Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1932)
- Date
- 1932-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 34 Der Israelit 1)m wurde der Antrag gestellt, einen Untersuchungsausschuß einzusetzen, um festzustellen, aus welche Weise die unleugbaren Indiskretionen, die den inkriminierten Veröfsentlichungen zugrunde liegen müßten, zustande gekommen seien. Der Antrag wurde, wie nicht anders zu erwarten, gegen die Stimmen der Herren Warisch und Dr. Raphael Möller abgelehnt. Abgelehnt wurde alsdann ein weiterer Antrag der Minderheit, lautend: „Das Delegiertenkollegium verurteilt aufs schärfste die seitens der Verwaltung in der Streitfrage mit dem Oberrabbiner erfolgten Indiskretionen." Angenommen dagegen wurde ein Antrag des Herrn Jacob Heckscher, in dem das Delegiertenkollegium das Verhalten des Vorstandes billigt, und in dem es inhaltlich weiter heißt: „Das Delegiertenkollegium fei peinlich davon berührt, daß der Oberrabbiner zwecks Austragung seiner Ansprüche das Arbeitsgericht angerufen habe. Es b e d a u r e die im Familienblatt erfolgten Veröfsentlichungen." Daß das Delegiertenkollegium den Zeitungsartikeln fernstehe, wurde alsdann nochmals durch einen einstimmigen Beschluß festgestellt, ebenso das Bedauern, daß die Veröffentlichungen erfolgt seien. Schweiz. Die Jüdische weltkonfercnz in Genf. Genf, 15. Aug. Sonntag nachmittag wurde in der M a i s o n d e Faubourg zu Genf die Jüdische Weltkonferenz eröffnet. Im Saale waren etwa 100 Delegierte aus verschiedenen Ländern und 300 Gäste anwesend. Unter den Ehrengästen sah man auch einen Vertreter der Informationsabteilung des Völkerbundes. Der Charakter der Konferenz als legitimes Kind des zionistischen American Jewish Congreh wird noch dadurch hervorgekehrt, daß dessen Ehrenpräsident, Dr. Stephen S. W i s e und dessen Vorsitzender Bernhard Deutsch, auf der Konferenz präsidierten. Unter den eingelausenen Glückwunschtelegrammen ist ein solches vom Senator E. B o r a h , des Dorsietznden der Kommission für auswärtige Angelegenheiten in den Vereinigten Staaten, hervorzuheben. Dr. Stephen W i s e eröffnet die Konferenz mit einer Begrüßungsansprache, in der er von „g'ttlichen Führern von Moses bis Herz!" spricht. Nach einer Verbeugung gegen Genf und den Völkerbund geht er auf die Lage der Juden in der Welt ein. Wahre Toleranz herrsche in Amerika, wo man, vom wachsenden Antisemitismus in Europa veranlaßt, jüdisch-christliche Bünde zur Bekämpfung des Rassenhasses gegründet hat. Auch in Deutschland, so hofft er, werde früher oder später der Genius von Goethe und Schiller über den Hitlergeist siegen. Bernhard Deutsch stimmt in das Lob Amerikas ein und berührt die wirtschaftliche Krisis dortselbst, die jedoch ihr Gutes darin hatte, daß sich vielfach nunmehr die amerikanischen Juden zu sich selbst wieder finden und einem Anschluß an die jüdische Gemeinschaft geneigter seien als früher. Er bedauert, daß die großen jüdischen Organisationen in vielen Ländern es abgelehnt haben, an der Weltkonferenz teilzunehmen. Wie er es trotzdem fertig bringt, von „12 Millionen Juden" zu sprechen, die die Konferenz vertrete, wirkt frappierend. In etwas schärferer Weise setzt sich Dr. Rachum G o l d m a n n mit den Gegnern der Weltkonferenz auseinander. Er meint, Angst vor den Feinden, die viele Kreise von der Konferenz ferngehalten habe, müsse als letzter Rest der Ghettofurchtsamkeit überwunden werden. In der A b e n d s i tz u n g referieren Dr. E b e r l e über die Lage in Rumänien, Dr. S ch o r m a k über die Lage in Polen und K a r e s k i über den Antisemitismus in Deutschland. Alle Redner empfehlen die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses, der die Grundlagen für eine einheitliche jüdische Politik zu schaffen hätte. I lotternd« Der Einbruch der Reform in Holland. Amsterdam, 15. Aug. Am 5. August begann die mit großem Pomp angekündigte Tagung des Weltverbandes für das Liberale Judentum im Haag und in Amsterdam und dauerte fünf Tage. Die Veranstaltung war zwar nur als Ersatz für die fällige Weltkonferenz gedacht, aber alle Führer von Namen aus England und Deutschland waren dabei. Die Wahl des Treffpunktes war in der offensich¬ 18. August 1932 tigen Absicht getroffen, das liberale