Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1932)
- Date
- 1932-08-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450735--78979-2536715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4. August 1932 Sprechsaal. Jur sexuellen Frage. Ich werde im folgenden zur Erhärtung des von Dr. Jacob Levi in seinem Artikel „Die sexuelle Not der Gegenwart" als gewissenhaft zu befolgenden Forderung dargestellten 1211'112 noch den Beweis beibringen, daß auch vom bevölkerungs qualitativen Standpunkt aus gesehen eine große Kinderzahl nur erwünscht ist, sowie daß gegen verschiedene Präventivmittel, die heute zahlreich angewandt werden, weitere Bedenken schwerster Art geltend zu machen sind. Auf dem 6. Kongreß für Kriminalanthropologie im Jahre 1908 hielt Louis G. Robinwitfch ein Referat über „The genesis of the genius",*) in dem er zu dem Ergebnis kam, daß nur sehr wenige Genies Erstgeborene sind, dagegen viele späte Sprößlinge ihrer kinderreichen Eltern. Es würde hier zu weit führen, auf die Problematik des Vortrags im einzelnen einzugehen. Hier fei nur auf das Wichtigste hingewiesen. Benj. Franklin war das jüngste von den 17 Kindern seiner Eltern, Schubert das 13. von 14 Kindern, Washington das letzte von 11, Napole-on von 8, R. Wagner von 7, Rembrandt von 6 Kindern; K. M. von Weber war das 9. Kind seiner Eltern, u. a. m. Die Mehrzahl der großen Männer wurde von ihren Eltern gezeugt, als diese selbst im reiferen Alter standen, d. h. zu einer Zeit, zu der diese über ihre größte potentielle Energie verfügten, also 30 und mehr Jahre alt waren. R. teilt die Lebensgeschichten von 74 willkürlich herausgegriffenen berühmten Leuten als Beweis hierfür mit. Unter den 74 waren nur 9 Erstgeborene^ und zwar: von 42 Dichtern und Schriftstellern sechs (es handelt sich u. a. um Heinrich Heine); von 17 Malern einer (Leon, da Vinci) und von 15 Musikern zwei (Brahms und Rubinstein). Soweit' die Ausführungen von Robinwitfch. Entsprechend dieser Genesis of the genius kommt auch die Genesis brauchbarer Menschen schlechthin zustande. Die täglich zu machende Beobachtung, daß die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder vielfach mit der. steigenden Kinderzahl ihrer Eltern zunimmt, ist ebenfalls längst durch die wissenschaftliche Forschung bestätigt. . Wir kommen daher zu dem höchst bedeutsamen Ergebnis, daß die Qualität einer Bevölkerung steigt im Verhältnis zu der Größe der sie zusammensetzenden Familien selbst. Was die oben erwähnten Schädigungen gewisser stark verbreiteter Präventivmittel anlangt, so weist Dr. Max Marcuse in seinem großen Sammelwerk „Die Ehe" (Berlin und Köln 1927)**) darauf hin, daß manche Verhütungsmethoden in einzelnen Fällen eugenifche Katastrophen nach sich ziehen können. Kommt nämlich — wie das ja nicht allzuselten der Fall ist — trotz Anwendung der genannten Präventivmittel eine Konzeption zustande, so wurden bereits die Spermien durch die betreffenden Chemikalien immerhin mehr oder minder geschädigt. Die Folge kann dann sein, daß die fötale Entwicklung bedroht ist. Und nur so sind in manchen Fällen Mißbildungen, Konstitutionsdesekte, sowie auch u. U. selbst Fruchttode zu erklären. In Bezug auf diese Wirkungen der genannten Präventivmittel sei jedoch ausdrüchlich betont, daß in dieser Beziehung die wissenschaftliche Forschung noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen ist. Wir wollen wünschen, daß unsere Ausführungen mit dazu beitragen, den Glauben an die g'ttlichen Lehren mehr und mehr zu stärken. G. Samuel, Berlin-Grunewald. Am Strande von Tel-Awiw. