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Der Israelit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jenillcion In der nächsten Nummer beginnen wir mit dem Abdruck einer künstlerisch wertvollen fesselnden Erzählung aus dem biblischen Zeitalter: Kosbi Salonae von S a n o n. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die geheimnisvolle Gestalt des Weltpolitikers und Zauberers aus Aram, Bil-Am und die leidenschaftlich ehrgeizige midjanitische Königstochter o s b i. Der Verfasser hat es meisterhaft verstanden, in eine rasch vorwärts schreitende Handlung voller Spannung und Erregung den inneren Gehalt der midraschischen Ueberlieferung einzuschmelzen und dabei mit divinatorischem Scharfblick manchen bisher dunklen Zusammenhang in künstlerischer Gestattung aufzuhellen. Die Brüder. Aus dem Zyklus: „Juden von einst" von 21t Ben-Elieser. (Uebersetzt von O. Prennmger, Lemberg.) WSW Die schönste Einrichtung der Gemeinde, der Stolz des Städtchens, war die „Schast-Gemeinöe". wollte der Jude all seiner Sorgen vergessen, dann setzte er sich an den langen Tisch im alten Bethamiörasch. Dort vergast er die närrische Welt mit all ihren Leiden. Die^heutige Generation sieht selten eine Anzahl Juden Talmud lernen. Darum sage ich euch: es gab was zu sehen! Obenan säst gewöhnlich der alte Rabbi, wie ein Schiffskapitän sah er aus. Die anderen Juden, bejahrte, einige junge dabei, die waren sozusagen die Matrosen . . . Man übergab sich den wellen des Meeres ... Anfänglich ging alles glatt vonstatten. Ohne Sturm, ohne Gebraus. Die Matrosen sitzen mit dem Schiffskapitän obenan, schaukeln sich langsam und singen dabei eine traurig-süße Melodie. Habt ihr schon einmal den Gemara-Riggun gehört? Aus einmal wirds still. Rach einer weile wieder Geräusch, was ist los? Das Schiff ist auf einen Fels gestosten . . . Line schwierige Frage steht im Wege und läßt nicht fort. Der Kapitän wird unruhig, er sucht Rat, die Seemänner schreien, die Zungen bewegen die Hände . . . Endlich ist die Gefahr glücklich überwunden. Ls stimmt. Alles geht in Ordnung. Das Schiffschwimmt ruhig weiter und die Reisenden summen, wieder ihren traurig-süsten Singsang . . . viele Ramen hervorragender Schiffskapitäne, die sich mit ihren Reisen im Meer des Talmud ausgezeichnet hatten, sind im Geöenkbuch der „Schast-Gemeinde" verzeichnet. Jeder von ihnen hätte in der größten Stadt Rabbiner fein können. Zu jener Zeit hat Litauen zahlreiche Gaonim besessen ... Zu meinen Zeiten war Meister der „Schast-Gemeinöe" Rabbi Nehemja. Ihm war es vergönnt, beide Welten zu besitzen, geistigen Adel mit Reichtum zu vereinigen. Er war ein großer Lamöan und einer der Reichsten der Stadt. Wer ihn an einem Markttag in seinem Lisenhandel stehen und mit den Kunden feilschen sah, konnte keinesfalls vermuten, dast dieser Mann im babylonischen und jerusalemitischen Talmud zuhause wäre. Eben so wenig konnte man, wenn man ihn im Bethamiörasch in Tallis und Tefillin gehüllt und im Talmuöfolianten vertieft sah, daran glauben, daß dieser Jude mit Geschäften zu tun hätte ... Rabbi Rehemja hatte einen jüngeren Bruder Akiba. Auch jener war ein großer Talmuöist. Cs wurde sogar behauptet, daß er seinen älteren Bruder an Gelehrsamkeit überrage. Aber er war sehr arm. Zu seinem Glück war ihm eine Frau beschieöen, eine von jenen jüdischen Frauen von anno dazumal, die am Markte kauften und verkauften, Brot buken, etwas Spirituosen