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Der Israelit · 1932-08-11 · Heft 33 (11.8.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 33 (11.8.1932)
Date
1932-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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11. August 1932 Der Rsvaelit Nr. 33 Seite 3 den religiösen Liberalismus, öen alleinseligmachenden, die Vernunft vergötternden Rationalismus und den historischen Materialismus eines Karl Marx aus dem Geiste der jüdischen Wahrheit heraus ablehnt. Aber wir -lassen uns diesen Born der jüdischen Wahrheit — dessen absoluter wahrheitscharakter sich grade in der Synthese aller versprengten wahrheitssplitter bewährt ^— auch nicht von der Angst vor der Gasse oder von der Einseitigkeit eines Uriel Birnbaum verschütten; wir lehnen es'ab, nun plötzlich Thorageist und rabbinische Ueberlieferung dogmatisch gegen Vernunft und Wissenschaft, gegen Sozialismus als ökonomische Theorie oder gegen den Pazifismus als sittliches Postulat festlegen zu lassen, selbst wenn es zeitgemäß, ja sogar politisch vorteilhaft ist. wir wollen nicht wie Espenlaub von jeder Tagesströmung hin- und hergeschüttelt sein, sondern lieber versuchen, die Wurzeln unserer geistigen Kraft tief in öen Weisheitsschatz unserer religiösen Ueberlieferung zu senken, mit der Uriel Birnbaum bei all seiner individuellen Geistesschärfe und Denk-Cnergie doch vielleicht nicht gründlich und innig genug von Jugend auf vertraut sein dürfte, um autoritativ zu verfügen, was jüdisch sei und was nicht. was aber Einstein und Fre u'd betrifft, so scheinen uns auch hier Uriel Birnbaums Dekretalien weit übers Ziel hinauszuschießen. Zunächst entspricht es nicht den Tatsachen, daß — soweit wenigstens unsere Kenntnis und unsere Erinnerung reicht — in wahrhaft orthodoxen Blättern (von misrachistischen abgesehen) jemals ein Einstein- oder Freud-Kultus getrieben worden wäre. Man hat diesen Männern immer, ohne ihre fachlichen Leistungen als Mathematiker, Physiker oder Mediziner hämisch verkleinern zu wollen, in kühlster Kritik gegenüber gestanden und ihre dilettantischen Ausflüge in die Metaphysik und in die Religionsgeschichte mehr oder minder scharf abgelehnt. Gewiß, man könnte darüber hinaus den Standpunkt vertreten, daß gerade aus dem Geiste des Judentums heraus abgefallene Söhne des jüdischen Stammes, auch wenn ste als jrn mpirn önrnnfür ihren Werdegang nicht verantwortlich sind, in den Spalten jüdischer Blätter gar nicht erwähnt werden sollten. Aber was wäre damit unter volkspädagogischen Gesichtspunkten erreicht? Ist es nicht sicher, daß der Weltruhm dieser Abtrünnigen dennoch in die finsterste Gasse des entlegensten jüdischen Ghettos dringen und dort viel, viel mehr Unheil anrichten würde, als wenn man in Wahrheit fruchtbare, positive Kritik an der geistigen Lebensarbeit solcher Männer jüdischen Stammes ebenso übt wie an derjenigen der großen G'tteshasser, mit denen uns das Christentum beschenkt hat? wenn man die Lüge von der Wahrheit, das Werk der iona snüD von demjenigen der auch hier unbewußt wirkenden gütlichen Weltvernunft zu sondern und diese Wahrheiten dann in öen Dienst der G'tteserkenntnis zu stellen sucht? Ihre These, verehrter Herr Birnbaum, daß die Psychoanalyse als medizinisches Heilverfahren und die Relativitätstheorie als mathematisch-physikalische Fachhypothese nun unbedingt — weil es die Antisemiten aus Bosheit behaupten — mit der gottlosen Weltanschauung dieser verfehmten Iuöenstämmlinge fundamental verknüpft sein soll, diese Hypothese ist ja höchst anfechtbar. Unserer laienhaften Einsicht scheint das Gegenteil viel wahrscheinlicher, worauf hier nicht eingegangen werden kann. wohl aber muß es ausgesprochen werden, daß die Ablehnung von Männern, wie Einstein und Freud, durch die öffentliche Meinung der Orthodoxie nicht etwa aus „nationaler Eitelkeit", wie Birnbaum unterstellt, allzu milde ausgefallen ist, sondern daß das Gefühl, rein