Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450736--78991-2536728
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 10 Nr. 33 Der Israelit 11. August 1932 Der Kranke blickte seinen Bruder an. Im Blick lag die Antwort: „du siehst ja . . ." (Er schwieg eine Weile, dann sagte er mit schwacher Stimme: „Uehemja ..." Jener horchte auf. „Ich sterbe ..." „Auch wenn ein blankes Schwert am Halse liegt, darf man nicht die Hoffnung sinken lassen . . ." „Die Zeit ist gekommen . . . Sie bleiben doch verwaist . . . wer wird sich ihrer annehmen? . . ." Wit Wühe unterdrückte R. Uehemja die Tränen, wahrend der Kranke ihm ins Gesicht schaute. „Uehemja ... ich habe an dich eine Bitte . . ." „Was irgendwie möglich ist, werde ich tun." wieder schaute der Kranke in sein Gesicht und sagte: „Ich verlange ... gib mir deine Hand ... ein Handschlag . . ." Wenn der Todesengel seine Aufwartung macht, wird auch der härteste Wensch milder, weicher gestimmt . . . Auch R. Uehemja, der Unbeugsame, ließ sich nicht bitten und streckte die Hand aus. Der Kranke hielt des Bruders Hand in seiner mageren und zitternden Rechten und sagte flehentlich: „Uehemja ... ich bitte dich . . . nach meinem Ableben . . . sollst du . . . an meiner Statt . . . lernen ... mit der Lhewra ... „Thaje Adam" ..." Line Weile verwirrten Staunens. Tine solche Bitte hätte R. Uehemja am wenigsten erwartet. Als jedoch der kranke Bruder seine Augen hob und fragte: „Nun?" . Da schüttelte R. Uehemja seinen Kopf: „Hm . . . ja!" 'Am zweiten Tag nach der „Schiwa" kam R. Uehemja zum Winjan der Lhewra „Thaje Adam", setzte sich, ohne mit jemand< zu sprechen, an des Bruders Platz und nahm den „Thaje Adam" ... Da wurde R. Uehemja ein anderer, seinem verstorbenen Bruderähnlich . . . Selbst die Stimme klang anders, der R. Akibas verwandt . . . War indes das Tagespensum fertig, dann wurde R. Uehemja wieder der alte . . . Lin oder zwei Jahre ging das so fort. R. Uehemja lebte nicht mehr lange. Cr folgte bald seinem Bruder, dem der „Thaje Adam" zu soviel Beliebtheit und Ruhm verholfen hatte ... Im Städtchen ging ein Witz: Der „Thaje Adam" hat R. Uehemja das Leben verkürzt . . . Wer weiß? vielleicht . . . Wie verschieden doch manchmal die Wirkung des gleichen Wittels bei verschiedenen Menschen sein kann . . . Sei einig, Israeli Zum 100. Geburtstag des Dichters am 3. August 1932. Von Moritz Scherbel.*) Ich kenn' ein Volk, das sich im Sturm der Zeiten, Als fast zum Wrack geworden war sein Schiff, Auf hohem Meer erhalten hat. dem weiten. Wo es getrieben ward von Riff zu Riff. Schon war das Takelwerk an ihm vernichtet, Zerfetzt die Segel und zerschellt der Kiel: Wer hat wohl je von solchem Schiff berichtet, Das dennoch hält ganz unentwegt zum Ziel! Ist das die Art, sich weiter zu erhalten, Als Volk im Sturm sich kämpfen durch die Welt, Umgeben von vernichtenden Gewalten, Die alle nach dem Leben ihm gestellt? — Denn jeder Zeitraum forderte mit Strenge Ihm Opfer ab; — es gab sie hin und blieb Doch, was es war, gesondert von der Menge, Wohin es auch die Zeit, das Schicksal, trieb. Denn Israel, es ist das Volk auf Erden, Das „einzig" ward von jeher schon genannt, Wohl einzig im Beruf, das Bolk zu werden: *) Moritz Scherbel war am 3. August 1832 geboren und amtierte 40 Jahre als Prediger in Gumbinnen. Als Schriftsteller und Dichter war er weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Er war ständiger Mitarbeiter an fast allen jüdischen Zeitungen, die auf dem Boden der Thora standen. In Breslau erschienen seine „Humoresken aus dem jüdischen Familienleben", in Frankfurt bei