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Der Israelit · 1932-08-18 · Heft 34 (18.8.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 34 (18.8.1932)
Date
1932-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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nette 10 Nr. 34 Der Israelit 18. August 1932 wurden, von dem an sie gemeinsam an dem grossen Werke der Erlösung und Erziehung ihres Volkes arbeiteten. Hastig fragte R'lofe nach dem Wohlergehen der Seinen. viel hatte Aron zu erzählen. Keusch verhalten war sein Wort, von dem Uebermut Pharaos im R'lizraimlande erzählte er, von seiner Härte, von der Roheit seiner Fürsten und Vögte. Auch Freudiges wußte er zu überbringen, von dem Hoffnungsmut des Volkes, das in den Tagen der Rot betend den Weg wieder zu seinem Schöpfer gefunden halte und es fast durchweg neidlos sah, daß der Sippe des Levsi welche die Tradition des Ahnenhauses ungetrübt aufrecht erhalten hatte, auch seitens des Pharao eine Ausnahmestellung zugebilligt worden war. Dankbar fragte Mose auch nach dem Ergehen der Pharaotochter, die ihm einst das Leben gerettet und ihm die Jugend betreut hatte. „Sie litt unter Deiner Flucht, denn Du mußt ihr viel gegeben haben; so kam sie endlich zu uns, nachdem sie sich von dem Götzen Tvphon abgewendet hatte. Sie gehört zu den Unseren und hat mit einem Enkel unseres großen Iehuda ein Haus gegründet. Du wirst sie sehen. Würdig und ergeben teilt sie das Geschick ihrer Sippe." „Aber laß uns endlich von Dir sprechen. Wir ward eine Stimme, ich sollte Dir entgegengehen, ich würde Dich treffen, Du würdest mir etwas Besonderes, Heilfrohes zu erzählen haben." Da erzählte ihm Aiose von der Stunde der Berufung und von der übermenschlichen Kraft der Tat, die ihm und dem Bruder werden sollte. „Run aber lasse uns zu Pharao, lasse uns zu unserem Volke gehen." Atemlos hatte Zippora zugehört. Sie wollte nicht störend in das Wiedersehen der Brüder treten. Sie hatte ja schon von Aron mancherlei vernommen. Denn sie wußte, daß xin Sohn von ihm eine Frau gefreit hatte, in deren Adern etwas Widjanblut pulste. Einst hätte ein Wann aus der Josef-Sippe eine putielstochler aus der Widjansteppe geheiratet und deren Kind war die Gattin des Aronsohnes geworden. Als eine Pause im Gespräch der Brüder einzutceten schien, trat sie näher und da traf sie der Blick Arons. Sie erschrak. Es sprach so viel Frage und Witleid aus diesem Blick. Aber schon vernahm sie, wie Aron zu dem Bruder sagte: „Dag sind Dir Weib und Kind? Und Du willst sie mitnehmen in das graue Elend des Wizräimlandes? Wer sagt Dir, daß sie es tragen kann, Zst sie doch als Widjantochter anderes gewöhnt." Da erzählte ihm Wose von der vergangenen Rächt, von seinem Zagemut und von dem wunderbaren Entschluß, von der sieghaften Tatkraft seines Weibes. ..Um so eher kannst Du ihr die Kinder und ihren Werdegang anvertrauen. Weißt Du es nicht? Aller, die nüt einer 'Aufgabe für die Allgemeinheit betraut sind, Schicksal ist cs, einsam durch das Leben zu gehen, und einsam zu sein ist auch das Schicksal ihrer Frauen. Es ist besser, Du schickst Weib und Kinder zurück zum Vater." Da trat Zippora flehend zu Wose: „Laß mich mit Dir ziehen. Weißt ja nicht, was ich gelitten, als Du fern von mir in der Steppe weiltest." Doch Aron sprach: „Du bist doch, wie mir mein Bruder erzählte, eine starke Frau. Es könnte im Wizraimlande hart auf hart gehen. Und Dein Gatte wird ruhiger seine Aufgabe erfüllen können, wenn er Dich und die