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihrem Bericht über die '"«-Reise im „Israelit" sind wir auch hier mit großem Interesse gefolgt. Zu unserem größten Bedauern können wir Tel-Awiwer jedoch daswas Sie über unseren Badestrand berichteten, nicht widerspruchslos hinnehmen. Sie haben, verehrter Herr Redakteur,, 5>ki»» firr im März besucht. Wenn Ihnen auchin während Ihres Besuches der Schweiß in Gebirgsströmen herabgelaufen sein mag, so wollen Sie bitte doch bedenken, daß es für uns Palästinenser — tiefster Winter war. Wenn Sie z. B. in Scheveningen im tiefsten Winter einige Strandstühle antreffen werden, so würden Sie sicher der dortigen Kurdirektion einen besonderen i*ia»'» machen. Wenn wir aber mal die Ehre Ihres Besuches im Sommer haben werden, dann, verehrter Herr Redakteur, wird das Kapitel „Am Strande von Tel-Awiw" Ihres sonst so interessanten Berichtes mindestens sechs gedruckte Spalten im „Israelit" einnehmen. Die „paar Kaffeeveranden" am Strande würden Sie im Sommer nicht wiedererkennen und auch schwerlich einen Platz dort finden. Platz finden würden Sie evtl, in den tausenden Liegestühlen, die zur Benutzung für das Publikum zu angebrachter Zeit zur Verfügung stehen. (Die wenigen Stühle im Winter sind nur für die Touristen bestimmt). Anstatt der wenigen Badekabinen. die Ihre Aufmerksamkeit erregten, würden Sie, abgesehen von der das ganze Jahr im Betrieb befindlichen „Badeanstalt für heiße Seebäder" zwei g e - *) Nach S. 467 der Zeitschrift „Sexualprobleme" 1909. **) Vgl. S. 390/391. , Der Israelit trennte schöne große Freilustbadeanstalten für Damen und Herren mit anschließenden Sonnenbaüterrains, vorfinden. (Diese sind aus Holz gebaut, auseinandernehmbar, und werden während des Winters „eingemottet"). Der Tel-Awiwer Strand ist heute schon in den Sommermonaten Badeort für die reicheren Palästinenser. Am N2v Nachmittag wandern zehntausende Menschen (ohne Uebertreibung) zum Strand, um dort Abkühlung und Erholung zu finden. Wenn Sie einen Bekannten zu sprechen wünschten, Sie würden ihn zu dieser Zeit am Strande bestimmt — verfehlen. Ich hoffe, Sie davon überzeugt zu haben, daß derjenige, der seinen Sommerurlaub in einem Seebade verleben will, sein Geld auch heute schon in Tel-Awiw loswerden kann, genau so gut wie in Abbazia oder Scheveningen. (Nur mit dem einen Unterschied, daß in diesem Falle das Geld zugute kommt). Indem ich hoffe, daß Sie von diesem Briefe Ihren w. Lesern loyalerweise Kenntnis geben werden, zeichne ich hochachtungsvoll I. L. (Der Autor des beanstandeten Artikels schließt sich gern der Hoffnung an, den Tel-Awiwer Strand auch einmal im Hochsommer zu sehen, um sein Urteil zu revidieren.) Geehrte Redaktion! Man kann doch einen Meeresstrand nicht danach auf seine Frequenz beurteilen, wie er zwei Monate vor der Badesaison aussieht! Heute stehen in einer unübersehbaren Reihe mehr als zweitausend Liegestühle an jedem Schabbath am Tel-Awiwer Strand. Wochentags sind es natürlich weniger. Heute in der Saison würde Herr —tz. audj seine „siebzig Prozent schlichter frommer Juden in Tel-Awiw" berichtigen. Denn — sozusagen — halb Tel-Awiw lagert am Schabbath auf Stühlen oder im Sand am Meeresufer und zeigt, wie wenig die Thoragebote über die Heiligung des Schabbath ihm verbindlich sind. Ein frommer Jude macht am Schabbath einen weiten Bogen um die Gegend des Strandes, um sich Herzeleid zu ersparen. G. Zur praktischen Palästina-Arbeit. Im Anschluß an die Anregung zur praktischen Palästina-Arbeit in Nr. 8 der „Blätter" gestatte ich mir folgende Bemerkung: 1. Das Wichtigste wäre die sofortige Einrichtung eines Informationsbüros bei der Palästina-Zentrale, wo sich jeder Interessent über die Möglichkeit informieren kann, die für seine Niederlassung in Palästina in Betracht kommen. 