Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1932)
- Date
- 1932-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Mr. 33 Der Israelit 11.- August-1932 denen die Vorsehung auch heute die deutsch-jüdische Orthodoxie begnadet hat — 12 pxw in “\b s'X (v'y Y'n) s’mn ^ktoiwi iras amaKD—: zusammcngeschlossen, sich gegenseitig ergänzend und ermunternd^ summieren sich auch die Geister zweiten Ranges zu eine m iras arnnK oder 8'2in ^xiaü* Warum also die üin bv rrm? Das zweite Symptom der Jämmerlichkeit unsrer Verfassung soll das Tryptichon unsrer drei Organisationen sein. Run ist es gewiß unverkennbar richtig, daß die agudistische Landesorganisation die Geschäfte der „Freien Vereinigung" schon im Jahre 19 i 2 unschwer hätte übernehmen können, und daß lediglich die sachlichen Meinungsverschiedenheiten über die prinzipielle und taktische Haltung der unabhängigen Orthodoxie zur Gemeindeorthodoxie diese Vereinheitlichung und Konzentration der Kräfte bis zum heutigen Tage verhindern. Aber wir finden diese Meinungsverschiedenheiten, solange sie nicht ins persönliche ausarten, keineswegs so jämmerlich, daß wir uns ihrer zu schämen hätten. Der wahrtraum, daß die durch die Identität ihrer jüdischen Weltanschauung, durch die einer ganzen Kulturwelt Trotz bietende gemeinsame .Yiiax an ö’jjbm ja .mv durch mxa r'pn von G'tt selber geeinten jüdischen Brüder auch organisatorisch z us a m m e n g e h ö r e n, über alle Grenzen lokaler sachlicher Gegensätze hinweg, dieser Wahrtraum wird nicht für immer Traum b l e i - b e n. Auch wenn noch eine Generation ins Grab sinkt, die vor Kraftlosigkeit und Schwäche sich an seiner Verwirklichung hindern lassen mag — e i n Thamischo oßor beaw muß doch dereinst kommen, an dem ein neues Geschlecht Liebe und Wahrhaftigkeit genug aufbringen wird, um diesen D,»:m''’»iPCnPEn'7p' nach dem die Zeit dürstet, zu vollziehen. Lassen wir uns bis dahin die ni2v bw nnaw an unsren Organisationen nicht vergällen! Die „Freie Vereinigung" mag ihre segensreiche Kleinarbeit in stolzer Autonomie ruhig weiterentwickeln und gelegentlich als unbequemer Zensor die anderen Verbände zur Reinerhaltung ihrer Prinzipien ermahnen. Der Halberstädter Verband erfüllt seine Aufgabe als Behörde am besten, wenn er auf Popularitätshascherei verzichtet und in ruhiger Objektivität seinen weg geht. Die deutsche Landesorganisation der „Agudas Isroel" aber, deren unzureichende Aktivität am meisten von denen verschuldet wird, die sie öffentlich am lautesten beklagen, sie hat am allerwenigsten Ursache, ihre ungeheure historische Leistung aus der Perspektive der cun bw rrsn verkleinern zu lassen. Denn sie hat mit ihrem Sein und verkünden, mit ihren Orts- und Iugendgruppen, mit ihrer Mädchen-, Frauen- und Csra-Organisation, mit ihrem den nnn zugeordneten rabbinischen Landesrate die gesetzestreuc deutsche Iudenheit aus ihrer lebentöt enden, assimilatorischen Isolierung befreit und sie nach mehr als hundert Jahren wahnbetörter, bis in die Kreise der Orthodoxie hineinreichender Verirrung wieder ein gefügt in de ri großen lebendigen Organismus desThocavolkes — — Wir sind — wenn wir die Dinge am Licht der lan: 7>2w-Kerzen beschauen — weder führerlos, noch jämmerliche Opfer einer sinnlosen Hypertrophie von Organisationen und wir sitzen nicht auf einem Scherbenhaufen. was uns fehlt, ist nur jenes U e b e r m a ß von Liebe und gegenseitigem verstchenwollen, das der Sturm von außen, der Zusammenbruch aller äußeren Stützen des Geldes und der Macht von der g e s e tz e s t r e u e n Iudenheit als Ganzem in ihrem Innern gebieterisch forderte. Was wir brauchen, ist eine Mußar- Bewegung, die uns den Sinn des mar p unter gesetzestreuen Brüdern lehrt und dazu noch die Ehrfurcht vor dem wirken und den Entscheidungen unsrer — lebenden — rabbinischen Autoritäten in Deutschland. II. In Rathan Birnbaums „Aufstieg", den man immer wieder mit hohem Genuß lesen wird, wetterleuchtet's und donnert's wieder einmal besonders kräftig gegen die dem nationalen Götzentum verfallene, „unfaßbar blinde", von dem „Gift nationaler Selbstsucht und Eitelkeit völlig verseuchte" deutsche Orthodoxie. Verfasser dieser „Drei - wochen"- Predigt ist die temperamentvolle Künstlernatur Uriel Birnbaums. Die bösen Orthodoxen sollen selber schuld daran sein, daß die Umwelt das ganze jüdische Volk in Bausch und Bogen als Träger der G'ttesleugnung und G'ttesfeindschaft, als Verkünder des Materialismus und Radikalismus ansehe, während doch nur ein paar Hundert abtrünnige Juden als Gelehrte, Literaten, Künstler diesem Gottlosentum verfallen sind und es in der Welt verbreiten. Die Schuld der Orthodoxie an dieser Identifikation der gesamten Iudenheit mit Materialismus und Gottlosentum legt Birnbaum vor allen Dingen der orthodoxen Presse zur Last, die nicht deutlich genug von „Liberalismus, Sozialismus, Pazifismus, Fortschritt und dergleichen" abrücke, die Männern wie Freud und Einstein ihre Bedeutung als reine Wissenschaftler zuerkenne, statt sie wegen ihrer Gottlosigkeit zu bagatellisieren oder zu verdonnern, die endlich törichter weise sich freue, wenn die Wahrheit biblischer Berichte durch Ausgrabungen oder wissenschaftliche Entdeckungen bestätigt werde. — alles Dinge, die lediglich auf „nationaler Eitelkeit" oder auf einer „Erkrankung des religiösen Empfindens" beruhen sollen, in Wirklichkeit Götzendienst gegenüber dein Zeitgeist sind. Run hat Birnbaum insoweit gewiß recht, daß die lange Zeit hindurch traditionell gewesene Verquickung auch der meisten gesetzestreuen Juden mit der politischen Linken eine Ucberorönung des politisch-emanzipatorischen Interesses über das religiös-weltanschauliche bedeutete. Aber man darf nicht vergessen, daß der natürliche Selbsterhaltungstrieb unsre Väter und Großväter an die Seite derjenigen führte, die für ihre gleichberechtigte Menschenwürde eintraten, und daß in jenen Tagen andrerseits auch die von kirchlicher Seite dem Judentum Jahrhunderte lang entgegengebrachte blutige Feindschaft oder Verachtung noch zu lebhaft in den Seelen lebte, als daß man sich so leicht der Solidarität der G'ttesgläubigen aller Konfessionen gegenüber dem eben erst langsam erstarkenden Radikalismus hätte bewußt werden können. Die Wunden der Inquisition und der mittelalterlichen Ghettopolitik mußten erst vernarben, bis eine jüdisch-christliche Front der G'ttesbekenner auch nur denkbar wurde. Die Gerechtigkeit einer solchen historischen Betrachtungsweise kann man von unsren Feinden nicht verlangen — ein jüdischer Mahner dürfte und müßte sie sich zu eigen machen, bevor er sich zu starken Worten hinreißen läßt, die das Kind mit dem Bade ausschütten. Aber auch heute, da grade die Führung der deutschen Orthodoxie seit mehreren Jahrzehnten bemüht ist, ihre Bekenner politisch an die Seite des Zentrums zu führen, nicht etwa aus Interesse allein, sondern aus weltanschaulichen Gesichtspunkten heraus, auch heute dürfen wir uns nicht dazu Hinreißen lassen, uns die Linie unserer kulturpolitischen Stellungnahme von unsren geschworenen Feinden diktieren zu lassen, worauf Birnbaums Tendenz letzten Endes wider seinen willen hinausläuft. Heute wird der Tod des „Liberalismus" auf allen Gassen verkündet, daneben auch die Absetzung des „Rationalismus", der Ersatz des Sozialismus durch den Faschismus und die Aechtung des Pazifismus zu Gunsten des Rechts auf Mord und Totschlag zur höheren Ehre des autarkie-frohen nationalen Lebensgefühls. wir wissen schon, daß in all diesen Reaktionen gegen erstarrte oder ins Uferlose hinausgetriebenen Denk- und Lebenssysteme etwas wahres und Berechtigtes steckt, und wir können als orthodoxe Juden damit zufrieden fein, daß unsre Jugend sich heute nicht mehr als „kulturlos" zu verkriechen braucht, wenn sie Rettungsanker. Von Jacob Teßler in Nürnberg. '71 19 712191 B'0',1 71'17>82 71-871 B’12171 -2 qiRXOl ~\b "1X2 •1^1j?2 7190191 „In deiner Bedrängnis und wenn dich betroffen haben alle diese Dinge, so wirst du in spätern Zeiten zurückkehren zum Ewigen, deinem G'tte und seiner Stimme gehorchen." (5. B. M., 30). Hierzu bemerken unsere Weisen im Midrasch (Rabat, 5, 14): Wie einst bei der Befreiung aus Aegypten, wird Israel auch künftig durch fünf Dinge erlöst werden: Durch Not, durch Rückkehr, durch Ahnenoerdien st, durch g'ttliches Erbarmen und durch natürlichen Ablauf der