denen die Ausgabe in der Tat nur die sein kann, durch entschiedenes Eingreifen offenkundige und dabei auch bei gutem willen leicht zu vermeidende Verstöße gegen den Din um jeden preis ans der Welt zu schaffen. Hierzu gehören mehrtägige Ausflüge von Zungens und Mädchen, die denn wohl and/ heute schon in den allermeisten Gruppen der Agudas Iisroel- Iugenöorganifation grundsätzlich vermieden werden; hierzu gehört auch der Tanz, den man wohl in agudistischen Zugenögruppen schon heute nirgends mehr kennt. Ob man im übrigen, soweit es sich um Tagesausflüge handelt oder um gemeinsaute Veranstaltungen von Vorträgen und Schiurim, durch generelle Entscheidungen etwa des rabbinifchen Landesrates eingreifen sollte, ist nicht leicht zu sagen. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich hier um eine Crziehungsfrage handelt. Cs gilt, unsere Jugend, die ja besten Willens ist und von der ein sehr großer Teil erfreulicherweise heute schon beispielsweise aus freier Ueberzeugung, nur in dem Wunsche, in jüdischem Geiste zu leben, dem vor 20 Jahren noch selbstverständlichen Tanzen entsagt hat, daß diese Jugend viel leichter zu gewinnen ist, wenn man sie überzeugt, als wenn man durch gewaltsame Machtsprüche eingreift. Wir wissen, daß nach diesem System in manchen Zugenögruppen glänzende Erfolge erzielt worden sind. So haben z. B. in einer größeren Stadt Süööeutschlanös mit starken Gruppen die Mäöchengruppe und der Csra die gemeinsamen Ausflüge zunächst abgelehnt, so daß auch die Zugendgruppe, die sich hierzu nicht entschließen wollte, naturgemäß gezwungen war, auf diese gemeinsamen Ausflüge zu verzichten. (Ent solcher Triumph des Gesetzesgehorsams aus innerstem Herzen heraus wird natürlich auch dem zuständigen Rabbiner viel erwünschter sein, als wenn er die Verantwortung auf sich nehmen muß, eine größere Zahl von Zugendlichen, die nun einmal auf die Anregung der Gemeinsamkeit nicht verzichten wollen, aus den orthodoxen Kreisen in andere Kreise hineinzutreiben und damit Folgen zu provozieren, die unter Umständen recht verhängnisvoll fein können, (mamn 'XiMi)« Wir haben uns nach Beratung mit rabbinifchen Freunden für verpflichtet gehalten, die Zuschrift zu veröffentlichen und würden eine Beratung der Frage durch den deutschen rabbinifchen Landesrat jedenfalls für wünschenswert halten. Mohelimnachwüchs.! Eine Anregung. Sion fitigo 3. Lahn in Mainz. vor mehreren Zähren , hat die „Freie vereini-- gung" eine Enquete veranstaltet, die u. a. ergab, daß das Durchschnittsalter der Mohelim in Deutschlanddamals über 60 Zähren lag, womit mathematisch bewiesen war, daß es an Nachwuchs fehlte. -- Nach unserer Kenntnis ist es inzwischen damit nicht besser geworden, es dürfte heute mehr noch als früher notwendig sein, daß stch die allgemeine Aufmerksamkeit Mizwas-Miloh nach der Richtung hin zuwenöet, daß für die Bereitstellung eines geeigneten Nachwuchses Sorge getragen wirö. Zn großen Städten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg wird es immer genügend Mohelim geben, anders sieht es aber auf mittleren und kleineren Plätzen aus, wo oft in größerem Umkreis nur ein einziger Mohel zur Verfügung steht und die Ausübung von Milaus, zumal an Schabbos und Iaumtauw öfter auf Schwierigkeiten stößt. — Cs ist zudem für das gesetzestreue Judentum von hoher Wichtigkeit, daß Mizwas-Miloh von solchen Mohelim ausgeübt wird, die in religiöser Beziehung absolut einwandfrei sind; Kantoren und andere Mohelim, die die Beschneidung gegen Bezahlung vornehmen, gibt es da und dort, das ist aber keineswegs ein Zdealzustanö. Hier könnte nun u. L. die A g u ö a s I i s r o e l- Zugenöorganisation eine sehr segensreiche Funktion übernehmen. Die Leitung sollte in allen größeren und kleineren Gruppen, namentlich in den letztecn, geeignete junge Leute dafür interessieren, stch als Mohelim ausbtlden zu lassen und sie zum Lernen der bezüglichen Dinim veranlassen. Sie müßte sorgfältig darüber wachen, daß nur wirklich in jeder Beziehung — religiös, sittlich und manuell — geeignete Bewerber zur Ausbildung zugelassen werden. Für die Ausbildung empfehlen wir als ll. E. zweckmäßigsten Platz Amsterdam. Dort besteht von Gemeinde wegen eine vorbildliche Organisation, die einen in jeder Beziehung zweckdienlichen Lehrgang gewährleistet. Cs finden bei der großen jüdischen Bevölkerungsziffer jede Woche eine größere Anzahl Milaus statt, an vielen Tagen sogar mehrere, so daß in kürzerer Zeit als anderswo die Ausbildung beendet sein kann, vielleicht könnte man sogar die von der Amsterdamer Gemeinde eingerichtete Prüfungskommission veranlassen, daß sie auch uichthollänöische Anwärter zur Prüfung zuläßt, damit solchermaßen eine Gewähr geschaffen wird, daß nur wirklich geeigneter Nachwuchs zur Praxis zugelassen wirö; bei der bekannten gutjüdischen Einstellung der holländischen Gesinnungsgenossen dürfte dies kernen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen.' Die Kosten der Ausbildung können dadurch erträglich werden, daß die sehr rührige Amsterdamer Agudas Zisroel-Zugenögruppe gebeten würde, sich dafür einzusetzen,, daß die zur Ausbildung Zugelaffenen in befreundeten Familien für die kurze Dauer des Lehrgangs Aufnahme finden, das dürfte sich trotz der auch in Holland sehr fühlbaren wirtschaftlichen Rot auch jetzt noch ermöglichen lassen. Dann hätten die Anwärter nur die Reisekosten und ihre kleinen täglichen Ausgaben zu tragen (Tramspesen usw.), wofür die entsendende Gruppe vielleicht einen Zuschuß aufbringen könnte. Wir stellen diese Anregung, von der wir uns einen guten Crfolg für die Schaffung eines geeigneten Nachwuchses an tüchtigen Mohelim, an dem es in Deutschland durchaus fehlt, erhoffen, hiermit zur Diskusston und bitten die in Betracht kommenden Instanzen, sich der Sache anzunehmen. Anmerkung der Schriftleitung. wie wir vom O. v. der A. Z. Z. O. hören, hat dieser auf Grund der Cahn'scheu Anregung bereits mit der Amsterdamer Agudas Zisroel-Zugenögruppe Fühlung genommen. (Einzelheiten über die positive Stellungnahme der Amsterdamer Freunde hoffen wir in Kürze veröffentlichen zu können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.