Kauffmann ein Teil seiner G e - dichte und sein Hauptwerk „Der U n st e r b lichte i t s g l a u b e ". In seinem umfangreichen literarischen Nachlaß sind zahlreiche bisher unveröffentlichte Gedichte enthalten. Eines davon sei hier wiedergegeben. Die Thora treu zu wahren stets als g'ttlich Pfand. Doch einzig auch an Prüfungen und Leiden, Die auferlegt ihm seine Religion. Und doch, es könnt' dies Schicksal wohl vermeiden, Wenn es verleugnet sich als Jakobs Sohn. Es tat dies nie: Und durch der Zeiten Wogen Trieb weiter fort sein Schiff durch Sturm, und Not. Der es bis jetzt dem Untergang entzogen, Sein Steuermann, ist stärker als der Tod. Laßt toben nur die Brandung um die Planken, Laßt krachen es im schweren Wellendrqng, Solang der Führer fest es hält im Schwanken, Bleibt ungefährdet auch fein weit'rer Gang. Zum Steuermann erhebet eure Blicke, Wenn ihr im Sturm erzittert und erbebt! Dann soll die Macht erstehen, die zerstücke, Was einig — wie von G'tt geheißen — lebt. Wenn, Israel, nichts weiter für dich zeuge, Als daß ein ein'ges G'ttesvolk du bist, So mußt du glauben — jeder Zweifel schweiget — Dich bringt zu Falle nicht Gewalt noch List. Doch einig mußt du sein und einig bleiben! Ein Volk wie Erz, das keine Splitter gibt. Kein Teil von dir darf treulos abseits treiben, Daß nicht das Ganze willenlos zerstiebt! „Ein Volk auf Erden" — hört i h r die Pa- A u f e u r e r Fahne führt die „Einigkeit"! — Dann seid zer st reut auch hin bis an die Pole, Vor Tod und Untergang seid ihr gefeit! Ainderecke. Trost. Cinst gingen Rabbon Gamliel und Rabbi Cleasac ben Asarjah und Rabbi Ioschuah und Rabbi Akiba auf dem Wege nach Rom und schon von weiter Ferne vernahmen sie den Lärm und das Getöse der mächtigen Hauptstadt. Da fingen alle zu weinen an, nur Rabbi Akiba lachte, Fragten ihn die Weisen: „warum lachst du, Akiba?" Cr aber antwortete: „Crst sagt mir, warum weint denn Ihr?" „Warum sollen wir nicht weinen," erwiderten die Rabbonim. „Dieses Volk, das sich vor den Götzen bückt und fremden Göttern Räucherwerk darbringt, es wohnt sicher und erfreut sich ungestört seines Besitzes — das Haus aber, das der Schemel der Füße unsres G'ttes war, es liegt vom Feuer zerstört in Trümmern darnieder." Da sprach Rabbi Akiba: „Gerade deshalb lache ich: denn wenn es schon denen so gut geht, die den Willen des Cwigen übertreten, wie gut wird es dann einst denen ergehen, die seinen Willen erfüllen und seinen Ramen ehren!" Tin anderes Wal gingen die Weisen zusammen gegen Jerusalem. Als sie sich dem Har Hazofim näherten, zerrissen sie ihre Kleider. Als sie an den Tempelberg gelangten, sahen sie einen Fuchs, der über den platz des Allerheiligstcn lief. Da brachen alle in schmerzliches weinen aus, nur R. Akiba lachte. Fragten ihn die weisen: „Weswegen lachst du denn?" R. Akiba fragte dagegen: „Und Ihr, warum weint Ihr?" „Dies ist die Stelle, von der gesagt ist, der Fremde, der sie betritt, soll sterben. Und nun laufen Füchse über sie hinweg — und wir sollen nicht weinen?" Da sprach Rabbi Akiba: „Gerade deshalb lache ich. Denn bei Ieschaja steht geschrieben: „Ich stelle mir treue Zeugen auf, den Priester Uriah und den Propheten Secharjah." Wie kommt aber nun Uriah neben Secharjah zu stehen? Uriah lebte doch während der Zeit des ersten Tempels und Secharjah war doch der letzte Prophet nach dem Cxil? Aber der Vers verknüpft die Weissagung Uriahs mit der Prophezeiung Secharjahs. Uriah sagte voraus, daß auf dem Berge Zions Felder gepflügt werden und ein Wald sich erheben wird auf dem Tempelberg. Secharjah aber kündete, daß noch Greise wohnen