Judentum den etwas widerstrebenden und spröden holländischen Juden schmack- Hafter zu machen. Hauptrednerin war Lily H. Montagu aus London. Was sie sagt ,ist schon schematisch. Es ist d i e liberale Frauenrede: sentimental, gefühlsbetont und zu nichts verpflichtend. Sie bekennt sich zum „Schma", denkt aber nicht daran, daß im gleichen Schmagebet als Ausfluß des Denkens die religiöse Tat anempfohlen wird, die Tefillin und die Mesusah. Sie leugnet nicht, daß das Aeremonialgesetz einen „Hauch von Poesie" in unser Heim bringt, das könne aber nicht hindern, viele Zeremonien über Bord zu werfen ... In der M i f ch e h e sieht sie eine zu bekämpfende Gefahr, der Sabbatheiligung gibt sie einen eigenen Sinn. Der Vortrag führte zu einer lebhaften Aussprache, die zeigt, wie vielfach und buntscheckig die Gedankenwege jenseits des einen, vorn Schulchan Aruch festgelegten Weges sind. Eine eigene Round table-Konferenz war der Frage der A s s i m i l a t i o n gewidmet. Man glaubte, es gäbe eine richtige und eine schädliche Assimilation und suchte nach den sichtbaren Grenzen der beiden Assimilationsarten. So spricht der deutsche Vertreter, Heinrich Stern, von einer „Anpassung an die Umgebung als Mittel zur Erhaltung der eigenen Art." Gefährlich fei nur die rote Assimilation, gegen die alle Religiösen — die Konferenz spricht von einem „Religiösen Liberalismus" — anzukämpfen hätten. S i - mons, Haag, wünscht für diesen Kampf eine Allianz mit dem Zionismus. Dieser Allianz spricht Dr. Norden, Elberfeld, der eigentliche Protektor des holländischen Liberalismus, sehr warm das Wort, während Dr. Italiener Bedenken äußert. Weiter mühen sich um die Klärung der Begriffe „Gute und schädliche Assimilation" C. G. Montefiore, Samuel Essen, George G ö tz u. a. In den Arbeitssitzungen wurde über Propagandaarbeit in Australien und Südafrika berichtet. Beschlüsse wurden gefaßt über Förderung der Jugendbewegung und die Arbeit für soziale Entwicklung und internationalen Frieden. Die Tagungen schlossen am 7. August ab mit einer öffentlichen Volksversammlung in Amsterdam, in der die bekannten Führer in Reden und Ansprachen das liberale Judentum in seinem Ideengehalte wie in seinen äußeren Formen (Reformen) propagierten. Abgesehen von dem kleinen Häuflein der liberal Gesinnten in Holland, verhielt sich das Gros der holländischen Judenheit stark reserviert bis ablehnend zu den Demonstrationen des Liberalismus. Zu erwähnen ist insbesondere ein P r o t e st der holländischen Oberrabbiner gegen diesen liberalen Einbruch in das konservative Holland. Der Protest ist in der Form einer Broschüre ergangen, in der die Grundsätze des liberalen Judentums vom jüdischen' Standpunkte aus betrachtet und mißbilligt werden. Auch frühere Aufrufe von führenden jüdischen Persönlichkeiten Hollands gegen die liberale Verflachung des Judentums werden wiedergegeben. Es wird in der Broschüre betont, daß sich zum ersten Male in der neueren Geschichte des holländischen Judentums die rabbinischen Führer gezwungen sehen, in einer offiziellen Kundgebung gegen eine Verfälschung des religiösen Lebens ihre Warnung auszusprechen. Die Woche. Berlin. An der am 11. August von der Stadt Berlin in den Krollsälen veranstalteten Verfassungsfeier nahmen als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Berlin die Herren Wilhelm Graetz und Moritz Rosenthal teil. kiel. Als mutmaßliche Urheber des Anschlages auf die Synagoge wurden vier junge Nationalsozialisten verhaftet. Gegen einen wurde Haftbefehl.erlassen/ da man in seiner Wohnung Sprengstoff und Granaten von der gleichen Art fand, die gegen die Synagoge verwendet wurden. Der Fall kommt vor dem hier gebildeten Sondergerichte zur Verhandlung. Breslau. Bei dem Attentat in Re i ch e n b a ch , dem der Attentäter selbst, Jenke, zum Opfer fiel, hat die bisherige Untersuchung festgestellt, daß die Bombe nicht allein gegen, den sozialdemokratischen Redakteur, sondern auch g e - gen die Synagoge von Reichenbach gerichtet war. Krefeld. Trotz Burgfriedens flogen am 12. August Bomben gegen die jüdischen Warenhäuser T i e tz und W o o l w o r t h, allerdings nur Tränengasbomben, die aber so wirkten, daß Polizei und Feuerwehr zur Hilfe herbeigeholt werden mußten. Königsberg. Auf