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Der Israelit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 33 und vergessen Sie nicht... •^Bergmann Klasse ZJ.4 Mit Goidmundstück und Ohne Mundstück ten Journalisten geleitet wird, so lohnte es nicht, davon Notiz zu nehmen. Hier aber ist es ein misrachistisches Organ, das nach seinem Programm dem Thorageiste im Zionismus zum Siege verhelfen und nicht diesen Thorageifl durch Anleihen bei fremden Kulturen verwässern soll, hier sind es Menschen, die noch orthodoxe Juden sein wollen, die eine so vollendete Negation jüdischer Weltanschauung der Welt mit größter Seelenruhe als Judentum verkünden. Das sind öieFolgendesMisrachismus, des allmählichen Abgleitens in die fremde, unjüöische Gedankenwelt. Auch nach jüdischer Auffassung gibt es nur einen weg zur nationalen wiederaufrichtung und Befreiung des jüdischen Volkes. Aber dies ist nicht der weg der Selbsthilfe durch Geldsammlungen und politisches Diplomatenspiel, sondern der weg der sittlichen L-äuterung des jüdischen Volkes, der weg der A u f k e h r z u s e i n e m G'tt. Auch uns fehlt, wenn wir uns am 9. Aw dem Schmerze um vergangenes Unglück hingeben, nicht die große unzerstörbare Hoffnung, daß dieser Tag bald in einen Freudentag gewandelt wird, aber uns tönt des königlichen Sängers Wort ins Ohrnnmi^s^ i'kt» ns 7n nxn »ns-p «nsn 'piwu s*?i psn' vivn nonb o^rran ns Und wenn der Zionismus, leider muß es ausgesprochen werden, durch alle bitteren Erfahrungen, die Sokolows Schehechejonu-Ruf am Rüsttage des 9. Aw 6690 ihm und uns in g'ttgewollter Solidarität unter Blut und Tränen eingebracht hat, wenn der Zionismus aus diesen Erfahrungen nichts lernt und weiter das hohe Lied der Menschenkraft und des Menschenwitzes verkündet, dann wird er allerdings feine geschichtliche Mission im Leben des jüdischen Volkes bald ausgespielt haben. Das jüdische G'ttvertrauen beflügelt zur rüstigen Tat, aber es ordnet diese Tat dem Vertrauen unter und zertrümmert den Götzen der empörerischen menschlichen Selbsthilfe-Doktrin. Gibt es noch Baale Batkim? Eine Ehren- und Gewissensfrage. Von B. C. Die Frage, ob der Mittelstand noch lebt, muß in wirtschaftlicher Hinsicht heutzutage zumeist völlig verneint werden, wenn wir den Tatsachen treu bleiben wollen. Heute sei einmal von denen die Rede, welche in religiöser und gesetzeskundlicher Hinsicht „Baalebattim" sind, — nicht von den Vielzuvielen, die nicht zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken den Unterschied wissen, sondern von unseren Getreuen, welche Thora leben wollen und hierfür eine Führung wünschen und brauchen. Cs gibt Thoratreue dieser Art noch genug. Dieser Mittelstand wird nie aussterben. Cr ist es, auf welchem alles jüdisch-gesetzestreue Gemeinschaftsleben errichtet ist und Bestand hat. Ihm gilt, mehr als dem Stande der Thoragelehrten, die Abneigung unserer Gegner. Cr in seiner Schlichtheit und Vollkommenheit ist es, der seinen Kindern den Fortbestand unserer Denkunö Lebensweise sichern will. Unbeirrt von anti-intellektualistischem Felögeschrei der Zeit opfert grade er Zeit und Mühe, um das Wissen der Gegenwart in allen seinen Zugigen zu kennen und seinen Kindern das Gute davon öarzureichen und das G'ttwidrige ihnen in dessen Haltlosigkeit durchleuchtet vorzustellen. Diesem aufopfernden Streben kommen durch G'ttes Güte Werke zuhilfe, die von berufenen Interpreten der Thora verfaßt und dem Volke, den Baalebattim, zugeöacht waren: in der vorigen Generation Hoffmanns Mifchna -Ueberfetzung und Erklärung, in der jetzigen Wolfs „ D i j u - k i m a l hathauro ". Beide können nicht geordnet in Buchform erscheinen. Bei beiden sind die ersten _Der Israelit_ Lieferungen vergriffen, bevor hie letzten erscheinen.