menschlicher Anständigkeit, aber auch gut jüdischer Sitte dazu zwingt, gegenüber Männern, die von der internationalen antisemitischen Meute verfolgt und bekämpft werden, n u r w e il s i e I u - öen sind, naturgemäß eine gewisse Mäßigung aufnötigt. Und nun schließlich: die Wissenschaft als Cideshelfer der Orthodoxie, wir müßten ein Buch schreiben, um das Thema, das Birnbaum hier ganz aphoristisch angeschnitten hat, erschöpfend zu beleuchten. wir können unseren Kindern in Westeuropa nun einmal keine Scheuklappen anheften und mit einer diktatorischen Geste alles, was nicht thoragemäß ist, ohne jede geistige Auseinandersetzung einfach als unjüdisch in den Orkus verweisen. Ein solcher versuch würde nach kurzer Zeit zusammenbrechen und Tausende von jüdischen Seelen dem geistigen Untergang, dem Abfall, überantworten. Mehr als je sind die seelischen Bedürfnisse der Heranwachsenden Generation aufs äußerste differenziert. Die volkspädagogische Aufgabe der jüdischen Presse und der jüdischen Erziehung überhaupt ist angesichts dieser Tatsache, einer möglichst großen Zahl von Menschen die innere religiöse Sicherheit, die Gewißheit von der Wahrheit der religiösen Ueberlieferung zu schaffen und zu erhalten. Da kann nun in keinem Falle dekretiert werden, daß zu diesem klaren Ziele n u r der eine oder nur der andere Weg führen dürfte. Mag beispielsweise Herr Prof. Iahuda nichts .weniger als ein gläubiger Jude und hinter seinen Beweisen für die objektive Richtigkeit der Exodus-Tradition der Pferdefuß der Leugnung tausendfältig verborgen sein — wir haben doch kein Recht, seine positiven Forschungsergebnisse, die auf manche Dunkelheit erwünschtes Helles Licht fallen lassen und die dem einen oder andern ein mmx j?im werden könnten, der orthodoxen Welt vorzuenthalten. Damit ist in keiner weise der Wissenschaft das prinzipielle Entscheidungsrecht über das, was dogmatisch wahr und unwahr sei, eingeräumt; vielmehr verharrt Wissenschaft dabei durchaus in der Stellung der nirnvi mnpn und erfüllt damit eigentlich ihre Bestimmung, sich der G'tteswahrheit dienend unterzuordnen. wir lassen es damit genug fein. Das orthodoxe Judentum ist der geborene G'tteskämpfer gegen alle Dämonen der radikalen Auflösung sittlicher Bindungen, gegen den Geist des Radikalismus und des Materialismus und erstrecht gegen das atheistische Gebühren, wie es heute in der bolschewistischen Revolution der rohen Materie gegen den Geist überhaupt zum Ausdruck gelangt. Das wissen alle, die guten Willens sind und die, bevor sie über jüdisches Volk und jüdische Kultur urteilen, die Pflicht der Wahrheitsforschung erf ü l l en. Die es n i ch t wissen wollen, werden wir auch nicht durch unbegründete Anpassung an die Schlagwortphilosophie einer verzweifelnden Zeit bekehren, die die Vernunft totschlägt, um das B l u t zu vergötzen. Auch aus Birnbaums Kritik kann man sicherlich manches lernen und soll sich insbesondere durch sie zur Wachsamkeit mahnen lassen. Aber die deutsche Orthodoxie hat es nicht nötig, darob in ihres Vichts durchbohrendem Gefühle zu versinken; sie darf ihres Schabbos Rachamu trotz der Fastenpredigt froh werden und braucht öen Vorwurf der „unfaßbaren Blindheit", der „nationalen Selbstsucht" und der „verseuchtheit mit Eitelkeit" keineswegs als der Weisheit letzten Schluß über sich anznerkennen. '»V mm mm- (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Zur Lage in Deutschland. während schon das Bedürfnis nach einer gewissen Erholung und Entspannung bei den führenden Persönlichkeiten der deutschen Politik nach den nervenzerrüttenöen Aufregungen eines wochenlangen Wahlkampfes die Ungeklärtheit der ganzen politischen Situation begreiflich erscheinen läßt, haben die durch die Hetze geweckten bösen Geister der Mordsucht und terroristischen Leidenschaft den proklamierten Burgfrieden zum Gelächter gemacht. Unsere Leser finden an anderer Stelle dieser Rümmer eine kleine Zusammenstellung derjenigen