2. Das bei der Informationsstelle gesammelte Material sollte. in einer wöchentlichen Zusammenstellung jedem Gesinnungsgenossen im In- und Ausland zugestellt werden. 3. Die Arbeit des Keren Hajischuw müßte neu belebt, die Büchsen-Propaganda aufgefrischt und die Mitgliederwerbung intensiver gestaltet werden. 4. Ein Teil der für Keren Hajischuw eingehenden Gelder wäre dazu zu verwenden, um Angehörigen des Mittelstandes, die über ausreichendes eigenes Vermögen nicht verfügen, die Ansiedlung in Palästina zu erleichtern. Dagegen bin ich der Meinung, daß eine Alijah- Gemeinschaft, wie sie Herr Berlinger anregt, für diejenigen, die Kapitalien haben, viel weniger nötig ist, daß aber Mittellosen die Alijah-Gemeinschaft in der vorgeschlagenen Form nicht viel nützen kann. Es besteht keine Sicherheit, daß Angehörige des Mittelstandes, die einen praktischen Beruf mit leidlichem Erfolg hier ausüben, sich auch in Palästina damit ernähren können. Gerade für diese Elemente, die aber auch nicht als Chaluzim in die Hachschoro gehen können, müßte gesorgt werden. A. Wischai. Personalien. Frankfurt a. 21t., 10. Aug. Der Leiter des Deutsch- Israelitischen Kinderheims in Diez a. d. Lahn, Herr Herz Kadden, vollendet am 17. Aug. sein 70. Lebensjahr. Die große Schar seiner Zöglinge, denen er durch seine echt jüdische Erziehung einen starken Lebenshalt gab, dankt Herz Kodden zu diesem Tage für sein heiliges Lebenswerk, dem er mit seltener Hingabe und Treue dient. Herz Kadden ist im hessischen Josbach geboren. Er besuchte die Präparandenanstalt in Willinghausen und lernte dann bei dem unvergeßlichen Provinzialrabbiner Dr. Munk in Marburg. Im Seminar in Köln, das er von 1878 bis 1881 besuchte, war er Lieblingsschüler des Seminardirektors Rabbiner Dr. Plato Vis 1893 wirkte er dann in der Gemeinde Euskirchen; die ältere Generation erinnert sich dort heute noch gern ihres Lehrers, der 12 Jahre Mittelpunkt eines blühenden Gemeindelebens war. Der Ruf an das Deutsch-Israelitische Kinderheim in Diez rechtfertigte in schönster Weise alle Erwartungen, die man in den hochbegabten jungen Lehrer setzte. Er «brachte neben seinem gediegenen jüdischen Wissen und seinem ausgezeichneten Lehrgeschick die unerläßliche Voraussetzung für den heiligen Beruf eines Waisenvaters mit: tiefstes seelisches Miterleben all dessen, was ein jüdisches Waisenkind bewegt. Herz Kadden hat seinen Vater vor seiner Geburt schon verloren . . . Nr. 32 Seite 11' In der Persönlichkeit Herz Kaddens liegt der Erfolg seiner Erziehertätigkeit. Er erzieht weniger durch Lehre, als durch sein Leben. Seine unerschütterliche Frömmigkeit, sein nie wankendes Pflichtgefühl, seine Güte weisen jungen jüdischen Menschen einen Weg, auf dem sie Halt gewinnen trotz allen Ungemachs. Das schöne Haus des Deutsch-Israelitischen Kinderheims birgt mit seinem Leiter, seiner Gattin der aufopfernden Miterzieherin, und den jungen Menschen eine echt jüdische Familie, zu der selbst die, die ihr längst entwachsen sind und im harten Lebenskampf stehen, für kurze Zeit immer wieder gern zurückkehren. Sie vereint zu diesem Tage in aller Welt den Wunsch, daß das schöne Heim, das ihnen Eltern und Elternhaus ersetzte, auch in der schweren Zeit, die es nötiger als je braucht, erhalten bleibe und seinem verdienstvollen Leiter, der sich bescheiden allen Feiern zu seinem Jubeltage entzogen hat, ungezählte frohe Jahre des Wirkens beschieden sein mögen. rmv a'iffjn nun isr Berlin, 31. Juli. Am 5. August feiert Herr Michael Holländer, Berlin, Krausnickstr. 