Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1932)
- Date
- 1932-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fc?.' V* kosbi Salonae. Eine Erzählung aus biblischer Urzeit. Von Sanon. I. Sonnenglut und heiße Luftwelle. Vor seinem Zelte lagerte aus buntgewobenen Teppichen Reuel, der Midjaniten Priestersürst. Mancherlei Sorge belastete ihn; wie sollte er seine Sippe vor den wenig wohlwollenden Nachbarn ringsumher schützen? Da waren die eroberungslustigen Cmoriter, da war vor allem Mizraim, das mächtige Reich am Ril. Man hörte schaudernd/wie unmenschlich sie fremdbürtige Menschen^ die sich einst der Gastfreundschaft Mizrs anvertraut hatten, mit den ausgesuchtesten Martern behandelten. Auch in der eigenen Sippe war nicht alles so, wie man es wünschen möchte. Die Töchter der Großen hatten die Einfachheit der Mütter aufgegeben undprahlten mit Kleiderpracht und Zuchtlosigkeit in Wort und Tat. Da war es Reue! ein Trost, daß wenigstens seine Enkelinnen, seines Sohnes Ieser Töchter, noch schlicht den alten Weg der Vorzeit gingen. Aber in diesem Augenblick dachte Reu«! nicht an die häusliche Sorge. Mit beiden Händen das greise Haupt gestützt, blickte er starr auf einen in einem Binsenkörbchen wohlverwahrt liegenden Haufen von Tontäfelchen. Cr schickte sich an, sie zum zweiten Male zu lesen. In seinen politischen Röten hatte er sich ostwärts gewandt; dort wohnte ihm ein mächtiger freund, den die Welt fürchlele. Man sagte ihm nach» daß er ein gewaltiger Zauberer sei. Man mied den Blick seines Auges, aber man beugte sich seinem Hochmut. Man wußte, daß seine Habsucht unersättlich war, aber man opferte alles aus gleißendem Gold und blinkendem Silber, um seine Gunst zu erkaufen. Selbst der mächtigste König, der Pharao des Mizraimlandes, berief ihn von Zeit zu Zeit an seinen Hof, um von seiner Zauberkraft und von seiner Weisheit sich beraten zu lassen. Bei einer solchen Gelegenheit war er einst mit Reuels Sohn, dem Ieser, zusammengekommen. Der Eindruck war ein gewaltiger gewesen, so daß sich Ieser, der präsumtive Nachfolger seines Vaters im Amte der Priesterfürsten, fast ganz von dem Leben zurückgezogen hatte, um beschaulich den Gedanken nachzuhängen, die in ihm die suggestive Kraft des Bil-Am.ausgelöst hatte. ' Seitdem verlor sich der junge Mann in einsamen Träumen, und neben den Staatssorgen oblag dem alternden Reuöl auch die Sorge für das Haus und für die Enkelinnen. ’ Alte Sagen gingen, daß dem Haus des Reue! eine große Zukunft beschieöen sei. Darum grübelte Reuel gerne in der Kunde von vergangenen Tagen. Auch hatte er seinen Freund Bil-Am ersucht, ihm die Zukunft zu sagen und zu deuten. Der sandte ihm durch eignen Boten als Antwort einige Kostbarkeiten aus seiner Bibliothek. Mit zitternder Hand entschnürte Reuel die Tontafeln und las zum zweiten Male, was da in krauser Keilschrift verzeichnet stand. . . Alle sind sie von mir gegangen. Rachor zuerst; er blieb in Ur. Er sendet mir gar keine Kunde, seitdem er Milka, meines Harans Tochter, gefreit hat. Harän ist davon in das Reich der Sin, der bleichen, sterbenden Sin. Abram ist fortgegangen; mit ihm zogen Iiska und Harans Sohn, der Lot. Alle sind sie nicht bei mir, und ich, Terach, bin allein in fremdem Lande. Ich denke weit zurück. Schön wär' es im Schatten des Nimrod. Cr hat sich von mir abgewanöt. Mein Abram hat feine Götter geschmäht. Mein Abram sagt, er hätte den wahren G'tt. Cr sandte Kunde. In das Land.der dunklen Menschen ist er gezogen. Er baut Altäre aus ungehauenem Stein. Cr hat kein Bi^ von seinem G'tt. Cr ließ mir aber sagen, sein Same wird groß sein. Cr wird ein Segen sein." Der Rest war unleserlich geworden. Also sagte Röuel zu sich selbst, das