dieser Terrorakte, die sich im besonderen gegen die Juden wandten und offensichtlich antisemitischen Charakter trugen. Das Schlimmste waren die Vorgänge in Königsberg, über die in der Pressekonferenz des Zentralvereins recht interessante Mitteilungen gemacht worden sind. Cs scheint in der Tat, daß ein planmäßiges Vorgehen vorliegt, das allerdings, wie versichert wird, nicht auf Weisungen der obersten Parteileitung der nationalsozialistischen Partei zurückzuführen ist, sondern von einer nationalsozialistischen Geheimo r g a n i s a t i o n ausgeht, deren Aktivität der Parteileitung sogar unangenehm sein mag. Der nationalsozialistische Hauptmann Göhring soll am 4. August in den Rcichsministericn vorgesprochcn haben, um zu versichern, daß die nationalsozialistische Partei sich mit allen Kräften für die Herstellung von Ruhe und Ordnung einsetzen wird. Die jüdische Bevölkerung Deutschlands wird jedenfalls gut tun, die Verven zu bewahren und nicht durch Zeichen übertriebener Angst ihren Feinden eine Genugtuung zu bereiten und sie zur Fortsetzung ihrer Einschüchterungspolitik mit Handgranaten und Schlagring zu ermutigen. Daß es zu Hnruhen größeren Umfanges kommen sollte, halten wir für unwahrscheinlich, nachdem die Reichsregierung zweifellos entschlossen ist, alle ihre Machtinittel zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit einzusetzen, wir dürfen auch überzeugt sein, daß der „Zentralverein deutscher Staatsbürger" nichts versäumen wird, den berufenen Sicherheitsorgancn tagtäglich ihre ungeheure Verantwortung vor Augen zu führen und ihr Gewissen zu schärfen gegenüber den kleinlich erscheinenden Attacken gegen einzelne friedliche Wohnstätten und Ladenschaufenster. Denn wenn diese kleinlich aussehcnden Ueberfälle unentdeckt bleiben oder dann durch minimale. Ordnungsstrafen geahndet werden, so liegt hierin für alle unruhigen Elemente geradezu ein Anreiz, sich das Gleichmaß ihrer Tage durch die schöne Romantik solcher heroischer Ausschreitungen zu würzen. Ist Tischo-beaw überholt? wir haben schon mehr als einmal uns für verpflichtet erachtet, an praktischen Beispielen aufzuweiscn, mit welch tödlicher Sicherheit das scheinbar ganz äußerliche Moment der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Organisation allmählich, freilich nicht von heute auf morgen, auf die innerste Gesinnung des Individuums einwirkt, unerschütterlich scheinende Festungen gläubiger Geisteshaltung unterwäscht, oder umgekehrt aus der Gemeinsamkeit des wollens und des Handelns auch für die innersten Bezirke des geistigen Lebens Antriebe erwachsen läßt. Ein Schulbeispiel für diese Tatsache bietet wieder einmal «das in Wien erscheinende misrachistische Blatt, das sich zum Trauerfasttage der Tempelzerstörung wie folgt vernehmen läßt: „Jahrtausende betrauerte das jüdische Volk an diesem Tage in Sack und Asche den Verlust seiner Freiheit... weinte und hoffte auf ein Wunder. Das Wunder kam nicht und langsam dämmerte die Erkenntnis auf, daß es-nur einen weg gibt zur nationalen Wiederaufrichtung und Befreiung des jüdischen Volkes, öen weg der S e l'b st h i l f e. Vicht im weinen und Klagen, in der starken Tat und dem unbesiegbaren Wollen liegt die Erlösung. wenn wir jetzt wieder öen leidensreichen Tag des neunten Aw begehen, geben wir uns nicht dem Schmerz über vergangenes Unglück hin, sondern der großen unzerstörbaren Hoffnung, daß dieser Tag bald in einen Frendentag gewandelt wird, wenn das zionistische Werk seine Krönung findet in der Errichtung des Iudenstaates in Palästina. Die Erinnerung an die Vergangenheit darf für uns nicht Totem gelten, sie muß Knospendes und Iugenöfrisches wecken: das unbeugsame wollen." wenn diese Sätze Herzls Feder entstammten, oder wenn ste in einem schlechtweg zionistischen Blatte ständen, . das von liberalen, vielleicht aus völliger Entfremdung in das zionistische Judentum eingewander-

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