6, seinen' 75. Geburtstag. Herr Holländer lebt feit 45 Jahren in Berlin und genießt als con i'»i>n und guter ni"sn bvi großes Ansehen. Insbesondere in chassidischen Kreisen erfreut sich Herr Holländer besonderer Beliebtheit und Achtung. Wir wünschen dem Jubilar 2iv i>2. in:® D’ipyi nun ij? Berlin. 29. Juli. Am 13. August 1932 vollendet Herr Legationsrat Prof. Dr. Moritz Sobernheim fein 60. Lebensjahr. Damit vollendet sich eine Etappe in einem dem Judentum und der Wissenschaft geweihten Leben. Pros. Dr. Sobernheim, der am 13. August 1872 in Berlin geboren ist, ist über Deutschland hinaus als Orientalist bekannt. Er ist Schriftführer der Vorderasiatisch- Aegyptischen Gesellschaft. Vor allem wandte er sich der semitischen Epigraphik zu, bereiste u. a. als Mitglied der Baalbek-Expedition der preußischen Regierung und im Aufträge des Institut francais d'archeologie orientale mehrfach Syrien und Palästina und veröffentlichte im Anschluß daran seine als grundlegend bekannten Arbeiten über die Tripolitaner, Baalbeker, palmyrenischen und samaritanischen Inschriften, sowie die Inschriften in Damaskus (Syrien). Außerdem veröffentlichte er die Chronik der „Jbn Jyas" in Gemeinschaft mit Prof. Kahle. Seit dem Jahre 1918 wirkt Pros. Sobernheim im Auswärtigen Amt als Legationsrat und Referent für jüdisch-politische Angelegenheiten. Als solcher hat er im innerjüdischen öffentlichen Leben begreiflicherweise jederzeit starke Zurückhaltung gewahrt, sich aber immer bemüht, für berechtigte Interessen, auch für solche jüdisch - religiöser Natur mannhaft in die Schranken zu treten. Wir wünschen dem verdienten Gelehrten einen recht langen gesegneten Lebensabend. Breslau, 26. Juli. Am 14. Tamus verstarb der Kaufmann Jacob W r e s ch n e r in Breslau im 73. Lebensjahre. Der Verstorbene wohnte früher in Obornik bei Posen, wo er Inhaber der Getreide-Großhandlung Emil Wreschner war. Mit seinem vorverstorbenen Bruder gab er das Werk ~’as nam seines Großvaters Hirsch heraus. Seit der politischen Umwälzung lebte er als Rentier in Breslau, wo er an allen Bestrebungen des orthodoxen Judentums regen Anteil nahm. Wegen der Reinheit und Lauterkeit seines Charakters, seiner wahrhaften Frömmigkeit und der selbstlosen Schlichtheit seines Lebens erfreute er sich allgemeiner Wertschätzung und Verehrung. Er war ein großer min 72, ein wahrer Repräsentant des orthodoxen Judentums. Vermischtes. Frankfurt a. 21t., 1. Aug. Am 24. August 1932 — 19. Aw 5692 findet eine Bezirkstagung der Freien Vereinigung in Bad Mergentheim, Hotel Viktoria, mittags 2.30 Uhr statt. Referate haben u. a. übernommen: Vezirksrabb. Dr. Kahn, Bad Mergentheim, Rabb.-Asi. Simon Schwab, Darmstadt. Auch für den gemütlichen Teil der Tagung wird durch einheimische Kräfte Sorge getragen. Gäste sind herzlichst willkommen. Näheres über die Reiseverbindung ist durch das Büro der Freien Vereinigung, Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 10, zu erfahren. Miltenberg a. 2lt., 26. Juli. Eine schöne und mutige Tat hat dieser Tage die hier bei ihrer Großmutter zu Besuch weilende 9jährige Lotte Steinberger, das Töchterchen des Vorstehers der Israelitischen Gemeinde in Alsfeld, vollbracht. Sie bemerkte in der städtischen Badeanstalt, daß ein 5jähriges Mädchen in einem unbeaufsichtigten Augenblick in das große Bassin gefallen war und jah, wie das Kind mit dem Tode rang. Sie sprang nach und zog das Kind glücklich aus dem Wasser heraus. Die hiesige Lokalzeitung zollt der mutigen Lebensretterin warme Anerkennung. FamUievnachrichten. Silberne Hochzeit: Hermann Adler und Frau geb. Dember, in Sandersleben i. / Anhalt (früher Hettstadt) am 11. 7. 32.