Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 34 (18.8.1932)
- Date
- 1932-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 34 Der Israelit Vor allem ist nicht die mindeste Aussicht Vorhanden, daß durch eine neue Lösung in diesem oHev jenem Sinne der bereits angerichtete Schaden im Stadt und Land gutgemacht werden, die in Trümmer geschlagenen materiellen und geistigen Werte wieder aufgebaut werden könnten. Die Verhetzung, «die sich aus dem Lande in der ruinösen Form des stillen Boykotts auswirkt, wird nicht zum Schweigen kommen. Wer sich die Dinge auf dem Lande, vornehmlich in Hessen und in Thüringen, auch in manchen Teilen Bayerns und Norööeutschlands, heute ansteht, denkt unwillkürlich an das talmudische lpS Die wirtschaftliche Not des jüdischen Händlers und Kaufmanns auf dem Lande ist nur zu einem Teile in der allgemeinen Not der Wirtschaft begründet, zum zweiten erhält sie eine gewaltige Verschärfung durch die politische Hetze, die dazu geführt hat, das; auch viele Gutgesinnte im Dorfe, aus Angst vor der Feme, der Aechtung der Straße, sich fürchten, ein jüdisches Geschäft zu betreten oder die Dienste eines jüdischen Händlers, mit dem man immer sehr gut gefahren ist, in Anspruch zu nehmen. Der stille Boykott wie die ganze Kampfmethoöe, bereit eine Blüte er ist, bekommt schon dur?; den bloßen Gedanken, das Hakenkreuz an die Spitze der Regierung zu setzen, eine gewisse amtliche Legalisierung und Stabilisierung. Dieser stabile und stille poliische, soziale und wirtschaftliche Bann ist noch bedenklicher und bedrohlicher als die explosiven Ausbrüche in manchen Teilen des Reiches, denen man bei gutem Willen mit Brachialgewalt beikommen kann. Die Attentate in (Ostpreußen und Schlesien sind schon schlimm genug. Alan will zwar die „Partei" niederknallen, der Schuß und die Handgranate entladen sich aber merkwürdigerweise immer gegen jüdisches Eigentum, auch gegen Synagogenmauern. Wenn die Auslandspresse heute in alarmierenden Ueberschriften von „Bürgerkrieg" und „Judenpogromen" in Deutschland berichtet, so ist es gewiß nicht unsere Schuld, sondern derer, die mehr mit Blut als mit Tinte ihre Hetzartikel im „Völkischen Beobachter", im „Angriff" und im „Stürmer" schreiben und in deren Licht das Ausland die kleinen täglichen Ueberfälle sieht und wertet. Wie dem auch sei, die Regierung, egal wie sie sich zusammensetzt, wird den Exzessen nicht allein durch neue Paragraphen, wie sie bereits formuliert sind, sondern durch Taten und exemplarische Strafen Einhalt gebieten müssen, will sie nicht das Chaos, bei dem es für keinen mehr etwas zu erben gäbe, herbeiführen. Dem Sumpfboden auf dem Lande, aus den Giftpflanzen wie die soziale Aechtung und der wirtschaftliche Boykott hervorwachsen konnten, kommen wir aber leider mit keiner Notverordnung und mit keinem Sonöergerichte „Sehr verehrte Kollegen! Nach einem mit Arbeit reich gesegneten Jahr bin ich Ende der letzten Woche zum Kurgebrauch von Berlin abgefahren. Ich glaubte an den Burgfrieden. Gleich nach den ersten Bädern erhalte ich die Nachricht von der Mordhetze, die der „Angriff" gegen mich begonnen hat. Die Schimpfreden des Blattes find mir gleichgültig. Aber gegen eins will ich mich wehren: Der „Angriff" deutet an, ich möchte mit dem Terror Schluß gemacht haben, weil ich mich fürchtete, auch mir könnte einmal eine kleine Bombe auf den Tisch fliegen. Dem „Angriff" liegen derartige Gedanken begreiflicherweise nahe. Dr. Goebbels, fein Chefredakteur, hat sogar Grzesinski um Schutz gegen Attentäter angefleht. Ich habe weder Furcht noch Angst noch etwas, das man mit ähnlichen Namen benennen könnte. Mich schrecken weder kleine noch große Bomben. Wen sie treffen sollen, der entgeht ihnen nicht. Wem aber der Tod nicht vorschnell beschieden ist, an dem bewahrheitet sich der Segen für Venjamn (8. Mose 33, 12): „Der Geliebte des Herrn wird sicher wohnen." Daran wrd sich auch künftig nichts ändern."