das Haus des jüdischen Kaufmanns Lampel in Bialla wurde ein Sprengstoffattentat verübt. Die gegen das Schlafzimmerfenster geworfene Granate explodierte an der Außenwand. Danzig. Der polnische Generalkommissar in Danzig hat im Danziger Senat scharfen Protest gegen nationalsozialistische. Ueberfälle auf polnische Juden in Danzig eingelegt. — In der Nähe der Synagoge in Mtenbuden hat eine Bande von Nationalsozialisten jüdische Passanten überfallen und drei Personen erheblich verletzt. Der Kaufmann Freund erlitt eine schwere Kopfverletzung, auch die Kaufleute Landau und Weißberg wurden nicht unerheblich verletzt.Amslerdam. Im Alter von 58 Jahren verstarb der holländischjüdische Schriftsteller Israel Q u e r i d o. Er entstammte einer angesehenen portugiesischen Familie. Sein Hauptwerk, ein Epos in vier Teilen „Der Jordan", das das Amsterdamer Armenviertel schildert, brachte ihm neben anderen größeren Werken biblischen und jüdischen Inhalts literarischen Ruhm ein. Paris. Berichte aus Tunis sprechen den Verdacht aus, den sie begründen zu können glauben, daß der auch von uns neulich berichtete Judenpogrom in S f a x (Tunis) ein Werk p a l ä st i n e n s ischer Agitatoren sei. — Vor kurzem machte das Unternehmen des Parfümfabrikanten C o t y von sich reden, das mit einer eigenen Tageszeitung „Ami du Peuple" sich als Zentrum des französischen Antisemitismus herausbilde. Wie nun bekannt gegeben wird, ist das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten geraten, so daß die Zeitung demnächst ihr Erscheinen einstellt. Bukarest. Nach Ueberprüfung der neuen Mandate sitzen fünfzehn jüdische Abgeordnete und Senatoren im neuen rumänischen Parlamente. Krakau. Hochbetagt, starb der Nestor der hebräischen Schriftsteller Polens, Schimon Menachem Lazar. Er war früher Redakteur der Zeitschriften „Hamagid" und „Hamizpah" und beständiger Mitarbeiter des „Hafchiloach". Jerusalem. Am 9. Aw besuchten, nach einer sicheren Schätzung, mindestens 15 000 Juden die Klagemauer. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für die Ordnung, die nirgends und in keiner Werfe gestört wurde. — Die hebräischen Lehrer Palästinas haben beschlossen, im Hinblick darauf, daß die Jewish Agency nunmehr bereits mit sieben Monaten in der Auszahlung ihrer Gehälter im Rückstände ist, am Sonntag, den 14. August, einen halbtägigen Prote st streik durchzuführen. — Zwischen der Kolonie „Kfar Baruch" und einem benachbarten Beduinenstamm gab es feit langem schwere Zwistigkeiten, weil die Beduinen öfters ihre Herden auf jüdischem Gebiete weiden ließen. Nunmehr ist ein Friedenspakt abgeschlossen worden, der auch die Bestätigung des Regierungsverteters erhielt. Im Laufe eines solchen Streites wurde vor kurzem ein Beduine erschossen. Die Familie des Getöteten erhielt von der jüdischen Kolonie das übliche Sühnsgsld. Der Wächter der Kolonie, Nissim Hobeisch, bleibt jedoch unter dem Verdachte, den Schuß abgegeben zu haben, in Hast. — Wie die ITA. erfährt, sieht der neue Entwurf des Gesetzes über die Organisation der Stadtverwaltungen das Wahlrecht in die Gemeindevertretungen auch für Personen, die nicht die palästinensische Landesbürgerschaft besitzen, vor. Dadurch wird in Jerusalem eine jüdische Mehrheit in der Stadtverwaltung gesichert. England. Die Tagung des zionistischen Aktionskomitees und der Jewish Agency. London, 10. Aug. Die Tagungen des zionistischen Aktionskomitees und die daran anschließende der Jewish Agency sind gestern zu Ende gegangen. Ueber den Verlauf und die Ergebnisse der beiden Tagungen ist in Ergänzung der an dieser Stelle bereits veröffentlichten Mitteilungen noch folgendes zu berichten. Auf dem für die jüdische Allgemeinheit wichtigsten Gebiete: der palästinensischen Siedlungstätigkeil stand im Mittelpunkt der Beratungen der Gegensatz zwischen Privatinitiative und kollektiver Siedlung mit Hilfe der zionistischen Fonds. Nicht als ob von irgend einer Seite dieser Gegensatz etwa im Sinne einer Alternative gewertet würde. Es handelt sich hier vielmehr um ein Mehr oder Minder. Während R u p p i n und U s s i s ch k i n nach wie vor auf dem Standpunkt stehen, daß das Rückgrat des palästinensischen Aufbaus auch für die Zukunft die ländliche Kollektivsied-'