Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-08-04 · Heft 32 (4.8.1932) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 32 (4.8.1932)
Date
1932-08-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450735--78978-2536714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 10 Nr. 32 Der Israelit 4. August 1932 genießen. Abends, wiederum nach gemeinsamem G'ttesdienst, stellen wir das Radio ein und hören bei Heringssalat und saurem Rahm die „Stunde, des Staates". Oft arbeiten drei Sender ineinander, als wäre, G'tt behüte, das Chaos schon da. Eine geharnischte Rede H u g ende r g s wird von einer lieblichen Tanzmusik aus Bern begleitet. Dazwischen flötet eine Diva aus einem Amsterdamer Kabarett. Ein tiefer Baß brummt von irgendwoher die neuesten Sportberichte. Schleicher redet sich heiser über die Bedeutung der Militärdiktatur, beständig gegen allerlei atmosphärische Störungen ankämpfend. Entgegenkommenderweise bastelt unser liebenswürdiger Wirt am Apparat heruni, will die deutsche Politik von Nebengeräuschen befreien, greift daneben und greift damit, ohne es zu wollen, mit starker Hand in den Gang der Weltgeschichte ein. „Nur eines kann uns helfen!" ereifert sich Hugenberg. „Fräulein, noch eine Portion Heringssalat!" . . . „Brrrrr! . . ." heult ein Rückkoppler, und die ganze Welt ist ein Narrenhaus . . . Zwischen dem einen und dem anderen Erleben, zwischen Sonnenauf- und Untergang, hat das Programm des Kurtages, bei strahlender Sonne wie bei strömendem Regen, nur drei Punkte: Ruhe, Ruhe, Ruhe! . . . Es wird hier wenig von der N o t gesprochen — nicht weil sie nicht da ist, sondern weil der Gedanke an sie in der grünen Unendlichkeit untergeht. Man hört, im Gegensätze zu anderen Bädern, hier wenig von Krankheiten reden — weil man von den Heilwässerlein an der Sinn mehr Erholung im Ganzen als Heilung von Spezialleiden erwartet. Auch von der Weltkrankheit, genannt „Politik", ist hier wenig die Rede — weil hier die Welt so weit, so grün ist und die Raum für alle versprechende Weite den Schritt mäßigt, die Stimme dämpft und die Blicke entgiftet . . . Im krassen Gegensatz zu allen Bädern, die ich kenne, wird hier überhaupt nicht vom Essen gesprochen — weil dieses so gut, so reichlich, mit soviel Liebe zubereitet und serviert wird, daß kein Anlaß zu Tadel und Kritik gegeben ist. Und wo es nichts zu tadeln und zu kritisieren gibt, lohnt es sich bekanntlich überhaupt nicht zu reden . . . Abend für Abend marschieren die Parteien auf und sprechen auf uns aus dem Tohuwabohu der Weltgeräusche im Radiokasten ein. Wir kennen hier nur zwei Parteien. Wenn man, angekommen, den Weg vom Bahnhof hinunter wallt, dann entscheidet man sich entweder für rechts, wo die Fichten und Kastanien im Strauß'schen Garten winken, oder für links, wo die weißen runden Tische auf der Kaufmann-Veranda gedeckt sind. Beide, Straußisten und Kaufmannisten, wahren den Burgfrieden. Die Linke treibt keine Obstruktion und die Rechte keine „Straußpolitik". Im Geistigen und Geselligen, auch im Religiösen, finden sich beide Parteien — am meisten in der Abneigung gegen jede Politik. Der Ausnahmezustand war bereits Mittwoch Mittag verhängt. Wir erfuhren es erst richtig am Donnerstag den siebenzehnten T a m u s, nachdem wir in den Slichaus gebetet hatten: „An diesem Tage siegte der Feind und es wurde emgebrochen in die Stadt . . Der Ausnahmezustand wurde wieder aufgehoben, und wir betrugen uns zwölf Stunden lang unnützerweise so brav und so zahm als wären wir noch im Ausnahmezustand. (Oder galt die ganze Sache nur für Berlin und Brandenburg? Wir haben es hier nicht so genau studiert.) Der Reichskommissar für Preußen hat uns natürlich tief erschüttert. Unser Trost: wir sind in Bayern . . . Ja, die Bayern! Sie stellen das größte Kontingent in unserem Hotel und gut neunzig Prozent zu dem täglichen Minjan. Der „zehnte Mann" ist