*) was ist die Ursache? Sind die deutschen Baal eba t t i m uch öa n k b a r gegen d i e Werke i h' t e r Fü h' r er und Lehrer? Nein. Sie haben.sich nicht einreden lassen, sie bedürften solcher Schriften nicht. Sie wissen, daß nur ein Korach zu behaupten wagt, die „ganze Gemeinde" sei von selber heilig und „in" ihnen G'tt. Sie werden auch heute sich nicht zu Pseudogeonim und Glaubenshelden ernennen lassen, welche weder in eine deutsche Mischna noch in einen mit Liebe und Wahrheitstiefe geschriebenen apologetischen Chomefch-kommentar hineinsehen müssen. wir Alle, auch unsere Rabbiner zum Teil, können aus genannten zwei Werken lernen. Cs ist daher nicht bloß kategorisch zu fordern, sondern zuversichtlich zu hoffen, daß die deutsche Iuöenheit ihre große Liebe zu den Wohlmeinendsten unter ihren toten, wie unter ihren lebenden Führern an deren werken weiter bewährt: trnan asn o^rm oy nw nws “pon bru und das Fertigwerden ihrer Lebenswerke endlich mit allerletzter Kraft ermöglicht. Die äußerlich bedrohte Lage des Judentums ist nur ein Grund mehr, dieses werk zu beschleunigen. Man sollte hoffen, daß auch der auf dem Äbwehrgebiet wohlbewährte E.-v. allmählich einsieht, wie unzertrennlich Iudenverteidigung und Bibelverteidigung, politische und religionsgesetzliche Aufklärung sind, — und daß er die Herausgabe insbesondere des w o l f' f ch e n Kommentars ernstlich in Erwägung zieht. Ostjuden und Agudoh. Von S. Osterseher in Duisburg. I. Drei Dinge veranlassen mich, aus meiner Reserve herauszutreten und zu diesem etwas heiklen Thema das Wort zu nehmen: Zunächst der Artikel im „Israelit" Nr. 29 von Ass. I. Rosenthal über: Machsike Haöaß. Der verf. berührt in diesem Artikel die Frage der „ängstlichen Distanzierung" der neugegründeten ostjüdischen Machsike Hadaß in Berlin von der Aguöas Iisroel, ohne aber eine ausreichende Erklärung für diese Erscheinung zu geben, die nicht etwa einzigartig dasteht, sondern vielmehr für die ganzen in Deutschland lebenden Ostjuöe'n so sehr charakteristisch ist. Dieser Grund allein hätte aber nicht ausgereicht, mich zur Erörterung dieses etwas unerquicklichen Themas zu veranlassen, wenn nicht ein zweiter hinzugekommen wäre, und zwar der erneute Angriff Eh. I. Ciß' auf die rheinischen neutralen Keren- Hatorah-Gruppen in den Agudoh-„Llättern" Nr. 8. Der dritte und vielleicht ausschlaggebendste Grund ist, die Notwendigkeit, die jüdische Geffentlichkeit über die bisherige Tätigkeit dieser Gruppen und besonders der — ebenfalls nach der Berliner Konferenz im Januar ds. J§. gegründeten — Aguöas Horabonim und Aguöas Hachareöim bei den Ostjuden Rheinlands-Westfalens, zu informieren. Zunächst eine Feststellung: Diese eigenartige Erscheinung in der Beziehung der gesetzestreuen Ostjuden in Deutschland zur Aguöas Iisroel stellt sie in einen auffälligen Gegensatz zu den gesetzestreuen Juden im Osten selbst, wo die Aguöas Iisroel am stärksten verwurzelt ist. Dieser Gegensatz steht aber keineswegs vereinzelt da. Der aufmerksame Beobachter wird noch eine ganze 2lnzahl anderer Erscheinungen feststellen können, die erhebliche Unterschiede zwischen der Einstellung der Juden im Osten und der Ostjuden im Westen aufweisen. Der Grund dafür dürfte folgender sein: die im Westen lebenden Ostjuden haben zum größten Teil vor und während des Weltkrieges den Osten verlassen und seither den Konnex mit dem Osten verloren. Nach dem Weltkriege haben die westlichen Staaten im allgemeinen und Deutschland im besonderen die Immi- *) Die Hoffmann'sche Mischna-Uebersetzung ist fast vollendet. Die letzten Teile von minv no werden zur Zeit mit einem von Dr. Moses Auerbach in Berlin geschriebenen Kommentar in der Hermon-Druckerei hergestellt und werden in einigen Monaten fertig sein. Alsdann ist das ganze Werk, im Verlag von $). Kanel, auch durch den Hermon-Verlag, komplett beziehbar. _ 11. August 1932 grätionsmöglichkeit so erschwert, daß danach dein Kriege Cingewanöerten nur einen kleinen Prozentsatz unter den Ostjuden im Westen bilden.? Per jüdische 'orthodoxe. Osten hat aber bekanntlich gräd^e während und nach