_ Wochevkalender. vom 20. - 27. Aug. 1932 - com 18. - 25. Ab 5692 I ’»■)’ rp nsio Samstag 20 18 TD 3j?y Sonntag Montag Aug. 21 22 3K 19 20 na ia Dienstag 23 21 73 Mittwoch 24 22 na Donnerstag 25 23 03 Freitag Samstag 26 27 24 25 bi vnkin ranaa nxn Mittwoch abends 7 U. bei. Alan kann keinen zur Liebe zwingen. Aber die Einzelnen wieröbn z u^m Hw'ß: gezwungen, von der Partei, von deröffeiiAichen/ Meinung, von der Atmosphäre, die durch den Wahlausgang und den daraus von den N. S. abgeleiteten Alachtanspruch sich naturgemäß noch weiter ausbreiten und verschärfen wird. Was haben wir Juden bei all dem zu tun? wir wissen zunächst mit voller Klarheit nur, was wir nicht tun dürfen. Wenn Alax Naumann, der wieder einmal glaubt, seinen Weizen blühen zu sehen, in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung" seinen Glaubensgenossen den Rat gibt, „alle Aengstlichkeiten abzulegen und einen Weg zu den aufstrebenden N. S. zu suchen", so ist dieses Ansinnen mit der gleichen Entschiedenheit als absurd abzulehnen, mit der wir all seine bisherigen unwürdigen Anbiederungsversuche von uns wiesen. Nicht minder verfehlt und gefährlich scheint uns die Alethoöe des führenden zionistischen Organs in Deutschland, aus der Not eine jüdisch-nationale Tugend zu machen und an den Vorgängen die kluge, vorbauende zionistische Politik und die zwingende Logik ihres Zukunftprogrammes zu demonstrieren. Solche Feststellungen werden den Betroffenen wenig Trost bieten, um so mehr Wasser für die Alühlen der Feinde liefern. Wenn wir unsererseits ein Vdj ’D diti 112 nt?’» ein ruhiges Abwarten im Vertrauen auf G'tt und auf den Menschheitsgedanken, der im deutschen Volke gewiß nicht seinen geringsten Anwalt fand, empfehlen, so hat dieses Verhalten gewiß nichts mit einem fatalistischen, resignierten Sichtragenlassen zu tun. Im Gegenteil sollen uns diese Stürme aufrütteln zu kräftigen Aktionen, zu denen die kommenden ernsten Tage ohnehin rufen, zur A r b e i t a n u n s s e l b st , zur Einkehr und Selbstprüfung. i1? ron miD irnaana nnx wrn bk« Eine internationale Konvention gegen den Antisemitismus. Der sogenannten Weltkonferenz, die ain 14. August in Genf zusammentrat, liegt u. v. a. auch ein Vorschlag des Professor Tedeschi, propagiert vom Verbände der jüdischen Gemeinden Italiens, vor, zur Bildung oder Anstrebüng einer Internationalen Konvention, mit dem Zwecke, den Antisemitismus, der heute eine Weltplage ist, auf i n t e r n a t i o n a l e m W e g e zu bekämpfen. So gut und edel es unsere italienischen Brüder unter Führung des bekannten Rechtslehrers an der Universität in Rom, Professor Guido Tedeschi, meinen, muß doch gesagt werden, daß hier die Rechnung ohne den Wirt, ohne alle in Betracht kommende Wirte, zu denen nicht allein die einzelnen Regierungen, sondern auch die jüdischen Bevölkerungen in den am meisten vom Antisemitismus betroffenen Ländern gehören, gemacht wird. In einem Interview äußerte sich Professor Tedeschi einem Berliner Pressevertreter gegenüber im Einzelnen über feine Gedankengänge. Er teilt die Frage auf, warum schon nicht längst die Staaten an eine energische Unterdrückung des Anti- 'emitismus gedacht hätten, oder, besser gesagt, warum diese Unterdrückung, in verpflichtender internationaler Form, nicht von den Juden selbst gefordert wurde, wir glauben, es bedürfe keiner Exkursion in die verschlungenen Wege der weltpolitik und der Völkerpsychologie, wie sie Tedeschi unternimmt, um diese Doppelfrage zu beantworten. Sie beantwortet sich von selbst. Die Völker, insbesondere diejenigen mit neugewonnener Staatlichkeit, lehnen jede internationale Einmischung ab, weil sie ihre Gesetze, ihre Polizei und ihre Gerichte für ausreichend halten, Ordnung in ihrem eigenen Haufe zu schaffen (wenn das auch leider de 'acto nicht immer der Fall ist), und weil sie in den Ausschreitungen gegen Juden nur einen Teil der aus innerer politischer Zerrüttung resultierenden Konvulionen sehen, die zu sanieren und zu beheben ihre ureigene Sache sei. Zum zweiten aber werden sich auch die Juden, bei allem kategorischen verlangen nach Schutz für Leib und Leben und Eigentum, bei aller energischer Abwehr von Angriffen auf ihre Rechte, sich ernstlich überlegen müssen, ob es ihnen frommt, in die Stellung eines __■_18. August 1932 ni i t t elalterlich en Sch u.tz j wö e n t u