Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1932)
- Date
- 1932-08-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Hfällcv dev landesovganifation des Agudas-Iisvoei in Deuffcftland. 8. Jahrgang B-rlin, 18. August 1932 / 16. Ab 5692 Nummer 9 Lchriftleitung: Wolf S. Iacobforr in Werkin minn pp in Deutschland. An die Soziale Kommission der deutschen Landes-Organisation der Agudas Zisroel, Fürth-Berlin. Sehr geehrte Herren! Das Unterzeichnete Komitee hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Judenheit Deutschlands, insbesondere die gesetzestreue, für die Hilfe zu interessiere,:, deren unsere in Portugal zum Judentum in Scharen mit ganzem Herzen heimkehrenden Brüder, die Marairnen, bedürfen. In voller Würdigung der besonderen Notlage unserer deutschen Brüder glauben wir doch annehmen zu dürfen, daß unser momentan dringlichster Bedarf, dem zur Zeit auch die promarannenkomitees anderer Länder ihre ganze Kraft widmen, nämlich der Bedarf nach Ritualien (Tallesoth, Thcrarollen nebst Zubehör, Megilloth, Schofaroth, Chummaschim, Tehillim, Mischnasoth und andere Lernbücher für Ansängerbedarf) selbst in Deutschland aufs opferbereiteste gern befriedigt wird, wir können uns keine geeignetere Instanz zur Durchführung einer Ritualiensammelaktion und vor allem zur Erweckung des Solidaritätsgefühls denken, als die Deutsche Landesorganisation der Agudas Jisroel und richten daher hierdurch an Sie, hochverehrte Herren, die herzliche Bitte, uns in dieser hochheiligen Angelegenheit der Wiedergewinnung Hunderter getreuer jüdischer Seelen für das Gesetz unserer Väter mit der ganzen Macht Ihrer großen Klall-Jdee durch alle Ihnen geeignet erscheinenden Mittel brüderliche Hilfe zu gewähren. wir gestatten uns, darauf hinzuweisen, daß Siddurim, Machsorim, Selichoth, Kinoth und Tikkunim angesichts der Minhag-Verschiedenheiten hierbei ausscheiden und daß ferner uns zugedachte Tefillin, ebenfalls aus Minhag-Gründen, einer Umarbeitung bedürfen, die' wiederum Ihren Instanzen anvertraut bleibe. I« zwölfter Stunde. Unsere Schowuaus-Aktion ist selbst hinter den bescheidenen Erwartungen, die wir gehegt hatten, zurückgeblieben. Unsere Hoffnung, mit ihrem Ergebnis unsere Talmud Thora-Schulen einige Monate weiter erhalten zu können, wurde zunichte. wäre uns eine große jüdische Organisation nicht in diesen: Monat mit einem nennenswerten Betrage zu Hilfe gekommen, diese Schulen wären schon jetzt geschlossen. Unsere Kassen sind leer! JnzwölfterStunde richten wir darum an unsere Freunde den dringendsten Appell, uns zu-helfen! Seit 8 Jahren arbeitet ünser Talmud Thora- Schulwerk segensreich. Dies bezeugen zahlreiche junge Menschen, die in unsren Schulen Belehrung und, mehr als dies, die Wegweisung fürs Leben empfingen. Dies Werk in u ß in: Interesse der gesamten deutschen Judenheit erhalten werden! wir richten darum an alle Freunde unsrer Arbeit, die Leiter unsrer Keren hatorah-Kommissariate, die Herren Lehrer, unsre Freunde und Gönner die herzlichste Bitte: helft uns fetzt durch äußerste Kraftentfaltung das Werk erhalten! In einer Zeit, die überall Ansätze zu neuer Arbeit sucht, ist es doppelt wichtig, das Bewährte, Bestehende zu sichern. BerUss^ ^euachem Aw 5692 Landesdirektorium des Keren Hathora in Deutschland. Zahlet schnell und reichlich an unser Postscheckkonto 24 755 Hamburg (für Landesdirektorium des Keren hathora in Deutschland) oder per Bank an Dresdner Bank in Hamburg (für Gbcrrabbiner Dr. S. Spitzer). In der Hoffnung, daß die Kinder unserer Sorge, unsere aus jahrhundertelanger Entfremdung heimkehrenden Brüder dereinst getreue Söhne der orthodoxen jüdischen Weltorganisation werden und mit dem Ausdrucke herzlicher Verbundenheit und Wertschätzung begrüßt Sie Das Pro-Marannen-EowUee für Deutschland i. A.: Rabbiner Dr. B. Lohen. wir hoffen zuversichtlich, daß diese Aufforderung lebhaften Widerhall in allen jüdischen Kreisen finden wird. Die Ortsgruppen der A. I. sind gern bereit, die gespendeten Materialien entgegenzunehmen. Die Weiterleitung werden wir in Fühlungnahme mit dem Pro-Marannen-Komitee besorgen. Soziale &omraiffion der A. I. in Deutschland. Jacobson h e i n e m a n n Von innen heraus! Das; die Zeiten schwer sind, wir wissen es; wir spüren es täglich am eigenen Leib. Auf uns lasten sie doppelt; die Not des Leibes tragen wir mit allen gemeinsam, die Not der Seele, die der überall wirksame Judenhaß auslöst, sic ist