feichielten und von all diesen Crwerbszweigen das Haus ernährten. Doch Rabbi Akiba klagte nicht, er fand keinen Anlast zur Unzufriedenheit. Im Gegenteil: er sagte immer: g'ttlob, ich kann bürgerlich leben . . . Diese beiden leiblichen Brüder waren zwei Kontraste. R. Rehemja verdüstert, als grollte er der. ganzen Welt, jähzornig, streng, steif, unsanft. Das Gegenteil davon bot R. Akiba. Ein gutmütiges Wesen, ruhig und zugänglich. Die Armen des Ortes suchten bei ihm Rat in ihren Familienangelegenheiten. Cr hörte jeden geduldig an, fand für jeden ein tröstendes Wort, einen guten Rat. wo es nottat, brachte er Ausgleiche zustande. Alles mit freundlicher Miene, mit Güte und Liebe. Der Vergleich mit den großen Tannaiten war naheliegend: man nannte R. Rehemja „Schammai" und R. Akiba „Hillel". R. Akiba gehörte natürlich auch zur „Schastgemeinöe", das heißt, tagsüber fast ec im Bethamiörasch und'lernte (was hätte sonst ein Jude zu tun, wenn seine Frau für den Unterhalt sorgte?), aber nach dem Maariwgebet wechselte er seinen platz, verliest den Misrach und setzte sich mit den anderen Bürgern an den Tisch, um den „Schiur" zu lernen. Oft sprach R. Akiba mit gutmütiger Ironie davon, daß sein Bruder R. Rehemja so viel auf sich hielt und mit Leuten außerhalb des Kreises der „Schastgemeinöe" keinen verkehr haben mochte. R. Rehemja seinerseits nahm es dem Bruder sehr übel, daß jener der Vornehmheit der Thora nicht achtet und mit Schneidern und Schustern verkehrt . . . Cs must bemerkt werden, daß zu R. Rehemjas Zeiten die Glorie der „Schastgemeinöe" im Verblassen war. Cr zitterte um ihre Existenz, weil die Stadt immer weniger Talmudisten aufzuweisen hatte . . . Die Alten sterben langsam dahin und das junge Geschlecht bringt keine Talmuöbeflissenen hervor . . . Gerade damals geschah es, dast das Minjan der Handwerker beschloß, eine Gesellschaft „Chaje Adam" zu gründen und R. Akiba zu ihrem Meister wählte. Als man dies R. Rehemja erzählte, fragte er seinen Bruder: „Schickt sich das für dich?" Jener aber antwortete lächelnd: „G'tt hat doch allen. Juden die Thora gegeben ..." R. Rehemja warf seinem Bruder einen zornigen Blick zu und sagte: „Akiba, versündige dich nicht! Du mußt wissen, daß'der „Chaje Adam," möge ihms G'tt vergeben, die Unwissenden mit einem Wissensnimbus umgeben hat . . . Cinst wars jedem Juden klar, daß man nur nach recht langen und eifrigen Bemühungen es zu einem Lamöan bringen kann . . . wem es nicht vergönnt war, ein Lamöan zu werden, der hatte wenigstens Respekt vor einem Juden, der Thora lernte. . . Jetzt kommt jeder dahergelaufene Schneider oder Schuster und wird dank dem „Chaje Adam" eine Autorität. . . Anstatt s o zu lernen, mögen sie lieber bei ihrem Thillim bleiben ..." R. Akiba hörte seinen Bruder an, glättete seinen Bart und sagte: „Richtsdestoweniger . ." . R. Rehemja liest ihn nicht weiterreden: „Ich spreche mit dir vernünftig und du sagst: Nichtsdestoweniger. . ." Cine hübsche weile stritten die beiden Brüder miteinander. Cin jeder seinem Temperament entsprechend: Schammai erregt, feurig und Hillel gelassen. Cr bemühte sich, beruhigend auf den Bruder einzuwirken. R. Rehemja mußte die Wirkungslosigkeit seines Schrittes einsehen. Cr blickte den Bruder an und sagte in befehlendem Tone: Nr.rr _rm „Akiba, als älterer Bruder befehle ich dir, davon abzustehen . . ." ' „Ich kann nicht!", kam die gelassene Antwort. „wenn dem so ist, will ich