Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450736--78986-2536723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
11, August 1932___ Megi und daher die Erscheinung der „ängstlichen Distanzierung". Aber noch ein anderes Moment nützen die Zionisten sehr geschickt aus, um sich die Gunst, der Ostsuden zu erwerben. Cs ist kein Geheimnis, daß die Beziehungen zwischen den Ost- und Westjuöen bis vor wenigen Jahren nicht die allerbesten waren und die Westjuden den größeren Teil der Schuld auf ihr Konto schreiebn müssen. In den letzten Jahren ist dank der organisatorischen Zusammenarbeit eine merkliche Besserung eingetreten. Dies bezieht sich sowohl auf die im Zionismus als auch auf die in der Agudas Iisroel organisierten Kreise. Die Besserung empfinden aber vornehmlich diejenigen, die von den Organisationen erfaßt worden sind. . Die Ostjuden in Deutschland, die — wie erwähnt — fast nur mit Zionisten, selten aber mit Agudisten, in Berührung kommen, haben Gelegenheit, diese Besserung nur in zionistischen Kreisen wahrzunehmen. Die Zionisten geben sich deshalb alle erdenkliche Mühe, den Wahn zu nähren, als sei diese Besserung eine rein zionistische Erscheinung; die deutsche Orthodoxie aber sähe immer noch verächtlich auf die Ostjuden herab. Die Folge davon ist, daß jede Annäherung zwischen diesen Kreisen von vornherein durch unbegründete Vorurteile verhindert wird und eine gegenseitige gewisse Fremdheit, ja Abneigung genährt wird. Eine weitere Folge dieser gegenseitigen Entfremdung ist, daß man bei der Gegenseite nur Fehler sieht, für die — auf beiden Seiten reichlich vorhandenen —- Vorzüge aber blind ist; und dies trägt nicht grade dazu bei, die gegenseitigen Beziehungen zu bessern. Hier Wandel zu schaffen, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Aguöas Iisroel. Sie muß sich zunächst bemühen, die orthodoxen Ostjuden über alle hier genannten Probleme systematisch aufzuklären. Sie muß in ihnen den Wut zur Selbständigkeit wecken, damit sie ihre Selbstachtung wiedergewinnen und sich von jeder Vormundschaft der „Modernen" emanzipieren. Ferner muß sie sie über das wahre wesen der Agudas Iisroel, über die Probleme der Kinder- und besonders der Wädchenerziehung, über das Wesen der existierenden Iugenöuereine aufklären. Die Ostjuöen müssen auf die ungeheuren Gefahren der unreligiösen Iugendvereine für ihre Kinder aufmerksam gemacht und auf die Notwendigkeit, religiöse Vereine unter streng religiösen Führern zu schaffen, hingewiesen werden. In beiden Kreisen aber — sowohl im Kreise der deutschen Agudisten als auch im Kreise der Ostjuöen — muß für eine gegenseitige Verständigung, für gegenseitige wärmere Beziehungen unter dem Leitmotiv des bekannten Wortes: ij'iarr nhva nnx nsw uaVa ainon x*?i hingearbeitet werden. Die Aufklärung muß entweder durch eine periodische jiddische Blätterbeilage zum „Israelit" — ähnlich wie die Aguöablättcr — oder zumindest durch Broschüren betrieben werden. Um die Aufklärung wirksam zu gestalten, müssen — besonders am Anfang — Persönlichkeiten des Ostens an diese Arbeit herangezogen werden. (Schluß folgt.) Horrespoitdenztii « ßacbricMen. Deutsches Reich. Gesellschaftsreise nach Erez Iisroel. Frankfurt a. M., 8. Aug. Zu der am 31. August 1932 ab Triest stattfindenden Gesellschaftsreise nach Erez Iisroel nimmt die Palästina- Centrale der Agudas Iisroel, Büro Schwanenstraße 12, noch Anmeldungen entgegen. Die antisemitischen Terrorakte in Deutschland. Berlin, 3. August. Aus den Meldungen der Pressestelle des Centraloersins ist festzustellen: , Der Isra elit a) Am 2. August