werden an der Stelle der Trümmer Jerusalems. Bis heute zweifelte ich, ob die Prophezeiung Secharjahs sich erfüllen würde. Run aber, da Uriahs Worte eintrafen und der Har Habajis einem Felde gleicht, über das die Füchse laufen, nun weiß ich auch, daß die Weissagung Secharjah sich bewahrheiten wird und wieder aufgebaut werden die verbrannten Trümmer Jerusalems." Als die Weisen diese Antwort hörten, kehrte auch in ihr Herz die Hoffnung wieder ein und sie sprachen: „Du hast uns getröstet, Akiba! Du hast uns getröstet, Akiba!" In der Rächt vom n"D da beruft G'tt auch die himmlischen Heerscharen zu Trauer und zur Klage. Cs kleiden sich die Cngel in Sack und Asche und weinen und es ertönt ihr Jammern von einem Tor des Himmels bis zum anderen. Und G'tt selbst verhüllt seinen herrlichen Thron und verlöscht die wunderbaren Lichter, die vor ihm brennen und setzt sich zur Crde 'und klagt um das zerstörte Heiligtum und um die verbannte Tochter Zions. Und der Heilige, gelobt sei Cr, erhebt seine Stimme im Weinen und ruft: „Wehe über die verbrannte Stätte — weh über den verlassenen Berg Zions! wehe über meine Söhne, die ich in die Verbannung verstoßen mußte!" Und es sitzt der Cwige und weint um seine Kinder und siehe — zwei große Tränen fallen hernieder vom Angesichte G'ttes und zwei Tngel fangen die Tränen auf in einen goldenen Lecher. Jedes Jahr, in der Rächt von 2"ü fallen zwei Tränen in diesen Lecher und der Becher füllt sich langsam, langsam mit den Tränen des Heiligen, gelobt sei Cr. Und wenn der Becher voll ist bis zum Rande — dann sind auch voll die Tage des Leidens für sein Volk Israel. Dann wird Woschiach kommen. (D, möge es bald sein, in unsren Tagen, Amen! Das erste Sch'ma-Zisroel. Als unser Vater Jakob auf seinem Sterbebette lag und seine Söhne alle um ihn versammelt waren, wollte er ihnen in seiner letzten Stunde ihr zukünftiges Schicksal Voraussagen. Doch plötzlich wich die Schechina von ihm und sein prophetischer Geist verließ ihn. Crschreckt dachte ec: vielleicht ist eines unter meinen Kindern, in dessen Rähe die Schechina nicht weilen will. Vielleicht, ist einer unter meinen Söhnen, fürchtete er, der nur bis heute, um mich nicht zu betrüben, gleich den andern, G'tt gedient hätte und nach meinem Tode wird er — G'tt behüte — nicht in den Wegen des Ewigen gehen! Unruhig glitten seine Blicke von einem der Brüder zum andern, als wollte er fragen: Seid Ihr auch alle unserm G'tte treu? Und seine Söhne ahnten die Sorgen, die ihn quälten und errieten, welche große Furcht ihn beunruhigte. Und da sprachen ste alle wie aus einem Wunde: ,,-mx 'n lrj^N rn pdtp — höre, Israel, unser Vater, wir glauben alle an den einzigen G'tt! So wie in deinem Herzen nur ein Cinziger ist, so ist auch in unfern Herzen nur ein Cinziger. Wir wollen seine Gebote befolgen, wie du sie uns gelehrt!" Als Jakob diese Antwort hörte, dankte er G'tt, daß er ihm solch' fromme Söhne geschenkt und nun auch diese letzte Sorge von ihm genommen sei. Und er dankte ihm mit den Worten, mit denen im Himmel die Cngel den Cwigen preisen: INI 0^1!?*? 1711^2 TIM DTP PM- Seit dieser Stunde sagen die Kinder Israels jeden Worgen und jeden Abend das „Schma-Iisroel": Höre unser Vater Israel in der Höhle Wachpela, sagen sie. die Lehre, die Du uns gegeben — noch immer halten wir an ihr fest, inrr 'n irpVN 'n* Und wenn die Cngel im Himmel das hören, dann preisen ste den Cwigen nach ihren Worten 'tti dtp “jiid* Und leise sprechen wir ihn mit, diesen Satz, weil wir noch nicht würdig sind, ihn gleich den (Engeln laut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.