Kinder in Sicherheit weiß." Da tauchte Zipporas Blick in das Auge ihres Wannes, das halb fragend, halb bittend auf ihr ruhte. Sie verstand ihn, und stumm wandte sie sich zur Herberge und setzte den Fuß rückwärts. Sie hatte sicb überwunden und war ganz eingetaucht in die Größe des allerdings ihr noch verschleierten Lebens ihres Gatten. Wose und Aron wanderten weiter, Zippora war aber bald wieder bei ihrem betroffen aufhorchenden Vater. Er verstand die Sachlage nicht. Der greise Reue! lauschte begierig dem Wenigen, was Zippora zu erzählen hatte, vieles verschwieg sie. Der Traum ihrer Zugend war ausgeträumt, ein neuer Kampf hob für sie an. (Fortsetzung folgt.) Zwischen Bayern und Preußen. Line Autofahrt durch bewegtes Land. Ich habe nichts gegen das brave Züglein, das frühmorgens und spätabends mit seinem etwas anmaßenden Geklingel und Gebimbel das stille Bad erheblich beunruhigt. Es tut zwangsläufig seine harte Pflicht und führt tagein tagaus Mühselige und Beladene für ein : paar Wochen in paradiesische Ruhe hinein, führt sie 1 wieder heim, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Da aber für diesen Zug in Jossa schon die Welt aufhört, er dort seine Reisenden einem anderen Zug zu treuen Händen gibt, der erst lang auf sich warten läßt, um dann in Gewunden oder in Schlüchtern sein Lebensziel, zu erblicken, so lohnt es sich, besonders für Menschen, die Freude am Schauen, Erleben und Erkunden haben, aus die Weltschienen, die Preußen mit Bayern verbinden, in diesem Falle zu verzichten und lieber mit dem Auto aus den Rhöntälern die Heimreise anzutreten. Unser Fahrer, zugleich Eigentümer des „Zweisitzers", in dem wir zu viert fahren, ist ein seltsames Gemisch von Bauer und Weltler, von Biedermann und Meisterfahrer. Er hängt an seiner Scholle im kleinen bayrischen Dorf und sieht in seinem Acker, wie alle seinesgleichen, den Mittelpunkt der Welt, ist aber als Autobesitzer und Fahrer im Nebenberuf schon durch die Welt herumgekommen, bis Berlin und noch weiter. Fahrten nach Frankfurt und Nürnberg gehören in der Badesaison zu seiner regelmäßigen Beschäftigung. Er ist katholisch gläubig, aber politisch etwas rötlich gefärbt. Er steuert besonnen und nüchtern mit sicherer Hand, bleibt aber hinter schweren, säumigen Wagen, die die Landstraße versperren, nicht gern zurück. Das scheint gewissermaßen mit zu seinem politischen Bekenntnis zu gehören . . . Die Straße, herrlich gepflegt und gepflastert, schlängelt sich breit und spiegelglatt zwischen Pappelreihen, Telegraphenstangen und weißgetünchten Marksteinen am Graben. Hinter dem Graben schimmert die Wiese solange im feuchten Grün, bis sie in die Baumgruppen eines Obstgartens übergeht.' Auf den Feldern daneben trocknet die goldene Frucht in steilen Bündeln in der Sonne. Im Hintergründe türmen sich die bewaldeten Berge und die Berge hinter den Bergen terrassenförmig wie zum Schutze all der Pracht und des reifen Segens im Tale. Wie schön könnte die Welt-sein, wenn . . . Wenn es nicht die vielen Kurven gäbe; wenn nicht die vielen weißen Gänse vor Eingang eines jeden Dorfes die Durchfahrt versperren würden, um erst im letzten Augenblick mit lautem Protestgeschnatter auseinander zu flattern-, wenn nicht jedes zweite Haus im Dorfe ein'riesiges Hakenkreuz wie Heiligenbild und Schutzwappen an der Außenmauer tragen würde; wenn nicht die Kinder wie einziges Morgen- und Nachtgebet überall im Chore mit hocherhobener Rechte dem Wagen „Heil!" zu- und Nachrufen würden! . . . Das