ist der Abram, von dem mein Urahne so stolz schreibt. Dann griff er zu einem Tonzylinder und entzifferte mühsam, was folgt. „Ich Miöjan, Sohn Keturahs. Als ich ganz jung war, schickte mich mein Vater nach dem Lande der ausgehenden Sonne. Wenig habe ich ihn gekannt, viel aber erzählte von ihm Mutter Ketura. Cr war groß, weise und reich. Ich bin alt geworden. Aber ich will, daß meine Kinder wieder in das Land des Untergangs der Sonne ziehen." Diese Botschaft des Ahnen war für die Enkel Midjans politisch bestimmend geworden. Sie zogen nach dem Westen und zelteten im Süden von Kenaan. Cin wildes Beduinenvolk war aus ihnen geworden. Von den alten Ueberlieferungen aus dem Hause Abrahams war ihnen wenig geblieben, nur einige Anklänge an seinen Glauben in der Namensgebung der Kinder. Dem Götzendienst hatten sie sich ergeben; doch stets unterhielten sie Verbindung mit dem Cuphratland, wo Bil-Am in verworrenen, dunklen Andeutungen von dem einzigen, großen G'tt rätselhafte Kunde gab. Mit reichen Geschenken für ihren Herrn hatte Röuel die Boten Bil-Äms entlassen ... Da hörte er das Blöken der heimkehrenöen Herde und das muntere, aufgeregte Geplauder seiner lieben Cnkelinnen. „was ist geschehen, daß Ihr so früh heute heimkehrt? Hat Wolf oder Bär zur Flucht Luch gezwungen?" Uebersprudelnd und sich gegenseitig ständig unterbrechend berichteten die Mädchen: „Du weißt, die Hirtenknaben sind wild. Sie wollten unsere Herde nicht zur Tränke zulassen. Sie vertrieben uns mit manch häßlichem Wort und wir waren hilflos. Da war an der (Quelle ein Mann aus Mizraim. Wortlos half er uns." „Und wo ist er? Warum habt Ihr ihn nicht zu mir gebracht? Ist es Sitte bei Röuels Kindern, daß man Fremde öanklos ziehen läßt? Ruft ihn, daß er unser Brot mit uns breche." So kam Mose in das Haus des ReuÄ. II. Nur schwer gewöhnte er sich an die neue Heimat. Cr blieb fremd in fremdem Lande. Als aber Reue! gehört hatte, daß der Mann aus Mizraim zu der Sippe der Cpriu gehörte, begann er ihn zu lieben und zu beachten, obwohl der Gast immer schweigend verharrte. Cr sprach nicht von seiner Vergangenheit, war kurz in Wort und karg in der Rede. Nur wenn man auf Dinge zu sprechen kam, die das Ueberirdische, das Uebermenschliche streiften, wurde er warm.- Da gab es manche Auseinandersetzungen mit dem Sohne Reuels,. Tnit Ieser, denn wenn dieser auch von Bil- Am schon manches vernommen hatte, was in der Beziehung zum Himmel mit den von den Cpriu vertretenen Anschauungen Aehnlichkeiten aufwies, so waren doch in ihm manche Hemmungen. Cr war ein begeisterter Nationalmidjanite, und es schien ihm undenkbar, daß ein anderes Volk eine andere, wahrere Religion haben sollte, als Midjan. Sodann hatte er einen tiefen Einblick in Bil-Ams Charakter gewonnen und es schien ihm unmöglich, daß die Ueberzeugungen eines Menschen, der so harten Herzens und so habsüchtiger Art war, die richtigen sein könnten. Reuel aber bemerkte, daß seine Enkelin Zippora zusammenzuckte, so oft der Vater und der Mann aus Mizraim miteinander debattierten. Ihm war die gemeinsame Beziehung zu dem Ahnen Abram — denn so hieß er für ihn — außerordentlich wertvoll und er war stolz darauf, daß in seinem Namen etwas von dem Lebensinhalt dieses Abram geborgen war. Und so kam es eines Tages, daß er mit seinem Sohn über die Möglichkeit sprach, dem fremden Mann Zippora zum Weib zu geben. Widerstrebend stimmte Ieser dem plane zu. „Unbeweibt geht Bil-Am durch die Welt. Du kennst, Vater, diese Art Menschen nicht. Was ist ihren Träumen ihr Weib? Ich liebe diese Cpriu nicht. Und weißt Du nicht, wie die Stammesfürsten unseres Miöjanvolkes uns an und für sich schon gram sind. Wenn nun gar mein Kind dem fremden Manne