unsere besondere Not. wir stöhnen, klagen, rufen das Weltgcwisscn, die Edelgesinnten unter den Völkern der Erde zu unserem physischen Schutz, zur Rettung unserer Ehre, unseres 'Ansehens, ja unserer Selbstachtung auf. Nichts lassen wir unversucht, unsere Lage zu verbessern. Ein Weltkongreß soll Rettung, wenigstens Erleichterung bringen. Alle Mittel werden versucht, nur jenes nicht, das einst der alle Zukunft, alle Not der Zukunft vorausschauende Prophet Jesaja geraten: „Gehe, mein Volk, gehe ein in deine Kammern, verschließe deine Tür hinter dir, verbirg dich einen Augenblick, bis der Zorn vorbei sein wird." 12 ino 'in 8rtm itsd 821, „wenn die Epidemie des Judenhasses durch die Land«; rast, schließe das Fenster!" (Lobo kamo 60b.) Das bedeutet gewiß nicht, daß wir im egoistischen Sinne an uns denken sollen — nicht umsonst wird diese Lehre im Naincn des selbstlosen Rowo tradiert —, das bedeutet, daß wir in Notzeiten vor allem den Weg zu uns selbst finden, Selbstbesinnung üben sollen. Bedeutet, daß wir, aus Not zum Glück zu gelangen, vor anem die alten, von unseren Vätern empfohlenen und benutzten Mittel der „Rückkehr zu G'tt", des im „Gebet" sich äußernden Vertrauens, der in „Liebestat" sich dokumentierenden Selbstentäußerung anwenden sollen. Die Mahnung Jesajas bedeutet, daß wir uns mit der Kraft und Ertragungsfähigkeit rüsten, die von jeher aus den Gebets- und Lehrhäusern, aus dein jüdischen Fainilienhaus geflossen, daß wir n i ch t die a n - d e r n mobil m a ch nt, s o n d e r n uns selber! Lesen wir die Berichte der Gemoro (Sabbat l 19b) nicht als „gemütvolle Agada unserer Alten", begreifen wir sie als fruchtbare gegenwartsnahe Mahnung und Anklage! Jerusalem ist zerstört worden, weil man den Schabbos entweihte! weil man das Schmagebet aufhob! weil man die Jugend dem „Lernen" entriß! weil das Schamgefühl verloren gegangenwar! weil man den Kleinen dem Großen gleichsetzte! weil das verantwortungsbcwußtscin fehlte! weil man die Thoragelebrten verächtlich machte! weil es keine Männer aufrechter Gesinnung, zuverlässiger Treue mehr 'gab! Und wie sieht es heute bei uns aus? haben wir die große Mahnung verstanden, daß unser Leid s e I b st v e r s ch u I d e t ist? hat die furchtbare Not uns zur Einkehr gebracht? Ist die Entweihung bce Schabbos, trotz redlichsten Bemühens weiter Kreise, geringer geworden? Oder heißer unsere Gläubigkeit? Emsiger die Sorge für die -wahre Entwicklung unserer Jugend? Zarter unser Schamgefühl? Tiefer unser Verständnis für würde und Autorität? Unser verantwortungsbcwußtsein ausgeprägter? Treten wir mannhaft ein, wenn freche Buben die Thoraehre besudeln? Ist uns vor Augen das Wort des großen Talmudlehrers: „wer einen Talmid Lhochom verächtlich macht, für dessen Wunde gibt es keine Heilung"? Stehen du Männer überzeugungstreuen Handelns bei uns hoch im Kurse oder paktieren wir lieber mit jenen, denen ihre Meinung um ein Amt feil ist? weil uns die Lhrenstclle höher steht als die Ehre selber! wir fragen und lesen in uns selber die traurige Antwort! Aber Frage und Antwort wäre umsonst, wenn wir nicht die Konsequenzen ziehen! Keiner Bestrebung, die darauf hinzielt, die äußere Lage der Judenheit zu verbessern, werden wir uns entziehen, wenn sie nach der Meinung unserer Führer nur 'die geringste Aussicht des Erfolges bietet, vor allem aber haben wir uns mit ganzer Kraft unseren: geistigen Wiederaufbau zu widmen. Jerusalem ist zerstört worden, weil wir versagten, auf allen Gebieten versagten, weil unser Volk morsch war in Haupt und Gliedern, Jerusalem wird wieder aufgcbaut für ein innerlich gesundes, durch ein 'innerlich gesundes Volk! wenn wir im Sinne des Propheten in unsere Kammern gehen, wenn die Häuser des Gebers und der Lehre uns bei sich heimisch finden, wenn eine Judenheit ohne Judentum nicht mehr gesunden wird, wenn die alte „Jüdischkeit" wieder in uns lebt, wenn Zionismus und Zionsliebe eines ist, wenn selbstlose Führer die Jugend und das Alter um sich scharen zum gemeinsamen Dienst G'ttes, dann, dann „tritt G'tt ans seiner Stätte hervor und sühnt die Schuld der Erdbewohner, dann deckt die Erde ihre Blutschuld auf, verdeckt sie nicht mehr ihre Gemordeten!" Möge dies unsere agudistische Aufgabe sein, das; wir auf diese weise zu unserm Teil helfen, der Not Herr zu werden. Daß wir, unbeirrbar und fest, d i e - s e n weg gehen aus der Enge zur Freiheit, aus Judcnhcitsnot zu Judentumsglück! w. S. I.