Goluszeit. Durch Not! Diese hat nun mit elementarer Gewalt leider eingesetzt. Sie herrscht allerorts in jüdischen Häusern und nimmt Dimensionen an, die auch den Aufrechtesten zu Boden drücken. Nach außen umgeben von einer eisernen Mauer des Hasses, nach innen der fast unerträgliche Existenz- und Daseinskampf - omnoi mn -21971 pn» n»ix — Trüb und sorgenvoll ist unsere Zukunft, gehemmt unsere Entwicklung und bedroht unsere Existenz; größtenteils entwurzelt stehen wir am Scheidewege, an dem Abschnitt '121 tikxoi 1- 1x2. — Allein diese scheinbar harte Verkündung wirkt auf unsere Seele wie reinigendes Gewitter, weil sie uns gleichzeitig die tröstliche Botschaft kündet: 1-1P2 7190V1 'n 19 712191 „Und du wir st zur ück kehren zum Ewigen deinem G'tte und seiner Stimme gehorchen". — Je härter der Druck, desto näher rücken wir diesem Ziele entgegen. Zum besseren Verständnis diene folgendes Beispiel eines unseres geistvollsten Schristerklärers, Rabbi Jakob Dubna. Ein Fürstensohn entartete und wurde von seinem Vater verbannt. In seiner väterlichen Liebe und um den Sohn nicht ganz dem Elend und Hunger preiszugeben, unterstützte er ihn heimlich und ohne dessen Wissen. Es verstrich eine lange Zeit und der Vater grämte sich sehr über das Los feines von ihm verstoßenen Sohnes. Es war aber gegen seine Würde, den Sohn wieder zu sich zu rufen. Ein vertrauter Freund und Ratgeber des Fürsten sprach nun zum Vater: „Ich weiß, was dich bedrückt, du sehnst dich nach deinem Sohne und magst ihn nicht zur Rückkehr aufforöern. Nun höre auf meinen Rat und dein Sohn wird von selbst zu dir kommen. Ich weiß wohl, daß er sein Auskommen heimlich von dir erhält. Wie könnte er sonst in seiner Verbannung existieren? Entziehe ihm jegliche Unterstützung, der Hunger wird ihn zwingen, dich aufzusuchen und dich zu bitten, ihn wieder auszunehmen." Auch wir mußten infolge Entartung ins Exil. Die Güte unseres himmlischen Vaters versagte auch da nicht. ,'121 BVIOKO 8llN'2'1« pK2 B711'712 71RT B2 r,«1 Wenn wir aber sehen, daß unsere Quellen versiegen, Armut und Elend an unsere Türen pochen und uns Recht und Nahrung entzogen werden, so ist dies ein von G'tt angewandtes Erziehungsmittel, daß wir uns an Ihn wenden und zu Ihm zurückkehren. — Von den genannten fünf zur Erlösung beitragenden Dingen sind vier bei G'tt und das eine: „Rückkehr" ausschließlich in unseren Händen. Man ist in den westlichen Ländern feit einem Jahrhundert auf der Suche nach Hilss- und Heilmitteln zur Erhaltung und Hebung des Judentums, die erfahrungsgemäß dem Judentum nicht genützt, sondern dasselbe unterwühlt, verfälscht und gefährdet haben. Vermöge der ausfindig gemachten Hilfsmittel entstand ein Judentum, das innerlich hohl, ohne Halt und ohne Rückgrat, ohne Saft und Lebenskraft ist. Von derartigen erfundenen Heilmitteln sagt der Prophet Jeremia (46, 11): n'21.1 rriv- 1-pn 71-9717iirri3i. „Umsonst häufst du Heilmittel, d ir wird nicht Genesung!" Wir Juden haben nur einen einzigen Rettungsanker: völlige Rückkehr zu G'tt und Thora. So sehnlich wir unsere Erlösung aus dem Golus herbeisehnen, so harret G'tt unserer T'schuwo entgegen! B'71713 B2- 717113 '281 0710 ^^9 7111712 71211971 -19 171R 71713 '- 171713 .12 711D223 711-29 1M19 „Oeffnet mir nur ein Türchen zur Rückkehr, wie die Spitze einer Nadel und ich öffne euch die weitesten Türen." „Würde Israel auch nur einen Tag Buße tun, es würde sofort durch Moschiach erlöst werden!" (Midrasch Schir-Haschirim). Dieser Verbürgung unserer Weisen Skepsis entgegenzubringen, sie als naiv und übernatürlich kopfschüttelnd zu belächeln, hieße Verleugnung unserer Vergangenhett und Preisgabe unserer Zukunft. Unsere ganze Geschichte ist eine Kette voll Wunder, die noch lange nicht geschlossen ist. Die hämische Aufforderung unserer Feinde „Fertigmachen nach Palästina!" kann und soll 7117,02 i2w'2 lebendige Wahrheit werden. Natürlich nicht nach dem Rezept und Geschmacke unserer Feinde, sondern im Sinne und im Geiste des Psalm 126, dessen Inhalt, wie so manche andere Worte aus jüdischem und nichtjüdischem Propheten- und Weisenmund, all unsere Gegner nachdenklich machen und zur besseren Besinnung bringen soltte!