Handgranatenattentat auf das Grundstück des Kaufmanns Ehmann in Konstadt bei Kreuzberg (Oberschlesien). b) In Ortelsburg (Ostpreußen): Einschlagen von 10 großen Schaufensterscheiben bei den Kaufleuten Motulsci, Mendel und Behr. c) In Neidenburg: Ueberfall auf den jüdischen Kaufmann Baehr, der ins Krankenhaus gebracht werden mußte. d) In Kiel in der Nacht vom 2. zum 3. August: .Bombenanschlag auf die Synagoge, großes Loch im Mauerwerk, schwerer Sachschaden im Innern. e) In Leipzig fanden am 3. August nationalsozialistische Exzesse in den jüdischen Vierteln statt. Die Nationalsozialisten drangen schließlich in ein Kaffeehaus ein, in dem ein Jude schwer mißhandelt wurde. f) In Ro send erg (Oberschlesien) wurde ein Handgranatenanschlag gegen das in jüdischem Besitz befindliche Hotel Baginski verübt. Die Explosion richtete erheblichen Schaden an. g) In L y k und in Rössel (Ostpreußen) wurden Schaufensterscheiben jüdischer Firmen durch Steinwürfe zertrümmert. Ein polizeiliches Schächtv erbot in Anhalt. Berlin, 8. August. In Anhalt tritt am 15. August eine „Polizeiverordnung über das Verfahren beim Schächten", datiert vom 14. Juli ds. Js. in Kraft, die sich durch die Besonderheit auszeichnet, daß in ihr zwar das Schächten von Tieren unmöglich gemacht, dagegen die sogenannte „Betäubung"-nicht bloß durch Bolzenschußapparate und sonstige sicher wirkende mechanische Mittel, sondern auch diejenige durch das allerroheste Verfahren, den Kopfschlag zügeln ssen und vor geschrieben Es liegt hier also eine gesetzliche Sanktionierung eines der grausamsten Tötungsmittel vor, dem man die Marke „Betäubung" anheftet, während man die Schechita, die durch Herbeiführung sofortiger Blutleere im Gehirn eine wahre Betäubung bedeutet, unter gröbstem Gewissenszwang durch die Machtmittel des Staates verhindert. Eine künftige Geschichtsschreibung wird diesen vor der menschlichen Vernunft niemals zu rechtfertigenden Kampf gegen das Vollkommene zu Gunsten des Unvollkommenen als eine der merkwürdigsten Verirrungen des Rassenhasses registrieren. ZU den Ausschreitungen in Ostpreußen und Oberschlesien. Berlin, 5. August. Der Centralverein veranstaltete am 5. August eine Pressekonferenz, die sich vorwiegend mit den Terrorakten in Ostpreußen und Oberschlesien beschäftigt. Die Terroraktion muß nach einem gemeinsamen Plan durchgeführt worden sein und zwar in einer Dreiteilung der Aufgaben. Die erste Gruppe hatte die Ablenkungsaktionen durchzuführen: Ein Auto durchraste Königsberg gegen 6 Uhr früh, alarmierte ungefähr fünfunddreißig- Mal die Feuerwehr. Das Auto wurde festgestellt. Es wurde von einem Zeitungshändler Tulodziecki, einem alten „Bekannten" des C. V., gefahren. Im Frühjahr 1929 hatte er eine Protestversammlung des C. V. gestört und wurde später wegen Hausfriedensbruchs und Widerstands gegen die Staatsgewalt zu 100 Mark Geldstrafe, bezw. 20 Tagen Gefängnis verurteilt. Die zweite Gruppe führte . das Brandstiftungskommando durch. Tankstellen wurden angezündet und vor den Verlagsgebäuden linksstehender Zeitungen Explosivstoffe zur Entzündung gebracht. Die dritte Gruppe sollte die „Nacht der langen Messer" verwirklichen. Gleichzeitig an sechs verschiedenen Stellen drangen bewaffnete Männer in die Wohnungen führender antinationalsozialistischer Politiker ein, schossen entweder diese selbst oder Hausangehörige nieder. Ein Toter, ein lebensgefährlich Verletzter und zwei Verwundete sind das Ergebnis der Aktion. Die Wohnungstür des Syndikus Sabatzky wurde erbrochen, die Zimmertüren geöffnet, die Wohnung durchsucht, das Bett durchwühlt. Nichts fehlte, also