mit den Kurven vermag unserem Bauernfahrer die Freude an der Schönheit der Welt keineswegs zu verderben. Kurven müssen im Leben sein, sie find da, um genommen zu werden, oder ... Er ist Gemütsmensch und Philosoph, der Lenker unserer Geschicke durch die Rhöntäler. „Sehen Sie, hier an der Landesgrenze, die gefährliche Kurve! . . ." Uns scheint, als wollte er sagen: Zwischen Preußen und Bayern sei immer eine gefährliche Kurve, es müsse so sein. Naturgesetz! „Was ist mit dieser Kurve?" „Neulich erst hat sie der Chauffeur eines Düsseldordorfer Wagens übersehen." „Und was war da?" „Nichts besonderes. Er überschlug sich, fiel über die Böschung, mitten in die Wiesen hinein und — verbrannte ..." „Und die Menschen?" „Man zog sie tags darauf unter dem Auto hervor. Man konnte noch die Leichen agnoszieren . . ." Sehr beruhigend, was?!" Zum Glück ist die Kurve zwischen Bayern und Preußen glatt genommen, die Günseschar am Dorfeingange auseinandergewatschelt, ohne einem Bauer einen frühzeitigen Gänsebraten und uns diplomatische Berwicklungen einzubringen. Die kleine „Heils"-Armee auf der Dorfstraße hat sich schon heiser geschrieen und schweigt. Die älteren Burschen und Mädels in ihrem Sonntagsstaat schauen uns grußlos an. Sie kommen vom Sportplätze auf der Wiese, schwitzen wie die Düngerhaufen vor den Türen und schweigen beredt, wie die riesigen schwarzen Hakenkreuzzeichen an den Häusermauern. Die Hakenkreuze machen unserem Fahrer mehr zu schassen, als die Kurven, was nicht zu meiner Beruhigung beiträgt. Braunes Tuch wirkt auf ihn ähnlich wie das rote auf eines der wertvollen Mitlgieder seines Stalles . . . Ein mit „Uniformierten" vollgepropfter Lastwagen rollt schwerfällig dahin. Natürlich ist es unser Führer der Ehre seiner Partei schuldig, ihn zu überholen. Die nicht mehr ganz „aufrechten" Braunen kreischen „Heil!" mit dem dazu gehörigen Namen. Unser Führer antwortet: „Heul! . . ." ebenfalls mit dem dazu gehörigen Namen. Die Distanz zwischen uns und ihnen ist zum Glück mittlerweile so groß, daß wir die „Richtigstellung" der Heilkünder nicht mehr hören können. Offensichtlich ist das Ganze von unserem Fahrer als Höflichkeitsakt gegen seine jüdischen Fahrgäste gedacht. aber ich mache ihm klar, daß ich nicht im geringsten die Lust und den Ehrgeiz verspüre, in der Montagmorgenausgabe in der Rubrik „Autounfälle" oder „Politische Zusammenstöße" zu figurieren . . . Uebrigens sei der Gruß durch Handerheben altbiblisch. Schon Abraham . . . dann Moses ... H e i l an sich, wäre aber gerade das, was uns heute allen bitter nottäte. Zuvörderst möchten wir heil nach Hause kommen. Ergo möge er weniger auf Farben und Fahnen sehen und mehr aus die Kurven achten ... Er läßt sich belehren. Wir fahren durch größere Gemeinden wie Schlüchtern, Gelnhausen, aber■ auch durch Dörfer, in denen wir vereinzelte jüdische Familien antrefsen. Sie sind zu Hause, gehen längst nicht mehr, zum Sonntagsnachmittagsbier, seitdem die leidige Politik auch das Bier vergiftet hat. Ein kleines Dörfchen. Blitzsauber gefegt die Straße und menschenleer. Aus einer Wirtschaft dringt schrille Tanzmusik. An der Schwelle seines Hauses sitzt ein älterer Jude mit kurzem Rundbärtchen, die kleine Pfeife im Munde, einsam, sinnend. Wir halten. „Guten Tag, Nachbar! So ganz allein? Wie gehts immer?" „Nicht mehr schön!" Diese stereotype Antwort kennen wir schon. , „Wo fehlt's?" „Ueberall. Kein Verdienst mehr. Die Menschen sind verhetzt und verhext. Die verfluchte Politik