von nun ab nichts von dir wissen ... Ich werde deine Nähe meiden." Cr sagte es und war fort. Seit jenem Tage verkehrten die Brüder und sprachen nicht miteinander. Dieses Mißverhältnis ging soweit, dast, als R. Akiba seine ältere Tochter verheiratete, der Bruder nicht persönlich als Gast erschien, sondern durch seine Frau das Hochzeitsgeschenk überreichen liest . . . Mag wohl sein, daß er den Anblick der Schneider und der Schuster von „Chaje Adam", die dort sicher vollzählig erschienen, — scheute . . . R. Akiba tat das Seinige. Seine ganze Seele legte er in die Gemeinde „Chaje Adam", die auch dank der Beliebtheit des Meisters von Woche zu Woche wuchs. Man fast zusammengepfercht und viele mußten stehen, weil nicht genug Sitzplätze für die unerewartet herbeiströmenöe Menge vorhanden waren. R. Akiba war ein g'ttbegnadeter Redner . . . Mehr, als im Buch drin stand, improvisierte er . . . Zu Clul, als Buße das Gebot des Tages ward, schob R. Akiba das Buch zur Seite und predigte Tschuwa. . . . wer nicht jenen predigten zuhörte, der hat in seinem Leben keine zu Herzen gehende Worte gehört. Und wer nicht in jenen Stunden die einfachen Juden mit ernsten Gesichtern öasitzen und Tränen vergießen sah, — der weist nicht, was Tschuwa-Geöanken bedeuten . . . wie ein Vater strafte R. Akiba seine Schüler, wies ihnen den rechten weg und bewahrte sie vor den Schrecknissen des Jom Hadin . . . Die Schüler wußten ihren > Meister zu schätzen. Zu Simchas-Thora kamen alle Mitglieder der „Chaje- Aöam"-Gemeinde im Hause des R. Akiba zusammen, sie nahmen den Meister in ihre Mitte und führten ihn unter Gesang und Tanz ins Bethamiörasch, küßten den Saum seines Kleides und bezeugten ihm alle Chren. Als R. Rehemja einmal diese „Cskorte" sah, spuckte er aufgeregt aus und rief: „Götzendienst!" So vergingen an die zehn Jahre. Die „Chewra Schaß" schrumpfte immer mehr zusammen und nur einige wenige Teilnehmer sind geblieben . . . Oft saß R. Rehemja allein am Tische im Winkel und sah wie ein Vater aus, dessen Kinder bei seinem Leben öahinstarben . . . Lines schönen Tages durchzitterte die Kunde von R. Akibas Erkrankung das Städtchen. Schon drei Tage war er nicht im Bethamiörasch beim Beten . . . Der herbeigerufene Arzt erklärte den Zustand als gefährlich ... Die Bestürzung im Städtchen war groß, das wehklagen himmelstürmenö ... Dreimal täglich nach jedem Beten sagte man gemeinsam Thillim, außerdem schaltete jeder einen „Iehi Rozon" für die Genesung des verehrten Meisters ins Achtzehngebet. Man änderte den Ramen des Kranken; später, als die Krankheit fortschritt, ging man auf den Friedhof, zu den Gräbern der Vorfahren ... Nichts hat gefruchtet. Alle Tore des Erbarmens waren verrammelt . . . R. 2lkiba ist nicht mehr zu retten . . . Linen oder zwei Tage vor dem Tode erhielt der Kranke den Besuch R. Rehemjas. Dieser fand den Kranken zu Bett, das Gesicht blaß, die Hände abgemagert, die Augen geschlossen, ein unrettbares Menschenwrack — es tat ihm im Herzen weh und Tränen traten in die Augen des unbeugsamen, unerbittlichen R Rehemja . . . Vielleicht bereute er es zu jener Stunde, daß er sich zehn Jahre von seinem Bruder fernhielt... Der Kranke öffnete die Augen und erblickte den Bruder. Cr strengte sich an und hob etwas den Kopf — aber es gelang ihm nur mühsam. R. Rehemja trat näher, beugte sich zu ihm hin und fragte: „wie gehts dir?"

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