in der Regel ein Preuße . . . Norddeutsche, die hier zur Kur weilen — man findet hier Kurgäste aus Schlesien, Schleswig, Ostpreußen — können nicht genug staunen über den guten gesunden jüdischen Kern im einfachen Mann aus der süddeutschen Landgemeinde, der es im Ganzen versteht, sich sein Heilbad auch zu einem geistigen und religiösen Gesundbrunnen zu gestalten. Diese Erfahrung mit dem Bayern und seinem süddeutschen Nachbar machen wir übrigens nicht allein auf dem Kurplatz, sondern in noch höherem Maße auch in der süddeutschen Großgemeinde. Die Reserven im Hinterlande! . . So ist hier der Boden gegeben für geistigen Austausch. Vorträge über jüdische Fragen finden ein Publikum, das so interessiert und dankbar jede Nuance aufnimmt wie selten ein Auditorium in einem Vortragssaal der Großstadt. Dem Wahlsonntag wird mit der Ruhe entgegengesehen, wie sie nur der Ausblick auf die dunklen Hügelketten und die von der rauschenden Sinn umschlängelten grünen Wiesen dem Auge und Herzen geben kann. In dieser Beschaulichkeit und Ausgeglichenheit ist die Heilkraft von Bad Brückenau begründet. (Der Wahlausgang hat inzwischen die Ruhe gerechtfertigt.) Ein neues Paket Himmelblau, eine neue Goldkiste Sonne ist eben von Süden angelangt. Sie wird im Moment eilig ausgepackt. Stück für Stück fällt die graue Watte ab, und blanke Sonne lacht zwischen den Aesten, vergoldet die Hänge und zieht helle Streifen über den grünen Teppich im Tale. Das „Kleine Paradies" zwischen den Rhönbergen schmückt sich zum Empfange der neuen Gäste, die nach „Sturm" und „Zerstörung", d. h. nach den Wahlen und dem „neunten Aw", hierher kommen, um zu sehen: „Wie schön die Welt ist hier im Tal, wo der Mensch nicht ist mit seiner Qual . . ." _ -tz- Der „heilige Zehudi". Leben und Lehre des vor 150 Jahren in der chaffidischen Welt weit berühmten Rabbi Jacob Jizchok aus Przysucha (bei Radom), der sich den Beinamen piipn 'ivpn erworben hat, find zwei gut ausgestattete und in einem schönen flüssigen Hebräisch geschriebene Broschüren gewidmet, die Rabbi Zwi Meir R a b i n o - wicz in Krakau soeben herausgibt.*) Der Verfasser, der für die 135 Seiten seines Buches eine weit größere Fülle von kritischer Quellenforschung zu bewältigen hatte, als der weniger kundige Leser annehmen wird, hat sich nicht darauf beschränkt, die Lebensgeschichte des Jehudi mit all ihrem Rankenwerk von Legenden und Volkserzählungen wiederzugeben, sondern er hat sich zunächst mit Erfolg bemüht, den ganzen historischenHint er g rund zu zeichnen, auf dem sich das Leben des Rabbi Jacob Jizchok aufbaut, feine Stellung innerhalb der Entwicklung der chassidischen Lehre gegenüber seinen Vorgängern und den zeitgenössischen Größen des Chassidismus abzugrenzen und so ein klares umfassendes Bild von seiner persönlichen Bedeutung und derjenigen seiner Schule zu geben. Rabbi Jacob Jizchok fühlte sich als Schüler des „Sehers" von Lublin und er hat diesen bis an sein Lebensende als Lehrer verehrt; aber die Vorsehung wollte es, daß er — oft unter tragischen Konflikten — in einen gewissen Gegensatz zu diesem seinem Lehrer und zu den beiden anderen zeitgenössischen Größen des Chassidismus, Rabbi Mendele von Rimanow und dem Magid von Kosnitz treten mußte. Jene drei find die ragenden Vertreter des volkstümlichen, in der Ukraine wurzelnden und auch nach Galizien und Kongreßpolen übertragenen Chassidismus des Baal Schein, der, ganz eingestellt auf die seelischen Bedürfnisse der Masse, diese durch ein Wiedererstehen der prophetischen Wundertätigkeit inmitten der kaum erträglichen Widerwärtigkeiten der Zeit in ihrem Glauben und in ihrer Zuversicht stärken und aufrecht erhalten will. Rabbi Jacob Jizchok hat gegenüber dieser Richtung des Chassidismus in Kongreß'polen eine ähnliche historische Mission vollbracht, wie sie dem Raw von Ladi im litauischen Gebiet beschieden war. Er war selber