und der Boykott. Wie soll das noch enden?!" „Biele Juden am Platz?" „Drei Familien". „Acht Familien". „Zwölf Familien". Die Auskunft in den einzelnen Dörfern ist verschieden: lauter Zwerggemeinden, die zwischen fünf bis höchstens zwölf Familien zählen, lehrerlos, werden als Filialen von den Lehrern benachbarter größerer Gemeinden vermaltet. Die Mitglieder find Vieh- und Fruchthändler oder haben offene Geschäfte. Ueber die L a g e wird mehr geklagt als über den Antisemitismus. Hakenkreuze gibt es, braune Hemden und aufreizende Fahnen auch, aber man steht mit der katholischen Bevölkerung im Ganzen nicht schlecht. Auf der bayrischen Seite besonders scheint das Braun als Parteifarbe weniger aufreizend und beunruhigend zu wirken, als etwa in Hessen, wo Juden sich an manchen Tagen in den Landgemeinden kaum noch auf die Straße hinauswagen. Oft kann man in einem solchen bayrischen Dorfe etwa folgendes Gespräch belauschen: „Na, Kasper, hast dich schon lange nicht mehr bei mir blicken lassen, bist doch nicht krank?! ..." „Ja, weißt, Jonas, es geht nicht. Ich habe nichts gegen dich, sind ja alte Kameraden, aber es geht nicht..." „Warum geht es nicht?" „Von wegen der Partei, weißt du." „Was ist mit der „Partei"? Seit wann handele ich mit „Partei"? Ich habe Kurzwaren und Schuhartikel und du warst doch immer zufrieden." „Schon recht, aber ich gehöre der Partei ... Da war vor kurzem einer, der sagte was vom Dolchstoß. Wir haben unterschrieben ..." „Jawohl, der Dolch stu ß! Habe, wie du weißt, nie in meinem Leben einen Dolch in der Hand gehabt, fürchte mich selber vor so was. Laß dich beschwätzen, du alter Narr! ..." „Recht hast du eigentlich, aber der Schorsch und der Peter . . . Kannst mir wieder etwas raussuchen, aber nicht davon reden. Die anderen dürfen es nicht wissen. Und was die alte Schuld betrifft . . ." „Du-bist mir gut," unterbricht Jonas und notiert rasch den Auftrag. In einem anderen Dorf aus bayrischer Seite erzählt mir ein Jude ein sehr nettes -Erlebnis. Einer der Burschen, so ein bißchen Führer im Bezirk, kam zu ihm gleich nach Aushebung des Uniformverbotes und fragte ihn, ob er bereit wäre, hundert braune Hemden anfertigen zu lassen. „Du lieferst immer gute Arbeit, Löb, das wissen wir. Also wie wär's? . . ." Löb überlegte eine Weile und sagte: „Du weißt, Seppel, ich laß' nach Maß Joppen und Hemden anfertigen, ich liefere sie in allen Farben, ganz nach Belieben, schwarz, rot, grün, weiß, blau. Warum soll ich sie nicht auch braun machen lassen?" Lob schaut mich an, will von mir hören, ob er recht gehandelt hatte. „Und das Zeichen darauf?" frage ich. „Ja, das Zeichen," seufzt er. „Das war der Haken . . . Die schwarze eklige Kreuzspinne aus die Aermel zu nähen, konnte ich mich natürlich nicht entschließen. Und daran scheiterte die Geschichte. Schade um den Verdienst in diesen schlechten Zeiten. Aber wir sind gute Freunde geblieben ..." Aehnliches hören und erleben wir auf der preußischen Seite. So weit die Bevölkerung katholisch ist, ist die politische Einstellung, bedingt von der religiösen Grundhaltung, hüben wie drüben die gleiche. Hinter Hanau leuchtet die breite Ader des Main! auf, in der sich die untergehende Sonne feuerrot spie-! gelt, und begleitet uns bis zu den Toren Frankfurts. , Links das stahlblaue Wasser, rechts der dichte, dunkle 1 Laubwald, dazwischen die grade Straße wie eine Promenadenallee. Wie schön könnte die Welt sein! ... -tz.

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