kein versuchter Diebstahl. Alles spricht dafür, daß Sabatzky nur durch einen Glückszufall einem Mordanschlag entging. Nr. 33 Seite 5 Zigarren AQ Wolf Zeil Tel*Hwwa 27930 Der Lentralverein beim Reichsinnenminister. Berlin, 5. August. Der Reichsminister des Innern, Freiherr von Gayl, empfing im Mittwoch, den 3. August, den Vorsitzenden des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Justizrat Dr. Julius Vrodnitz und den Syndikus Dr. Alfred Wiener. Die Vertreter des Central-Vereins unterbreiteten umfangreiches Material über Angriffe auf jüdisches Leben und Eigentum in Ostpreußen, Oberschlesien und in anderen Teilen des Reiches. Sie wiesen darauf hin, daß solche Anschläge in den letzten Tagen sich häufen. Möglicherweise seien diese terroristischen Vorgänge auf die verstärkte judenfeindliche Agitation der letzten Zeit zurückzuführen,- diese Propaganda sei vor der Verleumdung nicht zurückgeschreckt, die Juden ständen in Beziehungen zu den politischen Gewalttaten und unterhielten in Synagogen- und Friedhofshallen Waffenlager. Der Minister würdigte die Mitteilungen mit allem Ernst und sicherte alle in seinen Kräften stehenden Maßnahmen zu. Pässe für ausländische Staatsangehörige. Berlin, 5. August. Der „Reichsverband ostjüdischer Organisationen", Berlin N. 54, Rosenthalerstraße 55, ersucht uns, darauf hinzuweisen, daß es unter den heutigen Vrehältnissen wünschenswert sei, daß jeder Ausländer sich umgehend in den Besitz eines gültigen Passes oder Paßersatzes fetze. Die ausländischen Konsulate haben Anweisung, alle Gesuche in weitgehendem Maße schnellstens zu erledigen. Zur Auskunftserteilung ist in Zweifelsfällen der oben genannte Reichsverband, ebenso wie seine örtlichen und Landesorganisationen jederzeit bereit. Neue Bombenanschläge. Königsberg, 8. Aug. In Allen stein wurden Handgranaten gegen den Laden eines jüdischen Geschäftsmannes Abraham geworfen, der angeblich zur Kommunistischen Partei in Beziehungen stehen soll. Die Haustür wurde zertrümmert, die Inneneinrichtung des Geschäftes zum Teil zerstört. Zwei junge Leute im Alter von ungefähr zwanzig Jahren, die der Tat verdächtig sind, haben im Auto die Flucht ergriffen. Man fand bei einer Durchsuchung seiner Wohnung ein förmliches Waffenarsenal. Aus Neidenburg wird ein Anschlag auf eine Drogerie gemeldet; außerdem sind Bomben gegen zwei Kaufhäuser geschleudert worden, deren Inhaber Juden sind. In einem der Häuser brach ein Brand aus, der zum Glück bald gelöscht werden konnte. In Bischofsburg wurden zwei jüdischen Kaufleuten die Fensterscheiben eingeworfen. Breslau, 8. Aug. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gegen 11.20 Uhr wurde gegen das jüdische Warenhaus Ehmann in Konstadt (Oberschlesien) zum zweiten Male ein Handgranatenattentat verübt. Die Eierhandgranate prallte an dem Rolladen ab und explodierte auf der Straße. Eine große Anzahl Fensterscheiben wurde zertrümmert. Das erste Attentat war in der Nücht vom Dienstag zum Mittwoch verübt worden. - Wenige Stunden darauf, gegen 2 Uhr, wurde eine Handgranate in die Wohnung eines jüdischen Kauftnanns in der benachbarten Stadt Pitschen geworfen. * * Lyck, 8. August. Der Oberstaatsanwalt hat für die Ermittlung der Täter, die das Schaufenster des Apothekers Franke nst e i n in Lyck durch eine Handgranate zertrümmert haben, 1000 Mark Belohnung ausgesetzt. Der polizeiliche Außendienst wurde durch Hilfspolizeibeamte verstärkt. Abschied von Distriktsrabbiner Dr. Wanes. Schwabach, 4. Aug. Zu einer eindrucksvollen Stunde gestaltete sich der offizielle Abschied von Herrn Dr. M a n e s , der dreißig