ein hervorragender Talmudgelehrter und diese talmudische Geistesschulung befähigte und zwang ihn, einen Chassidismus für die Talmide Chachomim, für die geistige Elite zu schaffen, die in geringerem Maße auf Wundertätigkeit, auf persönliche Stütze und Beratung in den Wechselfällen des Lebens Wert legten, als auf eine weltanschauliche Vertiefung, auf metaphysische und ethische Durcharbeitung des von Talmud, Midrasch und Kabbala gegebenen Traditionsstoffes. Eine besondere Eigentümlichkeit, die nicht unbedingt notwendig mit dieser Grundtendenz der Lehre des Rabbi Jacob Jizchok verknüpft war, ist die von ihm ausgegangene unbegrenzte Verschiebung der Gebetzeiten, das Hinausschieben des Morgenqebetes, bis durch stundenlange Beschäftigung mit Lernen und Selbstbesinnung die ausreichende psychische Vorbereitung für das Gebet erzielt ist. Es scheint, daß Rabbi Jacob Jizchok selber diese Lizenz gegenüber dem Religionsgesetz gar nicht für die Masse des Volkes wünschte, sondern nur für Auserwählte, deren Gebet in der Tat einen besonderen, alle irdischen Fesseln abstreifenden Charakter trug, so wie er selbst nach jedem Gebete physisch vollkommen erschöpft war. Aber die Bewegung wuchs über ihn hinaus und führte u schweren Konflikten innerhalb der chassidischen Welt elber. Rabbi Jacob Jizchok ist der Stammvater auch der Kozker chassidischen Schule, über deren Entwicklung schon manches geschrieben worden ist. Wir konnten hier nur die wichtigsten Züge der außerordentlich reichhaltigen und fesselnden Darstellung andeutend wiedergeben, ohne dabei der reichen Fülle von Einzelheiten, die das Buch bringt und die mitten hineinführen in das innere Leben der verschiedenen Strömungen des polnischen Chassidismus, gerecht werden zu können. Im Anhang gibt der Verfasser einige Lehrworte des pvrpn mrp wieder, die sich nirgends an einer Stelle zusammenfinden, sondern durch die ganze chassidische Literatur verstreut sind. Hier seien zwei von diesen Worten als Kostprobe wiedergegeben: G'tt sagte dem jüdischen Volke vor der Offenbarung am Sinai: "ninao ■>’? nn”m« Der Begriff nViao wird angewandt aus Heilmittel für Kranke. Man versteht unter einer nbirv jedoch bekanntlich ein solches Heilmittel, dessen Wirksamkeit nicht nach den dem Naturforscher sich erschließenden natürlichen Gesetzen der Arzneimittellehre erfolgt, sondern das auf mystische, dem Verstand nicht erschließbare Art und Weise seine Wirkung ausübt. Der Arzt verschreibt Medikamente auf Grund seines rationalen Wissens und er kann sich Rechenschaft darüber abgeben, auf welche Eigenschaften des Heilmittels er die zu erzielende Heilwirkung gegründet glaubt. Wer aber einem Kranken eine n^av gibt, gründet die Wirkung nicht auf seine ratio, sondern auf den Glauben. Das ist. sagte Rabbi Jacob Jizchok, die Beziehung Israels zu seinem G'tte. Sie reicht hinaus über alle rationalen Beziehungen, sie ruht nicht auf natürnna ’imini i"n iaa> -enipn 'iinm -nnv'vva pns’ apr ->ai (* -wiam mv.y'aia'aiznani'«» mac- Selbstverlag des Verfassers, Krakau, Wawrzynca 11 (PKA "413.287). Preis Doll. 0.50. licher Berechnung und verständiger Erwägung. Ihr sollt mir eine nV-uo sein, ruft G'tt! Eure Liebe zu mir und Euer Angeschmiegtsein an mich sei ein Innerliches, Verborgenes, über allen Verstand der Verständigen Hinausreichendes, ein Mysterium. Ein zweites Wort. Wir preisen in den Psalmen G'tt als den, „der Arzt ist denen, die gebrochenen Herzens sind und heilet ihre Schmerzen" Wie?, fragt Rabbi Jacob Jizchok, sollten wir das Gefühl des gebrochenen Herzens als eine Kr a n k h e i t betrachten, die wir beseitigen wollen? G'tt ist ja nahe denen, die gebrochenen Herzens sind und G'tt bedient sich, so sagt der Sohar, nur zerbrochener Geräte. So würde also die Beseitigung des Gefühls des gebrochenen Herzens kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt sein. Die Antwort lautet: Gewiß ist das Gefühl der Demut, der inneren /Herzensgebrochenheit Vorbedingung für das höchste sittliche Leben. Aber dieses Gefühl der Gebrochenheit des Herzens muß in geheimnisvoller Weife mit dem Gefühl der höchsten Freude und Beglückung verbunden sein. Die Schechina weilt ja nicht bei dem, der traurig ist. Das ist der Sinn des zweiten Teiles des Verses. G'tt heilt die Trauer (axy), die sich leicht mit dem Gefühl des gebrochenen Herzens verbindet. Er läßt uns gebrochenen Herzens sein und schenkt uns dennoch die Kraft, dabei in höchster ewiger Freude zu verharren. (Sodom gefunden?) „Osservatore Romano", das Amtsorgan des Vatikan, teilt mit, daß bei den Ausgrabungsarbeiten auf dem Gelände der biblischen Stadt Sichem, die auf dem Bergpah des Garigim stand und die Straße des Jordan-Tales schützte, viel interessante Einzelheiten entdeckt wurden. Sichem ist von Völkern erbaut worden, die älter als die Juden sind, wahrscheinlich von den Hyksos. Jetzt sind die zyklopischen Stadtmauern aufgefunden worden. Sie zeigen klar den ausgesprochen strategischen Charakter der Stadt. Die vom vatikanischen biblischen Forschungsinstitut gemachten Ausgrabungen haben laut „Osservatore Romano" auch zur Entdeckung jenes Heiligtums geführt, das dem Götzen Baal geweiht war. Dieser Tempel wird als der größte Kanaans angesehen. Der Bau des Tempels geht in die Bronce-Zeit zurück (etwa 1500 v. d. übl. Ztr.) Seine Zerstörung wurde durch Feuer verursacht. Die genaue Untersuchung der aufgefundenen Trümmer und der zum Teil gut erhaltenen Tempelzellen bestätigt die Darstellung im „Buche der Richter", wo vom elenden Ende der Einwohner Sichems erzählt wird, ihrem Untergang beim Brande der Stadt. Ob auch Sodom und Amora bei den Ausgrabungen des Biblischen Forschungsinstituts des Vatikans aufgefunden wurden, ist, wie der römische Korrespondent des „Berliner Tageblatts" feinem Blatte mitteilt, zu einer Streitfrage geworden. Die Entdeckungen der Jesuiten aus dem Biblischen Institut, die sie bei dem heutigen Teleilat machten, haben in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen erregt, gerade auch weil die Hypothese austauchte, es handle sich um Sodom und Amora. In diesen Namen lebt die Vorstellung aller Sittenverderbnis, aller Pracht, des größten Luxus, der vermessensten Hybris der Menschen, die ein Strafgericht G'ttes herausfordern könnten. Wer aber reiche Stätten nach Art der Königspaläste Sardanapals zu finden hoffte, steht erstaunt vor einem ärmlichen Dorf von bescheidenen Ackerbauern. Kleine Häuser stecken halb in der Erde, Vorratskammern und Getreidelager sind in den Erdboden gegraben und blieben so von der himmlischen Zerstörung verschont. Der Herd in den Häusern ist primitiv nach Art der Araber. Die aufgefundenen landwirtschaftlichen Werkzeuge sind aus Stein. Die einfachen Gräber zeigen die Armut der Bewohner. Nichts von dem reichen Gerät, dem Schmuck und dem Prunk, wie andere Gräber es hatten. Die Funde, die dort gemacht wurden, haben auch die ältesten Malereien ans Licht gebracht, die im Becken des Mittelmeers, mit Ausnahme der ägyptischen Malereien, bekannt sind. (Kalender für 5693.) Die Firma I. Kauffmann-Verlag bringt in diesem Jahre wiederum ihren alt eingeführten Frankfurter Israelitischen Wochenkalender zum Preise von 90 Pfg. auf den Markt, der diesmal sein 25 jähriges Jubiläum .feiert. Es ist ein Wandkalender mit wöchentlich abreißbaren Blättern, der auch detaillierte Angaben über Sabbat-Ein- und Ausgang usw. in den meisten größeren Gemeinden Deutschlands sowie darüber hinaus von Wien, Prag und Budapest enthält. Wochenkalender vom 6. - 13. Aug. 1932 ' rom 4- - 11. Ab 5692 Samstag 6 4 lim nav llman Sonntag Au 7 5 8' Montag 0- 8 6 2' Dienstag 9 38 7 2' Mittwoch 10 8 1' Donnerstag 11 9 1v aya nsvn Freitag 12 10 w Samstag 13 11 nana naw pnnxi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.