folgt, dann, Vater Röuel, wird wohl manche Empörung sich Luft machen." „Sei's drum; ich fürchte nichts." Also ward Zippora das Weib des Mose. Ihm aber behagte es nicht im Hause Iesers; es schien ihm, als ob es unmöglich wäre, sein Weib zu seiner Anschauung zu bekehren, selbst sein Kind dafür zu gewinnen. Zippora, die im Inneren ihres Herzens restlos begeistert war für die Welt- und Wirklichkeitsfremöheit ihres Mannes, litt unter der Entfremdung sehr. Außerhalb des Hauses war es Mose noch unleidlicher; das götzendienerische Gebühren Midjans mündete in Diebstahl und Gewaltakte, die kultmäßig geförderte Zuchtlosigkeit der Frauen brandete allenthalben, nur Rsuels Haus hielt sich rein. Sonst ergaben sich auch die Fürstentöchter den schrankenlosen Ausschreitungen. Außerdem litt der Flüchtling aus Mizraim unter mancherlei höhnischen Hinweisen aus die Sklavenstellung seiner Sippegenossen im Lande Pharaos. Konnte er wissen, ob bei dem regen Karawanenverkehr zwischen Midjan und Mizraim nicht doch der eine oder andere dort von dem Flüchtling erzählte, und Pharaos Arm reichte weit. So trat er vor Ieser und sagte: „Ich will Hirte Deiner Herde sein, will sie weit hinweg führen in die Steppe, will nicht auf fremden Auen weiden." „Und dein Weib? und dein Kind?" „Bleiben bei Dir." So zog Mose hinaus, allein und einsam, mied Menschen und ihre Siedlungen, betreute die Herde wie ein Wardein hilfloser Geschöpfe. In seinem Innern aber brannte die Sehnsucht nach den Seinen im Lande Mizraim und unsägliches Mitleid mit ihrer Pein. In der Cinsamkeit überwand er jegliche Furcht. Da kam er eines Tages verklärt zurück. Strahlend empfing ihn sein Weib. „Ich habe ein zweites Kind geboren. „Nenne es Cliefer. Und rüste dich. Ich will zurück zu den Meinen in das Land der Gewalt. Mit Deinem Vater habe ich gesprochen. Wir wollen friedlick aus Miöjan scheiden." Also zogen sie dahin. Behutsam geleitete Mose die Seinen. Arm war er; nur cin kleiner Csel gehörte ihm, auf dem Wvib und Kinder den Weg zurücklegten. Zippora lauschte den kargen Worten ihres Mannes begeistert. Sie beschloß, fortan ihre Kinder ganz im Geiste der Ideale des Mose zu erziehen und alle Midjanschlacken aus ihrem Herzen zu reißen. Schnell sank die Sonne hinter dem Horizont; es war Nacht geworden. Müde kehrten die Wanderer in einer Herberge ein. Ruhelos wälzte sich Mose auf seinem Lager. Abermals fühlte er sich unwürdig der großen Berufung, die ihm geworden war. Lohnte das Leben, das von so nieöerdcückenöen Gefühlen erfüllt war? Da formte sich die Verzweiflung in ihm zur Todessehnsucht.. Todesschatten umflatterten das Zelt, Toöesschatten umschwirrte das Lager auch von Weib und Kindern. Der kleine Cliefer wimmerte in hartem weinen. Da raffte Zippora sich auf und führte ihr Kind in den Bund Abrahams ein. Dann trat sie an das Lager ihres Gatten und sprach: „Ich habe Dein Stöhnen belauscht. Du zweifelst an dem Sinn Deines /Lebens. Die großen Dinge verstehe ich nicht. Aber, steh einmal. Du hast mir einst so viel vom Ahnen Abraham erzählt, da habe ich mich öurchgerungen, habe alle Midjanschlacken von mir gestreift. Lohnt es sich nicht zu leben, um Dein Kind, Cliefer, zu einem würdigen Cnkel Abrahams zu erziehen?" Und der Toöesengel wich aus dem Herzen und aus dem Zelte. HI. Heiter zogen sie mit aufgehender Sonne weiter. Zerklüftetes Felsgebirge zu beiden Seiten des schmalen Weges. Auf und ab führte der Steg. An einet Biegung des Weges trat ihnen eine hohe Gestalt entgegen. In silberweißen Strähnen umrahmte der Bart das Antlitz, aus dom ein weises, gütiges Auge blickte. „Cs ist mein Bruder," sagte Mose. Das aber war der Augenblick, von dem an die Brüder fast niemals mehr von einander getrennt