m s von Völkerbunds Gnaden versetzt zu werden. Nicht Schutzjuden mit einem von den Fürsten garantierten und von internationalen Abmachungen ^geschützten Schutzrechte wollen die Juden sein, sondern gleichberechtigte Bürger mit unbeschränktem Genüsse aller' ihnen von der Verfassung gewährleisteten Rechte, wie sie zu allen Pflichten und Lasten des Staates beitragen, an all seinen Sorgen teilnehmen. Professor Tedeschi glaubt,, den Ghettocharakter einem solchen internationalen Schutzjudentum zu nehmen, wenn man in 'den K-reis dieser besonderen Gesetzgebung a l l e ethnischen und religiösen Alinderheiten einbe«* ziehe. Gerade darin liegt der Haken, - der den Vorschlag bei ernster Ueberlegung anhaftet. Selbst in den Ostlänöern, vorab in Polen, ist es ein ganz kleiner verschwindender Kreis, der willens wäre, sich in den Freistaat der Alinderheitspolitik vor dem Antisemitismus zu flüchten. In Deutschland wird sich die Iuöenheit schwerlich sobald dazu entschließen, als „ethnische und religiöse Minderheit" ihr Recht zu verlangen. Die Juden heischen, wie schon gesagt, den Schutz und das Recht, die ihnen als Bürgern zustehen und von der Reichsverfassung verbürgt sind. Dieses Recht und diesen Schutz ihnen zu verschaffen und für alle Zeiten zu sichern, ist Sache der deutschen Regierung. Daß deren Machtmittel zu unserem Schutze, in weiterem Sinne zum Schutze der Republik, ausreichen, wird sie hoffentlich durch die neuesten Verordnungen gegen den Terror zeigen. Gegen die latenten Formen des Antisemitismus werden aber auch internationale Gesetze nichts ausrichten. @o erheben sich gegen den Vorschlag Tedeschi's, so gut er gemeint ist, die schwersten Bedenken. Nichtsdestoweniger soll nicht geleugnet werden, daß vielleicht eine Möglichkeit bestände, diesen Vorschlag bei ruhiger Beratung im engeren Kreise derart umzugestalten, daß er einen gewissen Nutzen stiften könnte. In diesem Sinne war es u. E. ein schwerer Fehler des Urhebers dieses Vorschlages, ihn ohne weiteres der Stephen Wise'schen Genfer Konferenz als Agitationsstoff zu unterbreiten, die natürlich dafür sorgen wird, daß der ganze Vorschlag mit zionistischen Anschauungen und zionistischer Taktik so unlöslich verquickt wird, daß er von vorneherein Parteigepräge trägt und für die nichtzionistischen Teile der Iudenheit indiskutabel wird. ' Die „schöne Aruchl" von Grez Israel. Wer, dem es einmal gegönnt war, den paradiesischen Duft aus den Plantagen bei Tel-Awiw und in pethach Tikwah einzuatmen, hätte nicht den Wunsch, irgendwie teilzuhaben an dieser blühenden Frucht des jüdischen Schweißes und der jüdischen Arbeit? Cs wird heute so viel von unserem Anteil an der Arbeit'in und für Crez Iisroel gesprochen, von den lebendigen Taten, die unsere erwachte Liebe zu Trez Iisroel Hervorbringen sollte. Darüber kann aber keine Meinungsverschiedenheit herrschen, daß wo es sich um Gegenstände der religiösen Uebung in Synagoge und Haus handelt, Crez Iisroel und nur Crez Iisroel in den Vordergrund treten muß. Und dennoch weiß alle Welt, daß die bevorzugtesten Csrogim Jahr für Jahr in großer Menge nicht aus den blühenden Gärten Palästinas kommen, sondern aus Korsika, aus Korfu, aus anderen Inseln im Mittelmeer, die gerade keine Inseln der Iuöenliebe mitten in den Fluten des Hasses bilden. Immense Summen kommen so Menschen zugute, die bestenfalls in der goldenen Frucht nur einen Gegenstand des Profites sehen, während Brüder aus den Feldern des heiligen Landes mit Tränen säen und oft auch mit Tränen e r n t e n, im schweren Kampf gegen den harten Boden, gegen Zollsperren und alle Miseren der Weltwirtschaft. Ganz abgesehen von den religiös e n Bedenken, die sich schon seit Jahrzehnten gegen die schönen, oft allzuschönen Früchte aus den fernen Inseln geltend machen. Cs fei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß bereits vor fünfzig Jahren der führende Gaon an der Schwelle unseres Jahrhunderts, Rabbi Iizchok Cb chonon aus Kowno, mit einem iiv'N gegen die Korfu - Csrogim wegen craana hervorgetreten ist, einem Issur, der heute noch für einen guten Teil unserer Brüder in Litauen und Polen als bindend gilt.