dem Kriege eine erhebliche Wandlung. in mancher Beziehung öurchgemacht und manche seiner alten Anschauungen gründlich revidiert. Um nur einiges zu nennen: Ihre Einstellung zur politischen Selbständigkeit der Orthodoxie, zur Kinder- und besonders zur Mädchenerziehung,. zum Handwerk und zum profanen wissen. Diese Wandlung haben die ausgewanöerten Ostjuden nicht mehr mitgemacht. Die Struktur der inr Westen lebenden Ostjuden ist so ziemlich die gleiche^ wie die der ganzen Ostjuden vor ca. 20—30 Jahren. Die etwaigen Wandlungen, die die ausgewanöerten Ostjuden unter dem Einfluß der neuen Umgebung öurchgemacht haben, sind naturgemäß ganz andersgeartet als die der Juden im Osten und bringt sie nicht jenen näher, sondern im Gegenteil, läßt die- Unterschiede noch krasser hervortreten. Zieht man dieses in Betracht, so hat man den Schlüssel für die Erklärung fast sämtlicher eigenartiger Erscheinungen, die bei den Ostjuden im Westen zutage treten. Es wird klar, weshalb die Ostjuden im Westen so wenig für die jüdische Erziehung ihrer Töchter tun, während grade auf diesem Gebiete heute im Osten mit aller Kraft gearbeitet wird, die alten Fehler wieder gut zu machen und das Beis-Iakow-Werk von Tag zu Tag an Einfluß und Ansehen gewinnt. Man versteht so ihre Einstellung zu den Erziehungsunb Iugenöproblemen, die so auffällig von der der Juden im Osten heute abweicht. Und schließlich ist dev Grund gefunden für die ängstliche Distanzierung von jeder Art politischer Organisation, in der sie — wie ehemals — nur eine kleinere oder größere Gefahr für die alte überlieferte Iüdischkeit sehen. Der schlimmste Fehler aber, der ihnen aus alter Zeit anhaftet, ist die mangelnde Selbstachtung dev orthodoxen Ostjuden und der ungeheure Respekt vor jedem modernen Intelligenzler; die feste Ueberzeugung, daß der orthodoxe Jude nicht die Fähigkeit besitzt, repräsentativ genug zu wirken und seine Interessen nach außen hin wirksam zu vertreten. Sie üben deshalb noch die alte — im Osten selbst längst abgelegte — Taktik, bei jeder Gelegenheit Schutz unter den Fittichen der „Modernen" zu suchen undihre lebenswichtigsten Interessen von Menschen vertreten zu lassen, die keinerlei innere Beziehung zu diesen Interessen mehr haben. was Wunder also, daß die Zionisten, die doch das Kontingent der für die Ostjuden nötigen „Mo- - dernen" stellen, diese Schwäche ausnutzen, sich als ihre Beschützer und Sachwalter gebärden und den Eindruck verbreiten, als wären sämtliche Ostjuden treu ergebene Zionisten. Die wahre Einstellung des orthodoxen Teiles — und der ist ja der überaus beträchtlichere — dieser Ostjuden zum Zionismus ist im Grunde genommen nicht anders, als die Einstellung der Alten zur..Assimilation. Genau so wie jene sich von den Assimilanten vertreten ließen, ohne eine innere Beziehung zur Assimilation zu haben, so lassen sich diese von den Zionisten bevormunden, ohne irgendwelche Sympathie für den Zionismus zu hegen. Im Gegenteil, der Zionismus wird von ihnen noch stärker als die Assimilation abgelehnt, da sie in ihm mehr Gefahr erblicken und ihm die von ihm bewirkte Entfremdung ihrer eigenen Kinder nicht verzeihen können. Cs ist also falsch, anzunehmen, die Ostjuden im Westen stünden dem Zionismus näher als der Aguöas Iisroel. wahr ist, daß sie beiden innerlich gleich fremd sind, die religiöse Agudoh aber ihnen immerhin mehr Sympathien abringt als der areligiöfe Zionismus. Die Beziehungen zu den Zionisten — nicht zum Zionismus — aber, ist die der Wüstenkarawane zu, ihrem Führer, in dessen Hand sie ihr Schicksal glau-! ben. Denn nicht anders fühlt sich, der Ostjuöe im, Westen, wo ihm' auf Schritt und Tritt Gefahren drohen, und er nicht in sich die Kraft verspürt, sich selbst zu helfen. Um sich nicht die Gunst dieser mächtigen Beschützer zu verscherzen, gehen sie jeder Annäherung an die Aguöas Iisroel ängstlich aus dem

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